Kratzen an den Blaupausen

Porträt Die Feministin Lynne Segal will bis heute nicht einsehen, dass der Mann ein Feind der Frau sein soll

In den 70er Jahren war ihr großes, viktorianisches Haus im Norden von London eine Kommune, die Zimmer voller Linker, jede Schublade, jeder Schrank gefüllt mit handgedruckten Pamphleten. Die Bewohner aßen gemeinsam, erzogen ihre Kinder gemeinsam und demonstrierten gemeinsam für die verschiedensten Sachen, von Hausbesetzerrechten bis zu Frauengesundheit. Nur die Besitzerin des Hauses ging einer bezahlten Arbeit nach. Sie lehrte an einem College. Ihr Gehalt ergänzte recht praktisch die Sozialhilfe, die alle anderen bezogen.

40 Jahre später. Hat sich etwas verändert? An Lynne Segals Küchentisch sitzend würde ich sagen: viel weniger, als man erwartet. Zugegeben, sie ist heute Universitätsprofessorin und erfolgreiche Buchautorin. Aber sie hat immer noch ein volles Haus. Keine echte Kommune mehr, aber eine Art Kollektiv. Zwei Freundinnen wohnen im oberen Stockwerk, während aus dem Souterrain eine norwegische Künstlerin heraufgrüßt. Die Pamphlete sind verschwunden – Aktivisten werden heute per E-Mail und Facebook mobilisiert –, aber an der Wand hängen Protestplakate, auf dem Sofa steht ein wackliger Stapel Texte.

Die Welt draußen hat sich sehr verändert. In diesem Teil Londons verkaufen sich Häuser wie das von Segal für Millionen, meist an Leute, die in der City viel Geld verdient haben. Weiß sie noch, was sie für ihr Haus bezahlt hat? „Ja, 1973 hat es 13.500 Pfund gekostet.“ Hinter dem Gartentor fällt der Blick auf herausgeputzte Villen mit gläsernen Anbauten und braven Lorbeerbäumen, während in Segals Garten ein rebellischer Eukalyptusbaum in die Höhe ragt.

Die Nachbarhäuser erinnern daran, wie die Politik sich gewandelt hat. Für Segal haben der Thatcherismus und die letzte Labour-Regierung dazu beigetragen, die Kommerzialisierung auf nahezu alles auszuweiten. „Es existiert kaum noch etwas außerhalb des Markts, nicht einmal das Familienleben“, sagt sie. Aber es gibt eine Kehrseite der Medaille: Der Feminismus lebt wieder auf. Dank dieses Trends wurde ihr 1994 erschienenes Buch Straight Sex: Rethinking the Politics of Pleasure („Heterosexueller Sex: Die Politik der Lust neu durchdenken“) gerade wieder veröffentlicht. Das Werk gilt als Meilenstein feministischer Literatur. Es handelt von weiblicher Sexualität, wie sie der Feminismus in all seinen verschiedenen Post-60er-Jahre-Formen gesehen hat. Freut sie die Neuveröffentlichung? „Natürlich“, sagt sie und strahlt. „Es ist interessant, heute beobachten zu können, was sich verändert hat.“

Kritik vom Bademeister

Straight Sex wurde gegen die zunehmende Fokussierung des Feminismus auf männliche Gewalt geschrieben. Segal wollte das anfängliche neue Selbstvertrauen in Sachen Sex zurückholen, das mit der sexuellen Befreiungsbewegung der 60er aufgekommen war. Sie lehnte es ab, dass für manche Feministinnen Männer die Feinde schlechthin waren; dass Heterosexualität für Frauen schlecht sei oder dass Heterofrauen sich für ihr Begehren schuldig fühlen müssten. „Ich glaubte damals, und ich glaube auch heute nicht an eine natürliche Beziehung zwischen Männern und Gewalt“, sagt sie. „Diese Vorstellung, dass Frauen netter sind als Männer, überzeugt mich nicht. Frauen können auch gewalttätig sein. Für mich und meine feministischen Freundinnen waren Männer ganz klar Teil unseres Projekts. Wir kannten viele Männer, die die feministische Sache unterstützten.“

Erinnert sie sich an die Kritik an ihrem Buch? „Ja, einmal war ich hier im Schwimmbad, und der junge Bademeister beugte sich zu mir ins Becken: ‚Sind Sie Lynne Segal?‘ Ich bejahte. ‚Sie sind zu soft gegenüber den Männern‘, warf er mir vor. Es stellte sich heraus, dass er an der Universität Essex bei einer radikalen Feministin studierte, die ihn gelehrt hatte, alle Männer seien Vergewaltiger.“ Segal lacht, als sie sich daran erinnert.

An den Universitäten geht es heute ruhiger zu, zumindest politisch gesehen. Dennoch hält sie das Buch weiter für aktuell: „Ein starker Fokus der Debatte liegt immer noch auf Gewalt gegen Frauen, aus verständlichen Gründen: Wir leben in einer aggressiveren und stärker militarisierten Welt, einer Zeit voller ethnischer Konflikte. Natürlich bringt das zunehmend Gewalt gegen Frauen mit sich. Und natürlich ist es unglaublich wichtig, diese zu beenden und sich Gedanken über die Institutionen zu machen, die dazu ermutigen.“

Für Segal hat die bestehende Gender-Hierarchie aber auch sehr viel mit der bestehenden Organisation der Kinderbetreuung und der Pflege von Älteren zu tun, was beides nach wie vor als Frauensache gelte. Gewalt hält sie dabei für eine sehr reale Methode, Frauen Grenzen aufzuzeigen: „Aber sie darf nicht von den dahinterliegenden Ursachen getrennt betrachtet werden. Warum sollten Männer gewalttätig sein wollen? Die meisten Männer wollen gute Beziehungen zu Frauen haben. Jemand zu schlagen oder zu vergewaltigen, führt nicht zu einer guten Beziehung. Gerade wenn Männer am unsichersten sind, gibt es aber mehr Gewalt gegen Frauen.“

Straight Sex enthält ein Kapitel mit dem Titel „Der befreite Organismus“. Ist der denn heute befreit? „Wir sind heute ,sex-positiver‘. Aber wir beobachten auch die Kommerzialisierung von Sex. Und die Sprache der Sexualität ist weiterhin phallozentrisch. Eine Frau beim Sex im Internet zu zeigen, ist ein Weg, sie zu kompromittieren. Zeigt man hingegen einen Mann dabei, macht man ihn nur mehr zum Mann.“

Für Segal haben Frauen in den Bereichen finanzielle Unabhängigkeit und Verhütung Erfolge erzielt, aber ihr Status bleibe prekär. Mit jedem Fortschritt bewege sich der Boden unter den Füßen: „Diese alten Vorstellungen, was ein Mann ist, was eine Frau: Je mehr wir dieselben Sachen tun, desto mehr kratzen wir an diesen Blaupausen.“

Ich spreche mit Segal über eine Dokumentation zum Thema Samenbanken, die ich vor kurzem gesehen habe. Gezeigt wurden Frauen, die mit einem Horror von Kinderlosigkeit sprachen, die sie in früheren Zeiten vielleicht für ein Schicksal als alte Jungfer empfunden hätten. „In den 60ern kritisierten wir Frauen dafür, dass sie durch ihre Kinder lebten. Aber jetzt scheinen wir genau dahin wieder zurückzugehen“, sagt Segal. Nein, niemand könne das wirklich einen Fortschritt nennen.

Lynne Segal ist 1944 in Australien geboren und dort aufgewachsen. Ihre Eltern führten eine unglückliche Ehe. „Nach außen hin täuschte man Harmonie vor, während mir meine Mutter immer erzählte, dass sie meinen Vater hasste. Abtreibungen waren illegal, und meine Mutter, die Gynäkologin war, weigerte sich, sie durchzuführen. Aber ich wusste, dass sie selbst bestimmt fünf Abtreibungen gehabt hatte. Das Gesicht, das man der Welt präsentierte, war das Einzige, was zählte.“

Mit 17 begann Segal an der Universität Sydney Psychologie zu studieren und schloss sich einer Gruppe von Anarchisten an, die als Sydney Libertarians bekannt war. „Diese Männer waren Außenseiter, die von Geld lebten, das sie durch Glücksspiele und Pferderennen gewonnen hatten. Keiner von ihnen ging einer echten Arbeit nach, weil man ja jede Art der Mainstream-Institutionen ablehnte.“

Zu dieser Zeit hatte Segal bereits selbst ein Baby, ihren Sohn Zimri. Sie und sein Vater hatten sich in einer Galerie in Sydney kennengelernt, wo er sie angesprochen hatte – später merkte sie, dass er eher in ihren Freund verliebt war als in sie. „Meine Eltern pressten mich in diese Ehe. Meine Mutter sagte zu mir: ‚Heirate einfach, wir bezahlen die Scheidung.‘ Sie wussten, dass der Vater meines Babys homosexuell war.“ Wusste er selbst, dass er es war? „Er gab es nie zu und hatte kein Coming-out gegenüber seiner Familie. Wir trennten uns, als Zim 14 Monate alt war. Dennoch lehnte er Homosexualität ab. Er betrachtete sie als genetische Krankheit. Zu meiner Mutter sagte er mal: ‚Wenn unser Sohn homosexuell ist, bringe ich mich um.‘ Aber er starb in den 80ern an Aids, als Zim 13 war.“

Dann kam Maggie Thatcher

1970 flüchtete sie vor ihrer unglücklichen Ehe nach London. Hatte sie kein Heimweh, allein in England mit dem Baby und dem ganzen Regen? „Das erste Jahr war hart. Aber die 70er waren ein großartiges Jahrzehnt. Jede Stelle, auf die ich mich bewarb, bekam ich.“ Sie begann Psychologie an einem College zu lehren. 1973 kauften sie und ihre Schwester dann dieses Haus, in dem die Kommune geboren wurde.

Ärgerte sich Segal damals nicht, dass sie die Einzige im Haus war, die einen Job hatte? „Nein, ich war eher darauf geeicht, mich deswegen schuldig zu fühlen. Geld war etwas, wofür man sich schämte, genau wie dafür, ein Haus zu besitzen. Ein Held der Arbeiterklasse zu sein – das war das Erstrebenswerte. Davon abgesehen taten meine Mitbewohner keineswegs gar nichts. Sie arbeiteten im Frauenzentrum oder besetzten Fabriken.“ Und wer passte auf die Kinder auf? „Die Männer. Sie kümmerten sich. Sie fühlten sich verantwortlich.“

Die Bewohner des Hauses wechselten mit der Zeit. Anfangs lebte Segal mit drei Frauen und deren Kindern. Anfang der 80er waren daraus sie und vier männliche Mitbewohner geworden. Wie sieht das ihr Sohn Zimri heute? „Oh, er findet, er habe eine wunderbare Kindheit gehabt. Er meint nur, ich hätte ihn auf eine Welt vorbereitet, die nicht existierte. Als er dann in die Welt hinausging, erwartete er, dass sie fürsorglich und anteilnehmend wäre – und er traf auf Maggie Thatcher.“

Heute lebt Segal in einer Beziehung mit einer norwegischen Akademikerin. Sie sind seit zehn Jahren ein Paar. „Es ist eine leidenschaftliche Fernbeziehung.“ Überrascht es sie, jetzt mit einer Frau zusammen zu sein? „Ja, sehr, aber es war weniger überraschend, als herauszufinden, mit einem homosexuellen Mann zu leben.“ Segal lacht schallend. „Die Sexualität von Frauen scheint fließender zu sein als die von Männern.“

Rachel Cooke schreibt für den Guardian über Gesellschaftsthemen

Übersetzung: Carola Torti

06:00 17.02.2015
Geschrieben von

Rachel Cooke | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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