Luxusrad statt Porsche

Fahrradboom Wer etwas auf sich hält, fährt Fahrräder der Premiumklasse. Vor allem Männer demonstrieren mit Edel-Modellen, wie wohlhabend sie sind. Oder stecken sie alle in der Krise?

Über den Krieg zwischen Radlern und Autofahrern ist eine Menge geschrieben worden, als handle es sich um zwei unterschiedliche menschliche Spezies, die sich in einem Mengendiagramm niemals überschneiden könnten. Doch laut einer neuen Studie ist ausgerechnet bei denen, die am häufigsten Fahrrad fahren die Wahrscheinlichkeit, dass sie mindestens zwei Autos besitzen, am höchsten.

Regelmäßige Radfahrer – dazu gehören alle, die sich mindestens einmal pro Woche aufs Fahrrad schwingen – tendieren auch überdurchschnittlich oft dazu, seriöse Zeitungen zu lesen, eine gute Ausbildung zu haben, über ein Haushaltseinkommen von über 50.000 Pfund (etwa 60.500 Euro) im Jahr zu verfügen und beim Nobel-Discounter Waitrose einzukaufen – so steht es zumindest im jüngsten Bericht der Marktforschungsagentur Mintel „Bicycles in the UK 2010“. Mintel hat außerdem festgestellt, dass zur Gruppe der regelmäßigen Radfahrer doppelt so viele Männer wie Frauen zählen.


„Vor dreißig oder vierzig Jahren fuhren die Menschen aus wirtschaftlichen Gründen Fahrrad, doch unsere Studie lässt darauf schließen, dass ein Fahrrad heutzutage eher ein Lifestyle-Extra ist, mit dem man zeigen kann, wie wohlhabend man ist“, erklärt Michael Oliver, der den Bericht im Auftrag von Mintel verfasst hat.

Seine Nachforschungen haben ergeben, dass der Verkauf von Fahrrädern vor allem durch 35- bis 45-jährige Familienväter angekurbelt wird. Während diese Altersgruppe früher eher dazu tendierte, sich – im Versuch, an ihrer Jugend festzuhalten – einen Sportwagen zu leisten, investiert sie heute stattdessen in ein Luxus-Rad. Oliver bezeichnet den Anstieg der Fahrradverkäufe an diese Bevölkerungsgruppe als „die neunziger Jahre Version der Midlife-Crisis“.

Männer in einem gewissen Alter bilden sich heute etwas auf ihre Fahrräder-Sammlung ein. Millionär Alan Sugar gab im vergangenen Jahr mit seinen Vollcarbon-Rennrädern von Pinarello an, die er für jeweils mehrere tausend Pfund für seine zahlreichen Wohnsitze angeschafft hatte. Halfords, der größte Fahrradhandel des Vereinigten Königreichs, bestätigt den Trend: Das Interesse an allen Modellen, insbesondere an den Spitzenprodukten, habe zugenommen und der Absatz von Premium-Rädern sei in den vergangenen zwei Jahren insgesamt um 54 Prozent gestiegen. Das Traditionsunternehmen Pashley, das äußerst klassische Modelle produziert, erklärt, dass der Verkauf seiner Alltagsmodelle im Vorjahresvergleich um 50 Prozent gestiegen sei.

Mehr Wege, mehr Fahrer

Allerdings gaben nur zwölf Prozent der befragten Erwachsenen an, sie radelten regelmäßig, 65 Prozent hingegen sagten von sich selbst, sie führen niemals mit dem Rad. Jeder siebte ordnete sich der Kategorie der „abtrünnigen“ Radfahrer zu, die zwar ein Fahrrad besitzen, aber nicht mehr damit fahren. Ein Viertel der Befragten sagte, sie würden öfters radfahren, wenn es mehr Fahrradwege gäbe, 14 Prozent würden zwar gerne zur Arbeit radeln, dies sei jedoch nicht möglich, weil es dort weder Duschen noch einen Umkleideraum gebe, sagten sie.


Zehn Prozent der 1.557 Befragten halten Radfahrer für eine „Plage“. Am feindseligsten ist man in Großbritannien im Süden, Südwesten und rund um London gegenüber Radfahrern eingestellt, dabei wurde kein Unterschied zwischen Autobesitzern und Menschen ohne Auto registriert.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern in Sachen Radfahren wiederum scheint auch in Zusammenhang mit der allgemeinen Radel-Freudigkeit zu stehen. Laut Roger Geffen vom britischen Fahrradclub CTC verändert sich das Verhältnis, je mehr Personen Fahrrad fahren: „In den Niederlanden und in Dänemark, wo weitaus mehr Menschen Fahrrad fahren, werden 55 Prozent aller Radtouren von Frauen unternommen.“ Mintel geht davon aus, dass der Rad-Trend in den nächsten fünf Jahren weiter boomen wird. Mark Walmsley vom Händler-Verband Association of Cycle Traders hingegen hält das ganze Gerede über einen Hype für „Quatsch“: „An einigen wenigen Orten wie London werden vielleicht mehr Räder verkauft, aber es gibt keinen landesweiten Boom.“

Fahrradspezial: Lesen Sie hier das große Interview mit Dustin Nordhaus. Der Kanadier war Rennfahrer, arbeitete als Fahrradkurier und hat nun in Berlin-Prenzlauer Berg seinen eigenen Laden eröffnet. Dort vertreibt er ausschließlich italienische Rennräder aus den siebziger und achtziger Jahren

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:55 12.08.2010
Geschrieben von

Helen Pidd | The Guardian

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The Guardian

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