Kronprinz Gnadenlos

Saudi-Arabien Trotz aller ideologischen Nähe stehen sich das Regime und der IS in erbitterter Feindschaft gegenüber

H a’ir in der Wüste südlich von Riad ist kein schöner Ort. Das Gefängnis wird vom saudischen Inlandsgeheimdienst betrieben. Umgeben von Betonmauern und Wachtürmen werden hier Terroristen, aber auch Dissidenten und andere vermeintliche Feinde des Staates gefangen gehalten, dessen Wappen mit der Palme und den gekreuzten Krummschwertern in der weitläufigen Anlage allgegenwärtig ist.

Am Haupttor kontrollieren bewaffnete Wachmänner Fahrzeuge und Ausweise entlang einer ganzen Abfolge von Schlagbäumen. Jeeps der Militärpolizei versperren die Zufahrt von der nahen Autobahn. Im Januar drohte der Islamische Staat (IS), das Gefängnis anzugreifen und zu zerstören, nachdem die saudische Regierung 47 Männer, die meisten von ihnen Al-Qaida-Mitglieder, hatte hinrichten lassen. Sieben davon waren vor ihrer Enthauptung oder Erschießung in Ha’ir inhaftiert. Schon im Sommer 2015 hatte ein junger IS-Sympathisant vor dem Tor seinen Sprengstoffgürtel gezündet.

Journalisten sind in Ha’ir durchaus willkommen. Sie werden mit Kaffee und Kuchen empfangen sowie mit einer Powerpoint-Präsentation über die Haftbedingungen der etwa 1.700 Insassen sowie die Programme zu ihrer Resozialisierung. Damit will das Saud-Regime seine Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus zeigen, denn längst ist der IS auch in Saudi-Arabien zur Bedrohung geworden.

Was Ha’ir von sich preisgibt, hinterlässt einen properen Eindruck. Die Zellenblöcke sind sauber und hell, in zartem Lila gehalten die Stahltüren in den Häftlingstrakten. Topfpflanzen säumen die Gänge. Die Verhörzimmer sind mit Überwachungskameras ausgestattet, neben Tisch und Stühlen wurde im Boden ein Stahlring festgeschweißt, an dem Gefangene angekettet werden können. Für Besuche von Ehefrauen stehen mit Doppelbetten ausgestattete Sonderräume zur Verfügung, selbst einen Kinderspielplatz gibt es.

Der Verdacht liegt nahe, dass Ha’ir – eines von fünf Gefängnissen der Geheimpolizei Mabahith – ein geschöntes Bild vermitteln soll. Menschenrechtsgruppen sagen, die Zustände in anderen Strafanstalten seien weit schlimmer, immer wieder wird von Folter berichtet. Zumindest geben sich die Häftlinge von Ha’ir auskunftsfreudig. „Meine Haltung hat sich geändert“, erklärt Saud al-Harbi, ein flaumbärtiger 30-Jähriger. Bald habe er die zwölf Jahre Haft hinter sich, die gegen ihn für den Versuch, als Kämpfer in den Irak zu gehen und mit einem polizeilich Gesuchten Kontakt aufzunehmen, verhängt wurden. „Ich sah damals die Bilder aus dem Knast Abu Ghraib, den die Amerikaner betrieben. Ich wollte in den Irak, um etwas dagegen zu tun. Ich war eben sehr jung.“

Moaz, ein anderer Häftling, der hier elf Monate lang ohne Gerichtsurteil einsaß, wurde festgenommen, als er aus Syrien zurückkehrte. Dort hatte er sich der islamistischen Rebellengruppe Ahrar al-Scham (Bewegung der Levante) angeschlossen, um gegen die Assad-Armee zu kämpfen. „Als ich jedoch merkte, da töten Muslime andere Muslime“, so Moaz, „war es nicht das, was ich wollte.“

Saudi-Arabiens harte Linie gegen den Dschihad-Terror des IS ist mit dem sonstigen Ruf des Landes schwer in Einklang zu bringen. Doch in der Heimat von Osama bin Laden und von 15 der 19 Flugzeugentführer vom 11. September 2001 soll die weit verbreitete Ansicht aus der Welt geschaffen werden, der saudische Staat sei Brutstätte und Großexporteur für mörderischen Fanatismus. Zwar teilt der IS grundsätzlich die salafistische oder wahhabitische Ideologie der Saudis, verbindet sie allerdings mit neumodischen Strömungen des Dschihadismus, die dem konservativen Königshaus zuwider sind. Und so gelten die IS-Anhänger in Riad als vom Glauben abgefallen, auch wenn deren Auslegung der Scharia mit Enthauptungen und anderen drakonischen Strafen weitgehend die gleiche ist wie die der saudischen Staatsräson.

