Absturz der Kryptowährungen: Betrug, toxische Minen und verlorene Ersparnisse

Terra Luna, Bitcoin, Ethereum Es hätte eine Finanzrevolution werden sollen. Doch Kryptowährungen sind nicht nur ökologisch desaströs. Der Ukraine-Krieg offenbart auch noch andere Probleme
Der Kurs von Kryptowährungen ist sehr volatil
Der Kurs von Kryptowährungen ist sehr volatil

Foto: Marco Bello/Getty Images

Kryptowährungen sind nach Ansicht ihrer glühendsten Anhänger dazu da, die existierenden nationalen Währungen zu verdrängen und die Kontrolle der Zentralbanken über das Geldangebot zu beenden. Stattdessen können Einzelne in einem dezentralisierten, digitalen Finanz-Ökosystem miteinander handeln. Das ist eine gute Sache, versprechen die Befürworter, weil Technologie im Gegensatz zu Staaten und ihren Zentralbanken nicht korrumpierbar ist. Krypto-Evangelisten stellen sich Technologie als Ersatz für gesellschaftliche und politische Institutionen vor.

Aber Technologie ersetzt nie gesellschaftliches und politisches Verhalten; es verändert nur die Regeln und Normen, denen wir folgen. Um das in Aktion zu sehen, muss man nur einen Blick auf den abstürzenden Wert von Terra Luna werfen, einem Krypto-Token, der an einem Tag um 98 Prozent an Wert verlor, was einigen Investoren ihre lebenslangen Ersparnisse gekostet hat; auf den sinkenden Wert der Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum; oder auf die zahllosen Betrugsopfer, deren Non-Fungible Tokens (NTFs) gestohlen wurden.

NFTs nutzen die gleiche Blockchain-Technologie wie Kryptowährungen, um algorithmisch generierte Illustrationen zu handeln, die ein bestimmtes Motiv variieren. Im Angebot sind die Sammlung von Cartoon-Zeichnungen wie „Bored Monkeys“ (gelangweilter Affen) und „Lazy Lions“ (faule Löwen) oder "CryptoDickButts". Obwohl solche NFTs ästhetisch wenig inspirierend sind, können sie für bis zu 91,8 Millionen US-Dollar gehandelt werden. Und da sie an Wert zugelegt haben, sind Betrügereien mit gestohlenen NFTs an der Tagesordnung. Erst letzten Monat wurde das Instagram-Konto des Bored Ape Yacht Clubs gehackt. Die Täter stahlen NFTs im Wert von rund drei Millionen Dollar, indem sie Follower auf eine gefälschte Website leiteten.

Kryptowährungen haben potenziell destabilisierende geopolitische Kraft

Wenn ein Betrüger einen CryptoDickButt stiehlt, ist von ekstatischen Manifesten über die dezentralisierte Macht der Blockchain nichts mehr zu hören: Die Betrugsopfer appellieren an die wenigen Krypto-Börsen, den Verkauf ihrer gestohlenen NFTs zu blockieren. Die zugrundeliegende Technologie und die Token mögen dezentralisiert sein (und selbst diese Behauptung ist fragwürdig, da die Kryptomärkte stark in den Händen einiger hundert Personen konzentriert sind.) Aber wo man diese Dinge tatsächlich kaufen, nutzen und verkaufen kann, ist immer noch auf einige wenige Dienste und Handelsplätze beschränkt. Das zwingt Krypto-Fans, einer knallharten Wahrheit ins Auge zu sehen: Währungen und Verträge sind nur soviel wert und durchsetzbar, wie die Menschen und Institutionen, die ihre Rechtmäßigkeit anerkennen. Die Blockchain-Technologie ändert daran kein Bisschen etwas.

In Reaktion darauf haben Staaten und Institutionen begonnen, Kryptowährungen als potenziell destabilisierende geopolitische Kraft zu behandeln, indem sie die gefräßigen Energiemengen, die Kryptominen verbrauchen, deckeln oder besteuern. Die Krypto-Mining-Industrie verbraucht bereits jetzt 0,55 Prozent der globalen Energieproduktion – ungefähr so viel wie ein kleines Land. Es kann so weit gehen, die Blockchain-Technologie komplett zu verbieten. China hat das Schürfen und Nutzen von Kryptowährungen Ende 2021 effektiv verboten; davor war das Land volumenmäßig bei weitem der größte Bitcoin-Mining-Standort; im September 2019 wurden dort ganze 75 Prozent des globalen Volumens geschürft. China verbietet Krypto-Währungen vermutlich aus mehreren Gründen: um den Energieverbrauch von Krypto-Minen einzudämmen, die Bürger vor Betrügereien zu schützen und den Geldfluss innerhalb des Landes ebenso wie mit Chinas Handelspartnern zu kontrollieren. Bis heute ist China der einzige Staat, der einen so drastischen Schritt gegangen ist, um die Technologie loszuwerden, aber andere Staaten stehen vor ähnlichen Problemen.

