Die Krise, die die Welt verändert?

Coronavirus Die Finanzkrise von 2008 hat die Welt nicht verändert, sie löste keinen fundamentalen Wandel des Kapitalismus aus. Das könnte diesmal anders sein
Die Krise, die die Welt verändert?
Krisen- und Untergangsstimmung auch in New York City – eine der „Global Cities“, die lange sinnbildlich für den Kapitalismus standen

Foto: Johannes Eisele/AFP via Getty Images

Der Begriff „Krise“ stammt vom griechischen Wort „krisis“ ab und bedeutet so viel wie Entscheidung oder Urteil. Auch andere Worte lassen sich davon ableiten: „Kritiker“ (jemand, der urteilt) zum Beispiel, oder „kritischer Zustand“ (wenn sich der Gesundheitszustand in die eine oder andere Richtung entwickeln kann). Eine Krise kann gut oder schlecht ausgehen, doch der Punkt ist: der Ausgang ist fundamental unsicher. Das Erleben einer Krise heißt daher, in einer Welt zu leben, in der vorübergehend offen ist, wie es weitergeht.

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Der Ernst der gegenwärtigen Krise zeigt sich an der extremen Unsicherheit darüber, wie oder wann sie enden wird. Die Modellrechnungen am Imperial College in London führten verspätet zum Umschwenken des relativ entspannten Umgangs der britischen Regierung mit dem Coronavirus. Demnach kann nur ein Impfstoff der erzwungenen „sozialen Distanzierung“ ein sicheres Ende bereiten. Ein Impfstoff wird aber vermutlich nicht vor Sommer nächsten Jahres allgemein verfügbar sein. Dabei ist es schwierig, sich ein politisches Strategiepaket vorzustellen, das erfolgreich durch eine so lange Auszeit führt. Noch schwieriger wäre seine Umsetzung.

Eine starke globale Rezession ist mittlerweile unausweichlich. Arbeitsmärkte werden zusammenbrechen und wir werden erleben, dass sich die Konsumausgaben in Luft auflösen. Das Handeln der Regierungen im Herbst 2008 war von der Schreckvorstellung angetrieben, dass aus den Geldautomaten kein Geld mehr kommen würde, wenn das Banksystem nicht gestützt würde. Nun zeigt sich, dass die Zirkulation von Geld auch zu einem Halt kommt, wenn die Menschen ihr Zuhause nicht mehr verlassen. Kleine Unternehmen entlassen in erschreckendem Tempo ihre Mitarbeiter, während Amazon in den USA Anzeigen für 100.000 zusätzliche Mitarbeiter schaltet. (Eine der wenigen und keineswegs erwünschten Kontinuitäten der Welt, die wir hinter uns lassen, ist das unaufhaltsame Wachstum der Plattform-Giganten).

Krise als einschneidender Ideologiewandel

Das Jahrzehnt, das unsere heutige Vorstellung von Krisen stark geprägt hat, sind die 1970er Jahre. Sie veranschaulichen, wie ein historischer Bruch ein Wirtschaftssystem und eine Gesellschaft auf einen neuen Weg bringen kann. Und sie markieren den Zusammenbruch des Nachkriegssystems mit seinen festen Wechselkursen, Kapitalverkehrskontrollen und seiner Lohnpolitik. Man hatte erkannt, dass es zu unkontrollierbarer Inflation führte. Die Umstände dieses Jahrzehnts ermöglichten auch der „New Right von Margaret Thatcher und Ronald Reagan sich als Retter anzubieten, indem sie eine neue Medizin von Steuersenkungen, Zinssatzerhöhungen und Angriffe auf die gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer verordneten.

