Leise kriselt der Schnee

Schmelze Viele Skigebiete in den Alpen sind von der Klimakrise bedroht. Ein Schweizer Dorf und ein Gletscherforscher kämpfen gegen den Untergang

Als der französische Unternehmer Jacques Mouflier 1935 das abgelegene Bergdorf Val-d’Isère besuchte, stand ihm auf einmal die Zukunft vor Augen. „Es wird ein Wunder geschehen“, sagte Mouflier zu seinem kleinen Sohn, während er auf die Berge rings um das Dorf gestikulierte: „Skiasse aus aller Herren Ländern werden einmal hier, wo wir gerade stehen, um die Wette fahren.“

Mouflier sollte recht behalten. 1948 gewann der erste Franzose Olympia-Gold in der Abfahrt, Henri Oreiller, er kam aus Val-d’Isère. Seither strömen Profisportler in das 1.850 Meter über dem Meeresspiegel in den französischen Alpen gelegene Dorf, um hier zu trainieren und Rennen auszutragen. Dazu kommen Heerscharen von Amateuren: 2019 verkaufte man hier 1,3 Millionen Ski-Tageskarten an Touristen.

Der Grund für die anhaltende Beliebtheit Val-d’Isères – abgesehen von der fast erdrückend pittoresken Landschaft, den Fünf-Sterne-Hotels und den 300 Kilometer langen und penibelst gepflegten Pisten – ist seit jeher, dass das Skigebiet als „schneesicher“ gilt. Jahrein, jahraus fiel der erste Schnee hier Mitte November – so pünktlich, dass man die Uhr danach stellen konnte. Seit 1955 gibt es ein jährliches Neuschnee-Rennen, das „Critérium de la Première Neige“, dessen Organisatoren sich damit brüsteten, dass Val-d’Isère das einzige französische Skigebiet sei, das den ganzen Dezember über Schnee garantieren könne.

Die Einheimischen behaupten, den Schneefall eines Jahres anhand des Wachstums der Beeren auf den Ebereschen vorhersagen zu können: je dichter die Beerenbüschel im Sommer, desto mehr Schnee im Winter. Jahrzehntelang bogen sich die Äste unter dem Gewicht der Beeren. Doch Mitte der 1980er bemerkten die Dorfbewohner, dass der erste Schnee immer später kam. An Hängen, die früher von einer dicken weißen Schicht bedeckt gewesen waren, tauchten plötzlich kahle braune Flecken auf. In einigen Saisons gab es reichlich Schnee, dann wieder nur sehr wenig. Der Pissaillas-Gletscher, dessen Schmelzwasser die umliegenden Wälder bewässert, zog sich jedes Jahr ein bisschen weiter zurück. 2014 fiel der erste Schnee so spät, dass das „Critérium de la Première Neige“-Rennen zum ersten Mal in seiner Geschichte in einen schneesichereren Ort verlegt wurde: nach Schweden.

Die Gletscherzunge schrumpft

In den Alpen schreitet die Erderwärmung schneller voran als im globalen Durchschnitt. Warum das so ist, ist wissenschaftlich noch nicht wirklich geklärt. Während die globale Durchschnittstemperatur seit Ende des 19. Jahrhunderts um 1,4 Grad Celsius gestiegen ist, ist es in den Alpen im Durchschnitt um zwei Grad wärmer geworden. In den letzten hundert Jahren hat die Zahl der Sonnenstunden, die jedes Jahr auf die Berge fallen, um 20 Prozent zugenommen. Das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung berichtet, dass im Jahr 2017 in den Alpen weniger Schnee fiel als in allen anderen Jahren seit 1874. Und im April 2019 warnte ein Bericht der European Geosciences Union, dass 90 Prozent des Gletschervolumens in den Alpen – eine unverzichtbare Ressource für Trinkwasser und Bewässerung – bis zum Ende dieses Jahrhunderts verschwinden könnten.

