Last man hunting

Porträt Efraim Zuroff jagt seit über 40 Jahren Naziverbrecher – und lehnt es entschieden ab, einen Schlussstrich zu ziehen
Last man hunting
Die Täter, die er aufspürt, werden immer älter und gebrechlicher. Aber Zuroff sagt, er sei noch nie einem Nazi begegnet, der Reue oder Bedauern geäußert hätte

Foto: Georg Wendt/dpa

Er sei der „wohl einzige Jude, der für die Gesundheit von Nazis bete: So beschreibt Efraim Zuroff sich selbst. Er ist der letzte Jäger auf der Suche nach den letzten noch lebenden am Holocaust beteiligten Nazis. Seine Arbeit ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Die Männer und Frauen, die den industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden in Europa in die Tat umsetzten, sind mittlerweile 90 und älter, fast alle sind gebrechlich oder krank. Zuroff selbst ist 72. Drei Jahre nach Kriegsende geboren, jagt er seit über 40 Jahren frühere Nazis, ohne dass sein Elan nachgelassen hätte. Derzeit spürt er einer aus Litauen stammenden Frau nach, die heute wahrscheinlich 97 Jahre alt ist und in einem englischsprachigen Land lebt. Als Teenagerin soll sie die Köpfe jüdischer Babys zerschmettert haben, die ihre Nachbarn waren. Vor drei Monaten erhielt Zuroff einen vielversprechenden Hinweis, aber die Corona-Pandemie hat weitere Nachforschungen vorerst vereitelt. „Sie könnte jeden Moment sterben. Diese Gefahr gehört zu meinem Beruf”, sagt Zuroff in einem Zoom-Gespräch aus Jerusalem.

Während seiner 40 Jahre als Nazi-Jäger hat er die Namen von mehr als 3.000 Verdächtigen an 20 Länder weitergegeben. Vielerorts arbeite die Strafverfolgung aber quälend langsam. Verdächtige entkommen durch den Tod gerechter Strafe, während die Akten in den Büros der Staatsanwaltschaft Staub ansetzen.

Erfolge gab es aber auch. Sein größter Fang, sagt Zuroff, sei Dinko Šakić gewesen, Kommandant des Konzentrationslagers Jasenovac in Kroatien und verantwortlich für die Ermordung von 2.000 Menschen. Nach dem Krieg emigrierte Šakić nach Argentinien, wo er 50 Jahre lebte, bevor er 1998 vor Gericht kam. Zuroff war bei der Verhandlung dabei und sah, wie Šakić lachte, als er für schuldig befunden und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Vor 60 Jahren, am 11. April 1961, begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann, einen der Hauptorganisatoren der Schoa. In aller Welt verfolgten Menschen die im Fernsehen übertragene Gerichtsverhandlung, bei der auch Überlebende der Konzentrationslager aussagten. „Im Grunde wurde nicht nur Eichmann der Prozess gemacht, sondern dem Holocaust“, sagt Zuroff. „Zum ersten Mal erhielten Überlebende eine Bühne.“ Er selbst war damals zwölf, lebte in Brooklyn in New York. „Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wir guckten es uns im Fernsehen an.“

Obwohl sein Großonkel während des Krieges in Litauen ermordet wurde, beschreibt Zuroff den Eichmann-Prozess als seine erste Begegnung mit dem Holocaust. Er zog nach Israel, studierte Geschichte und wurde 1986 Direktor des Jerusalemer Büros des Simon-Wiesenthal-Centers, benannt nach dem gefeierten, 2005 verstorbenen Nazi-Jäger.

Zuroff hat für sich eine Erfolgsskala von eins bis sechs erdacht: Eins ist die öffentliche Beschuldigung – „manchmal ist das der schmerzhafteste Teil, wenn ihre Familie keine Ahnung davon hatte, was sie getan haben“ – , sechs eine Haftstrafe. „Es gibt nicht viele Fälle, in denen man eine Sechs erreicht.“

Derzeit konzentriert sich Zuroff auf Nazitäter aus den baltischen Staaten. „Litauen hat den höchsten Prozentsatz an Holocaust-Opfern unter der jüdischen Bevölkerung – von 220.000 Juden im Land wurden 212.000 ermordet. Viele Morde wurden von der örtlichen Bevölkerung begangen. Nachbarn töteten Nachbarn. Daher wussten die Überlebenden, wer die Mörder waren.“

Jede Andeutung, dass es angesichts des Alters der von ihm Verfolgten an der Zeit sein könnte, einen Schlussstrich zu ziehen, weist Zuroff kategorisch zurück: „Erstens: Nur weil die Zeit vergeht, nimmt ja die Schuld der Mörder nicht ab. Zweitens: Hohes Alter darf niemanden schützen, der so abscheuliche Verbrechen begangen hat. Drittens sind wir es den Opfern und ihren Familien schuldig. Viertens geht es um die Botschaft, dass man auch viele Jahre später zur Rechenschaft gezogen wird, wenn man solche Verbrechen verübt. Fünftens: Die Prozesse und Zeugenaussagen haben eine wichtige Funktion im Kampf gegen die Leugnung und Verfälschung des Holocaust. Sechstens: Diese Leute waren nicht gebrechlich, als sie ihre Verbrechen begangen, sie waren auf der Höhe ihrer körperlichen Kraft und nutzten all ihre Energie, um Männer, Frauen und Kinder zu töten. Und siebtens: In allen Fällen, die ich bearbeitet habe, bin ich noch nie einem Nazi begegnet, der Reue oder Bedauern geäußert hätte.“

Auf die Unterscheidung zwischen Leugnung und Verfälschung des Holocaust legt Zuroff großen Wert: „Leugner sind die, die sagen, der Holocaust sei nicht passiert. Verfälschung betreiben jene, die den Holocaust zwar zugeben, aber versuchen, die Geschichtsschreibung zu verändern, weil sie die wichtige Rolle herunterspielen wollen, die ihre eigene Bevölkerung bei den Morden spielte, an der Seite der Deutschen und manchmal anstelle der Deutschen.“ Dazu gehörten laut Zuroff unter anderem Polen, Litauen und Lettland.

Seit Jahresbeginn wurde in Deutschland Anklage wegen Beihilfe zum Mord gegen die 95-jährige Irmgard Furchner in 11.430 Fällen sowie gegen „NN“, 100 Jahre alt, in 3.518 Fällen erhoben. Die Leiterin des britischen Holocaust Educational Trust, Karen Pollock, sagt, es sei „beschämend, dass sechs Jahrzehnte nach dem Eichmann-Prozess die meisten Täter ohne Strafverfolgung alt werden durften, während ihren Opfern – darunter 1,5 Millionen ermordeten Kindern – weiter Gerechtigkeit vorenthalten wird.

Harriet Sherwood arbeitet für den Guardian und den Observer, sie war Jerusalem-Korrespondentin

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 26.04.2021
Geschrieben von

Harriet Sherwood | The Guardian

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Ausgabe 19/2021

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