Mama, Papa, Trump

USA Der Bernie-Sanders-Unterstützer James Lantz versucht zu verstehen, wie sein Vater und seine Mutter zu Donald-Trump-Anhängern wurden

Als mein Vater sah, dass sein handgemachtes „Trump 4 President“-Schild zum zweiten Mal umgefahren worden war, knurrte er „Hot dammit!“, riss die Autotür auf und stampfte durch den Vorgarten zum Tatort. Er war sauer. Besser gesagt: stinksauer.

Um ehrlich zu sein: Dieser 76-jährige, Zigarren rauchende, Cowboyhut tragende Mann war schon ziemlich lange stinksauer. Seit Jahren. Sein schwarzweißes, mit Sprühdose und Schablonen gefertigtes persönliches Trump-Plakat, auf dem er für das Wort for die Zahl 4 verwendet hatte, weil ihm die Buchstaben fehlten, prangte vor dem Haus im ländlichen Virginia, in dem er und meine Mutter leben.

Als nun zum zweiten Mal jemand dieses Schild zu Fall gebracht und dabei lehmfarbene Reifenspuren in seinem Vorgarten hinterlassen hatte, schritt mein Vater zur Tat. Er ging in die Garage an seine Werkbank und drehte ein Dutzend langer Schrauben durch ein dünnes Stück Sperrholz. Dieses Stachelbrett wollte er im Gras verstecken, „um demjenigen die Reifen zu zerfetzen“, der es wagte, sich noch einmal an dem Schild zu vergehen. An der Wand über seiner Werkbank hängt, neben einigen Dosen Insektizid, eine kleine US-Flagge. Während er die Schrauben in das Brett drehte, dachte mein Vater darüber nach, was der Vandalismus in seinem Garten über den Zustand des Landes und der Welt verriet. „Ich meine, was zur Hölle geht hier vor?“, fragte er sich und mich.

Ich selbst lebe schon lange nicht mehr in der Gegend, aber ich bin dort geboren: in der Kleinstadt Winchester im Shenandoah-Tal im nördlichen Virginia. In meiner Kindheit war dieses Winchester eine Stadt der Farmer und Fabrikarbeiter. Mein Vater war Werkleiter in einer Kunststofffabrik namens O’Sullivan, wo er und etwa 500 Kollegen Bauteile für amerikanische Autos herstellten. In meiner Familie ist man stolz darauf, dass Papa an der ersten Spritzgussmaschine in Winchester tätig war. Meine Eltern haben vier Kinder großgezogen.

Als ich klein war, klapperten wir manchmal im Familienkombi die Autohäuser in der Stadt ab und sahen uns die neuen Modelle an. Dann zeigte mein Vater uns irgendwelche Teile an den Wagen und sagte: „Das haben wir gemacht.“ Gelegentlich fing er auch an zu schwärmen, von Komponenten, die er angefertigt hatte und über die sich die meisten Autofahrer gar keine Gedanken machten – zum Beispiel die Scheinwerfereinfassung beim Chevrolet Vega, Modell 1974.

Folklore mit Patsy Cline

Aus Winchester stammte auch die Country-Legende Patsy Cline. Zu meiner Kinderzeit war sie zwar längst schon tot, doch zur lokalen Folklore gehörten verschiedene Geschichten und Legenden über sie, etwa dass sie, bevor sie berühmt wurde, in den verrauchten Kneipen der Stadt gesungen habe: für die Fabrikarbeiter, die von ihren langen Schichten kamen.

Seit damals hat sich Winchester enorm verändert, so wie das ganze Land. Der Ort sieht heute weniger nach ihm selbst aus, und mehr nach den gesichtslosen Einkaufszentren und Fastfoodketten, die es überall in den USA gibt. Im Umkreis von zehn Meilen stehen drei große Walmart-Supermärkte und zehn McDonald’s-Filialen. Die kurze Einfallstraße, die den Namen Patsy Cline Boulevard trägt, führt an einem Lowe’s-Baumarkt, einem Kohl’s-Kaufhaus und einem Chick-fil-A-Schnellrestaurant vorbei und sonst an nicht viel anderem.

