Lass uns reden

Gabriel Byrne Gabriel Byrne löst als Therapeut in der gefeierten TV-Serie "In Treatment" die Probleme anderer Menschen. Aber wie sieht es mit seinen eigenen aus?

Gabriel Byrne beherrscht eine besondere Kunst. Trotz seiner 30 Jahre als Film- und Fernsehschauspieler und einer mehrjährigen Promi-Ehe mit Ellen Barkin hat er es geschafft, sich ein beachtliches Maß an Privatsphäre zu erhalten. Was man über ihn hört, beschränkt sich meist darauf, dass er „Ire“, „gut aussehend“ und – um die Beschreibung wiederzugeben, die ihm am wenigsten gefällt, aber am häufigsten genannt wird – „grüblerisch“ sei. „Ich weiß nicht mal, was das sein soll: grübeln“, klagt er mit einem Gesichtsausdruck, den man zu seinem Pech durchaus als grüblerisch bezeichnen könnte.

Doch Byrne ist weit davon entfernt, ein wortkarger, versonnener Eigenbrötler zu sein. Das mit einer Stunde veranschlagte Interview über seine Rolle in der amerikanischen Erfolgsserie In Treatment, zu dem wir uns in einem Café in der Nähe seiner New Yorker Wohnung treffen, lässt er zu einer vierstündigen und angeregten – mal witzigen, mal schmerzhaft berührenden – Unterhaltung werden.

Trotz seiner Liebe zu langen Gesprächen teilt er mit vielen der von ihm verkörperten Charaktere – sei es der leicht bedrohliche Keaton in Die üblichen Verdächtigen oder der brillante, aber emotional angeschlagene Psychotherapeut Paul Weston in In Treatment – einen Instinkt: die Vorsicht vor der Selbstentblößung. Persönliche Fragen umgeht er zunächst gern mit weitschweifigen Anekdoten, die alles Mögliche enthalten, nur keine Antwort. Auf die Frage nach dem antiken Ring, den er am Finger trägt, erzählt er eine lange Geschichte über sein allererstes Interview. Der Fotograf habe ihn damals dazu gebracht, so zu tun, als brate er gerade ein Omelett. Die skurrile Geschichte hat einen ernsten Kern. Er lautet: „Ich weiß es jetzt besser. Ich mache nicht mehr alles mit und gebe nicht mehr preis, als ich will.“

Einmal, erinnert Byrne sich, habe ein Hollywood-Agent, nachdem er eine Rolle bekommen hatte, zu ihm gesagt: „Das ist es jetzt, du wirst ganz groß werden. Verabschiede dich von deiner Anonymität.“ Angeblich träumen ja alle Schauspieler davon, diese Worte zu hören. Byrne spuckt sie aber aus wie eine Drohung. Genauso wie seine Gesprächslust aber gelegentlich seinem Verlangen nach Privatsphäre im Weg steht, hängen die Projekte, die er beruflich wählt, häufig mit einem Thema zusammen, das auch viel über ihn persönlich erzählt: Missbrauch von Macht.

Am deutlichsten konnte man das in der ersten Staffel der außergewöhnlichen HBO-Serie In Treatment sehen. In der Adaption der israelischen Vorlage BeTipul spielt Byrne den Therapeuten Paul Weston, der andere, nicht aber sich selbst heilen kann. In Treatment wirkt dabei wie eine extrem clevere Low-Budget-Theaterproduktion, gar nicht wie eine Fernsehsendung. In jeder Szene ist stets nur Byrne auf seinem Stuhl zu sehen, ihm gegenüber ein Patient oder seine eigene Therapeutin. Das Drehbuch ist hervorragend, die Dialoge tiefgründig – wirklich getragen wird die Serie aber von Byrnes Fähigkeit, mit nichts außer der kleinsten Bewegung seiner Augen zu spielen.

