„Kunstwerke sind nun einmal Provokationen“

Porträt Hank Willis Thomas ist froh, wenn gesellschaftliche Probleme wirklich sichtbar werden. Trumps Siegeszug begrüßt er
„Kunstwerke sind nun einmal Provokationen“
Hank Willis Thomas hat den Fußball zur Kunstsache erhoben. Seine neuen Arbeiten reflektieren nicht nur zweifelhafte Tore, sie hinterfragen Regeln und Machtstrukturen

Foto: Sarah Lee/The Gaurdian

Für manche Leute ist Fußball eine Sache von Leben und Tod. Für den US-amerikanischen Künstler Hank Willis Thomas hingegen ist er noch weitaus wichtiger als das. Ja, auf ästhetischer Ebene ist The Beautiful Game, seine erste Einzelausstellung im Vereinigten Königreich, farbenprächtig und reine Energie: grelle Patchwork-Collagen aus Premier-League-Trikots; Totempfähle aus Rugby-, Football- und Cricket-Bällen, inspiriert von dem rumänischen Bildhauer Constantin Brâncuși; ein einzelnes Bein, das einen Fallrückzieher ausführt. All das lässt uns ein Raunen hören, das durch die nicht vorhandene Menge geht.

Doch Thomas versucht mit seiner Kunst auch zu fragen, wofür das Spiel eigentlich steht. Zunächst erschrickt zumindest der britische Fußballfan, wenn er die Trikots von Liverpool und Manchester United in ein einziges rotes Farbenschema verwoben sieht. Doch dann wird man aufgefordert, das Netz aus Sponsoren-Logos und Namen teurer Spieler aus der ganzen Welt zu untersuchen und die Widersprüche zu hinterfragen, die dem Spitzenfußball heute zugrunde liegen. Wer verdient wirklich das Geld? Müssen viele träumen, damit ein paar wenige Erfolg haben können? Und warum wollen wir uns unbedingt für eine Seite entscheiden?

Moral und Maradona

Mit dieser letzten Frage wird der Zuschauer der Schau in dem Augenblick konfrontiert, in dem er die Treppen zur Galerie hinabsteigt – und von einer aus der Wand ragenden Hand begrüßt wird, die gegen einen Fußball drückt. Das referiert auf Maradonas berüchtigtes Tor, das Argentinien bei der WM 1986 half, England aus dem Turnier zu werfen. Es sorgte bei den englischen Fans für große Empörung und ist immer noch unverdaut. Denn es war ein Hand-Tor, allerdings, wie Maradona schelmisch meinte, von der „Hand Gottes“ erzielt.

„Fußball ist oft ein Stellvertreter für Krieg“, sagt der 41-jährige, in New Jersey geborene Künstler. Er erinnert an den Falkland-Krieg, der vier Jahre vor dem Tor stattfand. „Dieses Werk thematisiert den Kolonialismus dieses Kriegs. Es fragt, wie die Regeln eines Spiels geändert werden können und wie wichtig es ist, um jeden Preis zu gewinnen, selbst wenn man bereits der Beste ist.“

All diese Fragen kommen auf dem Fußballplatz zum Tragen. „Auf der einen Ebene geht es im Sport um lokale Konkurrenz, gleichzeitig aber immer auch um eine internationale und ökonomische. Da treffen eine Menge Dinge aufeinander.“

Seine aus Fußball-Trikots gefertigten Collagen sind anderen Werken von großer Symbolkraft nachempfunden. Mit ihnen webt Thomas eine eigene Erzählung über die Kunstgeschichte: Da ist die Verve aus Matisses Jazz-Serie; da ist Stuart Davis’ Proto-Pop-Art-Arbeit Visa; und da sind die Flaggen der Asafo-Krieger, die vom Volk der Fante in Ghana hergestellt werden. Diese Arbeiten, sagt Thomas, sind Teil eines Dialogs zwischen der europäischen und der afrikanischen Kunst gewesen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die Kolonisation folgte.

Kunst und Provokation

In den öffentlichen Raum mit Kunstaktionen zu intervenieren, hat eine lange Tradition. Man denke etwa an den Fluxus-Künstler Joseph Beuys mit seinem „erweiterten Kunstbegriff“. So pflanzte Beuys bei der Documenta 7 1982 in Kassel die erste Eiche vor dem Fridericianum, der tausende weitere Bäume folgen sollten. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung nannte Beuys seine Skulptur.

