Koloniales Erbe

Unabhängigkeit 17 afrikanische Länder haben 2010 50 Jahre Unabhängigkeit gefeiert. Aber der Einfluss des Kolonialismus ist noch immer spürbar. Eine Spurensuche

Einige afrikanische Historiker glauben, dass der Kolonialismus trotz seiner relativ kurzen Dauer einen unvorstellbar großen und weitreichenden Einfluss hatte. Andere argumentieren, dass die imperialistische Phase in vielen Fällen kaum mehr als eine Episode war, deren Einfluss in nicht zu rechtfertigender Weise übertrieben wird. So konnten viele europäische Institutionen, die nach Afrika exportiert wurden, dort nie Fuß fassen. Nur weil unsere Generation so nahe am Zeitalter des Kolonialismus lebt, sagen sie, spielt sein Einfluss eine derart große Rolle.

Wie schwach verwurzelt die europäischen Institutionen sind, die nach Afrika verpflanzt werden, lässt sich am besten am Beispiel Belgisch-Kongo verdeutlichen. Es dauerte kaum länger als einen Monat, bis die so genannte Nationalarmee nach der Unabhängigkeit meuterte. Kurz darauf erklärte die damals reichste Provinz – Katange – ihre Unabhängigkeit. Präsident Josef Kasavubu und Premierminister Patrice Lumumba sprachen sich gegenseitig die Legitimität ab, kurze Zeit später wurde Lumumba Opfer eines Attentats. Seither sind Millionen Menschen umgekommen, Hunderttausende Frauen wurden vergewaltigt. Der Kongo ist das Beispiel für Afrikas chronische Instabilität geblieben.

Die künstlichen Grenzen zwischen den afrikanischen Kolonien haben es schwer gemacht, die Bevölkerungen zu echten Nationen zusammenzuführen. Die subsaharischen Länder werden von andauernden ethnischen Rivalitäten heimgesucht, während die arabischen Länder Afrikas unter regelmäßig wiederkehrenden Konflikten zwischen Islam und Säkularismus leiden. Die postkolonialen Volkswirtschaften haben unter einem Mangel an Fachkräften und einem Übermaß an Korruption gelitten. Drei Verhaltenskodizes (der indigene, der islamische und der westliche) haben zu einer moralischen Diffusion geführt, zumindest bis auf Weiteres. In der Tat scheint es, dass die Militanten in Somalia von der Wanderweidewirtschaft bis zur Piraterie die gesamte Spannweite durchlaufen haben.

Die nächsten 50 Jahre

Auf der anderen Seite würde die imperialistischen Geschichtsschreibung argumentieren, dass der europäische Kolonialismus Afrika auf die Partizipation an internationalen Angelegenehiten vorbereitet hat. Der Kontinent hat zwei Generalsekretäre der UN hervorgebracht (Boutros Boutros-Ghali und Kofi Annan), mehrere Dutzend Afrikaner haben Nobelpreise gewonnen – insbesondere auf den Gebieten Literatur und Physik sowie den Friedensnobelpreis. Diese Seite zelebriert auch Afrikas Einführung in die modernen Wissenschaften und Technologien, die partielle Auslöschung tödlicher Krankheiten und die verbesserte Infrastruktur – in der Kommunikation, der Stromversorgung und mit modernen Städten. Manche sagen, diese Veränderungen seien unwiderruflich.

Doch wie stehen die Zeichen für die nächsten 50 Jahre im postkolonialen Afrika? Ein Großteil des Kontinents befindet sich nach wie vor in einem prä-demokratischen Zustand, Scheinwahlen sind keine Seltenheit. In den meisten afrikanischen Ländern stehen die Chancen auf eine echte Demokratisierung jedoch gut. Die wahre Bewährungsprobe wäre bestanden, wenn ein amtierender Präsident oder eine politische Partei sich friedlich aus dem Amt wählen ließen – nicht nur einmal, sondern mindestens zweimal. Ghana, das 1957 als erstes afrikanisches Land südlich der Sahara die Unabhängigkeit errang, ist dies gelungen.

Doch es gibt Länder, die vor Ablauf dieses Jahrhunderts wohl kaum demokratisiert werden. Besonders prekär sind duale Gesellschaften, in denen die Mehrheit der Bevölkerung zwei rivalisierenden ethnischen Gruppen angehört. Insbesondere ist dies in Burundi und Ruanda der Fall. Andere Staaten, für die das Konzept der Demokratie schwer fassbar ist, sind diejenigen, die seit Ewigkeiten von einer nomadischen Lebensweise geprägt sind oder von geordneter Anarchie – in diesen Ländern beruht die Lenkung des Staates eher auf Konsens denn auf staatlichen Zwängen.

Islam vs. Christentum

Dazu kommen die Länder, die in präkolonialen Zeiten geordnete Diktaturen waren: Äthiopien, Ägypten und Libyen blicken – lange vor der europäischen Kolonialherrschaft – auf eine lange Geschichte autochthoner Diktaturen zurück. Im postkolonialen Zeitalter ist es so gut wie gewiss, dass das jahrhundertealte pharaonische und dynastische Erbe die Demokratisierung bremsen wird.

Werden das Christentum und der Islam, die beide afrikaweit an Einfluss gewinnen, friedlich koexistieren können? In der Tat stiften das Christentum und der Islam in Afrika Uneinigkeit, wenn sie alte sprachliche und ethnische Spaltungen verfestigen. In Nigeria zum Beispiel leben die meisten Muslime Afrikas; die Hausa in Nigeria sind fast ausschließlich Muslime, die Igbo Christen, bei den Yoruba ist das Verhältnis ausgewogen. Der Islam verfestigt deshalb die Hausa-Identität, das Christentum die der Igbo und der Nationalismus der Yoruba vereint diese unabhängig von ihrer Religion.

Islam und Christentum teilen den Nord- vom Südsudan, hauptsächlich weil die beiden Regionen bereits zuvor durch weit tiefer sitzende präkoloniale Differenzen gespalten waren. Der Senegal hingegen, der zu 90 Prozent ein muslimisches Land ist, hat nach der Unabhängigkeit mehrere Male einen Christen zum Präsidenten gewählt, und sein Nachfolger brachte eine katholische First-Lady mit ins Amt. Ein solches Maß an ökumenischer Demokratie ist im Westen bislang unerreicht. Außerdem hat Afrika mit der Wahl eines weiblichen Staatsoberhauptes (Ellen Johnson-Sirleaf in Liberia) den USA, Frankreich und Russland etwas voraus.

Afrika stehen höchstwahrscheinlich noch mühselige Jahre bevor. Doch eines Tages werden wir wohl endgültig herausfinden, ob seine koloniale Transformation eine tiefgreifende und monumentale war, oder nur eine oberflächliche und flüchtige.

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:00 09.12.2010
Geschrieben von

Ali Mazrui | The Guardian

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The Guardian

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