„Lange Zeit der Erholung“

Popmusik Das neue Album von Beck ist da. „Morning Phase“ ist großartig geworden. Dafür gibt es ein paar Gründe, wie man im Interview erfährt
Paul MacInnes | Ausgabe 09/2014 2

Die Capitol Studios in Hollywood sind einer der heiligen Orte der Popgeschichte. Im weitläufigen Studio A, das 75 Musikern Platz bietet, hat Frank Sinatra sein erstes Album aufgenommen. In Studio B entstand American Idiot von Green Day. Die Echokammern wurden von Les Paul entworfen, die Flure im Untergeschoss hängen voller Fotos, die Künstler wie Nat King Cole, Dean Martin oder Sam Cooke auf dem Zenit ihrer Karriere zeigen. Der Ruf des Studios zieht noch immer Musiker aus der ganzen Welt an.

Ich treffe Beck an einem hellen kalifornischen Wintertag in einem Mastering-Raum, der auf der anderen Seite des engen Flurs gegenüber dem Studio A liegt. Zwanzig Jahre ist er nun im Geschäft, seit er 1994 mit Loser bekannt wurde, und hat Alben aller Stilrichtigungen veröffentlicht: Von Country bis Rock, von Soul bis Hip-Hop hat er kaum ein Genre und eine Kombination ausgelassen. 43 ist Beck nun und er sieht gut aus. Er wirkt auf eine Art jugendlich, die eher auf einen sauberen Lebensstil schließen lässt, als auf diskrete Botoxanwendungen. Er trägt einen Schnurrbart (einen sehr dünnen), gut gelaunt ist er auch. Als ich mein Diktiergerät anschalte, haben wir bereits eine angeregte Unterhaltung über Kanye Wests Posertum hinter uns. Das entspricht, ehrlich gesagt, nicht meinen Erwartungen. Ich hatte mir Beck als eher schwermütigen Zeitgenossen vorgestellt.

Morning Phase ist Becks zwölfte Studioplatte – allerdings die erste nach einer sechsjährigen Pause. Sie ist vom LA-Rock der 1970er und dem Nashville Country in-spiriert und stellt außerdem eine Wiederbegegnung mit der Band dar, mit der er vor zehn Jahren das Album Sea Change aufgenommen hat. Auf Morning Phase geht es langsam, beinahe ätherisch zu, von der Ausgelassenheit eines Albums wie Odelay oder Midnite Vultures ist es weit entfernt. Stellenweise ist die Stimmung auch melancholisch – etwa wenn das beklemmende Hallen in Wave sich in einen Refrain steigert, der bloß aus einem klagend vorgetragenen Wort besteht: „Isolation“.

Tiefe Narbe

Gibt es gute Gründe für Becks jüngste Düsternis? Kurz vor Weihnachten sagte der Musiker einer argentinischen Zeitung, er habe in den vergangenen Jahren an einer schweren Rückenverletzung gelitten und sei während der „langen, langen Zeit der Erholung“ nicht in der Lage gewesen, ein Instrument zu spielen. Mehr sagte er damals nicht, und auch jetzt spricht er das Thema nicht direkt an. Aber klar ist, dass eine solche Verletzung bei einem passionierten Musiker eine tiefe Narbe hinterlässt. Morning Phase erweckt aber auch den Eindruck, dass Beck hier mehr verarbeitet hat als nur diese Erfahrung – eine umfassendere, universellere Enttäuschung.

„Dass jeder andere Erfahrungen in seinem Leben macht, darüber habe ich neulich auch nachgedacht“, sagt er. „Manche kommen irgendwie ausgeglichen durch, andere erleben Höhen und Tiefen. Aber fast jeder Mensch kommt einmal an einen Punkt, an dem er verbittert oder zynisch werden könnte. Das will man natürlich nicht und hoffentlich geht alles gut. Aber es gibt eben diesen Punkt, an dem der Glauben an alles verlorengeht. Als ich anfing, Musik zu machen, bin ich manchmal mit älteren Musikern aneinander geraten, die sehr zynisch waren. Ich hatte dagegen die Haltung ‚Wow, ich kann eine Platte rausbringen. Besser geht’s nicht‘. Mit der Zeit versteht man aber, wovon diese Leute sprachen. Manches ist einfach brutal. Einige Künstler schaffen es nicht, andere zerstört das Geschäft.“ Beck fährt fort: „Meiner Platte lag eine Frage zugrunde: Kann man die Dinge wiedergutmachen, selbst wenn alles ruiniert ist und man von vorn anfangen muss? Dazu suchte ich nach einer Antwort.“ Die Atmosphäre auf der Platte ist sehr persönlich, direkt und freimütig, richtig? „Ja, aber andererseits möchte ich auch nicht sagen, dass es sich um ein Spiegelbild meiner Stimmung handelt – gerade arbeite ich an einer anderen Platte, die das genaue Gegenteil ist. Ich habe versucht, gewisse Dinge so zum Ausdruck zu bringen, dass sie bei anderen Menschen auf Resonanz stoßen.“

Der Bedeutung eines Songs muss sich der Hörer annähern. Künstlerisch hat Beck schon immer zur Mehrdeutigkeit geneigt – nicht nur durch seinen musikalischen Genremix, sondern auch in den Texten, die selten eine klare Botschaft haben (manchmal das schiere Gegenteil). Beispielhaft dafür ist der Song Blue Moon: Die erste Zeile führt ein Thema ein („I‘m so tired of being alone“), das dann aber nicht weiter ausgeführt wird. Stattdessen folgt rätselhafte Symbolik: „See that turncoat on his knees/ Vagabond that no one sees“. Was steckt dahinter, frage ich Beck. „Wenn es ein bisschen elliptisch ist, wird es doch gleich interessanter“, meint er. „Ich hoffe aber schon, dass etwas ankommt. Vielleicht nicht unbedingt über den Wortsinn der Texte. Aber vielleicht überträgt sich etwas über die Atmosphäre der Musik – obwohl die auch nicht ganz eindeutig ist.“

Der Entstehungsprozess von Morning Phase war lang und von Höhen und Tiefen geprägt. Zunächst entstand 2009 der Song Wave, in den Capitol Studios. Drei weitere Lieder wurden aus den Überbleibseln eines Projekts geboren, an dem Beck vor ein paar Jahren kurz in Nashville arbeitete und aus dem dann doch nichts wurde. Flüchtig war auch die Wiedervereinigung mit der fünfköpfigen Sea Change-Band. Nur zwei Tage im vergangenen Jahr verbrachte man mit gemeinsamen Aufnahmen: „Diese Leute in einen Raum zusammenzukriegen, ist wie die Planeten in eine Reihe zu bringen.“

Bei diesen letzten Sessions – sie sind das Herz der Platte – kam eine ganz besondere Technik zur Anwendung: Die Musiker haben versucht, so langsam wie möglich zu spielen. „Wir haben uns immer gesagt: ‚Langsamer, noch langsamer‘. Je langsamer man spielt oder singt, desto schwieriger wird es auch. Diese Songs könnten einfach schlichte Singer-Songwriter-Songs sein. Doch durch die Dehnung wurde aus ihnen etwas anderes. Dieses Schwebende hat einen Zauber. Ich wollte vertraute Klänge, die gleichzeitig ein wenig befremdlich klingen und einen nicht mehr loslassen.“

Vorreiterrolle

In den letzten Jahren hat Beck auch seine Fähigkeiten als Produzent weiterentwickelt und mit Künstlern wie Charlotte Gainsbourg und Stephen Malkmus gearbeitet (und nebenbei noch einen Song zum Soundtrack des Films Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt beigesteuert). Auch Morning Phase hat er selbst produziert – eine Arbeit, die im Gegensatz zum schnellen Aufnehmen viele Monate kostete: „Ich habe immer wieder Sachen neu gemacht und umgeschrieben“, erzählt er. „Das war bei einigen meiner Alben so. Manche Sachen habe ich dreißigmal umgeschrieben, bis etwas dabei herauskam, das ich in Ordnung fand. Die Platte sollte eigentlich im Oktober rauskommen – deshalb habe ich den ganzen Frühling durchgearbeitet. Ich habe zehn Wochen, sieben Tage in der Woche ohne Pause bis drei Uhr nachts gearbeitet, nur um die Platte bis Juli fertig zu haben und sie im Oktober veröffentlichen zu können. Wir waren pünktlich fertig, rausgekommen ist sie trotzdem später. Ich wünschte, ich hätte das vorher gewusst. Dann hätte ich mehr geschlafen.“

Aber es hat sich gelohnt, denn das Resultat ist ein Album, das sich auf dem Grad zwischen Angst und Hoffnung bewegt und von einer Schönheit ist, die verstört.

Es schein, dass Beck nicht nur seine Begeisterung für das Musizieren, sondern auch für das Musikhören wiederentdeckt zu haben. Natürlich freut ihn, dass der Genremix, dessen Vorreiter er war, dieser Tage zunehmend die Norm ist: „Immerhin bin ich über die Jahre ganz schön dafür angefeindet worden.“ Er begeistert sich für Diplo und Kanye West, aber auch für Bands wie Dirty Projectors und Ariel Pink („LA-Kunstpop-Punk-Performance-Psychomusik wie die, mit der ich aufgewachsen bin.“)

Überhaupt beobachtet Beck die aktuelle Musik mit großem Interesse: „So etwas wie die letzten fünf, sechs Jahre habe ich noch nicht erlebt“, sagt er. „Im Vergleich zu vor zwanzig Jahren wird so viel Musik veröffentlicht. Und meistens finde ich die Produktion und die Ideen wirklich interessant. Wer auf Musik steht, kann dank des Internets ganz schnell auf die interessanten Sachen stoßen. Früher hätte man dafür ein ganzes Leben gebraucht. Die Kids von heute sind 23 und haben alles schon gehört. So kommt es zu einer Beschleunigung. Ich weiß zwar nicht, wo die hinführt, ob sie die Leute in den Burnout treiben wird oder ...“.

Hier endet das Gespräch mit Beck, wir stehen wiederum an einem Punkt der Ungewissheit, gut so.

Morning Phase Beck Caroline (Universal) 2014 

 

06:00 12.03.2014
Geschrieben von

Paul MacInnes | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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