Die Skiindustrie der Alpen, die 35 Prozent aller Skigebiete weltweit umfasst und jedes Jahr rund 120 Millionen Touristen abfertigt, ist also möglicherweise vom Aussterben bedroht. Val-d’Isère – als einer der höchstgelegenen Wintersportorte – wird die Auswirkungen der Klimakatastrophe als einer der letzten zu spüren bekommen. Aber weiter unten im Tal hat der Schneemangel schon jetzt verheerende Auswirkungen auf die Skiindustrie und die Gemeinden, die von ihr leben.

Seit 1960 hat sich die durchschnittliche Schneesaison um 38 Tage verkürzt, während das Verrutschen der Jahreszeiten die kältesten Tage vom Dezember in die ersten Monate des Jahres verlagert hat, was die Skisaison um die lukrativen Weihnachtsferien bringt. Im November 2017 lancierte die EU das Projekt „Prosnow“, in dem Wissenschaftler Skigebiete beraten sollen, wie sie ihre Saisons mit 30 Prozent weniger Schnee bestreiten können. Besonders erfolgreich war das so weit nicht: Berichten zufolge mussten bis zu 200 Skigebiete in den Alpen ihren Betrieb einstellen. Übrig bleiben leere, bankrotte Hotels und verlassene Skilifte, deren Sessel im Wind baumeln.

Die drohende Katastrophe ist für Olivier Simonin, den Tourismusdirektor von Val-d’Isère, seit der desaströsen Saison 2006/2007 offensichtlich, als die Schneeknappheit in den Skigebieten der Alpen zu Umsatzeinbußen von sieben Prozent führte. Im September 2019 rief der wichtigste Verband der französischen Wintersportindustrie, die Domaines Skiables de France, deshalb zum ersten Mal die Direktoren der wichtigsten französischen Skigebiete zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. An dem Treffen, das in Chambéry stattfand, nahmen fünfundzwanzig Direktoren teil. Die Stimmung, so Simonin, sei düster gewesen. „Das ist jetzt das Hauptgesprächsthema unter uns“, sagt Simonin. „Alle kämpfen ums Überleben.“

Anders als die Bewohner Kiribatis, die sich davor fürchten müssen, dass ihre Insel vom Pazifik verschluckt wird, oder die Bauern im ländlichen Bangladesch, deren Ernten ausfallen, wenn ihre Felder von Salzwasser überflutet werden, ist die alpine Skiindustrie, die jedes Jahr Milliarden Euro umsetzt, außergewöhnlich gut aufgestellt, um gegen ihr eigenes Ende anzukämpfen. Schon jetzt haben Skigebiete wie Val–d’Isère zig Millionen Euro in die einfachste Lösung investiert, die man sich vorstellen kann: Wenn der Schnee ausbleibt, ist es Zeit, selber welchen zu produzieren.

„Es braucht vier Dinge, um Schnee herzustellen“, sagte Pierre Mattis zu mir im September, als ich das Kontrollzentrum der von ihm betriebenen Beschneiungsanlage in Val-d’Isère besichtigte: „Wasser, Luft, Kälte und Talent“. Mattis selbst erfuhr eines Morgens im Jahr 1995 – damals war er 28 und Skilift-Ingenieur –, dass er ab sofort die Betreuung der Handvoll Schneekanonen des Skigebiets übernehmen sollte. Vier Jahre später begann er mit dem Bau einer Beschneiungsanlage im industriellen Maßstab: Das „atelier neige“ besteht aus einem 70 Kilometer langen Rohrnetz unter dem Berg, das nach Jahren der Erweiterung und Verbesserung nun 65 Quadratkilometer Pistenfläche auf Knopfdruck mit Kunstschnee beschneien kann.

Die ersten Schneekanonen in Europa waren Anfang der 1980er Jahre in Italien aufgetaucht, kurz bevor die Einheimischen in Val-d’Isère den Wechsel der Jahreszeiten bemerkten. Je unzuverlässiger der Schneefall in den Alpen wurde, desto mehr Schneekanonen gab es. Die meisten basierten auf einem Entwurf eines Mannes aus Pennsylvania namens Herman K. Dupré, der 1968 einen Rasensprenger auf einen Druckluftkompressor montiert hatte, den er auf einem Schrottplatz gekauft hatte. Dupré pumpte Luft und Wasser mit hohem Druck durch eine Düse, um einen feinen Sprühstrahl zu erzeugen, der sich bei ausreichend niedrigen Temperaturen in Schnee verwandelte, bevor er auf den Boden aufschlug. Das HKD-Beschneiungssystem, wie Dupré seine Erfindung nannte, wurde zum Industriestandard.

