Köpfe, die miteinander sprechen

Pop aus dem Netz David Byrne und Brian Eno arbeiten wieder zusammen. Nach 27 Jahren und über das Internet. Das Ergebnis zeigt Byrne auf seiner neuen Tour

Zwischen 1978 und 1980 brachten Byrne und Eno mit ihrer gemeinsamen Band Talking Heads drei bahnbrechende Alben heraus – More Songs about Buildings and Food, Fear of Music und Remain in Light. Byrne und Eno veröffentlichten ohne die anderen Bandmitglieder 1981 noch eine vierte Platte – My Life in the Bush of Ghost. Es dauerte dann fast dreißig Jahre, bis die beiden wieder zusammenarbeiteten und im vergangenen Jahr das heitere und fast schon schlichte Everything That Happens Will Happen Today aufnahmen, das Byrne mit der gegenwärtigen Tour bewirbt.

Warum sollte man da noch über die alten Sachen reden? „Ich sehe einen musikalischen Zusammenhang zwischen den neuen und den alten Stücken“, sagt Byrne. „Auf der Platte hört man der Musik schon die Zeit an, aus der sie stammt, aber live wird die Kontinuität zwischen, sagen wir mal Poor Boy und Burn under Punches deutlich. Was die Texte angeht, so wird damals wie heute gepredigt, geschrien und geschimpft. Das wird live besser deutlich, wenn man die Lieder in ihrer Unmittelbarkeit erfährt.“

Die neue Platte ist sehr spontan entstanden. Die beiden haben nicht viel Aufwand betrieben. Zunächst saß jeder in seinem Home-Studio, Eno arbeitete an der Musik, Byrne steuerte die Texte bei, und die beiden schickten sich die Dateien mehrmals über den Atlantik. Als die Platte fast fertig war, machten sie in einem Londoner Studio noch ein paar abschließende Änderungen und veröffentlichten sie dann eine Woche später im Internet.

„Ich hatte für Wired eine Geschichte über Musik im Internet geschrieben und dachte mir dann, es wäre vielleicht nicht schlecht, meinen Worten mal Taten folgen zu lassen und einen Versuch zu wagen. Ich dachte mir: Wenn Brian und ich das machen, könnte das vielleicht auch ein paar Leute interessieren, zumindest im Netz.“

Wie eine Tageszeitung

Die Unmittelbarkeit dieser Arbeitsweise, die weit von den großen kommerziellen Projekten entfernt war, wie Eno sie beispielsweise mit U2 unternahm, entspricht den Interessen der beiden. „Wenn ich mit etwas fertig bin, dann will ich auch, dass es am selben Tag noch veröffentlicht wird“, sagt Eno. „Popmusik ist wie eine Tageszeitung, sie muss sofort unter die Leute, nicht erst in sechs Wochen. Also haben wir beschlossen, das Album zuerst auf unseren Internetseiten, dann als CD und dann noch einmal mit einem neuen Cover herauszubringen – wir wollen sehen, was am besten funktioniert. Die Musik-Branche ist im Augenblick sehr aufregend und chaotisch.“

Aber die Verwendung der Technik war kein Selbstzweck. Bei der Platte ging es in erster Linie um Byrnes und Enos Wunsch, die Musik zu etwas Gemeinschaftlichen und Verbindenden zu machen. „Wir hatten parallel gearbeitet und merkten, dass es uns zu Musik hinzog, die die Menschen machen – zu Gospel beispielsweise – Musik, die gemacht wird, um Menschen mitzunehmen und einzubinden“, sagt Eno. „Unser Ansatz folgt eher einer bestimmten Art von Emotionalität und ist nicht so sehr literarisch oder intellektuell. Die Musik ist nicht exklusiv. Es ist Musik, die im Hinblick darauf entwickelt wurde, dass die Menschen mitmachen können. David und ich unterhielten uns über Musik als Form der Selbstaufgabe, bei der man vom Ich zum Wir übergeht. Der soziale Aspekt hat mich an der Musik schon immer interessiert. Sie gibt einem die Möglichkeit, sich zu verlieren.“

„Das Gegenteil ist Frank Zappa. Zappa war sehr technikbegeistert, ihn beeindruckten musikalische Herausforderungen – abgefahrene Taktarten, ungewöhnliche Tonarten, schräge Harmonien. Zappa war für mich sehr wichtig als Beispiel dafür, was ich alles nicht machen wollte. Dafür bin ich ihm wirklich sehr dankbar.“

