Liebe in Zeiten des Kapitalismus

Online-Dating Single-Börsen sind wie Supermärkte: Man checkt Angebote und testet ein Produkt. Das Unvorhersehbare und Irrationale an der Liebe bleibt dabei auf der Strecke

Das Internet verändert die Art und Weise, wie eine Gesellschaft kommuniziert, Informationen und Wissen verarbeitet und es verändert ihr Verhältnis zur Autorität. Einige dieser Entwicklungen sind aufregend und herausfordernd, andere hingegen stellen das Wesen menschlicher Interaktion ganz grundsätzlich in Frage.

Internet-Dating ist heute mehr oder weniger eine allgemein anerkannte Art geworden, um Leute kennenzulernen und mögliche Beziehungen anzubahnen. Die Kritik daran erschöpfte sich bislang meistens auf funktionale und operationelle Aspekte wie Teilnahmegebühren oder Leute, die falsche Bilder in ihr Profil einstellen oder falsche Angaben machen. Nur wenige haben sich bislang Gedanken darüber gemacht, warum Online-Singlebörsen per se schlecht sein könnten.

Die Partnersuche im Internet basiert auf rationalen Entscheidungen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Sprache der Ökonomie im gegenwärtigen Stadium des späten Kapitalismus Einzug in den irrationalsten Bereich unseres Lebens gehalten hat: den zwischenmenschlichen. Internet-Dating ist wie Einkaufen bei LoveMart: Wir sehen und lesen die Anzeigen (hier die Profile der Mitglieder) und treffen dann aufgrund der dort erhältlichen, vermeintlich relevanten Informationen die rationale Entscheidung, das Produkt auszuprobieren. Je größer die Auswahl (das heißt, je populärer die Seite) desto besser ist dies angeblich für die Suchenden. Dieses Eindringen von Marktrationalität und ökonomischer Sprache ist auf den Kennlernseiten allgegenwärtig. So bietet die Seite match.com sowohl Effizienz („Erhalten Sie ihre Partnervorschläge umgehend“) und rationale Kontrolle („Wählen Sie, mit wem Sie in Kontakt treten möchten“). Das Irrationale und Unvorhersehbare an der Liebe und allem Zwischenmenschlichen wird auf den Kopf gestellt und in ein vernünftiges Produkt verwandelt.

L'amour ohne unerwünschte Überraschungen

Die Art und Weise, wie Websites berechnen, ob zwei Menschen zueinander passen, negiert den innersten Kern zwischenmenschlicher Beziehungen. Wer online einen Partner oder Freunde sucht, verlässt sich darauf, was ein Computer aus einer Reihe schwer zu beantwortender Fragen errechnet. Da bleibt, wenn überhaupt, nur wenig Raum für Feinheiten, abweichendes Verhalten oder Entdeckungen. Die Fragen, die viele dieser Seiten verwenden, sind so langweilig und furchtbar (Sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben? A. Ja, B. Nein, C. Überwiegend), dass sie nicht einmal in Anspruch nehmen können, wirklichen Gesprächen nachempfunden zu sein. Bei den meisten Fragen würde ich davonrennen, wenn sie mir jemand bei einer normalen Verabredung in einer Kneipe stellen würde. Online Dating bedeutet deshalb keine Ausweitung der menschlichen Interaktion, sondern eine grundsätzliche Veränderung: Zwischenmenschliche Beziehungen werden in Produkte verwandelt, die vermeintlich objektiv vermessen und ausgewählt werden können, obwohl in Wirklichkeit das genaue Gegenteil der Fall ist.

In seinem Buch Éloge de l'amour (2009; dt. Lob der Liebe, 2011) führt Alain Badiou die Werbesprüche zweier Dating-Seiten auf. Die eine behauptet, man könne die Liebe ohne unerwartete Zwischenfälle finden ("Ayez l'amour sans le hasard!" – „Die Liebe ist kein Zufall“, heißt es analog auf einer deutschsprachigen Seite). Die zweite verspricht, man könne die Liebe genießen, ohne sich kopflos zu verlieben ("On peut être amoureux sans tomber amoureux!"). Liebe – diese großartige irrationale Antriebskraft der Menschheit – ist zu einem Gegenstand geworden, über den die Leute vollständig informiert sein und entscheiden wollen, ohne dabei irgendwelche unerwarteten Enttäuschungen zu erleben. Das ist, wie der Philosoph Slavoj Zizek einmal bemerkte, wie koffeinfreier Kaffee.

Wir wollen diese ihres eigentlichen Wesens beraubten Produkte genießen, aber bitte schön ohne das irrationale Moment, irgendetwas Schlechtes zu konsumieren und ohne das Spontane und Unberechenbare von Gefühlen zuzulassen. Alles, was Kultur und Gesellschaft lebendig, impulsiv und manchmal auch unberechenbar macht, wird zugunsten rationaler Entscheidungen ausgeblendet. Wir wollen nicht verletzt werden und nicht leiden. Es soll keine Mühe machen und darf nicht kompliziert sein. Wir sind nicht bereit, Enttäuschungen zu akzeptieren. Wir wollen einfach nur eine 100-prozentige Erfüllung unserer rationalen Erwartungen. Diese Kritik kann natürlich auf andere Formen von Online-Communites wie Facebook ausgeweitet werden, wo kontaktfreie Freundschaften sich in Anstupsereien, LOLs und nichtssagenden Anspielungen erschöpfen.

Manche Kritiker wie Badiou haben behauptet, Online-Dating werfe die Gesellschaft zurück auf eine vormoderne Form arrangierter Ehen. Ich würde sagen, es ist schlimmer. Die Sprache und Praxis der Marktrationalität ist in die letzten Bereiche vorgedrungen, die unser Menschsein ausmachen.

Übersetzung: Holger Hutt

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09:00 28.07.2011
Geschrieben von

John Walters | The Guardian

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The Guardian

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