Russland musste diese Lektion in den vergangenen Monaten lernen, nachdem sich im Januar Krypto-Schürfer im nahegelegenen Kasachstan niedergelassen hatten, weil sie aus China herausgeflogen waren. Ihre Mining-Server forderten einen hohen Tribut vom Stromnetz des zentralasiatischen Landes. Sie wurden schnell zum zweitgrößten Krypto-Produzenten nach den USA und verbrauchten bis zu acht Prozent der gesamten Energieerzeugungskapazität Kasachstans. Trotz Anstrengungen, die Industrie durch Energiesteuern zu kontrollieren, kam es in Kasachstan wegen hoher Treibstoffpreise und unzuverlässiger Stromversorgung zu Bürgerunruhen. Um der Gewalt Herr zu werden, wurden im Januar russische Truppen und die benachbarter Länder ins Land gerufen, obwohl deren Hauptaufmerksamkeit eigentlich auf der Ukraine lag.

Handel zwischen russischen Rubel und Kryptowährungen seit Beginn des Ukraine-Kriegs verdoppelt

Der Krieg in der Ukraine erweist sich als ein anderer, aber ebenso entscheidender Moment für die Geopolitik von Kryptowährungen. Der Vize-Premierminister der Ukraine, Mykhailo Fedorov, kündigte am dritten März an, dass seine Regierung ein NFT herausgeben würde, um Geld für die Kriegsführung zu sammeln. Seit Kriegsbeginn hat die ukrainische Regierung Kryptowährungen im Wert von 50 Millionen US-Dollar zusammen bekommen. Dabei wird wenig darüber berichtet, wer genau auf diese Weise Geld für Waffen und militärische Ausrüstung der Ukraine sammelt. Vom stellvertretenden Minister für die digitale Transformation der Ukraine, Alex Bornyakov, war nur zu hören, dass „der größte Teil der meisten Spenden von Personen stamme“, ein anderer Teil von Unternehmen.

Russland ist selbst ein großer Krypto-Player, der 11 Prozent der Bitcoin-Mining-Kapazitäten bereitstellt. Die Oligarchen im Land sind sicher dankbar, denn der Handel zwischen dem russischen Rubel und Kryptowährungen hat sich seit Beginn des Angriffs auf die Ukraine verdoppelt. Im Moment scheint es noch zu funktionieren, Sanktionen durch den Umtausch von Rubel in Kryptowährungen zu umgehen, aber das könnte bald vorbei sein. Genauso wie Betrugsopfer schnell dabei sind, zu fordern, dass NFT-Handelsplätze einen gestohlenen Affen auf die schwarze Liste setzen, wächst der Druck auf Kryptobörsen, Russen von ihren Plattformen auszuschließen. In der Branche wird heftig darüber debattiert, ob das dem Sinn der Technologie zuwiderläuft. Aber der springende Punkt ist: Kryptowährungen haben keine Finanzrevolution ausgelöst, sondern nur Staaten und Betrügern eine neue Figur gegeben, mit der sie auf dem großen Schachbrett spielen können.

Das ist nur der Anfang. Die Produktion undurchschaubarer Finanzanlagen durch die Nutzung über mit Kohle produzierten Stromnetze trägt zur schnellen Erwärmung des Planeten bei, die bereits Kalifornien die schlimmste Dürre seit mehr als tausend Jahren oder Indien stärkeren und unberechenbareren Monsunregen erleben lässt. All die ätherischen Bilder, die mit Kryptowährungen verbunden sind, verschleiern die Tatsache, dass sie aus Millionen Tonnen Kohle, Kupfer, seltenen Metallen und Plastik bestehen. Die Server, die Krypto schürfen, stehen auf dem Planeten Erde in realen Ländern, mit Gesetzen, Kriegen und Ressourcenknappheit – die von Politiker:innen regiert werden, die reale Verpflichtungen und Interessen haben. Durch die russische Invasion der Ukraine beginnen wir eine entstehende Geopolitik von Kryptowährungen zu erkennen, die der alten Welt des Bank- und Finanzwesen sehr stark ähnelt.

David A. Banks ist Direktor für Globalisierungsstudien an der University at Albany, State University of New York (SUNY). Demnächst erscheint sein Buch „The City Authentic: How the Attention Economy Builds Urban America“.

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David A. Banks | The Guardian

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