Lieber nackt

Aktivismus Früher war er mal Stricher und modelte für eine italienische Autofirma, jetzt ist Dan ­Mathews der Kopf hinter den provozierenden Kampagnen der Tierschutzgruppe PETA

Es hat große Vorteile, als dicker, schwuler Nichtsnutz aufzuwachsen“, sagt Dan Mathews zu Beginn unseres Gesprächs. „Man hat eine sehr niedrige Hemmschwelle, Dinge zu tun, die anderen vielleicht peinlich wären.“

Über die Jahre hat er hart daran gearbeitet, diese Schwelle noch zu senken. Am Anfang seiner Karriere als Tierschutzaktivist verkleidete er sich als lebensgroße Karotte und warb vor Schulen für Vegetarismus. Die Schüler bewarfen ihn mit den Wurstscheiben ihrer Pausenbrote. Später besetzte Mathews die Lobby der Calvin-Klein-Zentrale in New York, um gegen Pelz-Entwürfe des Designers zu protestieren. Und er bewarf seinerseits Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue und bekennende Pelzträgerin, mit einer Torte. Der Unterschied zwischen ihm und anderen Aktivisten bestehe allerdings darin, sagt Mathews, dass er Humor besitze – etwas, das er sehr ernst nimmt.

Spektakuläre Bilder

Fast seit 25 Jahren arbeitet er für die radikale Tierschutzorganisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals). Er hat als Telefonist angefangen und sich zum Vizepräsidenten hochgearbeitet. Der 45-Jährige ist der Kopf hinter den provokanten Kampagnen der Tierschützer. Es war seine Idee, Supermodels nackt fotografieren zu lassen und dazu den Slogan zu stellen: „Lieber nackt als im Pelz!“ Er posierte mit Pamela Anderson beim Wiener Opernball vor einem neuen Kampagnen-Plakat und störte mit Aktivisten die Eröffnung einer Ken­tucky-Fried-Chicken-Filiale in Paris. Sie schmierten das Restaurant mit blutroter Farbe voll, bis die Presse spektakuläre Fotos hatte und die Polizei Mathews mitnahm.

20 Mal ist er wegen seiner Aktionen schon verhaftet worden – und so selbst zu einiger Prominenz gelangt. 2007 veröffentlichte Mathews seine Autobiographie, die viel über die persönlichen Motive für seinen Einsatz erzählt. Im Frühjahr ist das Buch unter dem Titel Respekt auch auf Deutsch erschienen.

Wenn man mit radikalen Tierschützern spricht, kann man schnell bei Fragen landen wie jener, ob Fische Gefühle haben. Für Mathews ist die Frage irrelevant. Alle Geschöpfe hätten ein Recht auf Leben, sagt er. Jeden Tag kämpft er gegen die willkürliche Einteilung in Tiere, mit denen wir mitfühlen und Tiere, denen wir gleichgültig gegenüberstehen.

Es sei unmöglich, die Öffentlichkeit für den Umgang mit Hühnern zu interessieren, dachte Mathews früher. Aber er lernte dazu: Nach ausdauernder Kampagnenarbeit sind die schlimmsten Praktiken in den Schlachthäusern mittlerweile bei vielen verpönt.

Zu unserem Gespräch treffen wir uns in einem vegetarischen Restaurant in Manhattan. Es passt zum neuen Fokus von PETA. Die Organisation hat zwei Jahrzehnte vor allem gegen Pelze gekämpft, nun konzentriert man sich auf den Vegetarismus. Das ist geschickt gewählt. Mit dem Thema Ernährung lassen sich Gesundheits-, Umwelt- und Tierrechtsfragen verbinden. Es entstehen mehr Treibhausgase durch Tiere, die zur Fleischproduktion gehalten werden, als durch den Verkehr. Auch Übergewicht und Fettleibigkeit sind oft mit fleischlicher Ernährung verknüpft. „Die Leute sind ihren Gewohnheiten ausgeliefert. Aber die gute Nachricht ist: Dein Geschmack kann sich anpassen“, sagt Mathews.

Er versucht, nicht dogmatisch zu sein. Er möchte die Leute eher mit Charme auf seine Seite ziehen als den „langweiligen Pfad“ des traditionellen Aktionismus zu gehen. Außerdem, betont er, verbringe er seine Zeit nicht nur mit „schwulen Veganern“, sondern gehe auch mit Freunden in ein Steakhouse. „Da bestelle ich dann Salat.“

Die Kampagnen – das müssen auch Menschen einräumen, die PETA einfach nur nervig finden – sind sehr erfolgreich. In einer ausdifferenzierten Medienwelt ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut. PETA gelingt es immer wieder, viel Beachtung zu finden. Als Mathews mit Anfang 20 bei PETA eintrat, hatte die Organisation 60.000 Mitglieder. Heute sind es weltweit zwei Millionen. Auch wenn die Anti-Pelz-Kampagne an Zugkraft verloren haben, so ist sie nie gänzlich in Vergessenheit geraten. Und es gab viele andere, wenn auch kleinere Erfolge.