Auch vor Mitte der 1980er Jahre habe es warme Winter gegeben, sagt Robert Steiger, Ökonom und Tourismuswissenschaftler an der Universität Innsbruck, „aber damals waren die Alpenregionen noch nicht so abhängig vom Skitourismus“. Heute sind 95 Prozent der italienischen, 70 Prozent der österreichischen, 65 Prozent der französischen und die Hälfte der Schweizer Skigebiete auf Schneekanonen angewiesen, so zumindest die Schätzung von Claus Dangel, dem Chef des Schneekanonenherstellers Bächler, der mehr als 200 Skigebiete in den Alpen beliefert.

Es braucht eine Unmenge an Technologie, Wasser und Energie, um heute jene Schneemenge künstlich herzustellen, die noch vor zwei oder drei Generationen in natürlicher Weise auf die Alpen niederrieselte. Mattis’ Kontrollzentrum in Val-d’Isère befindet sich in einer in den Berg gemeißelten Höhle, die aussieht wie der Bunker des Bösewichts in einem Bond-Film: groß genug, um darin 40 Busse zu parken, mit einem halben Dutzend drei Meter hoher Pumpen, Wasserfiltern und einer ganzen Wand von Computerbildschirmen – alle überwacht von Mattis’ zwölfköpfigem „Schnee-Team“.

Mithilfe selbst entwickelter Software steuert das Team ein riesiges Netzwerk von Schneekanonen, um eine gleichmäßige Schneedecke während der gesamten Saison zu gewährleisten. Vorhersagen, die von Wetterstationen auf den Bergen in den Bunker eingespeist werden, helfen, die Zeitpläne anzupassen. Während der Skisaison überwachen drei Personen das System die ganze Nacht über, wie Sicherheitsleute einen Banktresor. Sie überprüfen die korrekte Position der Kanonen im Verhältnis zum Wind und überwachen die Qualität des Schnees. Wann immer bei Tauwetter ein Stückchen nackte Erde auftaucht, lassen sie es vor Sonnenaufgang wieder einschneien.

Schneekanonen for Future

Der Kunstschnee wird mit einer Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern aus 650 Schneekanonen auf die Berge geschossen. Noch vor zehn Jahren konnten Kanonen im Abstand von 80 Metern eine durchgehende Schneedecke bilden, doch der Klimawandel zwingt Mattis mittlerweile, den Abstand zu halbieren. Die derzeitige Version des „atelier neige“ wurde 2014 für zwei Millionen Euro gebaut und kann 8.000 Kubikmeter Schnee pro Stunde produzieren.

Doch die Technologie ist mit hohen finanziellen und ökologischen Kosten verbunden. Heute fließt jeder zwanzigste Euro, der in Val-d’Isère ausgegeben wird, in die Schneeproduktion, um die Stromkosten, das Personal, die Wartung und die Aufrüstung zu bezahlen – eine versteckte Kunstschneesteuer, die ständig steigt. Obwohl die Schneemaschinen immer effizienter werden, verbraucht eine typische Schneekanone immer noch etwa so viel Energie wie ein Heizkessel in einem Einfamilienhaus. Das Ganze ist eine selbstzerstörerische Erfindung: Die Kanonen tragen zu der Klimaveränderung bei, die sie bekämpfen sollen.

Trotzdem bleiben sie für das Leben in den Alpen, wie wir es kennen, unverzichtbar. Der Tourismusökonom Robert Steiger geht davon aus, dass in den 2050er Jahren bis zur Hälfte aller Skigebiete in den Alpen nicht mehr in der Lage sein werden, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten, so sie nicht hochmoderne Beschneiungsanlagen von dem Typ installieren, wie sie Mattis betreibt. Nur die wohlhabendsten Skiorte wie Val d’Isère – wo der Immobilienpreis für Chalets bei mehr als 23.000 Euro pro Quadratmeter liegt – werden in der Lage sein, die Investionen zu stemmen, um die Beschneiungsanlagen ständig zu erneuern und hochzurüsten.

