Lügen haben kurze Beine

Doping Das System des ehemaligen Radprofis Lance Armstrong wurde enttarnt. Das Wichtigste im Überblick

Lance Armstrong ist ein Schauspieler. Über zehn Jahre lang so hartnäckig auf so hohem Niveau zu lügen – live auf Pressekonferenzen, im Fernsehen, vor Gericht, in Büchern – ist wirklich eine Meisterleistung. Seine Lügen waren die Artillerie, die er benötigte, um seinen Betrug zu verschleiern und nicht zugeben zu müssen, dass er sich mithilfe von leistungssteigernden Substanzen sieben Tour-de-France-Siege ergaunerte.

Lance Armstrong hat aber nicht nur gedopt, sondern regelrecht eine Mafia im Profi-Radsport etabliert, die schonungslos gegen jeden vorging, der drohte, ihn und seine Kollaborateure zu offenbaren. Er drangsalierte und bedrohte Mannschaftskollegen und Journalisten ebenso wie die Fahrer und Funktionäre anderer Rennställe. Der schockierendste Aspekt des Berichts der amerikanischen Drogenaufsichtsbehörde Usada liegt vielleicht nicht in dem, was er uns über „das ausgetüfteltste Doping-Progamm“ erzählt, „das der Sport je gesehen hat“, sondern in dem, was er über die rachsüchtige, verlogene und hinterhältige Person offenbart, die im Mittelpunkt dieses Betrugs steht. Armstrong griff nicht nur Berge an, sondern jeden, der drohte, die Wahrheit über seine Doping-Praxis ans Licht zu bringen. In dem Bericht wirkt er nicht wie ein Radrennfahrer, sondern wie ein Psychopath.

Fiesling und Feigling

Doch möglicherweise ist das für ihn noch nicht das Ende der Geschichte. Es ist sogar höchstwahrscheinlich, dass die amerikanische Staatsanwaltschaft, die eine Untersuchung der Dopingvorwürfe gegen ihn in diesem Jahr fallengelassen hatte, sich für den Usada-Bericht interessieren wird – insbesondere für jene Stellen, an denen Armstrong vorgeworfen wird, er habe Meineid begannen, als er 2005 vor einem Gericht in Dallas sieben eidesstattliche Erklärungen abgab.

Wie die meisten Fieslinge ist Armstrong gleichzeitig ein Feigling. Deshalb hat er sich dafür entschieden, keinen der Beweise im Bericht anzufechten. Wenn das Büro der Staatsanwaltschaft anruft, wird ihm diese Option nicht mehr offen stehen.

Doch auch andere müssen sich Fragen gefallen lassen. Nicht zuletzt der Radsport-Weltverband UCI. Armstrong & Co. haben den Sport korrumpiert und besudelt, den der UCI überwachen sollte. Aber genau das taten sie nicht. Ihre Leistung in dieser Hinsicht kann nur erbärmlich, miserabel und entsetzlich genannt werden.

Just do it

Als die Zeitung L‘Équipe 2005 die Einzelheiten über Armstrongs positiven Dopingtest von 1999 veröffentlichte, führte der UCI eine „Untersuchung“ durch, die Armstrong von allen Vorwürfen freisprach. Dick Pound, der Vorsitzende der Anti-Doping-Agentur (WADA), sagte, der Bericht des UCI sei so unprofessionell und wenig objektiv, dass er an eine Farce grenze.

Es handelt sich um denselben Verband, der von Armstrong 125.000 Dollar annahm, um seine Anti-Doping-Forschungen zu finanzieren. Er dürfte sich prächtig amüsiert haben. So etwas konnte man sich nicht ausdenken. Der einzige, der sich permanent etwas ausdachte, war Armstrong – und der UCI nahm ihm die Geschichten ein ums andere Mal ab.

Und auch an Nike gibt es Fragen. Die weltgrößte Sportartikelmarke will die Werbeverträge mit dem Dopingsünder aufrechterhalten und verkauft weiterhin bis zu 100 verschiedene Kleidungsstücke, die mit Armstrong in Verbindung gebracht werden. (Mittlerweile hat Nike dem Druck der Öffentlichkeit nachgegeben und seine Zusammenarbeit mit Armstrong aufgekündigt, Anm. d. Red.) Just do it lautet der berühmte Nike-Slogan. Was aber sollen junge Sportfans machen? Sich Armstrong zum Vorbild nehmen? Sich mit Lügen, Einschüchterungen, Doping und Betrug den Weg nach oben bahnen?

In einem Nike-Werbespot aus dem Jahr 2001 sagt Armstrong: „Dies ist mein Körper und ich kann mit ihm machen, was immer ich will … Alle wollen wissen, was ich nehme. Ich nehme mir mein Rad und reiße mir jeden Tag sechs Stunden den Arsch auf. Was nimmst du?“

Alle, die mit diesem Debakel in Verbindung stehen, sollten sich fragen, ob sie noch bei Sinnen sind.

