Leben nach dem Untergang

Überlebenstraining Was wenn die Apokalyptiker recht haben und unsere Welt wirklich kurz vorm Kollaps steht? Kämen Sie ohne Strom und fließendes Wasser zurecht? Ein Survival-Guide

Ich stehe mit einem großen Mann und einem toten Fasan in einem Wald. Überall ist Blut: an meinen Schuhen, meinen Händen, meinem Gesicht. Was mache ich hier? Der Mann – sein Name ist Leon Durbin – soll mich auf die Apokalypse vorbereiten – jetzt.

Was wäre, wenn Sie eines Morgens erwachen und alle anderen sind tot? Oder wenn, etwas weniger melodramatisch, die Welt, wie wir sie kennen, inklusive unserer strauchelnden Finanzsysteme, einfach nicht mehr funktionieren würde? Was, wenn Sie aufwachen und feststellen müssen, dass es mit dem wohlbehüteten, güldenen Leben vorbei ist, und zwar für immer? Könnten Sie überleben? Könnte ich es?

Sie wachen auf und alle sind tot

Ich bin ein Stadtmädchen. Ich kann nichts außer nörgeln, fressen und saufen. Ich bin kaum in der Lage, ohne Sprengstoff eine Packung Kekse zu öffnen. Aber anders als Sie Leser, der Sie dem sicheren Untergang geweiht sind und sterben werden, habe ich beschlossen, mich auf das Ende vorzubereiten und ich bin sogar bereit, das lebensrettende Wissen zu teilen, das ich mir hoffentlich erwerben werde. Dies ist Ihr Survival-Guide zum ausschneiden und aufbewahren, legen Sie ihn in Ihre Nachttischschublade, eines Tages werden Sie ihn brauchen.

Also, Sie wachen auf und alle anderen sind tot. Sie haben so etwas bestimmt schon einmal in einem Film gesehen: Eine mörderische Seuche löscht die gesamte Menschheit aus und alle sind leicht verärgert darüber, dass die Züge Verspätung haben. Wir könnten uns freilich auch den Zusammenbruch des Finanzsystems oder einen Kollaps des Ökosystems vorstellen, der alle gesellschaftlichen Strukturen zusammenbrechen lässt, aber bleiben wir einmal bei der Seuche. Gut. Wie lange können Sie in Ihrer Wohnung bleiben?

Die Antwort lautet: nicht lange. Der Strom wird ausfallen und die Wasserversorgung auch. Diese Systeme haben Knöpfe und Knöpfe brauchen Finger, die sie drücken. Und Finger wiederum brauchen lebende Menschen, die sie bewegen, damit sie Knöpfe drücken können. Ihnen bleiben also vielleicht ein, zwei Tage, an denen die Stromversorgung noch funktioniert. Dann sitzen Sie im Dunkeln und haben keine Möglichkeit mehr, sich das Gesicht zu waschen.

Apokalyptische Filme und Dosentomaten

Was also sollten Sie tun? Sie könnten Lebensmittel aus den Supermärkten klauen, allerdings dürften die zwischen den Regalen herumliegenden verwesenden Kadaver für die ein oder andere Infektion sorgen. Wenn Sie versuchen, die Sache zuhause auszusitzen, laufen Sie Gefahr, zu verbrennen oder zu ertrinken. Sollte der Blitz einschlagen, wird niemand kommen, um den Brand zu löschen. Und falls Sie in London leben, wird der Stromausfall die Flutschutzwehr außer Kraft setzen und die tiefer liegenden Gebiete der Stadt werden überflutet.

Sie müssen also weg. Aber wohin? Das Standardverhalten Apokalypse-Überlebender besteht darin, in netten Landhäuschen zu sitzen, Dosentomaten zu essen, post-traumatische Psychosen zu entwickeln und sich gegenseitig zu erschießen – vergleichen Sie hierzu die Filme 28 Days Later oder Survivor. In keinem apokalyptischen Film, den ich gesehen habe – und ich habe sie alle gesehen –, versucht jemand, sich von der Erde zu ernähren. Alle ziehen sie die von der verlorenen Zivilisation übrig gebliebenen Brösel vor. Und immer geht es schief. Wie sollte es auch gelingen, die Zivilisation mit Dosentomaten wieder aufzubauen? Dafür muss man schon seine eigenen Lebensmittel anbauen.

Aber wo? Ich entscheide mich für eine ländlich geprägte Region, die ich aus meiner Kindheit kenne. Hier ist es warm und feucht und fruchtbar, und ich habe hier glückliche Zeiten verlebt. Und es gibt Kühe. Hier werde ich mich aus der Natur ernähren, ich muss nur noch lernen, wie das geht. Dieser Gedanke führte mich zu Durbin und dem toten Vogel.

