Kompost der Geschichte

Insekten Wir sind Zeugen eines großen Massensterbens. Viele Arten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt werden. Und auch die Taxonomen werden immer weniger
Kompost der Geschichte

Illustration: der Freitag, Fotos: iStock

Die Erde bringt eine absurde Vielfalt an Leben hervor. Vier Milliarden Jahre nach den ersten Mikroben, 400 Millionen Jahre nach dem ersten Leben an Land, 200.000 Jahre nach den ersten Menschen auf diesem Planeten, und 200 Jahre, nachdem wir angefangen haben, alle Lebewesen auf der Erde zu kategorisieren, werden immer noch Abertausende neue Arten entdeckt. In der Welt der Taxonomen – der Wissenschaftler, die diesen biologischen Überfluss dokumentieren – war daher die erste Woche im November wie jede andere, also außergewöhnlich. 95 neue Käferarten aus Madagaskar waren nur der Anfang. Im Laufe der Woche kamen sieben kleine Motten aus Südamerika und zehn winzige Spinnen allein aus Ecuador dazu. Dann sieben Einsiedler-Spinnen aus Südafrika – alle giftig. Dreizehn Borstenwürmer vom Meeresgrund – einige leuchtend, einige haarig, alle hässlich. Und das war nicht alles.

Rund zwei Millionen Arten – Pflanzen, Tiere und Pilze – kennt die Wissenschaft bisher. Wie viele es noch zu entdecken gibt, weiß niemand. Die Schätzungen reichen von zwei Millionen bis mehr als 100 Millionen. Das wahre Ausmaß der Biodiversität ist eine der schwierigsten Fragen der Naturwissenschaften. Denn die Antwort lässt sich nicht einfach berechnen. Was es gibt, ist nur ein anhaltender Strom neuer Käfer und Fliegen, die sich zu einer unermesslichen Summe addieren.

Doch während all diese neuen Arten entdeckt werden, scheinen noch mehr zu verschwinden, weggefegt durch eine ökologische Katastrophe, die als das sechste Massensterben bekannt geworden ist. Fünf solcher Desaster gab es in der Vergangenheit bereits. Die ersten beiden, vor 444 und 372 beziehungsweise 359 Millionen Jahren, trafen vor allem Meeresbewohner. Im Perm machte die bisher größte Zerstörung den Weg für die Dinosaurier frei. Vor 201 Millionen Jahren traf es erneut die Meere. Das bekannteste (und jüngste) Massensterben raffte am Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren schließlich die Dinosaurier dahin.

Planet der Käfer

Und heute? Zwei Zahlen braucht es, um zu überprüfen, ob wir tatsächlich derzeit das sechste Massensterben erleben. Es gilt einerseits festzustellen, wie schnell die Arten sterben und andererseits, wie schnell sie ohne menschliches Zutun sterben würden („Hintergrundsterberate“). Wissenschaftler aus Mexiko und den USA schlossen aus Daten zu den bekannten Wirbeltieren, dass sie durch den Menschen „an die 100-mal“ schneller aussterben. Ein Tempo, das jenem ähnelt, das zum Ende der Dinosaurier führte. Aber diese Schätzungen sind „sehr einseitig auf einen sehr kleinen Teil der Biodiversität beschränkt“, meint der Tropen-Entomologe Terry Erwin. Was die Wirbellosen angeht – also die Nacktschnecken, Krebse, Würmer, Schnecken, Spinnen, Kraken und vor allem die Insekten, die den Hauptteil der Tierarten der Welt ausmachen –, können wir nur raten.

Um die Lage der Artenvielfalt wirklich zu beurteilen, müssten Umweltschutzexperten jenen wirbellosen Tieren mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn wir leben in einer Welt der Wirbellosen. Weniger als fünf Prozent der bekannten Tierarten haben Rückenknochen. Rund 70 Prozent sind Insekten. Nicht einmal eins von 200 Tieren ist ein Säugetier – und davon sind der Großteil Nager. So gesehen sind wir Säugetiere nur eine Handvoll Mäuse auf einem Planeten voller Käfer. Die große Mehrheit dieser Käfer sind aus den Tropen stammende Pflanzenfresser.