So führten die 1970er Jahre zu einer Vorstellung von Krise als einschneidendem Ideologiewandel, die einen Großteil der linken nicht wieder losgelassen hat. Dabei war die damalige Krise von einem Widerspruch geprägt, der weitgehend im keynesianischen Kapitalismusmodell selbst angelegt ist (die Löhne und Gehälter wurden stärker erhöht als die Produktivitätssteigerung; und das war schlecht für die Profite). Dazu kam die Veränderung des vorherrschenden Wirtschaftsstils: weg von den unbeweglichen Schwerindustrien, hin zu flexibler Produktion, die schneller auf Verbrauchernachfrage reagieren konnte.

Die Krise in den 1970ern hatte auch eine räumliche Dimension. Das Kapital verließ seine ikonischen industriellen Hochburgen in Nordengland und dem Mittleren Westen der USA und verlagerte sich (mit Hilfe des Staates) in die Finanz- und Wirtschaftsviertel glatter „Global Cities“ wie London und New York.

Über vierzig Jahren nach Thatchers erstem Amtsantritt warten viele in der Linken noch immer ungeduldig auf einen ähnlichen ideologischen Wandel, aber in umgekehrte Richtung. Doch trotz erheblicher Umbrüche und gesellschaftlicher Not hat die globale Finanzkrise von 2008 es nicht geschafft, eine fundamentale Veränderung der politischen Orthodoxie hervorzurufen. Im Gegenteil: Nach der anfänglichen Explosion öffentlicher Ausgaben, die die Banken retteten, wurde die Weltanschauung des freien Markts á la Thatcher in Großbritannien und der Eurozone noch dominanter. Die politischen Unruhen von 2016 zielten auf den Status quo, aber ohne eine kohärente Alternative anzubieten. Heute aber wirken diese Krisen nur noch wie Vorboten der großen Erschütterung, die Ende vergangenen Jahres in Wuhan begonnen hat.

Keine typische Kapitalismuskrise

Schon jetzt lassen sich einige Aspekte der Krise von 2020 und ihrer Folgen von den Ereignissen in den 1970ern unterscheiden. Erstens: Auch wenn ihre Verbreitung den Flugrouten des globalen Kapitalismus folgt – Geschäftsreisen, Tourismus, Handel –, liegt die Wurzel dieser Krise außerhalb der Wirtschaft. Das Ausmaß der Verheerung, die sie bringt, liegt in grundlegenden Eigenschaften des globalen Kapitalismus begründet, die kaum ein Ökonom bezweifelt: starke internationale Zusammenhänge und die Abhängigkeit der meisten Menschen vom Arbeitsmarkt. Das sind keine Aspekte eines bestimmten wirtschaftspolitischen Paradigmas, wie es die festen Wechselkursraten und kollektive Tarifverhandlungen für den Keynesianismus sind. Sie sind Merkmale des Kapitalismus an sich.

Zweitens unterscheidet der räumliche Aspekt die Coronavirus-Epidemie von einer typischen Kapitalismuskrise. Abgesehen von irgendwelchen Bunkern und Inseln, auf denen sich die Superreichen verstecken, diskriminiert diese Pandemie nicht aufgrund wirtschaftsgeographischer Unterschiede. Möglicherweise schmälert sie am Ende den Wert urbaner Zentren, da deutlich wird, wie viel „wissensbasierte Arbeit“ letztlich online verrichtet werden kann. Aber, auch wenn der Virus an verschiedenen Orten zu einem anderen Zeitpunkt auftrat, war ein auffallendes Phänomen der vergangenen Wochen die Universalität des menschlichen Verhaltens, der Sorgen und Ängste.

Die Verbreitung von Smartphones und Internet hat eine neue globale Öffentlichkeit geschaffen, wie wir sie noch nie gesehen haben. Ereignisse wie der 11. September eröffneten einen winzigen Eindruck davon, als Nokias auf der ganzen Welt mit der Aufforderung vibrierten, sich sofort zu einem Fernseher zu begeben. Aber der Coronavirus ist kein Schauspiel, das irgendwo anders passiert: Es ist draußen vor dem eigenen Fenster, gerade jetzt. In diesem Sinne passt es perfekt in das heutige Zeitalter allgegenwärtiger sozialer Medien, in dem jede Erfahrung festgehalten und geteilt wird.