Oder der Container mit zwölf Asylwerbern, den sein geistiger Erbe Christof Schlingensief in der Wiener Innenstadt aufstellte. Wie bei Big Brother wurden Personen aus dem Container rausgewählt und abgeschoben. Der Gewinner durfte in Österreich bleiben. Eine Reaktion auf den Wahlerfolg von Jörg Haider. Die Aktion war, natürlich, umstritten.

Globaler agiert HA Schult. Seit 1996 touren seine 300 Trash People durch die Welt. Sie bestehen aus Dosen, Flaschen und anderem Unrat. Schult versucht die Flüchtlinge der Konsumgesellschaft zu verbildlichen: die Vergessenen nicht vergessen.

An Vergessene dachte auch Ai Weiwei, als er 2016 die Säulen des Berliner Konzerthauses mit Schwimmwesten ummantelte. Den meisten Passanten waren die Westen nur von Bildern bekannt. Jetzt prangten sie vor ihnen.Meterhoch und in grellem Orange.

Politische Kunst lebt vom Schock, dem Schmerz, der Trauer und der Furcht. Sie soll provozieren, beim Rezipienten eine starke Reaktion erzeugen. Dies propagierte bereits Aristoteles in seiner Poetik. In seinem Fall war es das Theater, das heftige Gefühle beim Betrachter auslösen und schließlich zur Katharsis, der Reinigung, führen sollte

Thomas räumt ein, dass es bei seiner Kunst mehr darum geht, Debatten zu beginnen, als sie zu abzuschließen. Das ist seine Stärke. Seine Skulptur eines gigantischen langzackigen Afro-Pick-Kamms, aus dem eine Black-Power-Faust emporragt, wurde auf dem Thomas Paine Plaza in Philadelphia installiert, nur wenige Meter von einer Statue des umstrittenen Ex-Bürgermeisters Franz Rizzo entfernt. Nun wurde sie da entfernt. „Ich verstehe, dass das provoziert hat, aber Kunstwerke sind nun einmal provokativ“, sagt Thomas, der nicht für den Standort der Skulptur verantwortlich zeichnet.

Seine früheren Arbeiten näherten sich den Dingen aus einem persönlicheren, wenn auch nicht weniger politischen Winkel. Im Jahr 2000 wurde sein älterer Cousin Songha in Philadelphia bei einem Straßenraub erschossen. Der Mord war offenbar völlig sinnlos und unnötig, Songha lag mit dem Gesicht nach unten im Schnee, als er erschossen wurde. Thomas beschloss, sich dem traumatischen Ereignis künstlerisch zu nähern. Er stellte den Mord für Winter in America, eine Kollaboration mit Kambui Olujimi aus dem Jahr 2005, mithilfe von „G.I. Joe“-Figuren nach. Ein weiteres Werk aus dieser Periode, Priceless #1, zeigt ein Bild von Trauernden bei Songhas Beerdigung mit folgenden Text-Inserts: „Dreiteiliger Anzug: $250. 9mm-Pistole: $80. Den perfekten Sarg für deinen Sohn auszuwählen: unbezahlbar.“

Das ist natürlich sarkastisch. Hank Willis Thomas: „Ich sah meine Tanten in dem Bestattungsinstitut – dort gab es Särge für 7.000, für 2.000 und für 500 Dollar –, wie sie sich fragen: ,Liebe ich ihn mehr, wenn ich den für 7.000 kaufe?‘ Selbst wenn wir trauern, wird uns noch etwas verkauft.“

Werke wurden wieder entfernt

Eine Faszination für Werbung zieht sich durch Thomas’ Arbeiten. Am deutlichsten zeigt sie sich in seiner Reihe Unbranded. Hier entfernte er den Text von Anzeigen, um zu zeigen, wie demütigend schwarze Männer und weiße Frauen vermarktet wurden. Ihres Kontexts beraubt, zeigen die nackten Bilder Frauen in grenzwertig pornografischen Posen oder schwarze Männer, die auf krude Stereotype reduziert sind. Ein Spot aus dem Jahr 1978 für Blue Bonnet-Margarine wirbt mit dem Boxweltmeister im Schwergewicht, Joe Frasier, mit einem Häubchen auf dem Kopf, um ihn, so Thomas, als eine „Mammy-Figur, eine Sklavenkarikatur“ darzustellen, die „einen an Aunt Jemima denken lässt“.