Doch bevor man Arten zählen kann, muss man sie benennen. Hier kommen die Taxonomen ins Spiel. Was genau eine Art ist, war für Biologen immer schwer zu definieren, weil Organismen oft auf einem Kontinuum existieren. Eine weithin akzeptierte Definition stammt von dem Evolutionsbiologen Ernst Mayr. Er definierte Arten als Gruppen von Tieren, die miteinander Nachkommen zeugen, während sie das mit anderen im Regelfall nicht tun. Jahrhundertelang wurde außerdem versucht, sie in kohärente Systeme einzuordnen – mit unterschiedlich gutem Ergebnis. Aristoteles versuchte, alle Lebensformen nach ihren Wesenszügen zu klassifizieren, insbesondere über die Art der Fortbewegung. Dabei bereiteten ihm sesshafte Tiere die größten Probleme. Auf der Insel Lesbos plagte er sich lange mit der Frage, ob Seeanemonen und Schwämme nun Tiere, Pflanzen oder pflanzenähnliche Tiere sind.

Die Revolution in der Taxonomie kam während der Aufklärung im 18. Jahrhundert und war das Werk hauptsächlich eines Mannes: des Schweden Carl von Linné. Er war ein schräger Typ; ein brillanter, eigenwilliger, egoistischer Angeber mit einer unglaublichen Gabe, sich die sexuellen Charakteristiken von Pflanzen zu merken. Er unternahm zwar eine größere Expedition nach Lappland im Norden Schwedens, verließ sich aber ansonsten weitgehend auf die Entdeckungen seiner Schüler, seiner 17 „Apostel“, die er aussandte, um sein System zu vervollständigen. Linné gab 7.700 Pflanzen und 4.400 Tierarten einen Namen. Seine Arbeit ist umstritten, aber in jedem Fall schuf er mit der binären Nomenklatur ein extrem effektives System. Danach erhalten alle Tiere einen zweiteiligen Namen, wobei der erste Teil die Familie bezeichnet, und der zweite Teil die Art. Auf einen Blick ist so klar, dass der Homo sapiens zu seinen evolutionären Verwandten Homo erectus und Homo habilis gehört – und sich gleichzeitig unterscheidet. Das System eröffnet auch Raum für ein bisschen Spaß und Wortspielerei: Präsidentennamen wie Bushi, Obamai oder Donaldtrumpi (eine Motte mit einer ungewöhnlichen Frisur) machen verlässlich Schlagzeilen.

Der Meeresschnecken-Forscher Terry Gosliner gab einer Art, die zur Gattung Thurunna gehört, einst den klanglich passenden Namen kahuna. In 40 Jahren hat er mehr als 300 benannt. Als Bewohner von Korallenriffen reagieren Meeresschnecken sehr empfindlich auf eine Erhöhung der Meerestemperatur. Manche Wissenschaftler glauben, dass die Riffe durch den Klimawandel und die Versäuerung der Meere in den nächsten 50 bis 100 Jahren komplett verschwinden. Gosliner ist etwas optimistischer und hofft auf die Fähigkeit der Riffe, sich von Stress zu erholen. Unterdessen könnte sich für die Insekten an Land eine noch größere Katastrophe anbahnen, der sich die Entomologen erst langsam stellen.