Weniger finanzkräftige Urlaubsorte sind auf billigere Schneequellen angewiesen: etwa durch Schneebewirtschaftung, bei der der Schnee im Januar und Februar gesammelt oder hergestellt wird, wenn die Herstellungskosten niedriger sind als in wärmeren Monaten. Der Schnee wird dann mit einer 40 Zentimeter dicken Schicht von Holzspänen bedeckt, die ihn während der Sommermonate kühl, kompakt und formbar hält. Ende Oktober werden die Hackschnitzel dann entfernt, damit der Schnee rechtzeitig zur Skisaison auf den Pisten ausgebracht werden kann.

Kunstschnee ist aber nicht nur als vermeintlicher Retter der Skiindustrie von Bedeutung. Hans Oerlemans, ein niederländischer Glaziologe, ist sich sicher, dass Kunstschnee auch der Schlüssel zur Rettung der Gletscher in den Alpen und darüber hinaus sein könnte – und damit all der Regionen, die zu Nahrungszwecken und als Wasserquelle auf Gletscher angewiesen sind.

Es war am Morgen des 11. Juli im Jahr 2000, nach einem unerwartet starken Sommerschneesturm, als sich Oerlemans auf den Weg machte zu seiner Wetterstation auf dem Morteratsch-Gletscher in der Nähe des Dorfes Pontresina in der Schweiz, 400 Kilometer nordöstlich von Val-d’Isère. Der Morteratsch ist einer der größten Gletscher der Alpen, eine Attraktion für Touristen und Skifahrer. Seit 1860 ist er jedoch um 2,5 Kilometer geschrumpft – im Durchschnitt um fast 16 Meter pro Jahr.

Oerlemans ist Niederländer, groß gewachsen und gutaussehend. Mit seiner dünn gerahmten Brille erinnert er an einen Psychotherapeuten in einem Hollywoodfilm. Er erforscht Gletscher seit 1980, als er an der Universität Utrecht promovierte. Seine Wetterstation auf dem Morteratsch, die er 1995 baute, war eine der ersten weltweit, die die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscher messen sollte. Durch die Beobachtung der Lebenszeichen des Morteratsch – Schwankungen in der Tiefe und Temperatur des Eises wie der Umgebungsfeuchtigkeit – hoffte Oerlemans, eine Reihe grundlegender, noch unbeantworteter Fragen zu beantworten. „Wenn das Klima sich um ein Grad erwärmt: Was passiert dann in der Nähe der Gletscheroberfläche? Gibt es einen Meter mehr Eisschmelze oder zehn Zentimeter? Oder zehn Meter? Niemand wusste das.“

Als Oerlemans an jenem Julimorgen im Jahr 2000 von dem Berg, der den Morteratsch überragt, hinunterblickte, erwartete er, den Gletscher in seinem typischen Sommerzustand zu sehen – als riesigen gefrorenen Fluss, der unmerklich langsam und majestätisch den Berg hinunterfließt. Stattdessen sah er nichts als Schnee, der den Gletscher in einer einen halben Meter dicken Schicht bedeckte. In den Wochen darauf bemerkte er bei den Messungen der Wetterstation etwas noch Überraschenderes: Das Tauen des Gletschers war fast vollständig zum Stillstand gekommen.

Zwei Prozesse bringen Eis zum Schmelzen: die Übertragung von Wärme aus der Luft und die Sonneneinstrahlung. Oerlemans’ Messungen legten nahe, dass Letztere eine viel größere Wirkung hat, als die Wissenschaftler bis dato angenommen hatten. Die Schneedecke des ungewöhnlichen Sommerschneesturms hatte offenbar wie ein reflektierender Schutzschild gewirkt, sodass die Lufttemperatur um ein ganzes Grad sank. Oerlemans veröffentlichte seine Ergebnisse 2004 in einem Artikel für die Internationale Gesellschaft für Glaziologie. Dann widmete er sich anderen Dingen.

Als Oerlemans und ich im Herbst 2019 mit einer Seilbahn zu einer Aussichtsstation mit Bergrestaurant und Blick auf den Gletscher fuhren – wo es den „wahrscheinlich teuersten Teller Spaghetti in Europa“ gibt, wie Oerlemans sagte – erzählte er mir, was als Nächstes passierte. Etwa fünf Jahre nach der Veröffentlichung seines Artikels erfuhren die Dorfbewohner in Pontresina von einem Experiment, bei dem Kunstfilz aus Polyester zur Schneeabdeckung verwendet wurde, um den Schnee bei warmem Wetter zu konservieren. Sie legten den Kunstfilz in zwei Meter breiten Streifen auf den Gletscher. Die Fleecedecke – die von Mitte Mai bis September ausgelegt blieb – hielt die Schneeschmelze nicht nur auf, sondern kehrte sie sogar um: Messungen zeigten, dass im Laufe des Sommers das Eis in einigen der Bereiche unter dem Vlies um bis zu zwei Meter dicker wurde.

Eis im Sonnenschein

Als die Nachricht von der Eisumkehr Oerlemans erreichte, dachte er sofort an die Wetterdaten nach dem starken Schneesturm im Juli 2000. Wenn es möglich wäre, einen Gletscher während der Frühlings- und Sommermonate mit einer Schutzdecke zu verhüllen – könnte dann damit ein Jahrhundert des Gletscherschrumpfens rückgängig gemacht werden? „Natürlich sind die Dimensionen ganz andere“, so Oerlemans. „Auf einem Gletscher von der Größe des Morteratsch, der sich bewegt, könnte man keinen Kunstfilz verwenden, weil der schnell beschädigt würde. Aber, so dachte ich, man könnte vielleicht Kunstschnee verwenden.“

Um die Theorie zu testen, sprühten Oerlemans und sein Team im Sommer 2017 eine 2,5 Meter dicke Kunstschneedecke über einen kleinen Teil des Diavolezzafirn-Gletschers, einen winzigen Nachbarn des Morteratsch. Das Experiment, das bis in den Herbst hinein dauerte, war ein Erfolg: Das Abschmelzen wurde gestoppt und an einigen Stellen wuchs das Eis sogar nach.

Oerlemans und seine Mitarbeiter begannen, sich mit der viel größeren Herausforderung auseinanderzusetzen, wie man eine ausreichende Menge an Kunstschnee über die viel größere Fläche des Morteratsch sprenkeln könnte. Schneekanonen wie jene in Val-d’Isère können auf dem Gletscher nicht eingesetzt werden, da sie von der langsam fließenden Strömung des Eises erfasst und aus ihren Rohren gerissen würden. Stattdessen zogen Oerlemans und sein Kollege Felix Keller in Betracht, eine mit einer Schneekanone ausgestattete Seilbahn über den Gletscher fahren zu lassen und dabei Kunstschnee abzuwerfen. Das stellte sich als schwierig heraus, weil man die fahrende Seilbahn ja mit dem notwendigen Wasser für die Schneeproduktion versorgen müsste. Schließlich, in einem Heureka-Moment, hatte das Team einen genialen Einfall: ein „Schneeseil“, das im Zickzack über die Breite des Gletschers gespannt wird. Wie eine Sprinkleranlage könnte das Seil Schnee aus der Höhe rieseln lassen, während der Gletscher unter ihm wie ein Fließband vorbeizog.

Nach zwei Jahren der Vorbereitung, der Suche nach technischen Kooperationspartnern und der Anmeldung von Patenten erhielt Oerlemans am 1. Oktober 2019 einen Zuschuss von zwei Millionen Schweizer Franken von Innosuisse, der Schweizer Agentur für Innovationsförderung, um die Arbeit an seinem extravaganten Schneedeckenprojekt zu unterstützen. „Jetzt ist es nicht mehr bloß Theorie und Fantasterei“, sagte Oerlemans zu mir, „jetzt wird es ernst.“

An einem warmen Morgen im Sommer 2019 wanderte ich mit ihm auf einem Feldweg von Pontresina bis zum Morteratsch-Gletscher. Um den dramatischen Rückgang des Morteratsch zu veranschaulichen, hatte der Gemeinderat entlang des Weges 2,5 Meter hohe Markierungspfosten aufgestellt: Sie zeigen, wie weit die Gletscherzunge in der Vergangenheit über den Berg hinunterragte. Wir starteten bei der Markierung in der Nähe des Parkplatzes am Fuße des Berges, die den Stand des Jahres 1865 anzeigte. Dann passierten wir mit zunehmender Niedergeschlagenheit die Pfeiler für die Jahre 1940, 1960 und 1980. Je weiter wir wanderten, desto weiter wurden die Abstände zwischen den Pfosten – eine eindrückliche Illustration, wie das Schrumpfen des Gletschers im Laufe der Jahrzehnte Fahrt aufgenommen hatte und immer schneller vor sich ging. Wir wanderten gleichsam einen Countdown entlang, der die verbleibende Zeit bis zur Auslöschung des Gletschers – und vielleicht sogar bis zu der unser Spezies – herunterzählte.

In dem steilen Tal, das der Gletscher über die Jahrtausende hinweg gegraben hat, sind die Felswände, die als Letzte von der schrumpfenden Eiszunge freigegeben wurden, mit „totem Eis“ bedeckt, einer dunkelgrauen Substanz, die wie Granit aussieht. Totes Eis ist gefährlich, weil es zu Felsstürzen führen kann. Letzten Sommer ignorierte ein Junge eine Reihe von Warnschildern und entfernte sich – weniger als 50 Meter – vom Hauptweg. Er starb, als ein herabfallender Felsbrocken ihn traf.

Die Bewohner von Pontresina machen sich über die wahrscheinlichen Folgen der Gletschererosion für den Tourismus ziemliche Sorgen, sagte Oerlemans zu mir. Aber nicht alle sind überzeugt, dass sein extravagantes Schneedeckenkonzept die beste Verwendung für zwei Millionen Franken ist. „Ich bin ziemlich skeptisch gegenüber dem ganzen Projekt“, sagte ein Angestellter des Gemeinderats. „Es ist so viel Geld, und es ist nicht klar, was dabei rauskommen wird.“ Und selbst wenn das Programm die Erwartungen erfüllen sollte, bliebe bei manchen der Eindruck, dass die exorbitanten Mittel hinter der technologischen Gletscherrettung im Wesentlichen der Erhaltung der Skiindustrie dienen, also einer Freizeitgestaltung für Superreiche – genau wie der Kunstschneebetrieb in Val-d’Isère.

Oerlemans und sein Team sind da anderer Meinung: Sie argumentieren, dass die von ihnen ausgeheckten technologischen Lösungsansätze – deren Entwicklung durch die wohlhabenden Skigebiete der Alpen finanziert wird – in den kommenden Jahren auch ärmeren Regionen der Welt zugutekommen würden. Das „Schneeseilsystem“ zum Beispiel könnte dann eines Tages nicht nur das Überleben überteuerter Wintersportorte, sondern auch jenes armer Bergbauern in Indien und Tibet sichern, deren Landwirtschaft auf Gletscherwasser angewiesen ist. „Es gibt 230.000 Gletscher auf der Welt. Ich denke nicht, dass man unsere Technik in so großem Maßstab einsetzen könnte, dass sie verhindern kann, dass die Gletscherschmelze zum Anstieg des Meeresspiegels beiträgt“, sagt Oerlemans. „Aber auf lokaler Ebene könnte sie sich als lebensnotwendig für die Wirtschaftskreisläufe erweisen, die auf das Schmelzwasser der Gletscher angewiesen sind.“

