Können diese Augen lügen?

Lügendetektor Psychologe Paul Ekman erforscht seit Jahren die Gesichtsausdrücke bei Emotionen, die bei Menschen in allen Kulturen gleich sind. Wer trainiert, erkennt so auch Lügner

Vor vierzig Jahren fragte ihn ein Psychiater in der Ausbildung, ob es möglich sei, mit Sicherheit zu sagen, ob ein Patient lüge oder nicht. Diese Frage ließ den Psychologen Dr. Paul Ekman nicht mehr los. Im Zuge seiner Forschungsarbeit hatte er bereits eine Reihe zwölfminütiger, gefilmter Interviews mit Patienten eines psychiatrischen Krankenhauses durchgeführt. In einem darauffolgenden Gespräch erzählte ihm einer der Patienten, dass er gelogen habe. Ekman setzte sich hin und sah sich den Film an. Nichts. Er sah ihn sich nochmals an, spielte das Band immer langsamer ab, und plötzlich sah er ihn: einen lebhaften, intensiven Ausdruck äußerster Angst. Er dauerte kürzer als eine Fünfzehntel-Sekunde. Aber sobald er den ersten verräterischen Ausdruck gefunden hatte, fielen ihm im selben Interview schnell noch drei weitere auf. „Das war die Entdeckung der Mikro-Ausdrücke: sehr kurze und intensive Manifestationen verheimlichter Gefühle.“

Im Laufe der folgenden vier Jahrzehnte hat Ekman am Institut für Psychatrie der University of California zur Untermauerung jener These beigetragen, die von Charles Darwin aufgestellt worden war: dass nämlich die Art und Weise, wie wir Wut, Ekel, Verachtung, Furcht, Überraschung, Glück und Traurigkeit ausdrücken, angeboren und universell sind.

Die Gesichtsmuskeln, die von diesen sieben Gefühlen bewegt werden, sind von Sprache und Kultur unabhängig. Sie gleichen sich in den USA, Japan, Brasilien und Papua NeuGuinea. Darüber hinaus sind Gefühlsausdrücke unwillkürlich und es ist nahezu unmöglich, sie zu unterdrücken oder zu verbergen. Selbstverständlich können wir es aber versuchen.

Aber besonders wenn wir lügen, huschen unweigerlich Mikro-Ausdrücke starker Gefühle über unser Gesicht, ohne dass wir etwas dagegen tun können. Zum Glück für alle Lügner erkennen 99 Prozent aller Menschen diese flüchtigen Signale inneren Aufruhrs nicht – von den 15.000 der von Ekman getesteten Personen vermochten dies ohne vorherige Übung lediglich 50 Naturtalente, wie Ekman sie nennt.

Erkennen Sie die Lüge?

Mit ein bisschen Übung kann nach Ekman aber jeder diese Fähigkeit entwickeln. Er sollte es wissen, schließlich wurde er seit der Veröffentlichung seines ersten und bekanntesten Buches Telling lies Mitte der 80er Jahre immer wieder von FBI, CIA, Einwanderungsbehörden, Terror-Fahndern und Polizeieinheiten auf der ganzen Welt um Hilfe sowie Unterrichtung in der Technik gebeten. Er hat Workshops für Strafverteidiger und Staatsanwälte, Mediziner, Pokerspieler und sogar für eifersüchtige Ehegatten abgehalten und entwickelte schließlich einen Online-Kurs. Mit einer 20 Dollar teuren CD-Rom oder einer 12 Dollar teueren Online-Sitzung könnten auch Sie schon bald in der Lage sein, einen Lügner zu erkennen.

Das hört sich für Sie nach einer guten Idee für eine Fernsehshow an? Ist es auch. Und deshalb ist in der vergangenen Woche die neue Serie "Lie to me" aus Rupert Murdochs US-Foxnews-Network auf dem britischen Sender Sky1 angelaufen, in der der britische Schauspieler Tim Roth als „Dr. Cal Lightman“ agiert, „der weltgrößte Lügenexperte – ein Fachmann, der Gesichtsausdrücke und unfreiwillige Körpersprache untersucht – nicht nur, um herauszufinden, ob Sie lügen, sondern auch, warum". Der Sky-News-Eigenwerbung zufolge handelt es sich bei ihm um einen „menschlichen Lügendetektor“.

Die Serie ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Nach Ekmans Kenntnisstand basiert zum ersten Mal eine Fernsehserie auf der Forschungsarbeit eines einzigen Wissenschaftlers. Er ist auch stark in das Projekt involviert, bespricht die Ideen für die einzelnen Folgen, prüft Drehbuch-Entwürfe und schickt den Schauspielern sogar Videobänder zu, auf denen er bestimmte Gesichtsausdrücke zum Besten gibt. Ekman sagt, er sei zunächst skeptisch gewesen, als der für Serien wie 24 und Frost/Nixon verantwortlich zeichnende Film- und Fernsehproduzent Brian Grazer zum ersten Mal mit der Idee auf ihn zukam, seine Lebensaufgabe in eine Fernsehserie zu packen. „Wenn ich ihn hätte aufhalten können, hätte ich das getan“, sagt er. „Ich wollte keine falschen Erwartungen wecken und natürlich vor allem vermeiden, dass irgendwann einmal jemand auf einer Geschworenenbank sitzt und zu unrecht jemanden für schuldig befindet, weil er meine Sendung gesehen hat.“