Doch bevor über die Möglichkeit eines schrecklichen, massenhaften Insektensterbens nachgedacht werden konnte, galt es zunächst, die ganze Insektenvielfalt zu erfassen. Für viele kam der Durchbruch im Jahr 1982 mit einem kurzen Aufsatz des jungen Käfer-Spezialisten Terry Erwin. Er wollte herausfinden, wie viele Insektenspezies auf 4.000 Quadratmetern eines Regenwaldes in Panama lebten. Dazu deckte er einen Baum mit Tüchern ab und besprühte ihn mithilfe einer Art Laubbläser mit Insektiziden. Während der nächsten Stunden prasselten massenweise tote Käfer und Insekten auf die Plastikplane herab, die er auf dem Boden ausgebreitet hatte. Danach verbrachte Erwin Monate damit, sie zu erfassen. Was er fand, war erstaunlich: 1.200 Arten fanden sich auf diesem einen Baum. Mehr als 100 davon lebten sonst seines Wissens nach nirgendwo. So konnte Erwin durch Hochrechnung schätzen, dass auf jedem Hektar Regenwald 41.000 verschiedene Arten leben. Und weltweit 30 Millionen.

Diese Schätzung ist kontrovers. Erwin ist ein anerkannter Forscher. Die Namen von 47 Arten, zwei Gattungen, einer Untergruppe und einer Unterart erinnern an ihn – das ist eine hohe Anerkennung in einer entomologischen Gemeinschaft, in der es laut Internationaler Kommission für zoologische Nomenklatur zwar nicht verboten, aber doch verpönt ist, eine Art nach sich selbst zu benennen. Jüngere Studien haben die Zahl von 30 Millionen zwar etwas nach unten korrigiert. Aber Erwin bleibt dabei: „Keiner von ihnen hat Fakten. Sie sitzen nur in ihrem Büro und jonglieren mit Zahlen.“ Die wahre Zahl könne auch bei 80 Millionen oder sogar 200 Millionen liegen. Eine große Anzahl von Arten könnte also aussterben, ohne dass jemand da ist, um es überhaupt zu bemerken.

Überall sind Wirbellose vom Klimawandel, von biologischer Invasion und Lebensraumschwund bedroht. Selbst dort, wo ihr Lebensraum nicht deutlich kleiner wird, scheint die Insektenzahl stark abzunehmen. Ein beunruhigender Bericht wies kürzlich für Deutschland auf einen Rückgang um 75 Prozent seit 1989 hin. Damit wären Insekten noch stärker gefährdet als angenommen.

Warten auf die Garnele

Diesen Rückgang beobachten Entomologen auf der ganzen Welt mit wachsender Besorgnis. Brian Fisher zum Beispiel, seines Zeichens Ameisen-Spezialist an der California Academy of Sciences. Als er 1993 nach Madagaskar kam, hatte er keine Ahnung, welch reiche Tierwelt er dort vorfinden würde. Damals hat er mehr als tausend Ameisenarten identifiziert. Das ist viel, aber insgesamt gibt es 16.000 bekannte Ameisenarten – bisher. Einige sind braun, andere schwarz, manche zimtfarben – aber davon abgesehen, ähneln sie sehr stark den Ameisen, die einem sonst so über den Weg laufen. Für einen Experten wie Fisher dagegen sind sie mit ihren Haaren, Fühlern und Beißwerkzeugen so unterschiedlich wie Grasmücken für einen Vogelkundler.

Seit Fishers erster Expedition nach Madagaskar vor mehr als 25 Jahren hat sich die Entwaldung beschleunigt und heute sind nur noch zehn Prozent der Urwälder intakt. „In 50 Jahren wird davon kaum etwas übrig sein“, befürchtet er. Auch Käfer-Spezialistin Wendy Moore von der Universität Arizona hat das Gefühl, dass die Zeit davonläuft: „Jeder auf diesem Gebiet, der darauf achtet, spürt das.“ Weil viele Insekten von einer bestimmten Pflanzenart abhängig sind, ist die Zerstörung durch den Waldschwund enorm. „Sobald ein bestimmter Wald verschwindet, verschwinden Tausende oder Hunderttausende Arten mit ihm“, erklärt Erwin. Und selbst wenn viele Insektenarten durchhalten, sinkt ihre Gesamtzahl drastisch. Die alarmierenden neuen Zahlen aus Deutschland, die auf einem Vergleich von bestimmten Gebieten über einen Zeitraum von 35 Jahren basieren, sind nur ein Warnsignal von vielen. Claire Régnier vom Nationalen Museum für Naturgeschichte in Paris schätzt, dass in den vergangenen 400 Jahren bis zu 130.000 Arten bekannter Wirbelloser verschwunden sind. Auch anekdotische Indizien unterstützen diese Beobachtungen. Früher, schreibt der Umweltjournalist Michael McCarther, hätte besonders im Sommer „jede lange Autofahrt zu einer insektenbesprenkelten Windschutzscheibe geführt“. In den vergangenen Jahren scheine dieses Phänomen verschwunden zu sein.