In jüngster Zeit hat Thomas seinen Sinn für Werbung auf direktere Art und Weise eingesetzt. 2016 half er, „For Freedoms“ ins Leben zu rufen; das erste von Künstlern geführte Political Action Committee, eine private politische Organisation also, die für politische Kandidaten oder Anliegen mobilisiert. Im Vorfeld der US-Wahlen ließ die Gruppe große Plakate kleben, auf denen die Konfrontation zwischen Polizei und den Demonstranten der Bürgerrechtsbewegung am Bloody Sunday in Selma, Alabama, zu sehen war. Darunter die Worte: „Make America great again.“

Die Proteste im Jahr 1965 führten dazu, dass die Gesetze zum Schutz des Wahlrechts von Afroamerikanern geändert wurden. „In der Politik gibt es keine Zwischentöne“, sagt Thomas. „Wer versucht, eine differenzierte Debatte zu führen, dem wird für gewöhnlich unterstellt, er habe sich als Intellektueller in die Politik verirrt. Einfache Debatten führen zu einfachen Lösungen.“ Obwohl Thomas so viel von Einfachheit spricht, ist seine Kunst nicht einfach. Viele waren irritiert von der Botschaft der Plakate mit der „Make America great again“-Parole und dachten, extrem rechte Pro-Gruppen hätten sie in Auftrag gegeben. Schließlich wurden sie wieder entfernt, nachdem sie, wie so oft bei Thomas’ Arbeiten, eine Debatte zumindest angeregt hatten. „Ich denke, wir hätten wissen müssen, dass es kontrovers aufgenommen werden würde“, sagt er lächelnd. „Aber wenn man wirklich über dieses Bild nachdenkt: Wer waren an jenem Tag die wahren Gewinner?“

Der Aufstieg Obamas als auch der Trumps ließen seine Kunst politischer werden. Denn er sah die Politik gleichsam durch den Spiegel der Werbung. „Beide waren erfolgreich, indem sie die neuesten, aufregendsten Marken geschaffen hatten. Trump hat bewiesen, dass kein Geld der Welt einer großen Marke etwas anhaben kann. Da er sich seit Jahrzehnten als Gewinner vermarktet, gelang es seinen Gegnern selbst mit zwei Milliarden Dollar und trotz Trumps Mithilfe nicht, seine Marke zu beschädigen.“

Ist Thomas eigentlich überrascht, was mit Trumps Wahl aus der amerikanischen Psyche so hochblubberte? Und macht ihm die Entwicklung Angst? Der Künstler verneint: „Ich fühle mich wie einer dieser eigenartigen Menschen, die glauben, es sei noch nie besser gewesen. Denn wenn man nicht auf das Problem zeigen und es nicht wirklich sehen kann, kann man es auch nicht wirklich angehen.“

Auch ihn beeindrucken die jüngsten Proteste in den USA, bei denen Football-Spieler während der Nationalhymne niederknien, um gegen die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner zu protestieren. „Wir erleben gerade, wie Millionäre und Milliardäre gegen Unrecht demonstrieren. Es ist spannend zu sehen, wie diese Menschen ihre Sichtbarkeit für etwas anderes einsetzen als die Gewinne großer Unternehmen.“

Zu sehen, wie sich die Spieler gegnerischer Teams gegen einen gemeinsamen Gegner zusammentun, wie die Besitzer von NFL-Teams ihre Loyalitäten ändern, das befriedigt ihn zutiefst. Denn die Überwindung starrer Regeln und ungeschriebener Gesetze ist genau das, was Thomas in The Beautiful Game zu erreichen versucht. Wir sollten uns an den Gedanken gewöhnen, dass es völlig willkürlich sein kann, für welche Mannschaft unser Herz schlägt.

„Der Kontext dessen, wer ‚wir‘ und wer ,sie‘ sind, ist äußerst dehnbar und verändert sich ständig“, sagt Hank Willis Thomas. „Das ist der Grund, warum ich den Leuten immer erzähle, dass race nicht real ist. Es ist ein Mythos, eine Strategie des Teile-und-Herrsche, um die Leute gegeneinander aufzubringen, während andere sie ausbeuten.“ Er lächelt und fügt hinzu: „Sehr ähnlich wie im Sport.“

Info

The Beautiful Game ist bis zum 24. November in der Galerie Ben Brown Fine Arts, London, zu sehen

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 04.11.2017
Geschrieben von

Tim Jonze | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 4678
The Guardian

Kommentare