Maggies Club

Nachtleben In einem Londoner Club dreht sich alles um Margaret Thatcher: Auf den Klos laufen ihre Reden, Fotos zeigen sie mit Ronald Reagan. Ist das Politik – oder Ironie?

Es ist schon unheimlich. Ich wasche mir in einer Toilette in Chelsea die Hände, und Margaret Thatcher hält mir eine Standpauke. Zumindest gehe ich davon aus, dass sie es ist. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, aber ihre schrille Stimme hallt schaurig zwischen den Pissoirs.

"Wir mussten auch mit dem Problem der Macht der Gewerkschaften fertig werden", predigt sie mir, während ich den Wasserhahn zudrehe, "... das durch zwei Labour-Regierungen in Folge verschlimmert und durch das Selbstbewusstsein von Militanten ausgenutzt wurde, die in Schlüsselpositionen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung aufstiegen."

Während Thatchers Worte über dem Lärm der Toilettenspülungen und dem Geschnatter wohlhabender Söhne und Töchter wabern, fühle ich mich, als wäre ich in einer der merkwürdigen Audiolandschaft gefangen, wie ich sie aus der surrealen Radiosendung Blue Jam der BBC kenne. Doch die Realität ist wesentlich bizarrer. Ich befinde mich im Maggie’s, einem neuen Club in London, in dem sich alles um Margaret Thatcher dreht. Ja, richtig: ein Club nach dem Vorbild der Eisernen Lady.

Thatchers Tagebuch auf den Toiletten

Der Club liegt auf der Grenze zwischen dem Stadtteil Chelsea, wo man traditionell die Tories wählt und dem blau-blütigen Fulham, insofern liegt die Vermutung auf der Hand, dass Maggie’s ein politisches Statement sein soll. Als erstes fällt beim Betreten des Clubs eine Fotowand auf, die Bilder von Thatcher und Ronald Reagan schmücken. Direkt über der Treppe hängt ein Bild, auf dem Thatcher die Finger zum Victory-Zeichen erhoben hat. Und der Sermon, mit dem die Toiletten beschallt werden, ist das Hörbuch von Thatchers Tagebuch.

Geht es den Betreibern des Clubs also um ein nachtaktives neoliberales Manifest? Nein, nein, widerspricht Charlie Gilkes. Gilkes, ehemals Schüler des Eliteinternats Eton, eröffnete das Maggie’s Anfang des Jahres mit seinem Geschäftspartner Duncan Stirling. "Wir sind kein Tory-Club", sagt er vorsichtig. Vielmehr sei der Club eine Hommage an die Achtziger, ein Stück "Kindheits-Nostalgie für das Jahrzehnt, in dem wir geboren sind". Der Verweis auf Großbritanniens kontroverseste Politikerin, sagt er, sei augenzwinkernd zu verstehen. "Ich weiß, dass sie umstritten ist, aber ich bewundere sie. Sie ist eine Führungspersönlichkeit."

Eine Flasche Champagner mit der Unterschrift der Eisernen Lady kostet 5.000 Pfund, also begnüge ich mich mit einem Glas Ferris-Bueller-Schampus für 10,50 Pfund. Eine Seite des Clubs schmückt ein Super-Mario-Wandgemälde, die Tische davor sehen wie Zauberwürfel aus, neben einer Statue des Tory-Politikers Neil Kinnock steht Gilkes persönliche Teenage-Mutant-Ninja-Turtles-Sammlung aus Kindertagen.

Einer schlug den Lautsprecher

Gilkes fände es zwar wunderbar, wenn Thatcher selbst ihnen einmal die Ehre erweisen würde – wobei er einräumt, "dass ihre Nachtclub-Tage vermutlich gezählt sind". Wenn Tory-Gruppen das Maggie’s mieten wollen, lehnt er jedoch ab. Gilkes legt Wert darauf, dass sein Klientel nicht ausschließlich aus Konservativen besteht. Viele Gäste des Clubs "mögen Maggie nicht – einer hat sogar auf den Lautsprecher im Klo eingeschlagen". Trotzdem drängt sich der Verdacht auf, dass 250 Pfund Mindestverzehr pro Tisch zusätzlich zu den 15 Pfund Eintrittsgeld die meisten dieser Kunden ausbremsen, bevor sie überhaupt die Toiletten erreichen. "DJ Adam Ant ist oft hier" sagt Gilkes, und auf einem Poster neben der Tür ist immer noch ein Teil der Unterschrift von Spandau-Ballet-Sänger Tony Hadley zu sehen, auch wenn ein übereifriger Putzmann offensichtlich alles gegeben hat, um sie abzuwischen.

An dem Abend, als ich den Club besuche, drängt sich auf der Tanzfläche eine Gruppe, die sich zum alljährlichen Jahrgangstreffen ihrer Privatschule trifft. Keiner will sich als ausgereifter Thatcher-Fan zu erkennen geben, nur der geselligste unter ihnen, Matt, gibt zu, dass seine Familie sie bewunderte: "Mein Vater war Thatcher-Anhänger, und meine Mutter ließ sich davon überzeugen, dass 98 Pence Steuer pro Pfund nicht die effektivste Verwendung für das Geld meines Vaters war." Thatcher, endet er, "gab uns etwas, das wir alle ein wenig brauchten: Kapitalismus."

Zurück auf der Toilette, trällert Thatcher weiter vor sich hin. "Eine solide Finanz-Strategie wurde benötigt, um für wirtschaftliche Reformen, Steuersenkungen und die Deregulierung der Industrie zu sorgen", erklärt sie einer neuen Gruppe pinkelnder Clubgänger. Doch mit der Aussicht auf einen neuen Winter des Missvergnügens bin ich mir nicht sicher, ob auch nur einer von ihnen die Ironie versteht.

Übersetzung: Christine Käppeler

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17:15 24.11.2010
Geschrieben von

Patrick Kingsley | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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