Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser?

Schweden Das Land setzt bei seiner Covid-19-Strategie auf Freiwilligkeit. Das könnte sogar funktionieren – aber womöglich auch nur dort
Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser?
Einige Bilder aus Schweden erwecken den Eindruck einer endlosen After-Ski-Party in den Hipster-Treffs von Stockholm. Die Realität sieht anders aus

Foto: Jonathan Nackstrand/AFP via Getty Images

Auch wenn das Coronavirus nicht wirklich alle gleichmacht, weil die Armen am meisten leiden, so kennt es doch keine Hautfarbe oder Landesgrenzen. Und da überall Virologen eine große Rolle spielen, die mit der universalisierenden Sprache objektiver Wissenschaft und mathematischer Kurven auftreten, klingen die Versuche zur Eindämmung der Verbreitung von Covid-19 auf der ganzen Welt ähnlich.

Dennoch unterscheiden sich die ergriffenen Maßnahmen von Land zu Land deutlich. Selbst zwischen den reicheren Ländern zeigen sich Unterschiede, abhängig von historischem Erbe, der politischen Kultur und den gesellschaftlichen Bräuchen. Der schwedische Historiker Sverker Sörlin – der selbst an Covid-19 erkrankt war, wies vor kurzem in einem Artikel darauf hin, dass es nie eine einzige globale Pandemie gab, sondern immer viele Pandemien, die jeweils durch ihre eigene nationale Logik geprägt waren. Sörlin bezog sich dabei auf den kanadisch-amerikanischen Historiker William H. McNeill und seinen Klassiker Plagues and Peoples aus dem Jahr 1976, in dem McNeill versuchte zu zeigen, dass jede Epidemie die betroffene Gesellschaft spiegelt. Es gibt keinen universellen biologischen Feind, der Krieg führt. Die global auftretenden Viren treffen Gesellschaften genauso wie die Individuen, die in ihnen leben.

Tatsächlich bedeutet die Pandemie einen enormen Stresstest für Länder, einen Test, der ihre tiefliegenden, starren Gesellschaftsstrukturen zutagefördern. Werte, Institutionen und Praktiken, die in normalen Zeiten teilweise von globalen Moden und Trends überdeckt werden, kommen zum Vorschein und ragen wie sichere Felsen aus der stürmischen See.

Für uns, – einen nach vierzig Jahren im Ausland heimgekehrten Schweden und einen Türken im selbstgewählten Exil, der in Schweden gelebt hat und jetzt in Spanien wohnt – sind kulturelle Zusammenstöße eine Herausforderung für unser Bemühen, sowohl globale Gemeinsamkeiten als auch nationale Unterschiede zu verstehen.

Der schwedische Weg ist umstritten

Wir hatten schon immer unterschiedliche Meinungen, aber beim Coronavirus standen wir zudem vor sehr unterschiedlichen Pandemie-Bekämpfungsstrategien der europäischen Regierungen.

Spanien – eines der am stärksten betroffenen Länder auf dem Kontinent – verhängte eine strikte Ausgangssperre, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen und den Druck auf die bereits überfüllten Krankenhäuser zu verringern. Beschränkung war keine Frage der persönlichen Wahl; soziale Distanzierung wurde landesweit Gesetz und eine Frage von Überwachung und Kontrolle.

Schweden dagegen entschied sich, dem staatlichen Epidemiologen Anders Tegnell folgend für einen gelasseneren – und höchst umstrittenen – Weg. Anstatt eine drakonische Ausgangssperre einzuführen, setzte das skandinavische Land bei der angestrebten sozialen Distanzierung auf Selbstregulierung. Die Bürger wurden aufgefordert, selbst zu urteilen und persönliche Verantwortung in einem vorgegebenen Rahmen zu übernehmen, der mehr auf gegenseitigem Vertrauen basiert als auf Kontrolle von oben.

Wir waren beide der Auffassung, dass das „schwedische Modell” nicht in Länder wie Spanien oder die Türkei übertragbar wäre, wo das Vertrauen in die Gesellschaft und die Institutionen deutlich niedriger ist. Aber kann das Modell in Schweden selbst funktionieren? Und warum haben die Schweden einen Weg gewählt, der von dem vieler anderer Länder – auch ihrer skandinavischen Nachbarn – abweicht? Bei diesen Fragen gingen unsere Meinungen auseinander.

Eine komplette Ausgangssperre ist langfristig nicht durchzuhalten

Der im Ausland arbeitende Türke (ebenfalls schwedischer Staatsbürger) war davon überzeugt, dass Tegnells Ansatz angesichts der drohenden Risiken für die Gesundheit viel zu locker sei –– selbst für Schweden mit seinem hohen Maß an freiwillig eingehaltenen gemeinsamen Normen, wo die persönliche Freiheit, auch unteren den Älteren ein hochgeschätztes Gut ist. In jedem Fall sei die Ausgangssperre nicht nur notwendig, um Leben zu retten, sondern auch um die überfüllten Krankenhäuser zu entlasten.

Der heimgekehrte Schwede dagegen glaubte, dass ein „totaler Krieg“ zur Rettung einzelner Leben enorme Kosten für das Sozialgefüge bedeuten würde, und zwar über die „Gesundheit versus Wirtschaft“-Debatte hinaus. Daher beschlossen wir, unsere Aufmerksamkeit auf die gesellschaftlichen Folgen der gewählten unterschiedlichen Wege zu legen.

