Liz Taylor des Mittelmeers

Beirut Drei Jahre nach den ­israelischen Luftangriffen ist die Hauptstadt des Libanon wieder Reiseziel Nummer eins. Wird die Morgenröte halten?

Wenn man vom Beiruter Flughafen ins Zentrum fährt, gibt es am Straßenrand neue Dinge zu bestaunen. „Was ist das denn?“, fragt meine Freundin Anna. „Das ist eine Ampel“, antworte ich. „Willst du etwa anhalten!?“, erwidert sie. „Mach dich nicht lächerlich. Interessiert doch keinen!“

Da hat sie nicht ganz unrecht. 1995 haben wir acht Monate lang hier gelebt. Damals gab es nicht nur keine Ampeln, sondern auch keine Straßenschilder, keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, keine Verkehrspolizei und keine ersichtlichen Straßenverkehrsregeln. Unser Freund Khaled pflegte bei Stau seine Pistole aus dem Handschuhfach zu nehmen, sie an seinem Unterarm festzuschnallen und ein wenig damit herumzufuchteln, wenn gar nichts mehr ging.

Die Ampeln erweisen sich als zwiespältiger Erfolg: Manche Fahrer halten an, andere nicht. Eine sehr libanesische Lösung. Es könnte nur sein, dass ein überdrehter libanesischer Yuppie einem hinten rein fährt. Es ist dieser typische Beirut-Cocktail aus Abenteuer und Nervosität – hinter jeder Ecke könnte der Tod lauern... Vor 14 Jahren haben Anna und ich einen Nachkriegsreiseführer für den Libanon geschrieben. Keiner von uns hat je so für irgendeinen anderen Ort empfunden. Beirut überschattet unser Leben wie ein psychotischer Ex-Liebhaber, von dem man fürchtet, er könnte einen im Schlaf erdrosseln.

Aber es ist aufregend, wieder hier zu sein. Wir fahren die Corniche, Beiruts Küstenstraße entlang und kurven durch die wieder aufgebaute Altstadt. Auf dem Märtyrer-Platz, Beiruts Ground Zero, dem südlichsten Punkt der alten Grünen Linie, die das muslimische Westbeirut vom christlichen Ostbeirut trennte, taumeln wir beim Anblick eines Virgin Megastore – und blicken ungläubig auf einen Dunkin’ Donuts. Gott sei Dank ist das plumpe Holiday Inn mit seinen Einschusslöchern noch da, so baufällig und verlassen wie eh und je.

Gefeierte Luxushotels

Beirut ist schön. Schön und hässlich und voller Narben, glanzvoll und unbeständig, aufregend und ein klein wenig verrückt. Es ist die Liz Taylor unter den Mittelmeerstädten. Oder wäre es, würde man „Alkohol“ durch „Israel“ ersetzen und „eine Reihe unglücklicher Ehen“ durch „15 Jahre Bürgerkrieg“. Wie ein abgebrühter Klatschreporter habe ich gelernt, auf das äußere Erscheinungsbild nicht hereinzufallen. Beirut ist wieder da. Es gibt zwei prächtige neue Hotels. Unlängst hat das Le Gray eröffnet, ein Schwesterhotel der gefeierten Hotels One Aldwych in London und Carlisle Bay in Antigua. Und demnächst wird ein Four Seasons eröffnen – das Siegel dafür, dass der internationale Luxus angekommen ist. Zudem hat die New York Times Beirut in diesem Jahr zum Reiseziel Nummer eins weltweit erklärt.

Aber was rede ich mir den Mund fusselig. Seit 14 Jahren versuche ich, die Leute davon zu überzeugen, wie großartig der Libanon ist, wie gewaltig die Gebirge sind und wie grandios das Essen, erzähle von den historischen Ruinen, die kaum jemand besucht, von freundlichen Menschen und coolen Bars. Ab und zu hat man mir sogar geglaubt. Bis der Libanon wieder Schlagzeilen gemacht hat. Im Libanon gibt es viel zu viele Schlagzeilen: das Bombenattentat auf Premierminister Rafik Hariri 2005, die monatelangen Luftangriffe durch Israel im Jahr 2006, bei denen Flughafen, Autobahnen, Brücken und Hochspannungsverteilungsanlagen zerstört und etwa 1.000 Menschen getötet wurden, und der Winter 2008, als die Verbrecherbande der Hisbollah die Straßen einnahm. Kann man den Berichten über eine neue Morgenröte wirklich Glauben schenken? Ich hoffe es von ganzem Herzen, aber ich habe dasselbe schon einmal 1996 gesagt, als unser Reiseführer erschienen ist und 1998, als eine neue Auflage erschien, und dann noch einmal im Jahr 2000, als ich mir nach dem Rückzug der Israelis den Süden angesehen habe.