Das Team hinter dem Skandal

Das Mastermind

Michele Ferrari

In dem Bericht der US-Drogenaufsichtsbehörde Usada ist von „überwältigenden Beweisen“ dafür die Rede, dass Dr. Michele Ferrari Mitgliedern der Rennställe US Postal Service and Discovery Channel das Doping ermöglichte. Desweiteren habe Armstrong an eine von dem Italiener geleitete Firma mehr als eine Million Dollar gezahlt und zugegeben, Ferrari monatlich getroffen zu haben. Fahrer sagten aus, dass Ferrari mehrere Bluttransfusionen, EPO-Injektionen und Testosteron-Anwendungen begleitet habe. Ferrari: „Wenn ich ein Fahrer wäre, würde ich die Mittel anwenden, die bei Dopingkontrollen nicht nachgewiesen werden können.“

Der Chef

Johan Bruyneel

Bruyneel war einer der erfolgreichsten Teamchefs der vergangenen Jahre, laut Unterlagen der amerikanischen Antidoping-Behörde (Usada) aber in den Teams US Postal und Discovery Channel auch eine zentrale Figur im „ausgetüfteltsten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm“, das der Sport je gesehen habe. In dem Usada-Bericht heißt es: „Lance Armstrong (im Foto rechts) war entscheidend daran beteiligt, dass Johan Bruyneel zu US Postal Service kam. Den Fahrern fiel bald auf, dass Bruyneel sich sehr stark auf ihre Blutwerte konzentrierte. Als er erfuhr, dass ein Fahrer sich ohne sein Wissen dopte, wurde er ungehalten. Der Fahrer Levi Leipheimer schloss daraus, dass Doping, das nicht vom Mannschaftsarzt überwacht wird, das Team in größere Gefahr bringt, positiv getestet zu werden, als systematisches Doping. Es gibt erdrückende Beweise dafür, dass Bruyneel direkt nach seiner Berufung zum Teamchef an allen Einzelheiten des Doping-Programms beteiligt war.“

Aufgrund der Enthüllungen trennten sich Johan Bruyneel und sein Arbeitgeber RadioShack-Nissan letzte Woche.

Die Ärzte

Luis García del Moral, Pedro Celaya

Die beiden Mannschaftsärzte waren es, die das systematische Doping in der Praxis umsetzten. In dem Usada-Bericht heißt es: „Moral und Bruyneel haben bei US Postal von 1999 bis 2003 Hand in Hand an der Einführung eines Dopingprogramms für das ganze Team gearbeitet.“ Der Fahrer Christian Vande Velde wird mit den Worten zitiert: „Luis García del Moral kam ins Zimmer gerannt. Und es dauerte nicht lange, bis man eine Nadel im Arm stecken hatte.“

Über den zweiten Arzt Pedro Celaya heißt es: Sein „freundliches Wesen half, einige junge Fahrer zum Versuch neuer Mittel zu überreden.“ Einmal sei er aus Angst vor einer möglichen Beschlagnahmung aller Medikamente durch die Polizei so sehr in Panik geraten, dass er mithalf, „Doping-Mittel im Wert von mehreren zehntausend Dollar in die Toilette des Mannschaftswagens zu kippen“.

Die Zeugen

Floyd Landis, Tyler Hamilton

Der Fahrer Floyd Landis war Armstrongs Protegé: „Er gab Floyd die Schlüssel zu seinem Apartment; Floyd passte auf ihre Blutbeutel auf, wenn Armstrong nicht in der Stadt war. Sie wurden gemeinsam von Ferrari beraten, und wenn Floyd EPO brauchte, dann teilte Lance auch das“, heißt es in der Untersuchung. „Armstrong erklärte, wegen der EPO-Tests müsse man zum Blutdoping übergehen. Als Ferrari Floyd zum ersten Mal Blut entnahm, stellte Armstrong sein Apartment zur Verfügung.“

Der Fahrer Tyler Hamilton sagte gegenüber Mitarbeitern des Gerichts aus, er sei in einem Restaurant von Armstrong bedrängt worden. Dieser habe zu ihm gesagt: „Wenn du im Zeugenstand stehst, werden wir dich in Stücke reißen. Du wirst dastehen wie ein verdammter Idiot. […] Ich werde dir das Leben zur Hölle machen.“ Das erfüllt eindeutig den Tatbestand der versuchten Einschüchterung eines Zeugen.

