Leugnen und Vertuschen

G20-Proteste Die Londoner Polizei hat die Öffentlichkeit von Anfang an über den Tod von Ian Tomlinson getäuscht. Nur eine gerichtliche Untersuchung kann Licht ins Dunkel bringen

In den Ermittlungen zum Tod von Ian Tomlinson während der G20-Proteste in London hat sich inzwischen der Polizist den Behörden gestellt, der bei einer Attacke auf den Mann gefilmt worden war. Unterdessen geht die Suche nach dem wahren Tathergang weiter, immer neue Details kommen ans Licht, Gerüchte werden gestreut. Hinter allem aber steht die Frage, wie es zum Tod des 47-Jährigen kommen konnte. Mit wenigen Worten kommentierte Ian Tomlinsons Sohn, Paul King, die Umstände in einem Interview mit der BBC: „Die Polizei hat sich nicht korrekt verhalten“, sagte Mr. King. Der Guardian hatte ein Video veröffentlicht, auf dem zu sehen ist, wie Ian Tomlinson von einem Polizisten geschlagen und zu Boden gestoßen wird. "Das war nicht notwendig“, fügte King hinzu.

Das war es in der Tat nicht. Deshalb ist auch klar, dass die Sache ein Nachspiel haben wird. Am Mittwoch übernahm die Polizeiaufsichtsbehörde Independent Police Complaints Commission IPCC die Untersuchungen von der Londoner Polizei und ordnete eine zweite Obduktion an. Beide Maßnahmen unterstreichen, dass der Fall nicht nur für Mr. King und seine Familie von großer Bedeutung ist, die ein Recht hat zu erfahren, wie Tomlinson zu Tode kam. Es geht genauso um die Konzepte Strategien und das Verhalten der Polizei. Dieser Fall wirft also fundamentale Fragen über polizeiliche Befugnisse, Vorgehensweisen und Verantwortlichkeiten auf.

Die Londoner Polizei stand in der vergangenen Woche unter starkem Druck. Sie musste einen reibungslosen Ablauf des G20-Treffens gewährleisten. Vielleicht heizte sie deshalb die Stimmung an, indem sie vor einer Gefahr für die öffentliche Ordnung warnte und deutlich machte, dass sie bereit sei, im Fall von Ausschreitungen entschieden durchzugreifen. Vor diesem Hintergrund lässt sich womöglich erklären, warum einzelne Polizeibeamte sich so verhalten haben, wie im Fall Tomlinson und warum die Polizei die Öffentlichkeit hinterher so in die Irre führte. Aber es kann ihre Taten nicht entschuldigen. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, warum die Polizei – vom einfachen Schutzpolizisten bis hin zum Einsatzleiter – sich so verhalten hat und welche Befehle und direkt oder indirekt mit dem Tod Tomlinsons in Zusammenhang stehen.

Es muss geklärt werden, warum die Polizei die Medien von Anfang an über Tomlinsons Tod in die Irre geführt und in manchen Fällen bewusst gelogen hat. Ihrer Pflicht zur Wahrhaftigkeit wurde die Metropolitan Police an diesem 1. April nicht gerecht. Offizielle und inoffizielle Stellungnahmen gingen durcheinander; Details, die der Polizei bekannt sein mussten, wurden unterschlagen und Dinge falsch dargestellt. Dann versuchte die Polizei, Journalisten daran zu hindern, ihrer Arbeit nachzugehen und stellte die Aussagen von Tomlinsons Familie falsch dar – genauso wie gegenüber den Medien. Und wie unabhängig kann eine Kommission sein, deren erste Reaktion auf die vom Guardian veröffentlichten Beweise von Dienstagnacht es war, in Begleitung eines Polizisten von der Redaktion zu verlangen, das Video von der Internetseite zu nehmen? Da liegt die Befürchtung nahe, dass die Polizei aufgrund des großen Druckes, der auf ihr lastete, die Wahrheit nur teilweise an die Öffentlichkeit dringen ließ oder gar gänzlich verleugnete, die Aufklärung hintertrieb, statt sie zu befördern.

Drei entscheidende Dinge müssen jetzt passieren: Zunächst einmal muss die in ihrer Bedeutung aufgewertete Untersuchung eine verlässliche und umfassende Darstellung der letzten Minuten Tomlinsons umfassen, und dabei alle zur Verfügung stehenden Beweise mit berücksichtigen, einschließlich der Bänder der polizeilichen Überwachungskameras. Diese muss dann im Kontext des Polizeikonzepts anlässlich des G20-Gipfels verortet werden. Zweitens muss sich jeder, der nach den Ermittlungen zum Tode Tomlinsons unter Verdacht steht, ein Verbrechen begangen zu haben, vor Gericht dafür verantworten. Und drittens müssen aus dem Fall Lehren für die grundsätzlichen Polizeimethoden gezogen werden, wie die öffentliche Ordnung zu schützen ist, welche Strategien die Polizei bei Notfällen im Umgang mit den Medien verfolgt, wie das Beschwerde-System der Polizei funktioniert und welche Änderungen bei der Ausbildung von Polizisten nötig sind.

Am besten würde der Innenminister daran tun, für diese weitergehenden Fragen eine gerichtliche Untersuchung zu veranlassen. Denken Sie an Mr. Kings Worte. Die Polizei hat sich nicht korrekt verhalten.


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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

The Guardian

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