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Metier Es gibt so viele verschiedene Berufe, aber was braucht es, um im Job Erfüllung zu finden? Zwölf Antworten in zwei Teilen. Von Hellseherin bis Oberkellner
Observer Magazine | Ausgabe 18/2013 5

Hellseherin

Ich war sieben, als ich meine erste Verbindung herstellte. Ich lag schlafend im Bett und wurde von einem hellen, strahlenden Licht aufgeweckt. In diesem Licht befand sich eine junge Dame, die ich „Stern“ nannte. Sie wurde meine spirituelle Führerin. Als ich 22 war, starb meine Mutter. Stern kam zurück. Ich begann, viele Verbindungen zu spüren, da oben waren Leute, die ich fühlen konnte. Heute erhalte ich etwa acht Botschaften pro Tag. Es ist ein lustiges Gefühl, wie Spinnweben in meinem Haar. Wenn ich mit jemandem in Verbindung trete, der eines gewaltsamen Todes gestorben ist, kann es sein, dass ich Herzflattern kriege. Die Energie eines Kindes kann mich innerlich erwärmen, als wäre ich in Baumwolle gehüllt.

Mein Job besteht vor allem darin, zwischen den Lebenden und den Toten als Bindeglied zu fungieren. Ich kann aber auch in die Zukunft sehen. Ich muss aufpassen, wie ich Nachrichten überbringe. Ich würde nie jemandem sagen, dass er bald sterben wird. Den Fehler habe ich einmal gemacht – der Junge wurde zwei Wochen später erschossen. Wenn ich aber sehe, dass jemand Krebs hat, sage ich ihm, er soll sich untersuchen lassen. Der Einfluss, den ich auf Leute habe, erstaunt mich. Einem Hollywood-Schauspieler habe ich gesagt, dass er seine Frau nicht liebt – er hat sie noch am selben Tag verlassen. Ich habe eine Ehe zerstört, weil ich wusste, dass er eine andere liebt. Mit ihr hat er jetzt ein Baby.

Ich gehöre nicht zu denen, die da sitzen und den Leuten etwas vorlügen. Manche Leute wollen, dass ich ihnen einen Rat erteile. Sie denken, ich arbeite für die Samariter. Ich bin nicht Gott. Ich kann nur sagen, was ich sehe oder spüre.

Vor Kurzem habe ich für eine berühmte Hotel-Kette gearbeitet. Ich habe präzise vorhergesagt, dass der Besitzer ein Grundstück mit schrecklichem Boden ausgewählt hatte und sparte ihm damit Millionen. Danach beauftragte er mich, Mitarbeiter für ihn zu rekrutieren. Er schickte mir die Lebensläufe und ich sagte ihm, wer in Ordnung war. Einmal hat er nicht auf mich gehört und stellte jemanden ein, der ihn prompt bestahl. Jetzt hört er wieder auf mich.

Ich haue die Leute wirklich nicht übers Ohr. Ich nehme 750 Euro pro Woche mit nach Hause und investiere den Rest in die Vergrößerung meines Unternehmens. Nach jeder Vorhersage reinige ich meine Energie, indem ich mir vorstelle, ein weißes Licht scheine um mich.


Pfarrer

Die Leute sind sich oft nicht ganz sicher, ob man als Pfarrer auch ein richtiger Mensch aus Fleisch und Blut ist. Als ich als junger Mann in meiner Gemeinde ankam, schenkten mir viele der Gemeindemitglieder Besteck – sie gingen davon aus, dass ich keines besäße, weil ich ja nicht verheiratet war. Als ich dann begann, mit einer Frau auszugehen, wurde es wirklich komisch. Für die anderen und für mich. Jemanden vom Altar aus zu sehen, mit dem man die Nacht zuvor geknutscht hat, ist schon seltsam.

Der weiße Kragen kann einem im Alltag helfen, er kann aber auch ein Hindernis sein. Wenn ich aus dem Fitnessstudio gehe, gucken die anderen Trainierenden zweimal hin – vor allem Frauen, die ein bisschen ein Auge auf mich geworfen haben. Wenn ich mich aber einfach so mit Menschen außerhalb meines beruflichen Kontexts treffe, glauben sie oft kein Wort von dem, was ich sage. Sie halten mich oft einfach für verrückt, weil ich an Gott glaube.

Ich begleite Menschen in einigen der schönsten Augenblicke ihres Lebens. Am meisten erfüllen mich aber die Begegnungen mit Menschen, die großes Leid durchleben: Letzte Woche habe ich einer Frau geholfen, einen Brief zu schreiben, in dem sie demjenigen vergab, der für den Tod ihrer Tochter verantwortlich war.

Bei Beerdigungen werden oft seltsame Wünsche geäußert – dass die Melodie einer Fernsehsendung gespielt wird oder ein Meat-Loaf-Song. Und manche Frauen staksen in Stilettos an kalten Tagen, wenn es glatt ist, auf das Loch in der Erde zu, um Blumen hineinzuwerfen – da gibt‘s immer das Risiko, dass eine reinfällt. Wirklich anstrengend sind aber Trauzeugen bei Hochzeiten. Da werden während der Choräle Fußballhymnen gegrölt und Gummibärchen auf meine Bibel geworfen, wenn die Ringe getauscht werden. Manchmal werde ich auch gebeten, für obskure Sachen zu beten – etwa dass Gott die Katzen meiner Gemeinde vor Krebserkrankungen bewahrt.


Callcenter-Agentin

Wenn man in einem Callcenter arbeitet, führt man den ganzen Tag lang peinliche Gespräche. Man sitzt in einem Raum voller Leute, die Automaten-Kaffee in sich hineinschütten und versuchen, gut gelaunt zu bleiben, obwohl sie ständig beschimpft werden. Wir müssen streng pünktlich sein. Ich verkaufe hauptsächlich Sachen am Telefon. Manchmal sammle ich auch Geld für Wohltätigkeitsunternehmen oder betreibe Marktforschung. Ich verdiene ungefähr 300 Euro die Woche, dazu 75 Euro Provision, wenn ich besonders gut war. Wenn man drei Wochen hintereinander seine Vorgaben nicht erfüllen kann, wird man gefeuert.

Es ist wirklich anstrengend. Manchmal fühle ich mich todunglücklich und hasse die Leute. Die schlimmsten sind die Selbstgerechten, die sich daran aufgeilen, dich runterzumachen. Als ob ich mir diesen Mindestlohn-Job ausgesucht hätte. Ich brauchte dringend Arbeit und wurde auf der Straße angesprochen.

Es ist deprimierend, eine Umfrage für eine Bank durchzuführen – insbesondere, wenn es sich um gar keine richtige Umfrage handelt, sondern um Marketing. Wir suchen Nachweise für Kundenzufriedenheit. Wir bringen uns durch den Tag, indem wir Spielchen spielen, etwa: so viele Tiere wie möglich in einem Gespräch unterzubringen. „Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für eine schnelle Antilopen-Umfrage zur Kundenzufriedenheit?“ Oder: „Würden Sie sagen, der Service war: ausgezeichnet, sehr gut, gut oder eher tigermäßig schlecht?“ Man versucht, sein Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln. Man sucht nach irgendeinem Hinweis auf gemeinsame Interessen – die Erwähnung eines Urlaubsortes, oder ein Kind, das in einer Stadt studiert, die man kennt.

Ein Arbeitskollege hat einmal eine Frau angerufen und gefragt, wie ihr Tag war. Sie antwortete: „Mein Mann ist befördert worden.“ Er witterte ein Geschäft und sagte: „Das ist ja fantastisch! Herzlichen Glückwunsch!“ Die Frau: „Was? Mein Mann ist gerade beerdigt worden.“ So etwas ist mir auch schon passiert. Die Leute erzählen mir, dass die Bank ihrem im Sterben liegenden Vater den letzten Cent aus der Tasche gezogen habe und ich muss weiterfragen: „Wie sauber ist der Geldautomat, an dem Sie regelmäßig ihr Geld abheben?“ Nach der Schicht sehnt man sich dann nach einer normalen Unterhaltung. Man lechzt so sehr nach etwas Wirklichem.


Sanitäter

Wir bekommen in unserem Beruf mehr Tote, mehr Eingeweide und mehr Entsetzliches zu sehen als Soldaten an der Front– schließlich machen wir diesen Job 45 Jahre lang. In einer durchschnittlichen Schicht sehen wir viele Betrunkene, werden in ein Bordell oder zu Drogenkonsumenten gerufen, da liegen die Leute mit Spritzen voller Heroin im Arm herum – finstere Orte. Es passieren so viele schreckliche Dinge: Autounfälle, bei denen ein Elternteil überlebt, während die Kinder und der Partner ums Leben gekommen sind. Selbstmorde, insbesondere bei Jugendlichen, sind schlimm. Es gibt auch ermutigende Augenblicke: Ein Baby zur Welt zu bringen oder alte Damen zu besuchen, die gestürzt sind und Gesellschaft brauchen. Ich koche ihnen Tee und wir plaudern ein wenig.

Man gewöhnt sich nicht daran, schlechte Nachrichten zu überbringen. Es gibt kein Drehbuch dafür. Man muss ehrlich sein und trösten. Ich habe gelernt, dass es in Ordnung ist, selbst emotional zu werden.

