Lieber Facebook als Goldman Sachs

USA Die Macht der Wall Street bröckelt. Das Silicon Valley wirbt den Banken das Personal ab und diktiert ihnen die Geschäftsbedingungen
Will Hutton | Ausgabe 22/2015 3

Der US-Kapitalismus durchläuft einen bemerkenswerten Wandel. Jahrzehntelang war die Wall Street das Herz des Systems. Ihre Investmentbanken dominierten weltweit die Finanzmärkte, „Wall Street“ wurde zum Inbegriff für astronomische Gehälter, für unmoralische Händel – und für den Beinahe-Kollaps der von ihr bestimmten Wirtschaftsordnung.

Als Herrscher des Finanzuniversums stießen ihre Akteure in ungeahnte Dimensionen der Geldvermehrung vor und stülpten der ganzen westlichen Welt ihre Werte und Prioritäten über. Für ehrgeizige Wirtschafts- und Juraabsolventen war eine Karriere an der Wall Street das höchste Ziel.

Nun aber bringt der anhaltende Höhenflug des Silicon Valley, der längst einer zweiten industriellen Revolution gleichkommt, die alte Ordnung ins Wanken. Es wird immer offensichtlicher, dass die Digitalisierung, das Internet und die Hochleistungsrechner eine ganz neue Industrie-, Finanz- und Geschäftslandschaft formen – und dass dieser Prozess gerade erst beginnt.

Ein Vermögen lässt sich nicht nur mit dem Kauf und Verkauf von Finanzanlagen machen, sondern auch mit dem Aufbau von Firmen, die mit neuen Technologien die Welt auf den Kopf stellen. Besser Facebook, Apple und Microsoft als Goldman Sachs.

Die Unternehmer im Silicon Valley hatten für die Wall Street und ihr Wertesystem nie viel übrig. Zwar wussten sie immer, dass sie auf deren Geld angewiesen waren, doch sie achteten darauf, die Kontrolle über ihre kostbaren Start-ups nicht zu früh aus der Hand zu geben. Sie wollen nicht zu Schachfiguren der Ostküsten-Banker werden und ihre Innovationsfreude deren kurzsichtigen Finanzzielen opfern. Von Google bis LinkedIn haben fast alle Hightech-Giganten von der Westküste sichergestellt, dass die Wall Street zwar ihre Aktien erwerben kann, aber keine Kontrollrechte. Die Entscheidungsmacht bleibt bei den Gründern, weil sie selbst über privilegierte Aktienpakete verfügen, mit zehnfachem Stimmrecht im Vergleich zu den anderen, gewöhnlichen Anteilen.

Aufgeregte Investoren

Dieser Trick funktioniert so gut, dass die Hightech-Konzerne nun ihrerseits dicke Wall-Street-Fische abwerben können. Gerade erst hat Google für unfassbare 70 Millionen Dollar Ruth Porat angeheuert, bis dahin Finanzchefin bei der Großbank Morgan Stanley. Und schon letztes Jahr holte sich Twitter für lässige 64 Millionen den Finanzchef von Goldman Sachs, Anthony Noto. Die Macht verlagert sich von der Wall Street nach Kalifornien, von der Finanzwelt in die Welt der Innovationen, wo sie, wie Google-Chef Eric Schmidt sagt, für ihr Gehalt zumindest etwas Gutes tun kann.

Die Bank JP Morgan bietet neuerdings ein Finanzprodukt namens „Stay Private Longer“ an: Es beruht darauf, dass die Bank den Mitarbeitern von Hightech-Firmen die Gehälter bezahlt, die Firmen aber ansonsten weiter eigenständig wirtschaften. Zurückzahlen müssen sie der Bank ihr Geld erst und nur dann, wenn sie an die Börse gehen.

Wollen Banken am Boom des Silicon Valley teilhaben, so müssen sie sich zunehmend auf dessen Bedingungen einlassen. Inzwischen fangen fast schon ebenso viele Jura- und Wirtschaftsabsolventen aus Harvard und Stanford bei Technologiefirmen an wie bei Finanzunternehmen – Tendenz weiter steigend. Hinter dieser Machtverschiebung steht nicht zuletzt knallharte Kalkulation: Wo lässt sich jetzt Profit machen? Der überbesetzte Hedgefonds-Sektor tut sich in Zeiten der Niedrigzinsen immer schwerer, und die Banken werfen angesichts der neuen Regulierungsmaßnahmen nicht mehr so mit Geld um sich wie noch vor ein paar Jahren.

Finanzielle Bewegung herrscht nun da, wo die neue industrielle Revolution stattfindet: da, wo für unser Leben – von lernfähigen Maschinen bis hin zu menschlichem Gewebe aus dem 3-D-Drucker – gerade ganz neue Möglichkeiten geschaffen werden. Kein Wunder, dass die Investoren aufgeregt sind.

Will Hutton war Aktienhändler, bevor er Journalist und langjähriger Kolumnist des Guardian und des Observer wurde

Übersetzung: Michael Ebmeyer

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06:00 10.06.2015
Geschrieben von

Will Hutton | The Guardian

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The Guardian

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