Die Wildnis - ein riesiger Selbstbedienungsladen

Durbin ist groß und kräftig. Er ist der Typ von Mann, der in der Hosentasche immer ein glimmendes Feuerholz hat – für alle Fälle. Ihm gehört Wildwood Bushcraft, ein Unternehmen, das einem beibringt, wie man überleben kann, wenn man ohne jegliche Vorräte, ohne Vorwarnung und ohne Ahnung in der Wildnis landet. Er führt mich durch die dürren, schlafenden Bäume und zeigt mir die verschiedenen Arten von Zweigen und Büschen und wozu sie zu gebrauchen sind. Seiner Meinung nach ist die Wildnis ein Laden, in dem man alles findet, was man braucht. „Wenn man Weidenrinde kocht, hilft sie gegen Kopfschmerzen“, sagt er. „Die Eibe eignet sich für lange Bogen, aus Eiche kann man sich gut einen Unterschlupf bauen, aus Esche kann man sich Werkzeuge schnitzen. Hast Du schon einmal ein Buchenblatt-Sandwich gegessen?“ Ich mache mir nicht die Mühe, zu antworten.

Um sich in der Wildnis behaupten zu können, muss man zuallererst gut ausgerüstet sein: Bevor Sie also die Stadt verlassen, besorgen Sie sich noch Säge, Meißel, Spaten, eine Axt und ein Jagdmesser. Durbin besitzt all diese Geräte. Sie schauen aus seinem Rucksack heraus – sehr männlich!

Wir erreichen eine Lichtung und Durbin demonstriert, wie man ein Feuer macht. Er legt dafür einen kleinen Holzklotz auf den Boden, auf dem er - mit der Spitze nach unten - einen angespitzten Stock platziert. Dann nimmt er einen aus einem Ast und einem Faden gefertigten Bogen, legt ihn an den Stock an und bewegt ihn seitlich hin und her, wodurch der Stock sich sehr schnell zu drehen beginnt. Die Reibung zwischen Klotz und Stock erzeugt wie durch Zauberhand superheißes Zeug, das trockenes Heu oder Rinden in Brand setzen kann. Damit wiederum kann man dann ein Feuer entfachen.

Wie werde ich an Wasser kommen? Durbin veranstaltet hier auch Überlebens-Kurse für zornige Geschäftsleute, er weiß also wie. „Wasser!“, jauchze ich gierig beim Anblick des kleinen Rinnsals, zu dem er mich führt. Doch Durbin mahnt zur Vorsicht: „Wir müssen das Wasser erst durch einen mit Sand gefüllten Socken filtern und dann abkochen.“ Warum durch einen Socken?, will ich wissen. Aber Durbin ignoriert mich.

Pommes aus Klettenwurzeln

Die Nahrungsbeschaffung gestaltet sich schon schwieriger. Es ist Winter und das Land ist wegen Instandsetzungsmaßnahmen geschlossen. Durbin erklärt mir, dass ich mich hauptsächlich vegetarisch, von Klettenwurzeln und Haselnüssen ernähren werde. Beide haben einen hohen Nährwert. Man kann Klettenwurzeln-Pommes machen und die Haselnüsse kochen, stampfen, trocknen und dann widerliche Kekse daraus herstellen. Durbin packt sich den Spaten und beginnt nach Klettenwurzeln zu graben. Er findet auch welche, sie sind allerdings verrottet. „Winter“, seufzt er. „Hm...“

Mit teuflischem Triumph ziehe ich den toten Fasan aus meiner Handtasche hervor. Den Vortag habe ich damit verbracht, mit meiner Redaktion die moralischen und rechtlichen Implikationen zu diskutieren, die es mit sich bringen würde, für diesen Artikel ein Kaninchen zu töten. Schließlich fanden wir einen Kompromiss und ich kaufte bei einem Schlachter diesen herrlichen Fasan. Durbin wirkt beeindruckt. „Du musst ihn köpfen,“ sagt er dann. „Dreh’ einfach seinen Kopf.“ Also schließe ich die Augen und drehe. Es geht ganz leicht, als würde man einen feuchten Schal auswringen. Anschließend macht Durbin ein Loch in das Hinterteil des Vogels. Ich stecke meine Hand hinein, greife zu und ziehe eine zerquetschte Masse einst lebendigen Fleisches heraus. Durbin nimmt das Herz und schneidet es mit den Worten „Sehr nahrhaft“ auf. Mir ist leicht schlecht. Trotzdem mache ich mich daran den Vogel zu rupfen und habe bald einen Haufen blutgetränkter Federn vor mir – und einen nackten Vogel, den Durbin nun über dem Feuer aufspießt. Als er durchgebraten ist, geht es ans Verputzen. Der Fasan-Braten schmeckt ein wenig nach Exkrementen. Dennoch fühle ich mich seltsam mächtig. Es war viel einfacher als ich erwartet hatte, diesen Vogel auseinander zu reißen.

Blutlust und Totholzfalle

Jetzt hat mich die Blutlust gepackt. Ich frage Durbin, wie man Fallen aufstellt um Tiere zu fangen. Theoretisch könnte ich sie erschießen, für den faulen oder unfähigen Survivor sind Fallen jedoch die geeignetere Vorgehensweise. Durbin schaut ein wenig nervös drein und sagt langsam: „Das ist illegal.“ Doch ich lasse nicht locker und schließlich erklärt er mir verschiedene Typen von Fallen. Ich könnte es zum Beispiel mit einer von Zweigen und Blättern verdeckten Grube versuchen, in der angespitzte Holzpflöcke stecken. Die ist für große Tiere – Wild, Wildschweine, Eltern oder andere Journalisten. Des Weiteren wäre da die Totholzfalle, die eher ein Fall für kleine Tiere ist. Wenn sie in einen Auslöser tappen, fällt ihnen ein Bündel Holz auf den Kopf – Bon Appetit und hahaha.

Aber was würde ich essen, wenn das mit den Fallen nicht klappt? „Käfer“, sagt Durbin fröhlich. „Oder Würmer“. Die hätten vierzig Kalorien pro Stück, soviel wie zwei Malteser also. Er hat auch noch Schnecken im Angebot. „Bevor du die zu dir nimmst, solltest du sie aber drei Tage in Quarantäne halten. Sie könnten giftige Pflanzen gegessen haben und müssen diese erst wieder ausstoßen.“

Nun brauchen Sie noch einen Unterschlupf. Ich für meinen Teil würde wohl nach einem kleinen Steinhäuschen Ausschau halten, das einfach in Stand zu halten ist. Nichtsdestotrotz müsste ich mich auf der Nahrungssuche dahin begeben, wo die Nahrung ist. Deshalb zeigt Durbin mir, wie man einen Survival-Unterschlupf baut. Er lehnt Holzpfähle an einen Baumstamm und bedeckt sie dick mit Blättern und Baumrinde und Schlamm. „Wasserdicht“, erläutert er und ich krieche hinein und lege mich hin. An so einem Loch kann wohl nur ein Troll Gefallen finden. Aber trotzdem, wir haben sie beisammen, die vier Säulen des Überlebens in der Wildnis: Nahrung, Wasser, Feuer und ein Unterschlupf.


Am nächsten Tag gehe ich allein in den Wald, um meine neu erworbenen Fähigkeiten anzuwenden. Gestern, als Durbin bei mir war, war es so einfach zu überleben. Aber komme ich auch auf mich selbst gestellt zurecht? Der Wald ist schön, voller glücklicher Menschen, die ihre Labradore dabei haben. Aber ich habe jetzt meine eigene Mini-Apokalypse. Am Feuermachen scheitere ich. Dafür finde ich ein Bächlein, doch einer der glücklichen Menschen sagt, das Wasser sei giftig, auch wenn es durch eine Socke gefiltert würde. Wieso? „Weil es durch Schafexkremente verunreinigt ist.“ Tod durch ein Schaf steht auf der Liste der peinlichsten Todesarten gleich hinter Tod durch Schnecke.

Der erste Unterschlupf, den ich baue, ist zu klein. Ich passe nicht rein. Der Zweite bricht zusammen. Ich beschließe es mit dem Überleben in der Wildnis zu lassen und es mit Landwirtschaft zu versuchen. Frau lebt nicht von Wurm allein.

Also stehe ich wenige Tage später in einem Rundhaus, das Leuten gehört, die das Eisenzeitalter nachstellen. Es ist riesig und rund und dämmrig. Ich habe ein bisschen das Gefühl in einer gigantischen Brust zu stehen. Steve Dyer, der archäologische Leiter des Projektes ist groß gewachsen, hat ein rotes Gesicht und eine splissigen weißen Bart.

„Es ist ganz einfach ein Rundhaus zu bauen“, sagt er und wedelt mit den Armen. Er zeigt auf die Totenköpfe zweier Tiere, die an der Eingangspforte hängen. Gehören die zu Kühen? Dyers verzieht höflich das Gesicht: „Es sind Pferde“, sagt er, um mir dann zu erklären, wie das mit dem Rundhaus geht.

Sie brauchen: 27 große Eichenbäume, 60 kleine Eichenbäume, 100 Haselbäume, 100 Eschen, Weizenstroh für das Dach, sowie Tierhaare, Lehm, Dung, Erde und Wasser für die Wände.


Man braucht auch Tiere. Dyer führt mich zu seinem Schweinestall, wo er mir zwei namenlose Schweine vorstellt. Um Tiere zu domestizieren, erklärt er, braucht man sie bloß in immer kleineren Gehegen halten. Geben Sie den Tieren was sie benötigen – Futter, Wasser und Aufmerksamkeit – und sie werden Ihnen gehorchen. Dann können Sie sie essen, häuten und ihre Häute gerben, um weiche Möbel herzustellen. Doch nehmen Sie sich vor Schafen in acht, warnt Dyer und fuchtelt mit einem hellroten Finger. „Ich kenne einen Kerl namens Si, der kam einem übermütigen Bock zu nahe. Das Vieh brach ihm die Nase.“ Womit wir wieder beim Tod durch Schafe wären.

Ich rufe die Psychologin Cecelia de Felice an, weil ich wissen will, ob ich in meiner neuen Ein-Frau-Welt durchdrehen werde, besonders wenn ich Aufgaben zu bewältigen habe, wie 27 riesige Eichen zu fällen. „Sie werden sich in einem traumatischen Zustand befinden“, prognostiziert sie. „Sie werden ziemlich schnell paranoid und einsam sein. Möglicherweise werden sie einen Zusammenbruch erleiden.“ Was, wenn ich auf andere Überlebende treffe? Für diesen Fall rät sie mir zur Vorsicht. „Auch die werden einsam und paranoid sein. In der Gruppe ist man natürlich stärker. Aber sie wissen nicht, ob die anderen Ihnen helfen oder einfach nur ihre Vorräte stehlen werden. Vertrauen Sie niemandem.“

Ich bin (einigermaßen) zuversichtlich, dass ich nicht verhungern werde. Aber eine andere Sache bereitet mir Sorgen: Die Atomkraftwerke. Der Professor Alan Weismann beschreibt in seinem Buch Die Welt ohne uns was mit der Erde geschehen würde, wenn wir alle weg wären. Ich rufe ihn an. Er sagt, meine Sorgen seien absolut berechtigt. Warum? Weil die meisten Atomkraftwerke mit Wasser gekühlt werden. Das Wasser, erklärt der Professor trocken und ruhig, muss um die Reaktoren zirkulieren, da diese ansonsten explodieren würden. Sollten keine Menschen da sein, um die Anlagen am Laufen zu halten, würde das Kraftwerk automatisch abgeschaltet und das Wasser könnte mit Diesel gekühlt werden. Für ungefähr eine Woche. Danach würde die Hitze aus dem Reaktor entweichen und der Kernkopf läge offen. „Er würde entweder schmelzen, oder in hoch radioaktive Flammen aufgehen“, erläutert Professor Weisman. Was würde er also tun? „Ich würde wohl nach Kanada auswandern“, verrät er. „Da gibt es nicht viele Atomkraftwerke.“

Insgesamt läuft es also auf Folgendes hinaus. Egal was Sie tun, Großbritannien wird zu einem atomar verseuchten Ödland werden. Die Schnecken aus denen ihr Abendbrot besteht, werden entweder sterben oder sehr, sehr seltsam aussehen. Also, gleiche Frage: Was tun? Hier mein wohlüberlegter Rat: Sie, lieber Leser, müssen sich dran machen, ein Boot zu bauen, ein Segelboot genauer gesagt, welches sie nach - sie ahnen es bereits – Kanada bringt. Bevor Sie die Stadt verlassen, sollten Sie noch einen Abstecher in die Bücherei machen, und den kompletten Inhalt des Bootbau und –instandhaltungsregals klauen. Kanada könnte ihre einzige Hoffnung auf Rettung sein. Einen passenderen Nachruf auf unsere Zivilisation könnte ich nicht schreiben. Am Ende stellt sich heraus, dass Sie nicht nur Helden der Überlebenskunst sein müssen – Sie müssen verdammt noch mal auch noch Noah sein.

Na dann: Frohe Apokalypse!

Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

07:00 08.02.2009
Geschrieben von

Tanya Gold, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14522
The Guardian

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4