Lehre aus Afghanistan

Afghanistan Ein hochrangiger US-Diplomat ist von seinem Posten nach nur sechs Monaten zurückgetreten - er wollte den Krieg nicht länger mittragen. Hat er Recht?

Das Kündigungsschreiben des ehemaligen US-Marine und Foreign Service Officer Matthew Hoh ist ein Warnsignal für all jene, die die Präsenz amerikanischer Kampftruppen in Afghanistan gerne ausgeweitet sehen würden. „Ich habe jegliches Verständnis und Vertrauen in die strategischen Ziele der US-amerikanischen Präsenz in Afghanistan verloren“, schrieb Hoh. „Ich hege Zweifel und Vorbehalte gegenüber unserer gegenwärtigen wie unserer künftigen Strategie. Der Grund für meinen Rücktritt liegt aber nicht in der Art und Weise, wie wir diesen Krieg führen, sondern warum wir dies tun und mit welchem Ziel.“

Zieht man in Betracht, dass die Angriffe auf US-Soldaten vom Dienstag vergangener Woche den Oktober für die USA zum verlustreichsten Monat in den acht Jahren der US-Präsenz in Afghanistan gemacht haben, dann kann man Hohs Brief durchaus als Ausdruck einer tiefen inneren Überzeugung werten. Und so nehmen hochrangige US-Beamte – vom afghanischen US-Botschafter Karl Eikenberry bis Vize-Präsident Joe Biden – Hohs Schreiben auch sehr Ernst. Der Brief ist indes mehr, als nur ein emotionalen Aufschrei. Denn im Zusammenhang mit Hohs Rücktritt müssen eine ganze Reihe von sehr ernsten Fragen diskutiert werden.


„Um ehrlich zu sein,“ schreibt Hoh, „würde unsere Strategie, Afghanistan zu sichern um eine Wiedererstarken oder eine Neugruppierung der al-Quaida zu verhindern, verlangen, dass wir außerdem in Pakistan, Somalia, Sudan, Yemen usw. einmarschieren und diese besetzen würden.“ Dieses Argument Hohs hat zwei Schwächen. Zunächst arbeiten die USA in den anderen von ihm aufgeführten Ländern in gewissem Maße mit den örtlichen Regierungen zusammen, wenngleich diese freilich ihre Länder nicht vollständig unter Kontrolle haben. Afghanistan ist insofern ein Sonderfall, weil seine Regierung nicht ohne westliche Unterstützung überleben könnte. Und sollte es den Taliban gelingen, die afghanischen Städte wieder einzunehmen, könnte al-Qaida dort einen sicheren Zuschlupf finden, an dem sie außer Reichweite für die Operationen der Alliierten wäre.

„Unsere Präsenz in Afghanistan hat lediglich zur Destabilisierung Pakistans und der Stärkung der dortigen Aufständischen geführt,“ behauptet Hoh. Das trifft voll und ganz zu – mit dem einzigen Einwand, dass die Taliban und andere Gruppen, die das Land destabilisieren, auch von der pakistanischen Regierung Unterstützung erhalten. An den beständigen Angriffen der afghanischen Taliban auf indische Ziele in Kabul zeigt sich, dass das pakistanische Militär die Organisation als Waffe gegen Indien unterstützt. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich hieran etwas geändert hätte. Die Offensive in Wasiristan richtet sich gegen die pakistanischen, nicht die afghanischen Taliban.

Nichtsdestotrotz würde auch ein Abzug der Amerikaner aus Afghanistan nicht dazu führen, dass die USA oder Pakistan zukünftig von diesen radikalen Gruppierungen in Ruhe gelassen werden würden – ob es sich dabei nun um afghanische oder pakistanische handelt. Und Afghanistan könnte darüber hinaus zu einer sicheren Zuflucht für in Pakistan kämpfende Taliban werden.

Abzug aus Afghanistan

Weiter schreibt Hoh: „Die Bedrohung hat keine geographischen oder politischen Grenzen.“ Damit hat er Recht. Die Angriffe vom 11. September wurden größtenteils in Deutschland geplant und der Krieg in Afghanistan macht die USA nicht zu einem sichereren Ort. Derweil benötigt al-Qaida eine Zufluchtsort. Selbst ein loses, aus Einzelpersonen bestehendes Netzwerk ist schwach, wenn es über keinen Schutz vor Schlägen der Polizei oder des Militärs verfügt. Afghanistan war einmal von maßgeblicher Bedeutung, um der al-Qaida und ähnlichen Gruppen ein gewisses Maß an Sicherheit zu geben. Heute ist gilt das gleiche für Wasiristan. Sollte aber die Situation in dieser pakistanischen Provinz zu gefährlich werden, könnte al-Qaida ihren Stützpunkt jederzeit an einen anderen Ort, zum Beispiel den Jemen, verlagern. Dies würde allerdings ihre Handlungsfähigkeit beeinträchtigen, denn die Verhältnisse in Pakistan bieten der Terror-Organisation immer noch die beste Basis, die sie sich wünschen kann.

Schlechte Ausrüstung

Die US-Truppen, so kritisiert Hoh, seien „nicht angemessen vorbereitet und ausgerüstet“. Auch dies ist absolut zutreffend. Die westlichen Truppen sind nicht für die Bekämpfung eines Guerrila-Krieges ausgebildet. Sind sind eine zu kurze Zeit im Land, erhalten keine nennenswerte Sprachschuldung und die Paschtunen fürchten ihre Gegenwart und lehnen ihre kulturellen Gewohnheiten ab. Im Gegensatz dazu war die Truppenaufstockung im Irak nicht etwa aufgrund der Qualität der Aufstandsbekämpfung erfolgreich, sondern weil die Stämme vor Ort sich den Amerikanern anschlossen und die Aufstände sich in der Hauptsache auf die Städte beschränkten. Die US-Truppen lernten im Irak folglich nicht, wie man einen Guerrilakrieg auf dem Land bekämpft.

Unendlicher Krieg

Hoh schreibt, der Krieg könne sich noch über „Jahrzehnte und Generationen“ hinziehen. Wenn das Ziel in der Zerstörung der Taliban besteht und nicht darin, eine afghanische Regierung zu hinterlassen, die eigenständig überlebensfähig ist, dann stimmt dies. Die Regierung Obama hat eindeutig erklärt, ihre Absichten seien weitgehend auf Sicherheitsaspekte beschränkt. Trotzdem hat Hoh hier nicht Unrecht. Denn die Strategie, die General Stanley McChrystal propagiert, ist weitaus ehrgeiziger: Sie zielt auf einen vollständigen militärischen Sieg über die Taliban. Um diesen zu erreichen, wird McChrystal weitaus mehr zusätzliche Truppen benötigen, als die 20.000 bis 60.000 Männer und Frauen, die er sich erbeten hat. Die Taliban können weiterhin von Pakistan aus zuschlagen und dabei – das hat die US-Operation in Helmand in diesem Sommer gezeigt – reichen noch nicht einmal 20.000 Soldaten aus, um das Zentrum einer einzigen südafghanischen Provinz zu sichern.

Zu welchem Zweck, fragt Hoh, verlangen wir von unseren jungen Männern und Frauen solche Opfer ab? Dies ist die Frage, die das Weiße Haus beantworten muss.


Übersetzung: Zilla Hofman

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12:55 03.11.2009
Geschrieben von

Gilles Doronsorro, The Guardian | The Guardian

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