Voyeurismus und Bestärkung

In Treatment befriedigt dabei zwei menschliche Grundbedürfnisse: Es geht um Voyeurismus, darum, einen Blick auf die Geheimnisse im Innern anderer Menschen zu werfen. Und es geht darum, jemanden zu haben, der uns bezüglich unseres eigenen Innenlebens bestärkt. Denn eigentlich haben die Menschen, die zu Therapeut Weston kommen, alle schon Erklärungen für ihre Probleme parat. Westons Job ist es, diese Gewissheiten zu hinterfragen – und dennoch seine Patienten zu bestärken. Die Serie ist so reduziert produziert, dass die Szenen zwischen Therapeut und Patienten wie Beichten wirken. „Eine Therapie unterscheidet sich gar nicht so sehr von einer Beichte“, meint Byrne. „Es geht bei beiden um das Gefühl der Bestärkung.“

Während unseres Gesprächs kommt er immer wieder zu den zwei Begriffen Verantwortung und moralische Übergriffe zurück. „Wenn eine Person mit moralischer Autorität sich übergriffig verhält, sollte sie zur Verantwortung gezogen werden. Banker, Priester, Politiker, die Vertrauen missbraucht haben, sollten alle bestraft werden. Nicht aus Rachsucht, aber für den Prozess des Weiter-gehen-Könnens ist es wichtig, dass es ein System der Gerechtigkeit gibt“, sagt Byrne mit leiser Stimme.

Er hat selbst mit dem Thema die furchtbarsten Erfahrungen gemacht: Im Alter von acht bis elf Jahren wurde er von Mitgliedern der Christian Brothers, einem weltweit tätigen Laienorden der katholischen Kirche, sexuell und körperlich missbraucht – erst in Irland, später auch in England. Das erste Mal sprach Byrne vor drei Jahren in einem Radiointerview darüber. Er beschrieb ein Schulsystem, in dem der Missbrauch „eine bekannte und anerkannte Tatsache des Lebens“ gewesen sei.

Den Schmerz spürt er heute noch, stärker aber ist die Wut: „Wenn eine Autoritätsperson etwas sagt, möchte man das glauben“, erzählt er, zunächst zögerlich und aus der sicheren Distanz der dritten Person. „Besonders wenn man noch ein Kind ist. Wenn eine Autoritätsperson einen umarmt, fühlt man sich bestätigt. Wird dieses Verhältnis dazu benutzt, ein Kind zu missbrauchen, wird ein Kind das nicht infrage stellen. Ein Kind versteht das nicht. Die Sicht auf das Gesamtbild kommt erst viel später.“

Das Bedürfnis, Autoritätspersonen zufriedenzustellen, fügt er sarkastisch hinzu, verschwinde trotzdem nie vollkommen. Vor kurzem sei er beim Arzt gewesen und habe bemerkt, dass er „versuchte, ihm die richtigen Antworten zu geben.“ Byrne litt nach dem Missbrauch als Erwachsener unter Depressionen, und er war Alkoholiker: „Der Heilungsprozess – wie ich es in Ermangelung eines anderen Wortes einmal nennen will – braucht Jahre.“ Eigentlich wolle er aber nicht so viel darüber sprechen, weil er nicht der Schauspieler mit der Missbrauchsgeschichte sein will. Doch gleich darauf erzählt er eine Stunde lang von seiner Wut auf die katholische Kirche. Er nennt den Missbrauch zornig eine Epidemie, „die vertuscht wurde und deren Opfer dazu gebracht wurden, sich für die an ihnen begangenen Verbrechen verantwortlich zu fühlen“.

Die Autorität der Kirche

Byrne wurde 1950 in der irischen Stadt Crumlin als ältestes von sechs Kindern geboren. Er wuchs in einer Welt auf, in der Mütter mit Kinderwagen auf die Straße auswichen, wenn ihnen auf dem Gehweg ein Priester entgegenkam. Seine Eltern waren „religiöse Menschen mit eingeschränktem Verständnis der Welt und einem kindlichen Glauben an die Autorität der Kirche“. So wie er dies sagt, spricht kein Ärger, sondern nur zärtliches Wohlwollen aus seinen Worten. Als Kind wollte Byrne Priester werden. Nicht, weil er besonders religiös gewesen wäre, sondern weil „die Kirche auf eine Weise, die ich nicht verstand, meine Liebe zum Theater ansprach“. Trotz des Missbrauchs ging er mit elf Jahren nach England, um dort eine Priesterausbildung zu beginnen. Dort wurde er dann erneut missbraucht.

