Madonna don't preach

Politisch engagiert Madonna erklärt in Moskau ihre Solidarität mit Pussy Riot. Mit ihren politischen Einlassungen tut sich die Queen of Pop allerdings nicht immer einen Gefallen
Madonna don't preach
Wer bin ich? Madonn mit Bärtchen

Screenshot: Youtube

Die gute alte Madge setzt sich für ihre russischen Künstlerkolleginnen von Pussy Riot ein. "Ich denke, Kunst sollte politisch sein", sagte Madonna, als sie vor ihrem Konzert in Moskau von Journalisten um einen Kommentar zur Verhaftung der russischen Frauenband wegen "Rowdytums" gebeten wurde. "Historisch gesehen reflektiert Kunst immer gesellschaftliche Vorgänge."

An der politischen Front hatte Madonna dabei in den vergangenen Wochen ganz schön zu kämpfen. So muss sie sich einer Klage der rechten französischen Politikerin Marine Le Pen stellen, deren Konterfei bei den Konzerten im Rahmen von Madonnas aktueller Tour Teil einer wenig schmeichelhaften Montage ist. Das findet zumindest Madame Le Pen. Bevor die Vorsitzende des Front National mit einem Hakenkreuz auf der Stirn von den Leinwänden der Bühne blickt, ist darauf immer wieder Madonnas Gesicht in verschiedenen Kombinationen zu sehen – mal lugt es aus einem Hijab, dann wird seine untere Hälfe mit dem bärtigen Kinn des Ajatollah kombiniert. Im weiteren trägt sie Hut – einmal ist es, glaube ich, der von General Pinochet, ein anderes mal die Leoparden-Kappe des ehemaligen kongolesischen Präsidenten Mobutu. Dazwischen blicken uns kurz Augen an, die eindeutig zu Sarah Palin gehören. Dann taucht wieder Madonna auf, diesmal mit Hitlerbärtchen, während aus dem Hintergrund zu hören ist, wie sie singt: "It's no good when you're misunderstood.".

Sowas nennt man wohl Ironie, aber wer weiß. Als Kommentar hat es denselben politischen Gehalt wie das Ratespiel „Wer bin ich?“ (in der Deluxe-Diktatoren-Ausgabe).

Warum mit Tatsachen langweilen?

Dabei bot sich Madonna im vergangenen Jahr durchaus Gelegenheit, sich politisch zu zeigen: Als sie ihren Film W.E., ein Biopic über die liebenswerten alten Nazisympathisanten Wallace Simpson und Edward VIII vorstellte, widersprach sie energisch Vorwürfen, sie verherrliche die zweifelhaften politischen Ansichten des Paares. Sie habe sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Beiden nichts Falsches getan hätten – das unterstrich sie auch im Film, indem sie eine Figur darauf hinweisen ließ, dass das Paar zwar mit Hitler gespeist und getrunken habe, dies allerdings im Jahr 1937, bevor er allzu unangenehm aufgefallen sei. (Die Nürnberger Rassengesetze, die Juden die deutsche "Reichsbürgerschaft" aberkannten, wurden 1935 eingeführt, bereits seit 1933 wurden Konzentrationslager für politische Gefangene eröffnet – aber warum mit den Tatsachen langweilen?)

Das Traurige daran ist, das Madonna es doch eigentlich gar nicht nötig hat, irgendwie auf politisch zu machen. Am politischsten ist sie, wenn sie gar nichts macht. Wie bei Lady Gaga ist ihre schiere Existenz – ihr anhaltender Erfolg in einem Markt, in dem die meisten Popstars aussehen, wie die Pussycat Dolls – alles, was sie an Argumenten braucht. Wenn sie es bloß dabei belassen würde.

Übersetzung: Zilla Hofman

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

17:19 08.08.2012
Geschrieben von

Emma Brockes | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14634
The Guardian

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare