Komplott im Oval Office

USA Ein Präsident wandert zwischen den Welten, um in seiner eigenen sein zu können. Also beschenkt er Russland mit geheimdienstlicher Exklusivität, nicht aber die Verbündeten
Komplott im Oval Office
So aufgeräumt ist die Stimmung nur, wenn die Russen da sind
Foto: Imago

Es gibt nur wenige Erklärungen dafür, warum der 45. Präsident der Vereinigten Staaten die sensibelsten Informationen über die Fähigkeiten des Islamischen Staates (IS) ausgerechnet an Russland weitergegeben hat – konkret an Außenminister Sergej Lawrow und Botschafter Sergei Kisljak.

Hände vors Gesicht

Diese Informationen gelten als so sensibel, dass sie bisher den wirklichen Verbündeten der Amerikaner vorenthalten worden sind, aus Angst, wichtige Quellen und Methoden zu offenbaren. Selbst das Dementi des Weißen Hauses fällt erbärmlich kurz aus. Man wollte diese Informationen aus dem offiziellen Bericht über das Treffen mit den Russen heraushalten. In der Konsequenz schlägt nun die gesamte amerikanische Geheimdienst-Community die Hände vor dem Gesicht zusammen.

Was könnte Trump bewogen haben, zu tun, was er getan hat? Es ist ausgeschlossen, dass er vom Status der Informationen, die er weitergab, nichts wusste. Durchaus denkbar, dass er vor seinen russischen Gästen damit angeben wollte, über die besten Informationen zu verfügen.

Schlimmer als Hillary

Es kann auch nicht sein, dass Donald Trump denkt, es sei in Ordnung, geheime Informationen weiterzugeben, schließlich hat er einen gesamten Präsidentschaftswahlkampf – den größten aller Zeiten, wie er gern behauptet – unter der Devise geführt hat, Hillary Clinton müsse ins Gefängnis gebracht werden, weil sie nicht behutsam genug mit geheimen Informationen umgegangen sei, sprich: dienstliche Mails auf ihren privaten Mailserver gelotst hatte.

Tatsächlich hat der Präsident erst vor einer Woche aus mindestens zwei Gründen FBI-Direktor James Comey entlassen. Der offizielle – das heißt, der gefakte – Grund war, dass er die Clinton-Untersuchung verbockt habe. Der inoffizielle (wahre) Grund war, dass Comey zu viel Zeit damit verbrachte, Trumps informelle Kontakte mit den Russen zu untersuchen, und zu wenig Zeit, um der Weitergabe von Geheiminformationen an die Medien nachzugehen.

Nein, selbst der Dümmste kann nicht glauben, dass es in Ordnung ist, Informationen wie M&Ms an jeden zu verteilen, der ins Oval Office hereinspaziert kommt.

Doch scheint es so, als würde Trump nichts Falsches an einer so erstaunlichen Nähe zu Russland sehen. Warum sonst schüttet er Wladimir Putins Chefdiplomaten sein Herz über kostbarste Informationen aus? Trump ist so verzweifelt darauf aus, zu beeindrucken, dass er nicht zwischen amerikanischen Interessen und eigener Geltungssucht unterscheiden kann. Wenn das so ist, dann bedeutet „America First“ vor allem „Trump First“. Wie Richard Nixon einst zu sagen pflegte: Wenn der Präsident es tut, bedeutet dies, dass es nicht illegal ist.

Sogar ein Fotograf

Typisches Beispiel: Was hatten der russische Außenminister und der russische Botschafter eigentlich im Oval Office verloren, einen Tag, nachdem Trump FBI-Chef Comey wegen dessen Russland-Recherchen entlassen hatte? Warum hat Trump nicht begriffen, dass er damit den Eindruck nährt, die geheimen Absprachen mit Moskau gibt es tatsächlich, und die zählen zu seinen Präferenzen?

Die einfache Antwort lautet, dass er nichts Schlimmes darin sieht, sich mit den Russen abzustimmen oder ihren Fotografen ins Oval Office einzuladen. Wladimir Putin braucht den amerikanischen Präsidenten gar nicht abhören zu lassen, denn er erzählt seinen Leuten bereitwillig alles, was die an der Sicherheitsinfrastruktur der USA interessieren könnte.

Natürlich weiß man von Trumps persönlichen Anwälten, dass sich in seinen Steuererklärungen, abgesehen von mehreren Zehnmillionen Dollar, kein Geld aus russischen Quellen befindet. Vom Rest wird man nie erfahren, weil weder die Steuererklärungen noch die Geschäftstätigkeiten des Trump-Imperiums weiterhin das Licht der Öffentlichkeit scheuen werden.

Hier finden übrigens alle Vergleiche mit Nixon ein Ende. Man kann über den Gauner sagen, was man will, aber Nixon war kein Freund Moskaus. Wer in jenen Zeiten ein Freund des Kreml war, war selbst Kommunist. Wer heute ein Freund des Kreml ist, ist ein Freund der Kleptokratie.

Beim Verbrennen ertappt

In der Welt von Hollywood-Filmen und Groschenromanen finden wir eine wenig subtile Vorahnung von Trumps politischem Ende: Er wird dabei ertappt, wie er gerade einen Container voller russischer Dokumente und Bargeld verbrennt. Was wir noch nicht wirklich kennen, ist das Schicksal der republikanischen Partei, die so geduldig ist, danebenzustehen und mitanzusehen, wie ihre eigene Reputation gleich mit in Flammen aufgeht.

Dies ist die Partei, die vor noch nicht allzu langer Zeit über mehrere Wahlzyklen hinweg behauptete, niemand außer ihr sei in Sachen der nationalen Sicherheit vertrauenswürdig. Davor hatte sie versprochen, sie würde wieder Aufrichtigkeit und Integrität in das Oval Office bringen und eine Präsidentin verhindern, deren Glaubwürdigkeit in Frage gestellt worden sei. Erst im vergangenen Jahr behauptete sie, man könne Clinton keine geheimen Informationen anvertrauen, schließlich habe das FBI gegen sie ermittelt, weil sie solche Informationen über ihren privaten E-Mail-Server verschickt habe.

12:35 17.05.2017
Geschrieben von

Richard Wolffe | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 4328
The Guardian

Kommentare 52

Avatar