Kummerbox im Netz

Gegenöffentlichkeit Das amerikanische Online-Forum SeeClickFix läßt Bürger über die kleinen Alltagsprobleme reklamieren und erreicht damit manch eine Veränderung

Die Geschichte an sich war ganz alltäglich – nicht jedoch die Art und Weise, wie über sie berichtet wurde. Anfang des Jahres erschien auf der nichtkommerziellen Nachrichtenseite New Haven Independent ein Artikel über „die hässlichste Ladenfront auf der Chapel Street“. Die Anwohner drängten darauf, dass ein ehemaliger Tätowierladen in der Innenstadt, in dem der Telefonanbieter AT eine Filiale eröffnen wollte, renoviert werden sollte. Insbesondere die Fassade hielten sie für einen Schandfleck. Der Independent berichtete, sie sei „pechschwarz und ihre Beschaffenheit erinnere viele an Styropor“.

In den meisten Fällen stoßen Reporter auf solche Geschichten aus dem städtischen Alltag nur, wenn sie von jemandem einen Hinweis bekommen. In diesem Fall jedoch erfuhr Melissa Bailey, Chefin vom Dienst des New Haven Independent, von dem Gebäude durch das Online-Forum SeeClickFix, in dem Bürger ihre Beschwerden posten und Regierungsbeamte antworten können. SeeClickFix ist ein Start-up, das amerikaweit bekannt ist, seit die New York Times im Januar einen Artikel darüber veröffentlichte. Zu den 400 Medienpartnern des Forums zählen unter anderem die New York Times, die Washington Post und natürlich auch der New Haven Independent.


„Ich stieß über den RSS-Feed von SeeClickFix auf unserer Seite auf das Thema“, erinnert sich Bailey. „Die Geschichte war perfekt dokumentiert – Ich hatte den Ort (der auf einer Karte ausgewiesen war) und eine ganze Reihe von zitierfähigen Kommentaren, die Kritik an der Fassade übten. Alles, was ich noch tun musste, war ein Foto der Ladenfront zu organisieren und den Eigentümer anzurufen.“

Vor ein paar Wochen ergab sich die Möglichkeit, SeeClickFix einen Besuch abzustatten und mit Ben Berkowitz, einem der Gründer des Start-ups, zu sprechen. Sein Büro im zweiten Stock liegt rein zufällig in der bereits erwähnten Chapel Street. Berkowitz entspricht optisch dem Klischees eines Internet-Unternehmers: Der 31-Jährige ist leger gekleidet und hat sich schon länger nicht mehr rasiert. Die Idee zu SeeClickFix kam ihm, als er versuchte, in seinem Viertel in New Haven ein hässliches Graffiti von der Wand zu entfernen.

„SeeClickFix ist ein Tool, das den Bürgern ermöglicht, alles zur Sprache zu bringen, was sie in ihrer Nachbarschaft gerne anders haben wollen“, sagt er. Seit dem Start der Seite im Jahr 2008 konnte das Unternehmen dank dem mit 25.000 Dollar dotierten PitchIt!-Preis der Agentur We Media und einigen hunderttausend Dollar Risikokapital auf fünf Vollzeitbeschäftigte wachsen. Obwohl SeeClickFix bislang noch keinen Profit abwirft, hofft Berkowitz darauf, dass sich das dank der stabilen Einnahmen aus Anzeigen und speziell zugeschnittenen Dienstleistungen, die er einigen Kunden anbietet, bald ändern wird (der einfache Zugriff auf die Seite ist umsonst).

Berkowitz hatte SeeClickFix ursprünglich nicht unbedingt als eine Seite konzipiert, die für Nachrichtenmedien von Interesse sein könnte. Doch er sagt, er habe schnell entdeckt, dass damit jene Art von Bürger-Journalismus möglich ist, der gerade dabei war aus der Mode zu kommen. Ein erster Durchbruch etwa gelang der Seite, als Berkowitz auf der Webseite des Boston Globe auf eine Schlagloch-Karte stieß. Er rief einen der Redakteure an und sagte ihm, er könne dem Globe dabei helfen, die Karte zu verbessern. Der erste wichtige Kunde war gewonnen.

