Letzter Ausweg Texas

Honduras Die Gewalt in Mittelamerika treibt immer mehr Menschen in die Hände von Schleppern, die sie illegal in die USA bringen sollen
Letzter Ausweg Texas
Patrouille der Gang Calle 18 in der Küstenstadt San Pedro Sula

Foto: Leonel Cruz / AFP / Getty Images

Anfang August war es endlich geschafft. Carla hatte mit ihren beiden kleinen Kindern, ihrer Mutter und drei jüngeren Geschwistern, die alle noch keine 15 Jahre alt sind, die Grenze zu Texas erreicht. Hinter ihnen lag eine zermürbende Reise, vier Wochen lang von ihrem Zuhause im Norden von Honduras mit Bussen 2.500 Kilometer durch Guatemala und Mexiko. Um Lotsen und Schlepper bezahlen zu können, hatte Carla alles verkauft. Das Geld für die Bestechung der Grenzbeamten war im Preis inbegriffen.

Aber sie wollte nach Norden, Kinder dürften nun legal in die USA einreisen, hatte sie von anderen Honduranern gehört, die unbeschadet über die Demarkationslinie kamen. Dabei hatte das Hauptmotiv für ihre Flucht nichts mit Illusionen über ein Refugium USA zu tun. Carla überfiel immer wieder furchtbare Angst vor der Rache ihres Vaters, der sie vergewaltigt hatte, als sie noch ein Kind war, und nun aus dem Gefängnis entlassen werden sollte. Er habe bereits einen Killer engagiert, um ihren älteren Bruder zu töten, der sich illegal in die USA abgesetzt habe, wurde ihr erzählt.

Carla hoffte, am Ufer des Río Bravo würde der Albtraum endlich ein Ende finden. Aber statt in ein US-Untersuchungsgefängnis brachten sie die US-Grenzer zurück zur mexikanischen Einwanderungsbehörde, die sie wieder nach Hause schicken sollte. „Sie haben nicht einmal mit uns geredet“, sagt Carla, die vorläufig eine spartanische Unterkunft in der honduranischen Küstenstadt San Pedro Sula gefunden hat. Hier kommen massenweise Flüchtlinge an, die Mexiko zurückschickt. „Jetzt sind wir wieder da, wo wir angefangen haben, und ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Uns ist kein einziger Dollar geblieben.“

Die Schimäre, die Südgrenze der USA sei für Flüchtlinge geöffnet worden, hat zu einer humanitären Krise geführt. Seit Mitte Juli wird aus den USA beschleunigt abgeschoben. „Man redet immer nur über die Kinder und Jugendlichen, die versuchen, über die Grenze nach Nordamerika zu kommen, doch denen geht es noch vergleichsweise gut“, sagt Ordensschwester Lidia Mara Silva de Souza, die sich in Honduras um Menschen kümmert, die aus den Vereinigten Staaten zurückmüssen. „Alle, woher sie auch gekommen sind, brauchen erst recht unsere Hilfe.“

Bis zu 5.000 Dollar

Die meisten minderjährigen Migranten aus Honduras, El Salvador und Guatemala fliehen vor einer Gewalt, die sich von den Zuständen in Kriegsgebieten nicht groß unterscheidet. In Honduras liegt die jährliche Mordrate bei 90 von 100.000 Einwohnern, in Mexiko bei 20 von 100.000, in den USA unter fünf. Schwer bewaffnete Straßenbanden wie Mara Salvatrucha und Calle 18 terrorisieren eine Region, die mexikanischen und kolumbianischen Kartellen als wichtiges Transitgebiet für den Drogenschmuggel in Richtung Norden dient.

Die durch den illegalen Handel befeuerte Korruption wie die politische Instabilität von Ländern wie Honduras haben zum Zusammenbruch staatlicher Institutionen geführt. Viele Mittelamerikaner sehen keine andere Perspektive, als die gefährliche und ungewisse Reise nach Norden zu wagen. „Es gibt für sie nur diese Alternative: fliehen oder sterben“, sagt Carlos Paz, Direktor des örtlichen Büros der Caritas in San Pedro Sula.