So schaffte es PETA etwa, McDonald’s dazu zu bringen, kein Fleisch mehr von Schlachthöfen zu kaufen, die nur mangelhafte Kontrollen durchführen. Mathews hatte die Burgerkette zum Einlenken gebracht, indem er vor McDonald’s-Restaurants Flyer mit dem Titel „Unhappy Meal“ an Kinder verteilte. Darauf wurde mit Bildern zerlegter Tiere erklärt, wie die Burger hergestellt wurden. „Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass wir uns mit vielen Kampagnen bei den Leuten unbeliebt machen. Aber das ist in Ordnung“, sagt er. „Wir sind Lobbyisten. Unsere Aufgabe ist es, eine Debatte anzustoßen.“

Ärgert er sich über Radikale in der Bewegung, die durch Morddrohungen und andere Gesetzesverstöße Sympathien verspielen? Sein Gesicht nimmt einen empörten Ausdruck an. „Darauf habe ich keinen Einfluss. Aber ich habe mich immer zu Extremisten hingezogen gefühlt“, sagt Mathews. „PETA bedient sich ausschließlich legaler Mittel, aber wir verstehen die Emotionen, die mit dem Thema verbunden sind. Und wir verstehen Leute, die deshalb zu extremen Mitteln greifen. Ich verurteile diese Menschen nicht.“

Aufgewachsen ist Mathews bei seiner Mutter in Newport Beach, einer Kleinstadt in Kalifornien. Seine Eltern trennten sich früh. Seine Mutter war politisch aktiv. Sie klebte Plakate, protestierte gegen Nixon und eckte in der konservativen Nachbarschaft immer wieder an. Außerdem schickte sie ihren Sohn zum Ballett, weil sie nicht wollte, dass er eine „Machosportart“ betrieb. In der Highschool wurde Mathews dafür gehänselt und geschlagen.

Ein Angelausflug ändert alles

Wie ist er zum Tierschützer geworden? Als Jugendlicher hatte er ein Schlüsselerlebnis. Beim Angeln auf einem Boot mit seinem Vater wurde ihm schlagartig klar, dass die einzige Kreatur, mit der er sich identifizieren konnte, der Fisch war, der auf den Planken im Sterben lag – eine Flunder. Heute sagt er: „Ich bin den Leuten dankbar, die mich in der Schule verprügelt haben. Dadurch habe ich nicht nur ein dickes Fell bekommen, das ich als Aktivist brauche, sondern auch die dunkle Seite der Menschheit kennengelernt.“

Mit seinen düsteren Gedanken war es auf einen Schlag vorbei, als er nach dem Angel-ausflug mit dem Fleischessen aufhörte. Er wurde schlanker und schoss in die Höhe. Eine Verwandlung, die ihm sogar das Angebot einbrachte, als Model in Italien zu arbeiten. Er nahm einen Modeljob für Fiat an, hatte aber keinen Spaß daran.

„Diese ganze Modewelt und die geistlosen Gespräche dort waren nie meine Sache. Ich habe es nur gemacht, weil ich keine Lust mehr hatte, auf den Strich zu gehen.“ Er sagt das fast beiläufig. Und dennoch: Das Bekenntnis scheint ihn zu amüsieren. Die Prostitution sei ein Jux gewesen, sagt Mathews. Einfach Ja zu sagen, wenn ihn fremde Männer auf der Via Veneto in Rom ansprachen. Er erzählt das mit der gleichen Unbekümmertheit wie die Geschichte von seiner Verhaftung in Paris.

Die Lockerheit, die Mathews ausstrahlt, speist sich aus dem Glauben an die moralische Überlegenheit seines Anliegens. Dass er auf der Seite der Guten steht, daran lässt er nie Zweifel. Mathews Haltung zu seiner Karriere bei PETA ist ähnlich unbeirrbar. Über die Jahre hinweg wurden ihm immer wieder lukrative Jobs im Marketing und der Plattenindustrie angeboten, aber für ihn war der Kampf für den Tierschutz stets das Wichtigste.

