König der Könige

Libyen Gaddafi gefiel sich in der Rolle des "Bruder Oberst", der die panafrikanische Einigung voranbringt. Die Realität sieht anders aus: Zuletzt war nur Südafrika gesprächsbereit

Während sich das endgültige Ende der 42-jährigen Herrschaft des exzentrischen libyschen Führers abzeichnet, zählt zu seinen wichtigsten Hinterlassenschaften der Schaden, den er in Afrika angerichtet hat. Nach seiner Machtergreifung gestaltete Oberst Gaddafi sein Regiment nach dem Vorbild des panarabischen ägyptischen Führers Gamal Abdel Nasser. Es gelang ihm jedoch nicht, die Unterstützung der arabischen Regierungen zu gewinnen, die Anstoß an seinen populistischen Appellen an die „arabische Straße“ nahmen. Verärgert über den ausbleibenden Rückhalt von arabischer Seite hielt sich Gaddafi zusehends mehr an die schwarzafrikanischen Staaten. Als die UNO 1992 vom Westen angestoßen Wirtschafts- und Reisesanktionen gegen ihn verhängte, tauschte Gaddafi seine panarabischen Gewänder gegen panafrikanische Hüllen.

Bizarre Zeremonie

Doch begegnete man Gaddafi in Afrika selten ohne Misstrauen. Nach der Militärintervention 1980 im Tschad war Libyen in der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) isoliert. Der OAU-Gipfel in Tripolis 1982 wurde von den meisten Mitgliedsstaaten boykottiert. Zwischen 1972 und 1979 entsandte Gaddafi Truppen zur Unterstützung des brutalen Autokraten Idi Amin nach Uganda. Auch rief er kongolesische Muslime zum Dschihad gegen das autokratische, vom Westen gestützte Regime Mobutu Sese Sekos in Zaire auf. In den neunziger Jahren unterstützte er Rebellen-Verbände in Liberia und Sierra Leone und stellte sich hinter die Tuareg-Rebellen in Mali. Schweren Schaden nahm Gaddafis panafrikanisches Image, als 2000 bei ausgedehnten fremdenfeindlichen Angriffen gegen Tausende schwarzafrikanische Gastarbeiter in Tripolis mehrere Menschen ums Leben kamen. 2010 forderte er nach religiös-bedingten Massakern in Nigeria die Teilung des Landes in einen muslimischen und einen christlichen Staat.

Zu Gaddafis positiveren Taten zählten die Einrichtung eines Fonds über fünf Milliarden Dollar für Investitionen in Hotels, Mobilfunkunternehmen, Moscheen und Minenunternehmen in ganz Afrika. Seine schwärmerische Vision von den Vereinigten Staaten von Afrika, einer afrikanischen Armee und einer gemeinsamen Währungsunion lehnte eine Mehrheit der afrikanischen Führer indes ab. Offensichtlich wurde der Größenwahn des „Bruder Oberst“ 2008 bei seiner Krönung zum „König der Könige“ im Rahmen einer von 200 traditionellen afrikanischen Führern durchgeführten, bizarren Zeremonie.

Den politischen Realitäten vor Ort entsprachen die Ambitionen des Libyers allerdings häufig nicht: Alle der sieben von Gaddafi angestoßenen Programme zur regionalen Integration in Afrika scheiterten. Wenn er versuchte, sich mittels seines Ölreichtums Einfluss in der Afrikanischen Union (AU) zu erkaufen, nahmen viele Regierungen sein Geld, leisteten ihm im Gegenzug aber nicht immer Unterstützung. 2009 gelang Gaddafi schließlich der Aufstieg zum AU-Vorsitzenden – dies freilich erst, nachdem der Südafrikaner Thabo Mbeki und Nigerias Olusegun Obasanjo die politische Bühne verlassen hatten und nur Politiker übrig waren, die nicht die Statur hatten, sich Gaddafis Ansinnen in den Weg zu stellen. Seine Bewerbung um eine zweite Amtszeit als Vorsitzender der AU wurde hingegen zurückgewiesen. Auch seine Versuche, sich zwischen Äthiopien und Eritrea und in Guinea-Bissau als Friedensstifter zu betätigen, blieben erfolglos. Derweil wurde ihm vorgeworfen, gleichgesinnte Militärputschisten in Mauretanien und Madagaskar zu umgarnen.

Zuma unter Druck

Mit Thabo Mbeki kam er bekanntermaßen nicht gut aus, besser war da schon sein Verhältnis zu dessen Nachfolger Jacob Zuma, der dann auch während des jüngsten Bürgerkrieges als Abgesandter der AU nach Tripolis reiste.

Der Fall Libyen hat nun die diplomatische Rivalität zwischen Südafrika und Nigeria wiederbelebt. Beide Länder stimmten zwar als nichtständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates für die NATO-Intervention in Libyen, und Nigeria war das erste Land Afrikas, das den Nationalen Übergangsrat anerkannte (süße Rache für Gaddafis Ruf nach einer Teilung des Landes). Doch sieht sich die Zuma-Regierung Kritik aus den Reihen des regierenden ANC (wo Gaddafi als Revolutionsführer noch immer große Popularität genießt) gegenüber, weil das südafrikanische Ja zur UN-Resolution 1973 die Tür für die Regime-Change-Bestrebungen der NATO geöffnet habe. Zudem hat sich Ex-Präsident Mbeki der lautstarken Kampagne von 200 afrikanischen Persönlichkeiten angeschlossen, die sich gegen die NATO-Invasion aussprachen, weil die an der Afrikanischen Union vorbei beschlossen worden sei. Der Druck aus diesen Lagern erklärt Zumas Zurückhaltung, so dass sich die Freigabe von Teilen des libyschen Vermögens verzögert hat. Auch ist Südafrika bestrebt, sich an die Position der Afrikanischen Union zu halten und den libyschen Übergangsrat nicht anzuerkennen.

Ironischerweise schien Gaddafi, während er in Afrika Fuß zu fassen suchte, den Status als internationaler Paria losgeworden zu sein. In der Folge kooperierte er mit europäischen Regierungen, um zu verhindern, dass afrikanische Migranten nach Europa kamen. Geifernde westliche Politiker aus Italien, Großbritannien und den USA (die nun zu den NATO-Ländern gehören, die sein Regime stürzen wollten) standen vor seinem Zelt in Tripolis Schlange, um lukrative Ölabkommen zu unterzeichnen. Der britische Politiker Lord Palmerston sagte einmal, Länder hätten weder dauerhafte Freunde noch dauerhafte Feinde, sondern dauerhafte Interessen. Das seltsame Verschwinden des selbst ernannten „Königs der Könige“ und die Umstände, unter denen seine ehemaligen afrikanischen und westlichen Freunde Gaddafi verlassen haben, bestätigen dies allemal.

Übersetzung Zilla Hofman

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16:55 29.08.2011
Geschrieben von

Adekeye Adebajo | The Guardian

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