Hang zur Übertreibung

So geht es nicht nur mir. Als ich mit Nehme Abouzeid spreche, dem Herausgeber des Stadtmagazins Time Out Beirut, gibt er mir eine optimistische Vorschau auf den nächsten Sommer, unterbricht sich dann aber selbst: „Falls alles so bleibt, wie es ist ... das muss man im Libanon immer dazusagen, denn man weiß ja nie. So Gott will ...“

Er spricht aus Erfahrung: Er hatte das Magazin Time Out Beirut gerade gegründet, im Frühjahr 2006, mit einem nagelneuen Büro und einer neuen Redaktion, als die israelischen Luftangriffe begannen. „Wie aus dem Nichts. Ich war gerade in der Schweiz und hatte den Leuten eben noch erzählt, dass bei uns nicht mal im Krieg der Flughafen geschlossen würde. Und dann die Nachricht: Der Flughafen war geschlossen. Es war entsetzlich. Besonders für die Jüngeren, die den Krieg nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kannten.“

Doch nach zwei Jahren Pause wacht die Zeitschrift nun wieder über das Nachtleben der Stadt, das nun lebendiger scheint als je zuvor. Wir schlendern durch das Gemmayzeh, ein Viertel das bei meinem letzten Besuch zwar durchaus Charme hatte, aber gänzlich baufällig war. Heute ist es ein Szeneviertel mit hippen Bars und großen Geländewagen, die junge, hübsche Menschen ausspucken. Der Weg in die Bar Centrale führt über eine provisorische Brücke in ein ausgebombtes, von Stacheldraht umzäuntes Gebäude. Dann geht es in einem holzvertäfelten Lastenaufzug nach oben und hinein in eine lange, enge Metallröhre, bei der auf einer Seite die Wand entfernt wurde, um den Blick auf die Skyline von Beirut freizugeben. Mag sein, dass ich mich mit dem libanesischen Hang zur Übertreibung angesteckt habe, aber dies scheint mir die aufregendste Bar der Welt zu sein.

Von Minirock bis Vollverschleierung

„Gibt es solche Bars auch in London, und wir kennen sie nur einfach nicht?“, fragt Anna mich, als wir unsere perfekt gemixten Cocktails trinken und uns all die perfekten Menschen ansehen. Wohl kaum. Und überhaupt wären solche Bars in London voll von Szene-Typen mit nervigen Frisuren, wohingegen diese Libanesen faszinierend sind. Sie beherrschen drei Sprachen fließend, Englisch, Französisch und Arabisch, und oft verwenden sie alle drei in einem Satz: „Bonsoir habibi, how’s it going?“ heißt bei ihnen so viel wie „Hallo“.Beirut ist unfassbar glamourös. Die Menschen hier sind echte Kosmopoliten. Das Nachtleben ist äußerst kultiviert. Im ganzen Nahen Osten gibt es nichts Vergleichbares. Die beträchtliche Anzahl von Leuten, die ins Ausland verstreut wurden und nun aus London, Paris, Sydney und LA zurückkommen, beleben die Stadt zusätzlich. Beirut hat eine florierende Schwulen-Szene (auch wenn Homosexualität offiziell verboten ist), eine freie Presse und einen urbanen Modestil, der alles mit einschließt, vom Minirock bis zur Vollverschleierung.

Unser Freund Khaled fährt in seinem neuen Geländewagen vor, der die Größe und die Manövrierfähigkeit eines Panzers hat, und rast mit uns durch die Stadt. „Hier ist die Skybar“, erklärt er uns. „Eine Flasche Cristal Champagner kostet hier 10.000 Dollar, der Kellner zündet beim Servieren Feuerwerkskörper an, damit jeder Bescheid weiß. Die meisten machen sich dann gar nicht die Mühe, ihn zu trinken. Und hier ist das White’s, der wahrscheinlich exklusivste Nachtclub der Stadt. Schaut euch die Autos vor dem Laden an. Lauter Ferraris. Und wusstet ihr, dass im Libanon im Jahr zehn Millionen Schönheitsoperationen durchgeführt werden? Obwohl hier nur vier Millionen Menschen leben!“

Überhaupt nicht p.c.

Das Angeben scheint in der libanesischen DNA verankert zu sein. Khaled trägt die größte anzunehmende Rolex, seine „libanesische Reiseversicherung“ wie er sie nennt: „Die kannst du überall in der Welt zu Geld machen.“ Vermutlich hat er Recht. Khaled ist wie die Personifizierung des Libanons. Er hat Unternehmergeist, er ist schlau, geschäftstüchtig. Er macht irgendetwas mit Mobiltelefonen, glaube ich, genau habe ich es nie kapiert. Ich habe einmal dabei zugesehen, wie er in einem Kaufhaus erfolgreich versuchte, einen Anzug um 20 Prozent herunterzuhandeln.

Alles hier ist schrill und überhaupt nicht politisch korrekt. Gordon Campbell Gray, der Besitzer des Hotels Le Gray, erzählte mir, wie er einmal essen gegangen sei und einen Blauflossenthunfisch angeboten bekommen habe. „‚Zählt der nicht zu den bedrohten Arten?‘ frage ich. Der Wirt beugte sich zu mir und flüsterte: ‚Nicht hier.‘“

Überhaupt, das Essen! Die beste Küche des gesamten Nahen Ostens. Alle Zutaten sind absolut frisch, werden wunderschön angerichtet und in solchen Mengen serviert, als wäre es die letzte Mahlzeit auf Erden (darunter eine Platte mit kleinen Vögeln, die in Granatapfelsirup gebraten wurden, und eine Platte mit roher Leber, die so frisch ist, dass sie praktisch noch zuckt).

