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Ja sagen Heather Sirota arrangiert Ehen im ultraorthodoxen Viertel Mea Shearim in Jerusalem. Ihre Klienten werden immer wählerischer

Heather Sirota hält in einer Hand eine Karteikarte, an die ein Foto getackert ist, in der anderen Hand ein Telefon. Sie schaut auf die Karte und berichtet dem Rabbi am anderen Ende der Leitung: „Sie ist 20 Jahre alt, 1 Meter 54 groß, aus Philadelphia. Ihre Eltern leben getrennt, sie sind aber nicht geschieden. Sie ist das vierte von fünf Kindern – zwei von ihnen sind verheiratet. Sie ist absolut hinreißend. Und das sage ich nicht oft.“

Sirota dreht die Karte um und liest ein paar Namen und Telefonnummern vor – lauter Referenzen, die die junge Frau für die Älteren der Gemeinde angegeben hat und die für ihren Charakter bürgen sollen.

Hoffen auf Vermählung

Der Rabbi, der im Auftrag eines jungen Mannes handelt, über den sich persönliche Angaben auf einer ähnlichen Karte befinden, wird diese Nummern wählen, einige Fragen stellen und dann seine Zustimmung geben – oder auch nicht. Läuft alles gut, wird ein Treffen zwischen den beiden jungen Leuten arrangiert und schließlich, so hofft Sirota, eine Vermählung.

Die 67-jährige Sirota ist eine Schadchan, eine traditionelle jüdische Heiratsvermittlerin. Sirota ist Großmutter mit 14 Enkeln. In ihrem Haus im orthodoxen Viertel Mea Shearim, einer der ältesten Siedlungen jenseits der Mauern der Jerusalemer Altstadt und Heimat der Anhänger der strengsten Ausrichtung jüdischen Glaubens, steht ein Weidenkorb voller Karteikarten auf einem großen Esstisch. Einige Karten sind mit Wäscheklammern zusammengeheftet. Es sind die Karten von Paaren, die einander durch Sirota vorgestellt wurden und die sich nun, mit Aussicht auf Heirat, treffen.

Es hat auch schon zögerliche Schritte zur Einführung eines Online-Schadchan-Dienstes gegeben, aber noch lehnen viele Orthodoxe das Internet ab. Sirota schreibt ihre Aufzeichnungen sowieso lieber mit der Hand nieder und wertet mögliche Verbindungen im Kopf aus. Ein Computer habe keine Intuition, und „wenn man Sachen mit der Hand aufschreibt, wandern sie den Arm hoch in dein Gehirn und bleiben dort“, sagt sie. „Wenn man tippt, vergisst man es gleich wieder.“

Studiert er die Thora?

Den Schadchan kommt innerhalb der ultraorthodoxen jüdischen Kreise, in denen Männer und Frauen nur selten aufeinandertreffen – eine frühe Ehe mit 17 oder 18 Jahren, gefolgt von vielen Kindern aber dennoch als höchst erwünscht gilt – eine überaus bedeutende Rolle zu.

In dieser weitgehend abgeschotteten Welt, sagt Sirota, gebe es ein breites Spektrum der Religionsausübung. „Schwarz“ steht für die strengsten unter den ultraorthodoxen Gemeinden, die „Farbigen“ sind die Modernen. Bei den „Schwarzen“ falle es Eltern recht leicht, geeignete potentielle Partner für ihre Kinder zu finden: „In dieser sehr kleinen Gemeinschaft findet man schnell etwas über Leute heraus. Die Eltern können alles allein prüfen.“

Welche Kriterien zählen? „Die Persönlichkeit, Charakterzüge, wie klug der Junge ist oder wie eifrig er lernt, ob er eher extrovertiert ist oder still, ob er die Thora studieren oder rausgehen und arbeiten möchte – was hier nicht üblich ist –, worin seine Interessen bestehen, wenn er welche hat. So etwas interessiert jeden. Die Eltern möchten auch wissen, wie er sich gegenüber seinen Freunden verhält, was seine Brüder tun, aus welcher Familie er kommt. Da wird richtig recherchiert.“

Ist die Prüfung durch beide Elternpaare abgeschlossen und zu deren Zufriedenheit ausgefallen, werden die finanziellen Themen erörtert, unterstützt von einem Rabbi. „Die Eltern überlegen gemeinsam, ob sie es sich leisten können, dem Paar eine Wohnung zu kaufen, und wenn ja, wo. Oder sie mieten eine.“ Dabei haben die beiden, um die es geht, sich wahrscheinlich noch gar nicht kennengelernt. Manche Eltern ziehen schon vorher einen Heiratsvermittler hinzu: „Man geht zum Schadchan und sagt: ‚Meine Tochter ist jetzt bereit zu heiraten‘“, erklärt Sirota. „Und jemand anderes kommt und sagt, ihr Sohn sei bereit zu heiraten. Und der Schadchan sagt: ‚Warum bringen wir die eine nicht mit dem anderen zusammen?’ Das mache ich dann.“

Man kann auch Nein sagen

Die jungen Leute, deren Zukunft hier verhandelt wird, würden aber nicht unbedingt über ihre Arbeit informiert. Es handelt sich, räumt Sirota ein, um arrangierte Ehen. Allerdings würden sie erst beschlossen, wenn das junge Paar eingewilligt habe. „Man hat die Wahl, Nein zu sagen. Es sind keine Zwangsheiraten. Ihnen steht es frei zu sagen, dass sie den anderen nicht mögen.“