Eher Krieg als Rezession

Die Intensität dieser gemeinsamen Erfahrung ist ein düsterer Grund dafür, dass sich die gegenwärtige Krise eher wie Krieg als wie eine Rezession anfühlt. Am Ende werden die Regierungspolitiker danach beurteilt werden, wie viele Tausend Menschen sterben. Bevor diese Bilanz gezogen werden kann, werden sich uns noch schreckliche Einblicke unter die Oberfläche der modernen Zivilisation eröffnen, wenn das Gesundheitssystem überfordert ist und Leben, die gerettet werden könnten, nicht behandelt werden können. Angesichts der Unmittelbarkeit dieser tödlichen Bedrohung fühlt sich die Corona-Epidemie weniger wie 2008 oder die 1970er an, sondern eher wie eine andere ikonische Krise in unserer Kollektivvorstellung – 1945. Die Frage von Leben und Tod kann mehr drastische Veränderungen in der Politik veranlassen, als ökonomische Indikatoren es je könnten. Ein Beispiel dafür ist die Ankündigung des britischen Schatzkanzlers Rishi Sunak, die Regierung werde 80 Prozent der Löhne und Gehälter übernehmen, wenn Unternehmen Arbeiter nicht entlassen. Solche zuvor undenkbaren Maßnahmen sind plötzlich möglich – und das Gefühl dafür, dass etwas möglich ist, lässt sich möglicherweise nicht so leicht wieder einschließen.

Anstatt die Corona-Pandemie als Krise des Kapitalismus zu betrachten, ist es vielleicht besser, sie als eine Art weltveränderndes Ereignis zu verstehen, das verschiedene neue ökonomische und intellektuelle Anfänge ermöglicht.

Im Jahr 1755 wurde ein Großteil Lissabons durch ein Erdbeben und einen Tsunami zerstört. 75.000 Menschen kamen ums Leben. Die Wirtschaft der portugiesischen Hauptstadt lag am Boden, wurde dann aber so wieder aufgebaut, dass es die heimischen Produzenten förderte. Dank einer geringeren Abhängigkeit von Importen aus England kam die Wirtschaft der Stadt wieder ins Laufen.

Darüber hinaus übte das Erdbeben einen starken philosophischen Einfluss aus, insbesondere auf Voltaire und Immanuel Kant. Letzterer verschlang die Informationen zum Thema, die in den aufkommenden internationalen Medien zirkulierten. Sie verbreiteten frühe seismologische Theorien darüber, was geschehen war. Im Vorfeld der Französischen Revolution wurde das Ereignis als etwas wahrgenommen, das Implikationen für die ganze Menschheit hat. Zerstörung in diesem Ausmaß rüttelte an theologischen Annahmen und stärkte die Autorität wissenschaftlichen Denkens. Wenn Gott einen Plan für die menschliche Spezies hätte, so schloss Kant in seinem späteren Werk, dann wohl, dass der Mensch individuelle und kollektive Autonomie erlangen solle, und zwar durch ein „universelle Zivilgesellschaft“ basierend auf der Anwendung weltlicher Vernunft.

Es wird Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis die volle Bedeutung der Ereignisse von 2020 ganz zu verstehen ist. Aber wir können sicher sein, dass diese echte globale Krise auch ein globaler Wendepunkt ist. Die nahe Zukunft wird viele emotionale, körperliche und finanzielle Schmerzen bringen. Aber eine Krise dieses Ausmaßes wird nie wirklich überwunden, bevor nicht viele der Grundlagen unseres sozialen und wirtschaftlichen Lebens erneuert sind.

William Davies ist Soziologe und politischer Ökonom. Sein jüngstes Buch heißt Nervous States: How Feeling Took Over the World

Übersetzung: Carola Torti
17:56 27.03.2020
Geschrieben von

William Davies | The Guardian

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