Krieg der Stellvertreter

Iran Greifen die USA an? Milizen der Region bereiten sich auf den Ernstfall vor
Krieg der Stellvertreter
Die als Reaktion auf eine angenommene Bedrohung erfolgte Verlegung einer Kampfgruppe der Marine und einer Staffel von B-52-Bombern in die Golfregion ist nicht unumkehrbar

Foto: Getty Images

Zwei hochrangigen Geheimdienstquellen zufolge soll vor zwei Wochen in Bagdad ein brisantes Treffen stattgefunden haben. Wie es heißt, versammelte Qassem Suleimani, Führer der mächtigen iranischen Al-Quds-Brigaden, die unter dem Einfluss seines Landes stehenden schiitischen Milizen des Irak, um sich mit ihnen zu beraten. Seine Botschaft: Sie sollten auf alles, nicht zuletzt einen Stellvertreterkrieg, vorbereitet sein, falls die USA die Islamische Republik angreifen. Führer aller Milizgruppen, die der irakischen Volksmobilmachung Al-Haschd asch-Scha‘bī zugerechnet werden, sollen bei der Einstimmung auf den Ernstfall dabei gewesen sein.

Wie zu erwarten hat das Bemühen Teherans, die regionalen Alliierten zu mobilisieren, in der Trump-Administration zu heftigen Reaktionen geführt, gekleidet in die Befürchtung, dass die US-Interessen im Nahen Osten einer akuten Bedrohung ausgesetzt seien. Nur hat sich Suleimani in den zurückliegenden Jahren immer wieder mit Führern irakischer Schiiten-Gruppen getroffen. Allerdings soll sich das jüngste Meeting in Art und Ton vom Üblichen unterschieden haben. „Es war noch kein Ruf zu den Waffen, aber es hat nicht viel gefehlt“, lässt sich einer Quelle entnehmen.

Eine der Konsequenzen war offenkundig die Entscheidung der US-Regierung, sich um mehr Austausch zwischen amerikanischen und irakischen Autoritäten zu kümmern, zugleich das nicht notwendige diplomatische Personal aus den US-Missionen in Bagdad und der Kurden-Metropole Erbil zu evakuieren. Zugleich wurden die Verbände auf den US-Militärbasen im Irak in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Als Oberkommandierender der elitären Quds-Brigaden spielt Suleimani seit gut 15 Jahren eine wichtige Rolle bei der strategischen Ausrichtung und den Operationen schiitischer Verbände. Er gilt als einflussreichster Akteur des Iran im Irak und in Syrien. Zu fragen wäre, wie weit reicht sein Aktionsradius im Augenblick?

Man munkelt von Sabotage

In der vorvergangenen Woche sollen vier Schiffe − zwei davon saudische Öltanker − vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate sabotiert worden sein. Zudem griffen Drohnen, die mutmaßlich von mit dem Iran verbündeten Rebellen im Jemen gestartet wurden, zwei saudische Pipelines an. Dies müsse durch „chirurgische Schläge“ gegen iranische Ziele vergolten werden, fordern saudische Staatsmedien. Den Alarmismus befeuert die Nachricht, dass ein Konvoi mit iranischen Raketen erfolgreich durch die irakische Provinz Anbar nach Syrien gelotst und sicher nach Damaskus gebracht wurde.

Sollte dieser Transfer wirklich dem US- und israelischen Geheimdienst entgangen sein? Durch deren Informationen konnte in den letzten Jahren immer wieder Nachschub dieses Kalibers verhindert werden, ob der auf dem Landweg oder über eine Luftbrücke zu syrischen Militärflugplätzen unterwegs war. Feststehen dürfte, dass der Iran gestärkt aus dem Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) hervorgehen konnte, was nicht zuletzt jüngste Diskussionen zwischen Donald Trump und seinen Oberfalken, Sicherheitsberater Bolton und Außenminister Pompeo, erkennen lassen. Eben deshalb blieb wohl die Trump-Regierung gegenüber den irakischen Milizen stets misstrauisch, obwohl man gegen den IS zuweilen in einer Front stand.

Besagte Gruppen wurden inzwischen in die staatlichen Strukturen des Irak integriert. Ein brisanter Vorgang, auch wenn diese Kräfte einige sunnitische, christliche und jesidische Einheiten umfassen, werden sie doch von schiitischen Kommandeuren geführt, von denen die einflussreichsten die direkte Unterstützung des Iran genießen. Auch solcherart Potenzial dürfte gemeint sein, wenn Majid Takht-e Ravanchi, Teherans UN-Botschafter, gegenüber dem US-Sender NPR erklärt, dass sein Land an einer Eskalation der Spannungen in der Region nicht interessiert sei, aber jederzeit das Recht wahrnehmen könne, „sich zu verteidigen“.

Die USA sind daher gut beraten, Vorsicht walten zu lassen, wenn sie bei ihrer Strategie des maximalen Drucks gegenüber Teheran bleiben. Die als Reaktion auf eine angenommene Bedrohung erfolgte Verlegung einer Kampfgruppe der Marine und einer Staffel von B-52-Bombern in die Golfregion ist nicht unumkehrbar – derartige Entschlüsse können auch wieder zurückgenommen werden, andere nicht.

Martin Chulov ist Guardian-Korrespondent

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 23.05.2019
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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