„Ein Typ von der Nachrichtenagentur Associated Press sagte einmal zu mir: „Genau das habe ich getan, als ich 22 war und als Journalist anfing. Ich ging raus und berichtete über Schlaglöcher““, erzählt Berkowitz. „Genau darum geht es bei SeeClickFix. Den Lokalzeitungen fehlt es an Geld und Personal. Sie müssen effizienter denken, wie ein Start-up eben, und einen Weg finden, wie sie die Bürger mobilisieren können, um Regierungen zur Verantwortung zu ziehen.“


Die Regionalseiten des Guardian für Leeds, Cardiff und Edinburgh arbeiten mit einem ähnlichen Forum namens mySociety zusammen. SeeClickFix und mySociety sind klassische Beispiele für Crowdsourcing. Der Begriff wurde zuerst von Jeff Howe 2006 in einem Artikel in der Zeitschrift Wire benutzt, später schrieb er unter diesem Titel ein Buch. Crowdsourcing bezeichnet im Prinzip alle technisch gestützten Versuche, das Wissen einer großen Personengruppe anzuzapfen.

Für alle, die sich von der Belanglosigkeit und puren Gehässigkeit der Kommentare auf den Internetseiten vieler Zeitungen und Zeitschriften abgeschreckt fühlen, kann ein Projekt wie SeeClickFix und mySociety (zu dem auch die Seite FixMyStreet gehört) ein Beispiel dafür sein, wie sich die Partizipation des Publikums in konstruktive, nützliche Bahnen lenken lässt.

Sehen wir uns noch einmal genauer an, wie SeeClickFix es Melissa Bailey und dem New Haven Independent ermöglichte, über die „hässlichste Ladenfront auf der Chapel Street“ zu berichten. Bailey berichtete, dass 42 Bürger Beschwerden über das Gebäude gepostet hatten. Sie zitierte einen Beamten der Stadtentwicklungsbehörde namens Pedro Soto, der geschrieben hatte: „Dieses armselige Gebäude ist ein Dolch, der im Herzen von New Haven steckt.“ Sie zitierte diverse andere Beschwerden, die sie auf der Seite gefunden hatte, darunter auch anonyme Kommentare und einen von Berkowitz selbst.

Nicht jede Kampagne auf SeeClickFix endet zufriedenstellend. Peter Persona, der Besitzer des Ex-Tätowier-jetzt-Telefonladens erklärte Bailey im Januar, er sei „bereit, Veränderungen vorzunehmen“. Doch auf der Webseite von SeeClickFix steht das Problem immer noch in der Kategorie „open“ – anders gesagt, es ist noch nicht gelöst .

Als ich ihn frage, ob er SeeClickFix für ein journalistisches Medium hält, äußert Berkowitz Bedenken. „Ich glaube, dass SeeClickFix ein Werkzeug für Journalisten ist“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass ich ein Journalist bin. Ich sehe uns nicht als Nachrichtenorganisation.“

Paul Bass, Chefredakteur und Herausgeber des New Haven Independent, ist anderer Ansicht: „Ich glaube, was SeeClickFix macht, ist Journalismus in seiner einfachsten und unverfälschtesten Form. Die Seite bringt Informationen ans Licht, die Journalisten sonst nicht hätten. Informationen, die oft zu guten Geschichten und weiteren Recherchen führen. Sie bewegt Dinge. In New Haven hat sie meinen Glauben an die Demokratie gerettet, da ich beobachten konnte, wie die Behörden verfolgten, was auf der Seite geschah, den Beschwerden nachgingen und handelten.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:18 03.06.2010
Geschrieben von

Dan Kennedy | The Guardian

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The Guardian

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