Jacob Mikanowski arbeitet als freier Journalist und Kritiker unter anderem für den Guardian, The Atlantic und die New York Times. Er lebt in Berkeley, Kalifornien.

Übersetzung: Carola Torti

Während viele den Insekten-Rückgang in Europa auf Insektizide zurückführen, sieht Erwin den Klimawandel als Hauptursache. Ein Ort, den er in Ecuador beobachtet hat, ist unberührter Urwald. „Dort gibt es keine Insektizide.“ Dennoch hat sich über die Jahre etwas im Gleichgewicht des Waldes verändert. Erwin und seine Mitarbeiter kamen zu dem Ergebnis, dass der Amazonas-Regenwald langsam ausstirbt.

Wenn dieser Trend ungebremst anhält, hat das vernichtende Konsequenzen. Insekten leben eintausend Mal länger auf der Erde als der Mensch. Sie haben die Welt, in der wir leben, in vielerlei Hinsicht erst erschaffen. Sie halfen dabei, das Universum der blühenden Pflanzen ins Leben zu rufen. Für die Nahrungskette an Land sind sie, was das Plankton für das Leben im Meer ist.

Der renommierte Harvard-Entomologe Edward O. Wilson schätzt, dass die Menschheit ohne Insekten und Land-Gliederfüßer nur noch wenige Monate zu leben hätte. Danach wären die meisten Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere tot – und die blühenden Pflanzen auch. Der Planet würde sich in einen riesigen Komposthaufen verwandeln, der mit Gerippen und abgestorbenen Bäumen bedeckt wäre, die sich weigern würden, zu verrotten. Für eine kurze Zeit würden massenhaft Pilze aus dem Boden schießen. Dann würden auch sie sterben. Die Erde würde in einen Zustand von vor 440 Millionen Jahren zurückfallen, als das Leben gerade anfing, sich über den Planeten auszubreiten – ein schwammartiger, stiller Ort voller Moose, der noch auf die erste Garnele wartete, die mutig genug war, ihr Glück an Land zu versuchen.

Aussterbende Forscher

Im Gegensatz zum Tierschutz bei Säugetieren ist die Rettung einzelner Insektenarten extrem schwierig. Das Antioch-Dunes-Naturschutzgebiet in Kalifornien ist der erste Ort, an dem dies versucht wird. Das Schutzgebiet ist nur 55 Hektar klein, an drei Seiten von einem Maschendrahtzaun begrenzt und auf der vierten vom San-Joaquin-Fluss. Eigentlich sind die Dünen allerdings kein besonders schöner Anblick, sie erinnern eher an ein Brachland, das irgendwann mal bebaut werden soll.

Früher dagegen waren die Dünen eine Miniatur-Sahara – Heimat zahlreicher Tiere und Pflanzen, die nirgendwo sonst lebten. Den weißen Siedlern, die nach Kalifornien kamen, dienten die Dünen vor allem als Baumaterial für Backsteine. Zwischen dem Erdbeben in San Francisco im Jahr 1906 und dem Nachkriegs-Bauboom wurde der Großteil des Sands verbaut.

Fast zu spät erkannten die Biologen in den 1960ern, wie besonders die Antioch-Dünen waren. Da gab es schon nur noch drei einheimische Arten: zwei Pflanzen – das Contra-Costa-Mauerblümchen und die Antioch-Dunes-Abendprimel – sowie ein Insekt: den Lange’s Metalmark Butterfly. Der Schmetterling ist winzig, hat eine Flügelspanne von einem Daumennagel und ist braun und orange gezeichnet, mit weißen Punkten. Er ist ein eher schlechter Flieger. Das hübsche Tierchen schlüpft im August und lebt sieben bis neun Tage. Die Schaffung des Schutzgebiets 1980 brachte ihm ein kurzes Revival, doch heute kämpft die Art wieder ums Überleben: Zuletzt wurden 67 Schmetterlinge im Park gezählt. Das Problem: Sie legen ihre Eier nur auf eine einzige Pflanze: den vom Unkraut bedrohten nackten Buchweizen. Die einzige andere Population wird in Gefangenschaft am Moorpark College in kalifornischen Simi Valley erhalten.

In einem gewagten Experiment zur Rettung der Art hat der U. S. Fish and Wildlife Service einen großen Teil des Schutzgebiets mit Sand bedeckt. Einen Meter tief erstickt der Sand eingewanderte Pflanzen und erlaubt den Arten, die ursprünglich auf den Dünen wuchsen, ihren verlorenen Boden zurückzuerobern. „Wenn wir den Lebensraum zurückbringen, können wir auch den Schmetterling erhalten“, erklärt Schutzgebietsleiter Don Brubaker. Für ihn ist die Sache den ganzen Aufwand wert: „Warum eine Art schützen? Weil das unsere Aufgabe ist – wir helfen dem Planeten, weiter zu funktionieren.“

In gewisser Weise macht die sehr lokale Verbreitung von Wirbellosen wie dem Lange’s Metalmark Butterfly die Rettung dieser Arten zum perfekten Projekt. Schon ein kleines Stück Land reicht aus. Dennoch kann die Arbeit für den Erhalt einer einzigen Art überwältigend sein. Es reicht nicht, sie im Labor zu retten. Es geht um den gesamten Lebensraum – das Produkt komplexer Interaktionen zwischen Pflanzen, Tieren, Land und Klima, das sich über Jahrtausende entwickelt hat. Doch eines wird irgendwann klar: An eine einzelne Art zu denken, verstellt beim Artensterben den Blick für die Größenordnung, um die es geht. Wenn die düstersten Schätzungen wahr werden, liegt die Zahl der Arten, die im kommenden Jahrhundert aussterben werden, im Millionen-, wenn nicht Zehn-Millionen-Bereich. Eine nach der anderen retten zu wollen, käme dem Versuch gleich, einen Tsunami mit ein paar Sandsäcken aufzuhalten.

Doch nicht nur viele ihrer Forschungsobjekte, auch die Taxonomen selbst sind in Gefahr, zu einer aussterbenden Art zu werden. Es gibt immer weniger Universitäts- und Museumsstellen sowie staatliche Finanzierung. Auch die Zahl der Studierenden in dem Bereich nimmt ab. Allzu häufig wird Taxonomie als altmodisch und intellektuell wenig herausfordernd abgetan, quasi als wissenschaftliches Äquivalent zum Briefmarkensammeln. Die Molekularbiologie beherrscht zunehmend Studienpläne und Finanzierung.

Unterdessen stapeln sich die neu entdeckten Arten immer weiter. Viele Taxonomen sind überwältigt „davon, was wir alles noch nicht wissen“, erklärt Brian Fisher. Weil jedes Jahr so viele neue Arten gefunden werden und ihre Bestimmung und Einordnung aufwendig ist, warten viele jahrelang oder sogar jahrzehntelang auf ihre Coming-out-Feier.