Aber er ließ sich von den seriösen Absichten Grazers sowie des Drehbuchschreibers Samuel Baum überzeugen. Die Serie sei nun „ zu wahrscheinlich 80 bis 90 Prozent exakt; in der ersten Episode sind von den 18 Dingen, die sie verwenden, nur zwei nicht korrekt. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass dies hier eine fiktionale Geschichte ist und keine Dokumentation. Lightman löst die Fälle schneller und mit mehr Bestimmtheit als dies im wirklichen Leben möglich ist.“

Um sicherzustellen, dass seine Reputation als Wissenschaftler keinen Schaden nimmt, hat er bislang nach jeder in den USA ausgestrahlten Sendung einen Blogbeitrag mit dem Titel Die Wahrheit über Lie to me verfasst, in dem er die Sendung retrospektiv analysiert und genau benennt, wobei es sich um Tatsachen handelte und wo um effektvolle, dramatische Ausschmückungen. Es ist ihm auch wichtig zu betonen, dass Lightman und Ekman nicht identisch sind, auch wenn die Serie auf den Erkenntnissen seiner Arbeit basiert. „Er ist Engländer, damit fängt es schon einmal an. Er ist jünger und auch arroganter. Er tut Dinge, die ich nie machen würde. So belügt er die Leute zum Beispiel selbst, um ihnen die Wahrheit zu entlocken. Ich lehne dies völlig ab, auch wenn das US-amerikanische Verfassungsgericht dies als zulässig befunden hat.“

Ekman selbst gestand einmal, ein „lausiger Lügner“ zu sein. Auch wenn manche Leute mehr Talent zum Lügen hätten als andere, könne er niemandem beibringen zu lügen. „Ich wurde schon von Leuten in hohen Ämtern gebeten, ihnen beizubringen, wie sie glaubwürdiger wirken können. Aber für die Seite arbeitete ich nicht.“


Er stellt klar, dass seine psychologischen Techniken nur einen Ausgangspunkt für Verbrechensermittler und Sicherheitskräfte bieten können. „Man kann nur sehen, dass jemand lügt. Wenn man bei jemandem unterdrückte Emotionen bemerkt, muss man sehr vorsichtig vorgehen. Man muss seine Fragen mit Bedacht wählen, denn die wirklich interessante Frage ist ja, warum jemand lügt.“ Ein flüchtiger Gesichtsausdruck ist nur ein kleiner Riss, den es dann zu erforschen gilt.“

Dann ist Lüge natürlich auch nicht gleich Lüge. Nach Ekman hat eine Lüge zwei grundsätzliche Eigenschaften: Es muss eine bewusste Wahl und eine bewusste Absicht zur Irreführung vorliegen, und auf Seite der Belogenen dürfe kein Bewusstsein hierüber vorhanden sein. „Schauspieler oder Poker-Spieler sind keine Lügner. Sie müssen dich täuschen, das ist Teil des Spiels. Das gleiche gilt für Schmeicheleien. Mir geht es um richtige Lügen, bei denen der Lügner schwere Konsequenzen zu befürchten hat, sollte seine Lüge auffliegen und der Belogene ernsthaft beleidigt wäre, würde er die Lüge entdecken.“ (Es kann natürlich auch „gute“ Lügen geben, wenn man jemanden eine Wahrheit nicht zumuten kann, will oder muss. „Man muss sich in die beteiligten Personen hineinversetzen.“)

Die Lügen, bei deren Entdeckung der Verlust des Arbeitsplatzes, des Ansehens, des Partners oder der Freiheit droht, sind natürlich auch die interessantesten. Glücklicherweise lassen auch diese sich entdecken, da der Lügner hier gar nicht anders kann, als durch sein Gebaren Hinweise zu geben. Wie zuverlässig aber sind Ekmans Methoden? Mikro-Ausdrücke, so sagt er, seien nur ein Teil einer ganzen Reihe möglicher Lügen-Indikatoren. „Es gibt da auch noch das, was wir subtile Ausdrücke nennen – sie sind nicht flüchtig, dafür aber so klein, dass man auch sie beinahe nicht wahrnimmt. Ein minimales Anspannen der Lippen ist zum Beispiel das verlässlichste Zeichen für Wut. Man muss das gesamte Verhalten eines Menschen untersuchen: Gestik, Stimme, Haltung, Blick, und natürlich auch die gesprochenen Worte selbst.“

Wenn Sie flüchtige und subtile Ausdrücke genau zu lesen verstehen, schätzt Ekman, wird ihre Trefferquote bei der Entdeckung einer Lüge sich „von zufällig auf 70 Prozent oder mehr“ steigern.

Übersetzung: Holger Hutt

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12:20 19.05.2009
Geschrieben von

John Henley, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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