Der politische Streit über die Migration von Minderjährigen in die USA wurde durch Bilder von Kindern verschärft, die in einer Einrichtung der US-Einwanderungsbehörde wie Tiere zusammengepfercht waren. Kurz darauf veröffentlichte die Obama-Regierung Zahlen, denen zufolge zwischen Oktober 2013 und Juli 2014 über 52.000 Kinder ohne Begleitung Erwachsener die südliche Grenze der USA erreicht hätten, doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Diese Kinder dürfen nach einem Gesetz aus dem Jahr 2008 zur Bekämpfung des Kinderhandels, das noch von George W. Bush unterschrieben wurde, nicht ohne vorhergehende gerichtliche Prüfung abgeschoben werden. Den Anstieg des Jahrs 2013 führen die Republikaner auf die Praxis zurück, die Minderjährigen bei den sogenannten deportation hearings in den USA lebenden Verwandten zuzuweisen – ein Prozess, der normalerweise über ein Jahr dauert.

Die Obama-Regierung vertritt dagegen die Auffassung, die Migrationswelle sei durch Schlepper ausgelöst, die ebenjenes Gerücht kolportiert hätten, Kinder könnten legal in den Staaten bleiben. Dazu kommt freilich ein anderer Umstand: Da sie nicht mehr nach Hause können, um ihre zurückgelassenen Kinder zu besuchen, zahlen in die USA geflüchtete Mittelamerikaner Schleppern bis zu 5.000 Dollar, damit sie ihre Söhne und Töchter über die Grenze holen.

In San Pedro Sula erzählt der Taxifahrer Roberto Cerrato, seine elfjährige Enkelin sei nun bei ihrer Mutter, zehn Jahre nachdem die sich in den Norden aufgemacht habe. „Sie war mein Augapfel. Ich habe geweint, als sie uns verlassen hat. Aber es ist besser so. Honduras ist kein Ort für Kinder.“ Viele Teenager reisen allein. Manche suchen ihre Eltern, manche Arbeit, wieder andere möchten der Gewalt entrinnen, und bei nicht wenigen kommt all das zusammen.

Der 14-jährige Carlos hat sich vor einem Monat auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, seine Mutter wiederzusehen, die nach Houston geflohen ist. Ihre Geschäftspartnerin war von Bandenmitgliedern ermordet worden, und Carlos’ Mutter musste annehmen, als nächste dran zu sein. Fast ein Jahr lang lebte der Junge bei Verwandten, bevor auch er in Richtung Norden aufbrach, aber schon im Süden Mexikos hängen blieb. „Vielleicht werde ich meine Mama nie wiedersehen“, sagt er, während er ziellos durch San Pedro Sula wandert.

Mit einer Mordrate von 180 pro 100.000 Einwohnern gilt San Pedro Sula seit 2013 als brutalste Stadt der Welt. Wer überleben will, muss die unsichtbaren Linien kennen, wo die Territorien rivalisierender Gangs aufeinanderstoßen, und die Ausgangssperre beachten, wie sie nach Sonnenuntergang de facto herrscht, obwohl sie von keiner Behörde verhängt wird. Man sollte so wenig wie möglich sehen, hören und sagen. Die meisten Einheimischen, die sich bereit erklären, mit einem Journalisten zu sprechen, wollen anonym bleiben.

Man habe keine andere Wahl, als die „Kriegssteuern“ für das Geschäft und das „Schutzgeld“ für die Familie zu bezahlen. Wurde jemand ermordet, ist es angeraten, nicht zur Beerdigung zu gehen. Kirchliche Organisationen sind zwar präsent, aber auch sie geben zu, bei den Gangs um Erlaubnis zu bitten, wenn sie eine Begräbnisfeier oder eine Prozession planen, und sich sonst aus allen kontroversen Fragen herauszuhalten.

Wie Kriegsflüchtlinge

Mitte August erklärte die honduranische Regierung, landesweit sei die Mordrate im ersten Quartal 2014 um 17 Prozent zurückgegangen, doch begegnet man einem solchen Statement mit großer Skepsis. Zwei Arbeiter in der städtischen Leichenhalle von San Pedro Sula meinten, in diesem Jahr würden wesentlich mehr Tote zu ihnen gebracht als 2013.