Der Bruch mit der Kirche kam aber erst später: Als er mit 15 hinter zwei Mädchen in Miniröcken in einem Bus einstieg, wurde ihm klar, dass er eine zentrale Bedingung der Priesterschaft nie erfüllen könnte. Er kehrte nach Irland zurück. Heute sei er „extrem antikatholisch“ und ein „ziemlicher Atheist“, sagt er: „Die katholische Kirche unterdrückt Frauen und Minderheiten – sie unterdrückt ihre Anhänger. Sie macht Menschen zu Opfern und hält sie durch Angst auf Linie.“ Was müsste sich ändern? „Als Erstes müsste das Zölibat abgeschafft werden. Die Kirche, in der es angeblich um Liebe geht, verweigert ihren Anhängern den heiligsten Ausdruck der Liebe.“

Nachdem er seine Priesterpläne beerdigt und die Schule abgeschlossen hatte, schlug Byrne sich mit Gelegenheitsjobs durch, bevor er mit dem Schauspielen begann. Er zog nach London, freundete sich mit dem damals noch unbekannten Schauspieler Liam Neeson an und kam zum Royal Court Theatre. Es war aber nicht die beste Zeit für einen jungen Iren in London. Wegen der IRA-Attentate war die Stimmung extrem irenfeindlich: „Als Ire war es unmöglich, von den Spannungen nichts mitzubekommen. Für die Engländer muss es schwierig gewesen sein, nicht auf die Weise zu reagieren, zu der die Manipulationen durch die Boulevardpresse sie brachten.“

Das Positive für Byrne war allerdings, dass ihm am Royal Court Theatre klar wurde, dass er als Schauspieler durchaus Karriere machen könnte. 1988 zog er nach New York und heiratete Ellen Barkin, die er bei Dreharbeiten für den Film Siesta kennengelernt hatte. 1999 ließen sie sich wieder scheiden.Die beiden haben zwei gemeinsame Kinder, den 21-jährigen Jack, einen Musiker, und die 19-jährige Romy. Jack ist gerade mit Bob Dylan auf Tour, worauf sein Vater wahnsinnig stolz ist. Über die Zukunft seiner Tochter macht er sich allerdings Gedanken: „Jeder weiß doch, dass wir immer noch in einer paternalistischen Gesellschaft leben“, sagt er und verzieht ein wenig das Gesicht. „Ihre Möglichkeiten sind schon allein deswegen begrenzt, weil sie eine Frau ist.“

Von einem kurzen Abstecher nach L. A. abgesehen, lebt Byrne seit 1988 in New York. Mit der Loyalität des im Ausland lebenden Iren kauft er jeden Tag die Irish Times. Auch seiner katholischen Vergangenheit bleibt er verbunden: Er liest weiter die Bibel – „wegen der Fabeln“. Seine Lieblingsbotschaft? Er zieht die Augenbrauen hoch: „Seht euch vor vor den falschen Propheten.“

Hadley Freeman schreibt für den Guardian über Gesellschaftsthemen. Im Freitag erschien von ihr zuletzt ein Porträt der Huffington-Post-Gründerin Arianna Huffington.

Gabriel Byrne hatte bereits eine beeindruckende Filmografie vorzuweisen, bevor er 2008 die Rolle des Psychotherapeuten Paul Weston in der US-Serie In Treatment übernahm: Er spielte in Millers Crossing, einem frühen Film der Coen-Brüder, in Jim Jarmuschs Dead Man und in Wim Wenders Am Ende der Gewalt. Außerdem betreute er als Produzent oft Filme, die sich mit irischen Themen beschäftigten. Der von ihm produzierte Film Im Namen des Vaters mit Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle gewann 1994 den Goldenen Bären der Berlinale.

Den ganz großen Ruhm erntete der 61-jährige Byrne aber erst für In Treatment. Die vom Bezahlsender HBO produzierte TV-Serie wurde von den Kritikern für ihr ungewöhnliches Format und die brillante Umsetzung gefeiert. Jede 25-minütige Folge gibt eine Therapiesitzung wider. In der nächsten Folge kommt ein anderer Patient dran, bevor nach drei, vier Folgen das unterbrochene Gespräch fortgesetzt wird. Es wird viel geredet, geblufft, gelogen, geweint und geschrien. Das Mienenspiel der Akteure ist meist die einzige Bewegung im Bild. In Deutschland zeigt 3Sat zurzeit die zweite Staffel montags nach Mitternacht. jap

Übersetzung: Zilla Hofman
14:05 20.05.2011
Geschrieben von

Hadley Freeman | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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