Die Opfer

Filippo Simeoni, Christophe Bassons

Armstrong versuchte den Fahrer Filippo Simeoni einzuschüchtern, der in Italien gegen Ferrari ausgesagt hatte. Während einer Etappe der Tour de France des Jahres 2004 habe Armstrong zu Simeoni gesagt: „Du hast einen Fehler gemacht, als du gegen Ferrari ausgesagt hast […] Ich kann dich vernichten.“ Als die beiden nach einem Ausbruch ins Hauptfeld zurückkehrten, hat Armstrong Simeoni mit einer höhnischen Geste bedeutet, den Mund zu halten.

Ein anderes Opfer war der Fahrer Christophe Bassons, der in einer Zeitungskolumne über die 1999-Tour schrieb, die Fahrer seien über Armstrongs Verhalten am Vortag „entsetzt“ gewesen. Armstrong soll daraufhin Bassons während der nächsten Etappe beschimpft haben und aufgefordert haben, mit dem Radfahren aufzuhören.Bassons wurde gemieden, brach die Tour ab und hängte den Sport schließlich an den Nagel.

Schlucken, spritzen, aufkleben: Die Dopingmittel

EPO und Bluttransfusionen

Injiziert

Bis zum Jahr 2000 gab es kein Verfahren, um Athleten sicher auf die Einnahme von EPO zu testen. Dem Usada-Bericht zufolge wurde das Mittel, das die Produktion roter Blutkörperchen befördert und somit die Ausdauer verbessert, von Armstrong und seinen Kollegen im Rahmen von Programmen genommen, die von Dr. Ferrari erarbeitet worden waren. Mithilfe von Kochsalzlösung wurden die Hämatokrit-Werte gesenkt, und Ferrari wies den Fahrer George Hincapie an, direkt in die Venen zu injizieren, um so den Zeitraum, in dem ein Nachweis erbracht werden kann, auf zwölf Stunden zu verringern. Während einer Etappe der Tour de France wurde dem Usada-Bericht zufolge ein von einer Injektion herrührender blauer Fleck auf Armstrongs Oberarm mit Make-up kaschiert. Nach der Einführung des EPO-Tests ging man immer öfter dazu über, den EPO-Effekt durch Bluttransfusionen herbeizuführen.

Andriol

Einnahme oral/durch Pflaster

Tyler Hamilton sagte aus, er habe gesehen, wie Armstrong eine Mischung aus Andriol, das für gewöhnlich auch als flüssiges Testosteron bezeichnet wird, und von Dr. Ferrari speziell entwickeltes Olivenöl einnahm. Bei wenigstens einer Gelegenheit während der 1999-Tour hat Armstrong Hamilton das „Öl“ in den Mund gespritzt. Das leistungssteigernde Testosteron konnte auch mithilfe von Pflastern zugeführt werden, die über Nacht getragen werden mussten. Da es sich um ein körpereigenes Hormon handelt, ist es in niedrigen Dosen schwer nachzuweisen.

Kortison

Injizieren oder schlucken

Da das schmerzlindernd und entzündungshemmend wirkende Steroid nur dann verboten ist, wenn keine medizinische Notwendigkeit besteht, machten die Mannschaftsärzte von US Postal Service und Discovery Channel einfach falsche Angaben über angebliche medizinische Erfordernisse. Der Usada-Bericht behauptet, Armstrong und seine Teamkollegen hätten Kortison-Injektionen erhalten oder in Pillenform zu sich genommen. Während der Tour 1999 wurde Armstrong positiv auf Kortison getestet, ohne dass er eine medizinische Bescheinigung vorweisen konnte. Sein Team stellte ihm deshalb ein zurückdatiertes Rezept für eine Kortison-Creme aus. Der angegebene Grund: ein wundgefahrener Hintern.

Wachstumshormone

Injiziert

Mehrere von Armstrongs Mannschaftskollegen und Offizielle seines Teams sagten aus, gesehen zu haben, wie Dr. Luis García del Moral Wachstumshormone gespritzt habe – ein anaboler Wirkstoff, der die Größe und Leistungsfähigkeit der Muskulatur erhöht. Zwischen 1998 und 2005 gab es keinen eindeutigen Test für Wachstumshormone, und die Anti-Doping-Agentur WADA steht erst jetzt kurz davor, einen zu entwickeln.

Actovegin

In der Nacht vor dem Rennen injiziert

Während der 2000-Tour wurde eine achtlos weggeschmissene Schachtel des Diabetes-Medikaments Actovegin gefunden. US Postal erklärte damals, es sei zur Behandlung eines Hautausschlages eingesetzt worden. Armstrong behauptete, nie davon gehört zu haben. Seine Mannschaftskollegen aber sagten, das Medikament sei in der Nacht vor einem Rennen verabreicht worden, um die „Sauerstoffversorgung der Muskulatur“ zu verbessern.

Alle Texte aus dem Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
09:00 22.10.2012
Geschrieben von

The Guardian

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