Freunde unter Ex-Feinden

Das umstrittene Thema „Tierversuche zu medizinischen Zwecken“ zeigt, wie kühl Mathews argumentieren kann, wenn er will. Seiner Ansicht nach kommt man hier mit praktischen Argumenten weiter als mit moralischen. „Diese Versuche sind schlicht nicht wirkungsvoll, das ist eine Tatsache.“

Veganismus stelle da schon ein größeres Problem dar, schließlich könnte man ihn als Lifestyle-Entscheidung einer degenerierten Wohlstandsgesellschaft abtun. Lebt man in einem armen Land, in dem materielle Not herrscht und es nicht genug zu essen gibt, dürfte das Wohlergehen von Hühnern wohl keine Priorität haben. „Aber das ist, als würde man sagen, wir kümmern uns nur um die Obdachlosen oder nur um Krebs oder nur um die Umwelt. Wir müssen uns um all diese Dinge kümmern“, sagt Mathews mit Nachdruck. „Vieles hängt ohnehin miteinander zusammen.“

Gelegentlich hilft Mathews mit seinen PR-Kenntnissen auch der Schwulenrechtsbewegung aus. Zu Aktivisten, die sich für die Legalisierung der Schwulen-Ehe einsetzten, sagte er einmal, sie sollten „einige verbitterte Hetero-Geschiedene“ wie etwa Alec Balwin für eine Anzeigenkam­pagne gewinnen, bei der diese dann sagen sollten: „Heiraten ist ein Fehler, den zu machen jeder das Recht haben sollte.“

Es spricht für Mathews Charakter, dass er heute mit Calvin Klein befreundet ist, obwohl er einst dessen Büro gestürmt hatte. Nach der Aktion setzte Klein sich mit ihm zusammen und sah sich einen Film über die Fabriken an, in denen Pelze gefertigt werden. Daraufhin strich der Designer alle Pelze aus seinem Programm.

Dann beendet Mathews abrupt unser Gespräch. Er hat noch einen Termin bei der New Yorker Stadtverwaltung. Er will erreichen, dass angeschirrte Pferde nicht länger den ganzen Tag im Central Park herumstehen. In seinem Kampf für eine bessere Welt gibt es keine unwichtigen Sachen.


Auffallen um jeden Preis: Die Kampagnen von Peta

Die Organisation People for the Ethical Treatment of Animals, kurz PETA, ist mit zwei Millionen Mitgliedern eine der größten Tierschutzorganisationen der Welt. Pro Jahr erhält sie über 25 Millionen Dollar an Spenden. Die Organisation wurde 1980 von der Aktivistin und heutigen PETA-Präsidentin Ingrid Newkirk gegründet. Sie hat ihren Hauptsitz in Norfolk, Virgina. Bekannt geworden ist PETA vor allem für aufsehenerregende Aktionen mit prominenten Fürsprechern. Für die Kampagne Lieber nackt als im Pelz haben sich unter anderem Supermodels wie Naomi Campbell und Christy Turlington ausgezogen. Allerdings brach PETA die Zusammenarbeit mit Campbell ab, nachdem diese sich weiter mit Pelzmänteln auf Laufstegen zeigte.

Für die aggressiven Kampagnen erntet PETA viel Kritik. 2005 verteilten Aktivisten ein Flugblatt mit der Aufschrift Dein Vater tötet Tiere! an Kinder. Darauf war ein Comic-Vater zu sehen, der einen Fisch ausnimmt. Der Text forderte die Kinder auf, ihren Eltern beizubringen, dass Angeln Mord sei. Viele Eltern fühlten sich dadurch verunglimpft. Als geschmacklos empfanden Kritiker auch den Holocaust-Vergleich, mit dem PETA 2003 für Aufsehen sorgte. Die Plakatkampagne und Ausstellung unter dem Slogan Holocaust auf ihrem Teller stellte Bildern aus Konzentrationslagern Fotos von Massentierhaltung gegenüber. So wurden Leichen von Holocaust-Opfern etwa einem Haufen toter Schweine gegenübergestellt. In Deutschland wurde 2004 die Verbreitung der Plakate verboten und die Organisation wegen Volksverhetzung verurteilt.

Der neueste PETA-PR-Coup: Die Enkelin der linken Revolutions-ikone Che Guevara posiert für die Vegetarismus-Kampagne. Mit nichts an außer einer Mütze und zwei Patronengürteln aus Möhren. jap

Dan MathewsRespekt. Tierschützer Dan Mathews: Sein Leben, seine Kampagnen, seine Stars. Übersetzung von Olaf Kanter. Artrium-Verlag 2009, 367 Seiten, 19,90

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:00 01.07.2009
Geschrieben von

Emma Brockes, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14639
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare