Kunst als Technik

Preis Am Sonntag werden die Oscars verliehen. „Gravity“ ist nicht nur der beste, sondern auch der aufwendigste Film
Steve Rose | Ausgabe 09/2014 1

Vor dem Ende der Filmpreis-Saison werden die Macher von Gravity wohl nicht wieder auf die Erde zurückkehren. Für die Oscar-Verleihung am 2. März ist der Film, der unlängst sechs Britische Filmpreise (Bafta) gewann, in zehn Kategorien nominiert, darunter den für die Beste Regie. Dazu kommen das einhellige Lob der Kritiker und die gut 850 Millionen Euro, die Gravity bislang weltweit eingespielt hat. Ohne Zweifel hat Alfonso Cuaróns Weltraum-Epos mehr als jede andere Produktion des vergangenen Jahres die Grenzen des Genres erweitert. Das ging so weit, dass die wenigsten Zuschauer verstanden haben dürften, wie in aller Welt der Film überhaupt gemacht wurde. Cuarón und sein Team hatten davon zu Beginn, vor viereinhalb Jahren, ebenfalls keine Vorstellung.

Ursprünglich hatte der Regisseur nicht einmal vor, dass Gravity im All spielt. Das Thema hieß: „Adversity“, Ungemach, Cuarón diskutierte mit seinem Sohn und Ko-Autor Jonás Überlebensszenarien. Bezugspunkte waren zwei Filme, die mit dem All nichts zu tun haben: Steven Spielbergs Duell (1971) und Robert Bressons Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen (1956) – beides stark reduzierte Thriller mit einer existenziellen Dimension.

Dass Gravity schließlich nicht in der Wüste, sondern im Weltraum spielt, stellte die Filmcrew vor Herausforderungen: simulierte Schwerelosigkeit, die Physik des Alls, der Nachbau komplexer Maschinen – und das für ambitioniert lange Einstellungen. „Als mir klar wurde, dass es so technologisch werden würde, hat mir das zunächst ein wenig die Lust genommen, denn das war eigentlich nicht, was ich mir vorgestellt hatte“, sagt Cuarón.

In allen Einzelheiten zu erklären, wie Gravity funktioniert, würde eine ganze DVD-Box füllen. Cuarón schreibt viel dem Einfallsreichtum seiner Crew zu, insbesondere dem von Kameramann Emmanuel Lubezki und Effects Supervisor Timothy Webber. „Ich kann nicht verstehen, wenn Menschen die Kunst wie eine religiöse Erfahrung über alles andere stellen wollen. Vor der Romantik waren Kunst und Technik ein und dasselbe. Ich betrachte diese Menschen als eigenständige Künstler.“

Klammer am Bein

Lubezki hatte auf einem Peter-Gabriel-Konzert ein Heureka-Erlebnis. Die dortige Bühnenbeleuchtung inspirierte ihn, die Schauspieler in eine riesige Lichterbox zu versetzen. Leinwände auf den Innenseiten dieses drei Quadratmeter großen Würfels passten das Licht auf den Gesichtern der Schauspieler der virtuellen Umgebung an, in der sie Monate später, als der Film digitalisiert wurde, schließlich umhertrieben. Es passte immer nur ein Schauspieler oder eine Schauspielerin hinein, für gewöhnlich hing er oder sie wie eine menschliche Puppe an einer speziellen Drahtaufhängung – hin und wieder unterstützt durch eine Klammer am Bein oder irgendein anderes mittelalterlich anmutendes Gerät. Roboterarme, wie man sie aus der Autoindustrie kennt, bewegten Schauspieler und Kamera. Die Bewegungen waren alle vorprogrammiert, damit sie zu der Computeranimation passten.

Wenn der riesige Leuchtkasten die Apollo-Kapsel des Films war, dann fungierten Sandra Bullock und George Clooney als Testpiloten, die noch dazu meistens blind fliegen mussten. „Wir sahen bloß Dunkelheit, weiße Leuchtkästen, Geräte und vielleicht einmal ein Stückchen von einem Außentriebwerk oder einer Sojus. Wir mussten uns alles vorstellen“, sagt Bullock.

Die Beschreibung ihrer Drehtage klingt eher nach einer komplizierten medizinischen Prozedur als nach Schauspiel im gewöhnlichen Sinn. Bis zu zehn Stunden am Tag war Bullock im Inneren des Leuchtkastens festgeschnallt oder aufgehängt. Zumeist – abgesehen von den Instruktionen, die sie über einen Ohrhörer erhielt – in vollkommener Stille, nur beobachtet von einer an einem Roboterarm befestigten Kamera.

Ein Zentimeter

Es habe sich angefühlt wie völlige Einsamkeit, erzählt Bullock: „Andere Menschen habe ich nur gesehen, wenn jemand hineinkam, um etwas anzupassen oder zu richten. Alles andere lag hinter einem schwarzen Vorhang auf einer schwarzen Tonbühne. Oft bin ich in der Apparatur geblieben, in der ich mich gerade befand – das Rein- und Raussteigen dauerte einfach zu lange. Ich hörte Musik oder schloss die Augen – bis ich am Ende des Tages wieder rausgehen und die Sonne genießen konnte.“ Ungemach gab es für die Darsteller also auch in Wirklichkeit genug. „Mir ging es so ähnlich wie dem Charakter, den ich spielte“, sagt Bullock lächelnd, „ich war allein, frustriert, nichts funktionierte, ich hatte Schmerzen und wollte, dass jemand kommt und alles für mich in Ordnung bringt. Aber das ging nicht.“

Wenn sie nicht „rumhing“, musste Bullock sich durch exakt choreografierte Bewegungsabläufe manövrieren, die auf die jeweilige virtuelle Umgebung abgestimmt waren. „Das war am frustrierendsten“, erzählt sie. „Gerade, wenn man dachte, alles korrekt durchgeführt zu haben, sagten Alfonso oder Tim über Funk: ‚Bei 16,5 Sekunden war deine Hand sieben Zentimeter zu weit vorne.‘ Wenn man nur einen Zentimeter danebenlag, musste man noch mal von vorne anfangen. Es macht einen wahnsinnig, aber man macht einfach weiter, bis alles passt.“

Gravity, Alfonso Cuarón, USA/GB 2013, 90 Minuten

 

Übersetzung: Holger Hutt, Zilla Hofman
06:00 12.03.2014
Geschrieben von

Steve Rose | The Guardian

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