Einsame Wölfe

Nachdem die Saudis im eigenen Land alQaida das Handwerk gelegt und dabei Hunderte von Militanten verhaftet und getötet haben, bekämpfen sie nun also den IS und wollen, dass die Welt es sieht und zur Kenntnis nimmt. 2014 beteiligten sich die Streitkräfte an den Luftschlägen der US-geführten Koalition gegen den IS, brachen diesen Einsatz aber ab, als der Krieg im Jemen begann. Unlängst verkündete Vize-Kronprinz Mohammed bin Salman die Gründung einer Anti-Terror-Allianz sunnitischer Staaten, was weithin als PR-Spektakel abgetan wurde. „Es geht darum, ein System aufzubauen“, beteuert Turki ibn Faisal, Ex-Geheimdienstchef Saudi-Arabiens und Mitglied der Königsfamilie.

Der IS hat es auf Saudi-Arabien mittlerweile besonders abgesehen. Mit Vorliebe verunglimpft der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi das Herrscherhaus der Saud als Al Salul, in Anspielung auf einen Zeitgenossen Mohammeds, der nach außen hin den Islam pries, aber hinterrücks gegen den Propheten intrigierte. Im Vorjahr verübten IS-Kader im Königreich 15 Anschläge und töteten dabei 65 Menschen. Besonders verheerend war das Attentat auf eine schiitische Dorfmoschee im Osten des Landes mit 23 Toten.

Die meisten dieser Taten gehen jedoch auf das Konto sogenannter einsamer Wölfe. „Der IS wollte eine Organisation aufbauen, aber das ist fehlgeschlagen“, sagt General Mansur al-Turki, Sprecher des Innenministeriums. „Anders als al-Qaida ist es ihnen nicht gelungen, ausgebildete Kämpfer zu rekrutieren.“ Unter der Hotline 990 würden mittlerweile jede Woche im Schnitt 180 Hinweise auf mutmaßliche Terroristen eingehen, fügt der General hinzu.

„Der Geheimdienst hört alle Telefone ab, und sobald du einmal ‚IS‘ sagst, findest du dich im Knast wieder“, erklärt mir ein älterer Herr in Riad. Und eine Universitätsdozentin sagt: „Gegen den Terrorismus gehen sie mit aller Härte vor. Aber von einem Rechtsstaat kann dabei nicht die Rede sein.“ Tausende sitzen auf Grundlage eines nur vage formulierten Gesetzes in Haft. Auch weiterhin unterstützt Saudi-Arabien oppositionelle Gruppen in Syrien, darunter die extremistische Dschaisch al-Islam (Islamische Armee). Doch wurde die Politik in den vergangenen Jahren aus Furcht vor einer ähnlich explosiven Lage wie in den 90er Jahren geändert, als die zuvor mit offiziellem Segen nach Afghanistan gereisten Dschihadisten zurückkamen.

Winzige Widerstandszellen

Im Frühjahr 2014 ächtete das Saud-Regime sowohl den IS als auch die Al-Nusra-Front, den syrischen Al-Qaida-Ableger, und verbot es seinen Bürgern grundsätzlich, im Ausland zu kämpfen. Finanzhilfen für den islamistischen Widerstand in Syrien brauchen nun den klandestinen Weg, Spendenaufrufe sind obsolet. Weniger gut gelang es, aufwieglerische Prediger zur Räson zu bringen. Heute betonen westliche Diplomaten, die angebliche Terror-Toleranz der Saudis sei ein „veraltetes Stereotyp“.

Die Zahl der saudischen Staatsbürger, die seit 2011 nach Syrien gegangen sind, wird auf 3.000 geschätzt, etwa 700 von ihnen sind mittlerweile zurück. Regierungsvertreter weisen darauf hin, dass im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung von 21 Millionen deutlich weniger Saudis sich dem IS anschließen als etwa Tunesier – trotz einer dort vom republikanischen Frankreich geprägten Kolonialzeit, einer weltlichen Regierung und eines relativ erfolgreich verlaufenen Arabischen Frühlings.