„Im Libanon“, Khaled lehnt sich zurück und breitet die Arme aus, „gibt es alles. Es gibt das Mittelmeer. Es gibt historische Ruinen. Es gibt ...“ „Religiöse Fanatiker“, ergänze ich. „Bewaffnete Milizen.“ „Exakt. Wenn du auf religiöse Fanatiker stehst – wir haben auch religiöse Fanatiker. Wenn du auf Berge stehst – wir haben Berge. Wenn du auf Dessous-Schauen auf den Skipisten des Mount Lebanon stehst – wir haben auch Dessous-Schauen. Es gibt hier alles. Alles.“

Baden, Ski fahren, Hisbollah

Wir verlassen die glitzernden Bars im Stadtzentrum und bewegen uns Richtung Süden, und landen in Haret Hreik, jenem Viertel, in dem die Hisbollah ihr Hauptquartier hatte, das 2006 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Wir fahren eine breite Straße hinunter, die von den Porträts der „Märtyrer“ gesäumt wird. Die Fotos sind unmissverständlich als Heldendarstellungen gestaltet, sie zeigen verträumte junge Männer und Frauen, die den Weg ins Paradies angetreten sind. Früher gab man im Libanon damit an, dass man hier an ein und demselben Tag baden und Ski fahren könne. Noch verblüffender aber ist, dass man hier an ein und demselben Tag baden und durch Hisbollah-Land reisen kann.

Wir verbringen einen Tag damit, noch einmal nach Baalbek zu fahren, um uns die römischen Ruinen anzusehen. Dann fahren wir durch die heiße, trockene Bekaa-Ebene mit ihren Hisbollah-Flaggen und den Bildnissen ihres Führers Hassan Nasrallah am Wegesrand, der sein Maschinengewehr gen Israel schwenkt. Und weiter, vorbei an den militärischen Kontrollposten und über den Mount Lebanon auf einem hohen, einsamen Pass, wo die Beduinen ihre Schafe weiden.

In der einen Richtung liegt das Mittelmeer, in der anderen Syrien. Und dann geht es immer bergab, durch üppige Obstplantagen, durch die Dörfer im christlich geprägten Landesinneren, bis wir den kleinen Hafen von Batrun erreichen, wo sich die Frauen im Bikini am Strand räkeln.

Kaum zu glauben, dass all dies auf ein und demselben Kontinent liegt, und schon gar nicht, in ein und demselben Land, nur eine Stunde voneinander entfernt. So gesehen besteht das eigentliche Rätsel nicht in der Frage, warum die Libanesen sich 15 blutrünstige Jahre hindurch gegenseitig umgebracht haben, sondern warum sie plötzlich damit aufgehört haben.

Unkontrollierte Stadtentwicklung

Im Frühjahr gab es Wahlen, doch das Land hat immer noch keine Regierung. Eingeklemmt zwischen Syrien und Israel und ausgestattet mit einer Verfassung, die vorsichtig versuchen muss, die Rechte von 17 verschiedenen Glaubensrichtungen gleichermaßen zu wahren, war das Schicksal des Landes schon immer stark von der Politik des gesamten Nahen Ostens abhängig.

1995 hatte man gerade erst damit begonnen, die Ruinen des alten Stadtzentrums mit Bulldozern einzureißen. Wir sahen, wie steinalte, baufällige und von Kugeln durchsiebte Herrenhäuser aus der französischen Mandatszeit niedergerissen wurden und machten uns Sorgen, sie könnten die Stadt in ein zweites Dubai verwandeln wollen. Doch die Restaurationsarbeiten sind beeindruckend. Am Abend flanieren Familien mit einem Eis in der Hand durch die Straßen, und man sieht Frauen in den Straßencafés Wasserpfeife rauchen.

Die wahren städtebaulichen Verbrechen finden woanders statt: Die letzten Herrenhäuser an der Seepromenade werden gerade abgerissen, um Platz für marmorne Wolkenkratzer zu schaffen. Und im wunderschönen Jbeil haben sie den Strand mit Bulldozern planiert und einen protzigen privaten „Beach-Club“ darauf errichtet! Doch Schmiergelder, Korruption, unkontrollierte Stadtentwicklung sind ebenso typisch libanesisch wie gebratene Singvögel und Autos, die mit voller Geschwindigkeit rückwärts den Standstreifen entlang fahren. Die New York Times hat schon Recht, wenn sie vom Reiseziel Nummer Eins spricht – wenn alles passt und so Gott will, etc., etc. Toi, toi, toi.


Übersetzung: Christine Käppeler und Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:00 26.11.2009
Geschrieben von

Carole Cadwalladr, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14705
The Guardian

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare