Löchrig wie ein Sieb

Erinnerung Zu vieles gerät in Vergessenheit. Wie man sich die wichtigen Dinge wieder merken kann, beschreibt ein neues Buch

Ein paar Paare in mittleren Jahren sitzen zusammen beim Essen und unterhalten sich. Da beginnt einer der Ehemänner, Harry, von einem Restaurant zu schwärmen, in dem er vor kurzem mit seiner Frau gewesen sei. Wie heißt es denn?, will einer seiner Freunde wissen. Harry macht ein verdutztes Gesicht. Eine unangenehme Pause entsteht. „Wie heißen gleich noch diese gut riechenden Blumen mit Dornen?“, fragt er schließlich – „Rosen“, antworten ihm die anderen. „Ja, genau, das ist es“, erklärt Harry, bevor er sich an seine Frau wendet. „Rose, wie heißt noch dieses Restaurant, in dem wir neulich waren?“

Der Witz ist alt, aber äußerst bezeichnend. Er bildet den Kern von Moonwalk with Einstein: The Art and Science of Remembering Everything, einem neuen Buch des amerikanischen Journalisten Joshua Foer. Der Autor analysiert die Bedeutung der Erinnerung in der Menschheitsgeschichte, den Bedeutungsverlust des Gedächtnisses in modernen Lebenwelten, sowie die Techniken, die wir anwenden müssen, um die Kunst der Erinnerung wiederzuerlernen.

Wir brauchen uns nicht länger Telefonnummern zu merken. Das machen schon unsere Mobiltelefone für uns. Wir müssen uns auch keine Adressen mehr merken. Wir schreiben E-Mails und unsere Computer merken sich einfach alles. Für das Multiplizieren brauchen wir weder Kopf noch Zettel, schließlich haben wir Taschenrechner. Auch Museen, Fotografien, die digitalen Medien und Bücher fungieren als Lagerhallen für Erinnerungen, die früher einmal verinnerlicht wurden.

Eckpfeiler des Lebens

Wohin führt uns das? Wir können keine Gedichte mehr rezitieren oder Märchen frei erzählen – Meisterleistungen des Gedächtnisses, die für die meisten Menschen einst Eckpfeiler ihres Lebens darstellten. Aber unsere Gesellschaft hat sich so sehr gewandelt, dass wir gar nicht mehr wissen, welche Techniken wir brauchen, um uns solch lange Geschichten zu merken: Wir haben vergessen, wie wir uns erinnern können.

In seinem Buch stellt Foer diese verlorenen Methoden des Erinnerung neu vor. Mit ihrer Hilfe können wir uns wieder lange Reihen von Namen, Zahlen oder Gesichtern merken. Wem es gelingt, sich diese Methoden wieder anzueignen, wird sich der Welt um ihn herum wieder stärker bewusst werden, verspricht der Autor. Der Trick bestehe vor allem darin, sich eine „elaborierte Kodierung“ anzueignen, die aus Informationsreihen wie beispielweise Einkaufslisten eine Reihe „fesselnder Bilder“ macht.

Wollen Sie sich also eine Reihe von Dingen merken – etwa Essiggurken, Hüttenkäse, Zucker und andere Dinge, dann müssen Sie diese vor ihrem inneren Auge visualisieren. Und zwar auf möglichst nachdrückliche Weise: Beginnen Sie damit, sich das Bild eines übergroßen Glases Essiggurken vorzustellen, das im Garten steht. Gleich daneben stellen Sie sich ein Stück Hüttenkäse von der Größe eines Swimming-Pools vor, in dem Lady Gaga herumplanscht. Und so weiter. Jedes Bild sollte so seltsam und unvergesslich sein wie möglich.

