Langlebiger als die Queen

Musik Die größte Überraschung bei der Eröffnung der olympischen Spiele in London war das Elektro-Duo Fuck Buttons. Alexis Petridis klärt über die Band und ihr neues Album auf
Ausgabe 30/2013
Andrew Hung und Benjamin Power
Andrew Hung und Benjamin Power

Foto: Alex de Mora

Der Moderator des US-Senders NBC, der glaubte, Queen Elisabeth II. sei wirklich mit dem Fallschirm ins Londoner Olympiastadion gesprungen, wird vielleicht Einspruch erheben – doch das Überraschendste an der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2012 war das Elektro-Duo Fuck Buttons. Nicht nur, dass die beiden Musiker aus Bristol überhaupt dort auftraten: Von Fuck Buttons war mehr zu hören als von der „Rap-Musik“, die den konservativen Parlamentarier Aidan Burley so aufbrachte, dass er twitterte, die Veranstaltung sei „multikulturelle Scheiße“. Fuck Buttons und ihr Nebenprojekt Blanck Mass lieferten den Soundtrack für alles, vom Einzug der olympischen Flagge bis zur Übergabe der Fackel von David Beckham an den Ruderer Steve Redgrave.

So brillant das letzte Fuck-Buttons-Album Tarot Sport (2009) auch gewesen sein mag – es ist kaum vorstellbar, dass jemand beim Hören dieser Platte dachte: Klingt wie der Soundtrack zu einem weltweit ausgestrahlten TV-Ereignis mit Kenneth Branagh in einer Hauptrolle. Um ehrlich zu sein, konnte man sich diese Musik schwer als Untermalung von irgendetwas vorstellen. Der aus einer Liebe zu Aphex Twin und Mogwai geborene „Big Ball of Sound“, wie Benjamin Power von Fuck Buttons es nannte, überwältigte mit einem bizarren Aufgebot an elektronischem Frickelwerkzeug – darunter eine Kinder-Karaokemaschine von Fisher Price. Dieser Sound bettelte nicht um Aufmerksamkeit, er riss sie ohne Erlaubnis an sich: Während das Album lief, konnte man nur hören und staunen. Emotional war es darauf programmiert, ein Gefühl zu erzeugen, das zwischen jener Art Zusammenbruch liegt, die Clubber dazu bringt, die Hände in die Luft zu werfen, und der Sorte, nach der man festgeschnallt auf einer Trage landet.

Dieses eindrucksvolle Kunststück gelingt der Band mit Slow Focus erneut. Das Album eröffnet mit einem wilden Drumbeat, der klingt wie eine besonders ungestüme Interpretation der Einleitung des XTC-Songs Making Plans for Nigel. Wie schon so viele Songs auf Tarot Sport beschwören die folgenden acht Minuten von „Brainfreeze“ eine apokalyptische Euphorie herauf: Das erinnert an Arcade Fire, klingt aber weniger nach Erweckungsversammlung. Fuck Buttons gelingt es, ein bislang nicht kartografiertes musikalisches Gefilde ausfindig zu machen, das irgendwo zwischen dem Hochgefühl einer Dancefloor-Hymne und den endlosen Live-Performances von My Bloody Valentines „You Made me Realize“ liegt.

Ohne unterstellen zu wollen, dass Fuck Buttons aus ihrem Olympia-Auftritt Kapital schlagen wollen: Slow Focus klingt etwas kommerzieller als sein Vorgänger – was wiederum relativ ist. Der zockelnde, gebrochene Rhythmus von „Stalker“ ist auf eigentümliche Weise ziemlich funky. Ein DJ wird etwas so Ominöses dennoch kaum auflegen. Geschweige denn, jemand dazu tanzen. „The Red Wing“ schiebt sich an einem Hip-Hop-Breakbeat entlang, dazu tönt eine E-Drum, die einen Briten je nach Alter an Kelly Maries Disco-Hit „Feels Like I’m in Love“ oder die Titelmusik der BBC-Kinderserie Pigeon Street aus den Achtzigern erinnert. Besagter Breakbeat wird dann aber so rasch unter einer elektrisierenden Soundmasse begraben, dass man wieder nur hören und staunen kann.

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Geschrieben von

Alexis Petridis | The Guardian

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