„Ja, es gibt IS-Sympathisanten in Saudi-Arabien, aber die gibt es in anderen muslimischen Ländern ebenso“, meint General al-Turki vom Innenministerium. „Und die 2.000 oder 3.000 Tunesier in Syrien haben keinen wahhabitischen Hintergrund, ebenso wenig die Tschetschenen oder Dagestaner.“ Wegen der Rolle europäischer Muslime bei den Gräueltaten des IS ist in der arabischen Welt mittlerweile der Spottbegriff „Belgikistan“ für Belgien im Umlauf.

Etwa fünf Prozent der saudischen Bevölkerung – also gut 500.000 Menschen – gelten als IS-Anhänger. Was sie motiviert, ist nicht zuletzt die Bewunderung dafür, dass sich eine sunnitische Gruppierung kompromisslos gegen den Iran und die Schiiten stellt. Jenseits der Regierungskreise werden diese Zahlen durchaus als Problem wahrgenommen. Viele sehen die Schuld bei extremistischen Geistlichen, die ihre Lehren in den Moscheen verbreiten. „Früher war ich gegen die Todesstrafe“, sagt Mazen Sudairi, ein Wirtschaftswissenschaftler. „Aber als ich sah, was der IS tut, habe ich meine Meinung geändert.“

Die Ausrichtung vieler Koranschulen im Land versetzt die Liberalen in Panik. Eine junge Mutter schildert entsetzt, wie ihr Sohn in der Klasse als Ungläubiger beschimpft wurde und zu Hause fragte, warum sein christliches Kindermädchen keine Religion habe. „Wir sind ein muslimisches Land, aber wir brauchen den maßvollen Islam“, sagt die Pädagogin Fawzia al-Bakr. „Die Regierung erkennt inzwischen, dass die gewalttätige Ideologie der Radikalen unsere eigene Gesellschaft bedroht.“

Auch die Kritik an Munasahat, dem gepriesenen Resozialisierungsprogramm für Glaubenskämpfer, bei dem Sozialarbeiter, Psychologen und Imame kooperieren, mehrt sich. Es gebe eine Erfolgsquote von 85 Prozent, heißt es offiziell, besonders bei Sträflingen aus dem Gefängnis Ha’ir. „Leute, die Munasahat durchlaufen haben, sind danach wieder in den Kampf gezogen“, widerspricht Haifa al-Hababi, eine Architektin aus Riad. „Du kannst keinem trauen, der eine Gehirnwäsche hinter sich hat.“

Ob durch „Gehirnwäsche“ oder aus Überzeugung: Die Dschihadisten, die den saudischen Staat bekämpfen, wollen nicht die Waffen strecken. Symptomatisch ist die Geschichte von Faris al-Sahrani, einem führenden Geistlichen in Al-Qaida-Diensten, der zu den im Januar Hingerichteten zählt. Zu den Versuchen regierungstreuer Islamgelehrter, ihn zum Widerruf seiner Ansichten zu bringen, erklärte er: Man dürfe nicht „das sinkende Schiff der Saud besteigen. Denn dieses Schiff befördert nichts außer Flugzeugen für Amerika.“

„Saudi-Arabien bietet nach wie vor den Nährboden für Radikalisierungen, deshalb hat der IS hier weiter viele Sympathisanten“, glaubt ein in Riad ansässiger Diplomat. „Nur eine Minderheit davon mag kampfbereit sein – und doch ist die Zahl der Terroranschläge im Inneren inzwischen wieder fast so hoch wie in den Al-Qaida-Jahren. Sie richten sich gegen Sicherheitskräfte und gegen Schiiten, genau wie im Irak. Die Zellen der Täter sind winzig, nur zwei, drei oder höchstens vier Leute. Damit bleiben sie lange unentdeckt, sind andererseits nur begrenzt handlungsfähig. Vor zehn Jahren ließen sich die Behörden noch überrumpeln, heute sind sie vorbereitet. Sie haben eine Menge Leute verhaftet. Die Lage bleibt fragil, ist der Regierung aber noch nicht entglitten.“

Ian Black hat als Nahostkorrespondent des Guardian eine Serie über Saudi-Arabien geschrieben. Der erste Teil wurde im Freitag vom 4. Februar 2016 abgedruckt

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 24.02.2016
Geschrieben von

Ian Black | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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