Für Schweden wäre eine komplette Ausgangssperre langfristig nicht durchzuhalten. Wenn etwa die Schulen und Kindergärten geschlossen wären, müssten Eltern aufhören zu arbeiten, um das Lernen ihrer Kinder zuhause zu unterstützen. Das würde die Lage potenziell verschlimmern, indem Arbeitskräfte aus kritischen Bereichen wie der Gesundheitsversorgung abgezogen oder Großeltern der Krankheit ausgesetzt würden. Ganz zu schweigen davon, dass den Kindern wichtige Zeit in der Schule vorenthalten würde.

In einer Gesellschaft, in der Gleichberechtigung und Kinderrechte groß geschrieben werden, trafen diese Risiken verständlicher Weise einen wunden Punkt. Die Ausgangssperre mag für Familien aus der Mittel- oder Oberschicht mit komfortablen Wohnungen oder Häusern funktionieren, insbesondere in Gesellschaften mit einer traditionellen Gender-Rollenverteilung. In Schweden dagegen sind Schulen zentrale Institutionen, nicht zuletzt für benachteiligte Kinder und Alleinerziehende sowie gering verdienende Eltern.

Ein nüchternerer Balance-Akt

Damit stellt sich die Frage, ob die politischen Entscheidungen weltweit auf strikt rationaler, wissenschaftlicher Basis getroffen werden oder ob sie kulturell verwurzelte Beschränkungen und Möglichkeiten spiegeln. Social Distancing etwa scheint heute ein international geteiltes Ziel zu sein. Die entscheidende Frage ist, ob man die Abstandsregeln durch die Androhung von Geldstrafen und Verhaftungen anordnet oder auf Empfehlungen setzt, die an ein Gefühl von geteilter Verantwortung der Einzelnen appellieren.

Der in Schweden eingeschlagene Weg mag weniger drakonisch sein, ist aber möglicherweise eine größere Herausforderung, da er die Last von Gesetzen und Kontrolle hin zur Selbstregulierung verschiebt. In den sozialen Medien kursierende Memes mögen manchmal den Eindruck von einer endlosen After-Ski-Party in den Hipster-Treffs von Stockholm entstehen lassen. Aber die Realität für uns, die wir hier leben, ist ein nüchternerer Balance-Akt zwischen Abstandhalten und den verbleibenden Bewegungsfreiheiten und dem Fortführen eines normalen Lebens, während wir gleichzeitig versuchen, die örtlichen Geschäfte zu unterstützen.

Nur um es klarzustellen, selbst in Schweden gibt es viele, die eine radikalere Stilllegung der Gesellschaft fordern. Dazu kann es auch noch kommen. Aber andere plädieren weiter dafür, Ruhe zu bewahren, indem sie uns daran erinnern, dass das Wort für Gesellschaft in Schweden samhälle heißt: zusammen halten. Sie sorgen sich, dass strengere Maßnahmen zur Folge haben, dass durch die Rechtfertigung gesellschaftlicher Abschottung auch Leid zu einer privaten Angelegenheit erklärt wird.

In jedem Fall legt das schwedische Experiment im Ausland eindeutig den Finger in die Wunde. Die Entscheidung ist dabei nicht einfach zwischen individueller Freiheit und autoritärer Regierung. In Spanien genießt die Ausgangssperre die breite Unterstützung der Öffentlichkeit, und die Polizei verbringt mehr Zeit damit, spontane Geburtstagspartys für Ältere zu organisieren, als Strafen auszuprechen. Aber auch dort werden kritische Stimmen laut, da die gesellschaftlichen Konsequenzen der Ausgangsbeschränkungen deutlicher sichtbar werden. „Befreit unsere Kinder!“, forderte, die linke Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, in einem Facebook-Post am 15. April, absurder Weise kurz vor der Ankündigung durch die Regierung in Madrid, dass die Schulen in diesem Schuljahr nicht mehr geöffnet werden.

Es braucht Vertrauen zwischen Bürgern und Staat

Zweifellos werden wir in Folge der Coronavirus-Krise weltweit eine Rückkehr des Staates beobachten. Die Frage ist nur, welche Art von Staat das ist.

Für Leute wie den ungarischen Premierminister Viktor Orbán, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und Brasiliens Präsidenten Jair Bolsonaro, die die Pandemie eifrig ausbeuten, um ihre autoritäre Regierungsweise zu zementieren, ist die Antwort klar: weniger Liberalismus und weniger Demokratie. Aber sowohl das schwedische als auch das spanische Beispiel zeigen uns, dass etwas Anderes möglich ist: eine Rückentwicklung der neoliberalen Demokratie und die Rückkehr des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates.

Und da sind wir ganz bei Sörlin. Es ist weise, die Bürger als verantwortliche, ethische, in ihrem Beitrag gleichberechtigte Wesen zu respektieren. Das ist vielleicht tatsächlich der beste Weg, das wechselseitige Geben und Nehmen zu erreichen, das Kennzeichen einer Gesellschaft ist, in der die Bürger sich freiwillig an Konventionen halten: Es zeugt vom gegenseitigem Vertrauen der Bürger untereinander ebenso wie zwischen Bürgern und Staat.

Lars Trägårdh ist Professor für Geschichte und Zivilgesellschaftsstudien an der Ersta Sköndal Universität in Stockholm, Schweden

Umut Özkırımlı lehrt als Gastprofessor am Institut für Internationale Studien IBEI in Barcelona sowie an der Blanquerna - Universitat Ramon Llull und ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Barcelona Zentrum für Internationale Angelegenheiten (CIDOB). Gemeinsam mit dem weiteren Ko-Autor Henrik Berggren veröffentlichen sie demnächst Dumb Swedes, Smart Turks? Nationalism, Democracy and the Global Crisis of Trust

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Ihre Freitag-Redaktion

17:31 22.04.2020
Geschrieben von

Lars Trägårdh, Umut Özkırımlı | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 31/2020

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