„Früher war das Ganze viel kopflastiger“, versucht Byrne die Unterschiede zu ihrer früheren Zusammenarbeit zu beschreiben. „Die neuen Lieder finde ich viel bewegender. Viele handeln von Hoffnung in einer Situation der Angst, der Paranoia, des Schreckens oder was auch immer.“

Musik zum Hausaufgabenmachen

Byrne und Eno trafen sich zum ersten Mal im Mai 1977. Die Talking Heads tourten als Vorband der Ramones durch Großbritannien und John Cale nahm Eno mit zu dem Konzert in London. Danach lud Eno Byrne und Cale zu sich nachhause ein. Dort hörten sie Musik. Unter den Platten, die er auflegte, war auch Fela Kutis Afrodisiac, was später die Vorlage für Remain in Light werden sollte. „Ich fand diese Musik damals sehr aufregend und ihnen ging es ähnlich. Das war sehr bemerkenswert, insofern sich in England überhaupt niemand dafür interessierte.“

Für Byrne war schon zu Beginn der Talking Heads klar, dass seine Interessen über die CBGB-Punkrock-Szene hinausgingen, mit der seine Band in Verbindung gebracht wurde. Der Filmemacher Marry Harron führte Ende 1975 ein Interview mit den Talking Heads für das Punk Magazine. Er erinnert sich daran, dass sie total auf britischen Art-Rock standen, insbesondere auf Roxy Music und Eno. „Ich erinnere mich, dass Love is the Drug lief und wir uns alle einig darüber waren, dass es ein großartiger Song ist.“ Später im CBGBs sagte die Heads-Bassitin Tina Weymouth Harron, dass sie Eno höre. „Ich glaube, es war Another Green World. Kurze Zeit später wurde er ihr Produzent.“

Zunächst hatte Eno die Talking Heads als Musik bezeichnet, „die man hört, während man Hausaufgaben macht“, bald aber sah er die Gemeinsamkeiten zwischen dem, was sie machten und seiner eigenen Arbeit mit Roxy Music. "Wir hatten sehr viele Ideen importiert, die es vorher in der Popmusik noch nicht gegeben hatte, und brachten sie in eine andere Form. Das gleiche machten die Talking Heads. Sie nahmen amerikanischen Light Funk, Leute wie Hamilton Bohannon, und verbanden ihn mit Punk aus Downtown New York oder New Wave. Heutzutage machen das alle, damals war das aber eine wirklich neue Idee.“

Gab es da eine natürliche Affinität zwischen britischen und amerikanischen Art-Rockern? „Ja, wahrscheinlich, sagt Byrne, der die Rhode Island School of Design besuchte, bis er dort rausgeschmissen wurde. „Es gab in den Staaten nicht so viele Art-Rock-Bands, die Tradition war nicht so ausgeprägt, die Kunsthochschulen waren gebührenpflichtig.“

Die Paranoia der Siebziger

Aber auch Art Rock hatte seine Beschränkungen und nach der Veröffentlichung von Fear of Music suchte Byrne nach einem Ausweg. Diesen fand er im Afro-Funk von Remain in Light. Unsere schräge Interpretation dieses Songs war der Anfang eines langen Weges, der uns schließlich zur Wiederentdeckung der amerikanischen Folk-Musik führte. Diese Art, Musik zu machen, mit diesen Rhythmen und dem großen Ensemble an Musikern, wie eine Afro-Band es hat, bot uns einen Ausweg aus der Paranoia und der psychischen Not, die ich empfand, die Paranoia, wie man sie im New York der Siebziger haben konnte.“

Remain in Light und die Auftritte, die stark vergrößerte Talking Heads zu seiner Promotion spielten, wurden in den frühen Achtzigern von vielen als richtungsweisend betrachtet, was bis heute so sehr nachwirkt, dass die neue Tour von manchen nicht akzeptiert wurde. Übrigens, die Gerüchte, Eno könnte sich zu Byrne auf die Bühne gesellen, wenn die aktuelle Tour diesen nächsten Monat in die Royal Festival Hall in London führt, sind vom Tisch. Eno sagte, er würde sich lieber übergeben, als wieder auf einer Bühne zu stehen.


Am 16. April spielen David Byrne und Band in Stuttgart (Hegelsaal).

Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Edward Helmore, The Guardian | The Guardian

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