Mit dieser Methode kann man sich Foer zufolge relativ leicht viele Dinge merken. Bei ihm scheint es jedenfalls funktioniert zu haben, immerhin hat er die alljährlichen US Memory Championships gewonnen. Die Bilder-Methode hat ihn offenbar in die Lage versetzt, sich in fünf Minuten 120 willkürlich ausgewählte Dinge, in 15 Minuten die Vor- und Zunamen von 156 fremden Personen und in weniger als zwei Minuten die Reihenfolge der Karten eines ganzen Spiels zu merken. „Neben dem Erinnern habe ich meinem Gehirn auch beigebracht, meine Umwelt aufmerksamer wahrzunehmen.“

Die Technik selbst wurde von dem britischen Schriftsteller und Großmeister der Erinnerung, Ed Cooke, entwickelt. Er trainierte Foer während der Vorbereitungen und Recherche für das Buch und half ihm, in jene Form zu kommen, die ihm letztlich den Sieg im Wettbewerb brachte. „Erinnerungstechniken machen nur eins: Sie verleihen den Informationen mehr Bedeutung für den Verstand. Sie machen die Dinge, die wir uns merken wollen, einfach auf unvergessliche Weise erhellend und amüsant“, meint Cooke.

Wir können uns Fakten über Dinge merken, die uns interessieren – Fußballergebnisse zum Beispiel oder den neuesten Tratsch aus der Nachbarschaft. Andere Dinge hingegen – insbesondere jene, die wir uns merken müssen, haben oft keine tiefere Bedeutung für uns: Termine, Nummern, Definitionen oder Namen. Es fällt deshalb unheimlich schwer, sie zu behalten. Aber auch hier besteht der Trick darin, die grauen Daten mithilfe unserer Vorstellungskraft in etwas Buntes zu verwandeln. Auf diese Weise werden alle möglichen Meisterleistungen möglich. „Ordnen Sie die Bilder, die Sie sich ausgedacht haben, entlang einer Wegstrecke durch einen Ihnen bekannten Ort an“, meint Cooke. „Beschreiben Sie jedes der von Ihnen erschaffenen Bilder, wenn Sie auf Ihrer geistigen Reise den ihm zugedachten Ort erreicht haben. Auf diese Weise können Sie eine Stunde lang frei sprechen und wissen dabei immer genau, wo Sie sich gerade befinden. Redner wie Cicero haben diese Technik angewandt, um sieben Stunden lange Reden zu halten, während sie von den Senatoren intensiv unter Beschuss genommen wurden.“

Viele Wege zu den Daten

Er glaubt jedoch nicht, dass die Menschen heute einfach nur nachlässig geworden sind, wenn es um die Anwendung ihres Erinnerungsvermögens geht und darum, dass sie heute nicht mehr in der Lage sind, sich wichtige Fakten oder Informationen zu merken. „Dieselben Bereiche unseres Verstandes, die wir früher dazu benutzten, uns an große Datenmengen zu erinnern, verwenden wir heute darauf, uns zu erinnern, wie wir uns Zugang zu bestimmten Informationen verschaffen können: Webseiten wie Google, Applikationen für unser iPhone und solche Dinge. Mit anderen Worten: Wir kennen zwar die Daten nicht, aber wir erinnern uns an viele Wege, schnell an sie ran zu kommen.“

Und in vielen Situationen ist dies auch vollkommen in Ordnung. Es gibt allerdings ein paar Ausnahmen: Ich persönlich mag es zum Beispiel, wenn Ärzte alles über den menschlichen Körper wissen, bevor sie ihre Approbation machen. Ich möchte nicht auf dem Operationstisch aufwachen und mitansehen müssen, wie einer der Ärzte auf sein iPhone starrt, auf dem eine heruntergeladene Application ihm sagt, wie man einen Körper aufschneidet.

Und seien wir ehrlich: Es gibt nichts Traurigeres als jemanden, der sein Mobiltelefon verloren hat und dann nicht Zuhause anrufen kann, weil er sich nicht einmal die eigene Nummer gemerkt hat – tragischer kann man der Illusion der persönlichen Unabhängigkeit nicht beraubt werden. Bestimmte Dinge im Leben müssen wir uns einfach merken können.

Robin McKie ist Autor des Guardian.
Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

13:40 23.03.2011
Geschrieben von

Robin McKie | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14655
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6