Dass Technologien, die für die Reichen entwickelt werden, eines Tages den Armen helfen können, ist unter Technikidealisten ein beliebter Stehsatz – aber mehr als fraglich. „Die Annahme, dass westliche Technologien von Entwicklungsländern einfach so übernommen werden können, ist ziemlich naiv“, findet Robert Steiger von der Universität Innsbruck. „In armen Ländern fehlt fast immer der institutionelle Rahmen, der erforderlich ist, um neue Technologien einzuführen und – noch wichtiger – um das Know-how und Geld zu mobilisieren, das einen langfristigen Einsatz dieser Technologien dann auch gewährleistet.“ Claus Dangel, der Chef der Schweizer Schneekanonenfirma Bächler, die derzeit Oerlemans’ Schneesprenkler entwickelt, schätzt, dass es zusätzliche 3,5 Millionen Schweizer Franken brauchen würde, um das Schneeseilsystem vollständig auszuarbeiten – viel mehr, als die Schweizer Innovationsagentur bereitgestellt hat.

„Die Menschen hier sind zäh“

Dangel hofft, das System so energiesparend wie möglich zu machen, etwa durch Nutzung der Schwerkraft, indem die Sprinkleranlage des Schneeseils aus Seen hoch in den Bergen gespeist wird. „Wir wollen, dass es ohne Strom funktioniert“, sagt er. „Aber das ist ziemlich kompliziert, weil man einen hohen Wasserdruck benötigt. Und das System muss wahrscheinlich auf die eine oder andere Weise beheizt werden, damit es nicht einfriert.“ Es ist unwahrscheinlich, dass die künstliche Beschneiung langfristig selbst noch die wohlhabende Wintersportindustrie der Alpen retten kann. Weshalb schon jetzt manche Skigebiete damit begonnen haben, zu überlegen, wie sie ihren Betrieb grundlegend verändern und an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen können. Für viele Skigebiete bedeutet dies eine Neuausrichtung auf Dinge, die mit Skifahren überhaupt nichts zu tun haben: Wandern, Mountainbiken oder Natur- und Vögelbeobachtung. „Wir wissen, was auf uns zukommt“, sagt Olivier Simonin, der Direktor des Skigebiets in Val-d’Isère. „Und wir wissen, dass wir alles von Grund auf anders machen werden müssen.“

Die Zahl der Touristen, die die Alpen im Sommer besuchen, steigt schon jetzt von Jahr zu Jahr, und der Klimawandel geht einher mit einem Wandel in den Präferenzen der Urlauber, insbesondere der jüngeren. Aber Wandern und andere Sommersportarten werfen weniger Profit ab als das Skifahren, sodass der Tourismus zwar überleben wird, die stratosphärischen Umsätze der schneereichen Jahrzehnte aber wohl zugleich mit dem Schnee verschwinden werden. „Wir haben vielleicht ein bisschen mehr Zeit als andere, aber wir sind ein großer Ferienort“, sagt Simonin über Val-d’Isère. „Wirtschaftlich ist die Herausforderung deshalb bei uns umso größer, das gegenwärtige Profitniveau zu halten.“

Für ein paar Momente birgt Simonin seinen Kopf in den Händen. „Wir werden Solidarität brauchen zwischen den Einheimischen, den Skigebieten und den Hoteliers“, sagt er schließlich. „Aber die Menschen, die hier in den Bergen leben, sind zäh. Wir sind es gewohnt, uns anpassen zu müssen.“ Vielleicht, fährt er fort, werden die Menschen in 50 Jahren ja nach Val-d’Isère kommen, nicht um Ski zu laufen, sondern nur, um Schnee zu sehen – Kunstschnee oder echten –, gerade weil er so rar sein wird. Mit einem trockenen Lachen fügt er hinzu: „Vielleicht wird schon der bloße Anblick von Schnee dann ein Luxus werden.“

Simon Parkin schreibt vor allem für den New Yorker und den Longread-Teil des Guardian. Sein Buch A Game of Birds and Wolves handelt von einer militärischen Einheit von Spieltheoretikern im Zweiten Weltkrieg

Übersetzung: Pepe Egger

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06:00 01.03.2020
Geschrieben von

Simon Parkin | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 32/2020

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