Und warum die ganze Mühe? Es gibt viele praktische Gründe, sich für das Schicksal von Wirbellosen zu interessieren. Sie sind ein wichtiger Teil jener Ökosysteme, die als Herz, Lunge und Verdauungssystem unseres Planeten dienen. In den exotischen biochemischen Systemen einiger Tiere könnten Mittel stecken, mit denen sich Krankheiten kurieren lassen. Vor Kurzem wurden chemische Verbindungen aus Meeresschnecken in klinischen Versuchen in den USA im Kampf gegen Krebs getestet. Aber letztlich ist nicht sicher, ob eins dieser Argumente ausreicht. Fragt man Taxonomen, warum sie ihr Leben einem bestimmten Insekt, einer Schnecke oder Muschel widmen, wird das Wort „schön“ am häufigsten genannt. Die Augen der Befragten leuchten auf, wenn sie vor der von ihnen gewählten Gattung oder Unterart stehen. Die Bewohner eines Kastens voller leicht schimmernder, hauptsächlich schwarzer Käfer werden als „ziemlich groß und unglaublich schön“ beschrieben. Für Amy Berkov, Professorin für tropische Ökologie am City College New York, gibt es „nichts Faszinierenderes, als Insekten zu betrachten“. Selbst Ameisen-Experten nennen die lateinischen Namen seltener Ameisen liebevoll, als sprächen sie von alten Freunden.

Kuschelige klar im Vorteil

Einfacher ist es natürlich, sich für die „Niedlichen und Kuscheligen“ zu interessieren. Bald werden wir auf einem Planeten leben, der seinen letzten Berggorilla und seine letzte Lederschildkröte verloren hat. Eine Welt ohne Tiger oder Eisbären – was für eine traurige Vorstellung. Aber bei der Zahl der Wirbellosen, die aussterben werden, geht es um eine völlige andere Dimension. Dabei sind Arten nicht nur Namen oder Punkte auf dem evolutionären Stammbaum oder abstrakte DNA-Abfolgen. Sie enthalten zahllose Jahrtausende komplexer Interaktionen zwischen Pflanze und Tier, Erde und Luft. Jede Spezies trägt Verhaltensmuster in sich, die wir nur ansatzweise beobachtet haben, chemische Tricks, die sich über Millionen Generationen entwickelt haben, ganze Welten von Mimikry, Gewalt und mütterlicher Fürsorge. Es ist, wie eine Bibliothek brennen zu sehen, ohne ein einziges Buch retten zu können. Des Menschen Rolle bei dieser Zerstörung ist wie Vandalismus gegen die Geschichte der Insekten – aber auch gegen die eigene.

Nehmen wir Strumigenys reliquia, eine Ameise. 1986 fand Phil Ward von der University of California in Davis diese seltene Spezies auf zwei Hektar Wald ein paar Kilometer von seinem Büro entfernt. Sie lebt unter Bäumen, und es gibt sie nirgendwo sonst. Ward glaubt, er weiß, warum. Kaliforniens Flüsse waren früher von riesigen Wäldern aus harten, flutresistenten, immergrünen Eichen flankiert. Laut Geologen prägten diese Flusswälder mindestens 20 Millionen Jahre lang die Landschaft. Die Berichte früher Siedler und Entdecker erzählen von Gänseschwärmen, „die den Himmel schwarz färbten“, von Lachsmassen in den Flüssen und Gruppen von mehr als hundert Grizzlybären, die sich unter Eichen versammelten, um Eicheln zu fressen. Abgesehen von einigen kleinen Gebieten – wie dem, das Ward in Yolo County gefunden hat – gibt es diese Wälder nicht mehr. Sie sind längst für Feuerholz gerodet und untergepflügt, um Platz zu machen für Tomatenfarmen und Mandelbäume. Die Lachse, Gänse und Grizzlys sind auch verschwunden. Nur die Ameise ist noch da, um sich zu erinnern.

06:00 01.05.2018
Geschrieben von

Jacob Mikanowski | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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