Meist trifft sich das Paar einige Male – allein, aber Verwandte oder Freunde halten sich in der Nähe auf. Für gewöhnlich finden die Treffen in den Häusern von Freunden der Familie statt. In weniger strengen Gemeinden treffen sich die potenziellen Partner „in einer Hotellobby, dem Zoo, vielleicht auch mal zu einem Spaziergang“. Eine körperliche Beziehung vor der Eheschließung komme nicht in Frage, doch wie oft sie sich vorher begegnen, sei dem Paar überlassen, erklärt Sirota. „Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Je länger sie sich treffen, desto unwahrscheinlicher wird eine Verlobung. Hat die nicht nach dem zehnten Treffen stattgefunden, wird nichts mehr draus.“

Sirotas Begeisterung für ihre Arbeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Leben in den ultraorthodoxen Familien oft wenig rosig aussieht. Eine gerade erst vom israelischen Arbeitsministerium durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass 56 Prozent der ultraorthodoxen Familien unter der Armutsgrenze leben. Die Frauen der Haredi, wie diese Orthodoxen auf Hebräisch heißen, haben oft sieben oder acht Kinder, einige Familien haben sogar eine doppelt so hohe Zahl (Verhütung ist erlaubt, aber nicht üblich).

Die Männer der Haredi widmen einen Großteil ihres Lebens religiösen Studien und meiden Lohnarbeit. Viele Familien sind daher auf staatliche Unterstützung oder Wohltätigkeitsorganisationen angewiesen. Manche leiden unter sozialem Druck, in Studien werden steigende häusliche Gewalt und Depressionen festgestellt.

Immer mehr Scheidungen

Die meisten der Kunden Sirotas sind nicht „frum geboren“, sondern haben sich als junge Erwachsene zum ultraorthodoxen Judentum bekannt. Viele sind aus den USA, Großbritannien, Kanada, Südafrika, Südamerika und Australien nach Jerusalem gekommen. „Meist haben sie studiert und stammen aus einer ganz anderen Welt. Sie sind wählerischer, was das Äußere, Größe und Erscheinung betrifft. Je säkularer das Milieu, aus dem man kommt, desto wichtiger sind einem diese Dinge.“

Der Einfluss der säkularen Welt bekümmert Sirota: „Diese Generation will das haben, wonach sie verlangt. Als ich jung war und zum Beispiel grüne Schuhe wollte, gab es gerade keine. Also kaufte man weiße und malte sie grün an. Will man aber heute schwarze Schuhe mit goldenen Punkten und einer silbernen Schleife, bekommt man sie auch, wenn man in genug Läden geht.“ Dieses Konsum-Verständnis habe sich mittlerweile auf die Partnersuche übertragen. „Die Leute suchen Perfektion. Wir Menschen sind aber nicht perfekt geboren, wir haben alle unsere Makel“, sagt Sirota. Auch bei orthodoxen Paaren häufen sich mittlerweile die Scheidungen.

Womöglich spricht Sirota so offen über diese gut abgeschottete Welt, weil sie sich darin eher als Außenseiterin wahrnimmt. Sie wurde in eine säkulare jüdische Familie aus Südafrika geboren und kam vor 32 Jahren mit ihrem Ehemann nach Israel. Zur Ultra-Orthodoxen ist sie erst durch die religiöse Erziehung ihrer beiden Söhne geworden. „Nichts in meinem vorherigen Leben hat mich darauf vorbereitet“, sagt sie.

Mit ihren eleganten, bunten Turbanen und dem starken südafrikanischen Akzent sticht sie auch äußerlich aus der Gleichförmigkeit des orthodoxen Viertels Mea Shearim heraus. „Ich bin keine Dame von Mea Shearim. Ich passe nirgendwo hinein.“

Eher Liebe als Geld

Zur Partnervermittlung kam Sirota durch ihre Söhne und deren Freunde, nachdem sie ihren Job als Lehrerin aufgegeben hatte. „Drei Jahre lang habe ich es geleugnet und den Leuten erzählt, ich sei zwar keine Heiratsvermittlerin, könne ihnen aber vielleicht trotzdem weiter helfen“, erzählt sie. Mittlerweile betreibt sie ihr Metier hauptberuflich.

Wie viel sie verdient, lässt sie offen. Sie erzählt, die Thora gebiete Juden, Schadchans eine Gebühr zu zahlen, diese sei „ein Segen für die Ehe.“ Sie rede aber ungern über Geld, fügt sie hinzu. „Ich bitte niemanden darum. Die Übereinkunft lautet, dass sie mich bezahlen sollen, wenn es ein Ergebnis gibt.“ Sie meint, wenn es zu einer Hochzeit kommt.

Sirota geht die Karteikarten im Korb durch, auf der Suche nach jungen Männern und Frauen, die nach Hintergrund, Persönlichkeit, Anschauung und Aussehen zueinander passen könnten. Wieviele Paare sie genau zusammengebracht hat, verschweigt sie, aber die Zahl sei dreistellig: „Ich gebe mir mit meinen Paaren sehr viel Mühe, aber ich dränge niemanden.“

Auf die Frage, ob der oder die Schadchan innerhalb der Gemeinde eine Person von Rang sei, lacht sie: „Das weiß ich nicht. Aber es ist auf jeden Fall eine schöne Betätigung.“ Viele ihrer Klienten, die später heirateten, gehören nun zu ihrem erweiterten Familienkreis, sagt sie. „Nichts macht mir mehr Freude. In meinem Leben passiert etwas. Ich werde so lange weitermachen, wie ich es kann.“

Harriet Sherwood berichtet für den Guardian über Israel und bloggt regelmäßig aus Jerusalem über Gesellschaftsthemen.

Übersezung: Zilla Hofman

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14:00 24.02.2011
Geschrieben von

Harriet Sherwood | The Guardian

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The Guardian

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