Die Arbeit verlangt ihren Tribut. Vor etwa acht Jahren erlebte ich einen Zusammenbruch. Ich hatte eine besonders harte Woche: ein Selbstmord; ein Mann, der seine Kinder vergewaltigt hatte. Ich war zynisch und verbittert und bekam auch noch Druck von unserer Leitung, die neue Vorgaben umsetzen musste. Wenn wir nur 20 Sekunden zu spät kamen, aber trotzdem noch jemandem das Leben retten konnten, wurden wir dennoch gerügt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich viel verändert. Wir haben jetzt keinen eigenen Raum mehr, in dem wir uns zwischen den Einsätzen erholen können.

Warum ich mich für diesen Beruf entschieden habe? Ich wollte mich um andere Leute kümmern.


Kosmetikerin

Wenn meine Kunden erstmal mit den Beinen in der Luft vor mir liegen und ihre intimsten Körperteile der Gnade eines Wachsstreifens ausgesetzt sind, bekommen sie oft Angst. Ich versuche dann das Eis zu brechen, indem ich mit finsterer Stimme sage: „Keine Sorge, niemand wird hier deine Schreie hören.“ Mich schockt auch nichts mehr. Eine Freundin hat mich mal gefragt, wie es ist, den ganzen Tag auf Vaginas zu gucken. Aber ich sehe den Körper gar nicht mehr als solchen, ich konzentriere mich nur auf ein Stück Haut.

Ich versuche die Leute vor allem dazu zu bringen, zu entspannen, sie etwas abzulenken. Aber stumpf ist meine Arbeit nicht. Man muss viel dafür lernen. Klischee-Kosmetikerinnen, wie aus dem Fernsehen, kann ich nicht ausstehen. Wenn ich gerade nicht Haare entferne, mache ich sauber. Ich achte pedantisch auf Hygiene in meinem Studio. Hautzellen erzeugen viel Staub. Ich habe Standards und erwarte das Gleiche auch von meinen Kunden: Kommen Sie nicht zu mir, wenn Sie nicht bereit dazu sind! Leider liegt unser Salon gegenüber von einem Bikram-Yoga-Studio. Immer wieder kommen Leute direkt aus dem Kurs und wollen, dass ich sie – so verschwitzt, wie sie sind – enthaare. Da weigere ich mich.

Manche junge Frauen scheinen tagelang nicht den Slip zu wechseln. Andere kommen, wenn sie ihre Periode haben. Einer habe ich mal fast den Tampon rausgezogen. Die meisten wollen entweder Hollywood – also alles weg – oder ein Brazilian Waxing, bei dem ein kleiner Streifen stehen bleibt. Die ursprüngliche Bikinizonen-Enthaarung, bei der man nur wenige Haare entfernt, wird fast gar nicht mehr verlangt. Einmal Hollywood, immer Hollywood. Das gilt auch für das „Back, Sack and Crack“-Angebot, also Rücken, Sack und Hintern. Männer zu waxen ist einfach witzig – manche Männer haben falsche Vorstellungen und glauben, man hätte „Extras“ sexueller Natur im Angebot. Meistens versuche ich aber bloß, das Lachen bei ihnen zu unterdrücken.


Oberkellner

Ich muss unsere Kunden gut kennen. Der Restaurantbesuch ist auch für sie schöner, wenn sie das Gefühl haben, dass man sich wirklich für sie interessiert. Nicht jeder geht aber in ein Restaurant, um dort eine schöne Zeit zu verbringen. Einige kommen zu Geschäftstreffen. Viele besuchen diesen Ort, um sich von ihrem Partner zu trennen – Gott weiß warum. Die schlimmsten Kunden sind die, die betrunken sind und einen belästigen. Ich hatte schon Kunden, die sich mit mir prügeln wollten. Und es ist auch nicht gerade toll, wenn die Toiletten Freitagabend um acht überlaufen.

Dann muss ich halt die Gummihandschuhe anziehen und mich selbst darum kümmern, bis ein Installateur kommt.

Manche Leute glauben auch, wir würden uns bei der Tischvergabe bestechen lassen. Das ist aber falsch. Einmal ist Freitagabend ein Typ in Begleitung eines berühmten Kochs und seiner neun wichtigen Freunde hereingekommen. Reserviert hatten sie nicht. Als ich gesagt habe, wir seien voll belegt, hat er einfach angefangen, mir Geldscheine in die Brusttasche zu stopfen. Am Schluss haben wir an der Bar noch ein paar Plätze für sie gefunden. Das Geld habe ich deswegen aber natürlich nicht zurückgegeben.

Zwölf Antworten in zwei Teilen. Teil 1: Hellseherin bis Oberkellner

>> Teil 2 erschien am 2. Mai

Übersetzung: Zilla Hofman

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09:00 01.05.2013
Geschrieben von

Observer Magazine | The Guardian

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The Guardian

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