Man hört in der Stadt nicht selten, kleine Kinder würden von den Gangs gezwungen, für sie Schmiere zu stehen, Botschaften zu überbringen oder zu spionieren. Wer nicht spurt, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Allein im Viertel La Pardera wurden zuletzt in nur einem Monat acht Kinder im Alter zwischen 7 und 13 Jahren entführt und ermordet. Auf der Straße erzählt man sich, sie hätten sich geweigert, der herrschenden Gang zu gehorchen. „In diesem Job gewöhnt man sich ja naturgemäß daran, Tote zu sehen“, sagt einer der Arbeiter in der Leichenhalle. „Aber ein Kind herzurichten, das in Stücke geschnitten und anschließend verbrannt wurde – das ist nun wirklich zu viel.“

US-Politiker haben Eltern in Mittelamerika davor gewarnt, ihre Kinder einer Flucht durch Mexiko auszusetzen. Die verzweifelte Lage, aus der diese Kinder fliehen, interessiert sie dabei nur am Rande oder gar nicht. Doch Dutzende von Gesprächen in Honduras zeigen, dass sich die Menschen dort der Gefahr vollauf bewusst sind. Viele glauben dennoch, keine andere Wahl zu haben, als ihre Kinder auf die ganz große Reise zu schicken.

Wie ernst die Lage ist, lässt sich daran ersehen, dass vom UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge Anfang Juli dazu aufgerufen wurde, Migranten aus Mittelamerika wie Flüchtlinge zu behandeln, die durch bewaffnete Konflikte vertrieben wurden. „Die USA und Mexiko müssen erkennen, dass es sich um eine Flüchtlingssituation handelt. Daher können die Menschen nicht einfach wieder nach Hause geschickt werden, sondern sollten internationalen Schutz erhalten“, erklären die Vereinten Nationen.

In Honduras glauben viele, dass die mexikanische Regierung Migranten inzwischen energisch verfolgt, weil der Druck aus den USA gewachsen ist. Während einer Anhörung des US-Kongresses zum Menschenstrom aus Mittelamerika warf Michael McCaul als Vorsitzender des Heimatschutzausschusses dem Nachbarland vor, nichts zu unternehmen, um den Ansturm von Kindern zu drosseln. „Wenn es uns gelingt, die Grenze in Richtung Mexiko dichtzumachen, löst das unser Problem zu 99 Prozent“, sagt McCaul.

Drei Konvois pro Woche

Die Behörden in Mexiko werden kaum öffentlich einräumen, dem Drängen der USA nachzukommen. Dass die Zahl der Abschiebungen dramatisch gestiegen ist, scheint Auskunft genug. Im Auffangzentrum von San Pedro Sula wurden im Vorjahr insgesamt 4.001 zurückgeschickte Kinder registriert, in den ersten sechs Monaten von 2014 waren es bereits 5.767. Zwischenzeitlich trifft mehrmals pro Woche ein Buskonvoi mit Abgeschobenen aus Mexiko ein. Bestand er Anfang 2014 noch aus vier Bussen, die zweimal die Woche ankamen, sind es jetzt drei Konvois mit jeweils sieben Bussen.

In einem der Fahrzeuge sitzt Anfang August die 22-jährige Marta. Sie erzählt, mehrere Wochen lang mit ihren drei wesentlich jüngeren Geschwistern in einem mexikanischen Auffanglager festgehalten worden zu sein. „Das möchte ich nicht noch mal durchmachen. Sie haben uns behandelt wie Hunde“, sagt sie. Sie habe keinen Antrag auf Asyl gestellt, man habe ihr erklärt, dass sie dann sechs weitere Monate in Gewahrsam bleiben würde.

Acht Jahre lang konnten die vier Geschwister von dem Geld leben, das ihnen die Mutter aus Houston schickte, wo sie illegal arbeitete. Nachdem Marta die Angebote eines örtlichen Drogenschmugglers abgelehnt hatte, war kurz darauf ihr ganzes Haus voller Einschusslöcher, und sie floh in die Hauptstadt Tegucigalpa. Als der Dealer sie dort aufstöberte, machte sie sich mit ihren Geschwistern auf nach Norden, in der Hoffnung, es bis Houston zu schaffen. In Chiapas wurden sie dann von mexikanischen Beamten festgenommen. Zurück in Honduras würde Marta gern ihre Mutter anrufen, um mit ihr zu besprechen, was jetzt passieren soll. Aber ein mexikanischer Wärter hat ihr das Handy gestohlen. „Das Einzige, was mir einfällt“, sagt Marta, „ist, es noch mal zu versuchen.“

Jo Tuckman ist Lateinamerika-Reporter des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 09.09.2014
Geschrieben von

Jo Tuckman | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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