Ich lebe heute mit meiner Frau und meinen Kindern in Burlington, Vermont. Wir sind vor 15 Jahren hierhergezogen, es ist ein wunderbarer Ort für Familien. In jüngster Zeit wurde Burlington vor allem dafür bekannt, dass Bernie Sanders hier wohnt und mit seinem schnellen Schritt in dem Städtchen unterwegs ist.

Auch wenn ich bequem an einem Tag zurück nach Winchester fahren kann, liegt Burlington in vielerlei Hinsicht weit von meiner alten Heimat entfernt. Die sozioökonomischen Kräfte, die Winchester und den Drang meines Vaters zum Schilderaufstellen geformt haben, sind ganz andere als die, die Burlington heute bestimmen. Burlington ist ein Universitätssitz, hier blühen Tech-Firmen und Non-Profit-Organisationen. Ihre akademisch geprägte Wirtschaft schirmt die Stadt gegen viele der Themen ab, die den Rest des Landes umtreiben. Als vor einigen Jahren eine der wenigen Fabriken in Burlington stillgelegt wurde, dauerte es nicht lange, bis sie als Zentrale eines milliardenschweren Dotcom-Unternehmens wiederauferstand. Ein Künstler aus der Stadt bemalte die Silos, ihre Fassade wirkt nun wie aus Buntglas.

In Winchester steht unterdessen eine Fabrik mit fast 40.000 Quadratmetern Fläche leer, mitten in der Stadt, gegenüber von einem der drei Walmarts. Ein Security-Mann fährt im Schritttempo über das Gelände, an einem verbogenen „Zu verkaufen“-Schild, einem rostigen Wasserturm und Fensterscheiben mit grauem Star vorbei.

Seit dem Jahr 2000 sind in den USA fast fünf Millionen Jobs im produzierenden Gewerbe verloren gegangen. Einer Schätzung zufolge, die auf Regierungsstatistiken beruht, wurden im selben Zeitraum mehr als 60.000 Fabriken im Land geschlossen. Eine dieser Fabriken gehörte meinen Eltern.

Es war ein lang gehegter Traum meines Vaters gewesen, seine eigene Kunststofffabrik zu besitzen. Und ich hatte ihn und meine Mutter jahrelang hart arbeiten sehen, um sich diesen Traum zu erfüllen. Sie nannten ihren Betrieb Valley Industrial Plastics. 15 Jahre lang, zu Hochzeiten mit hundert Arbeitern, stellten sie dort Autoteile und Haushaltsgüter her. Doch als ihre bisherigen Abnehmer begannen, Aufträge ins Ausland zu vergeben, blieb meinen Eltern keine Wahl. „Wir verkauften das Gebäude, verkauften die Maschinen, alles war dahin. Es bricht einem wirklich das Herz“, sagt mein Vater.

Diese Erfahrung ist der Hauptantrieb für seine Wut und dafür, dass er sich Donald J. Trump als Präsidenten wünscht. „Ich war immer stolz auf Made in America“, erklärt mir mein Vater. „Und ich habe dir immer gesagt: In der Produktion liegt die Zukunft, geh in die Produktion! Und nun stellt sich heraus, die ganze Arbeit geht nach China, die ganze Arbeit geht nach Mexiko, und hier bricht alles zusammen.“

Auch wenn ich meinen Eltern in tiefer Zuneigung verbunden bin: Mit ihrer Vorliebe für diesen Kandidaten bin ich nicht im Geringsten einverstanden. Mein „Bernie 2016“-T-Shirt liegt nun zwar zusammengefaltet im Schrank – doch für Trump zu stimmen, käme mich für nie in Frage. In Burlington, meiner heutigen Alltagsumgebung, ist es leicht, den republikanischen Präsidentschaftsanwärter abzutun, seine grelle Trumpiness lächerlich zu finden, sein Gerede über Mauern und gefährliche Einwanderer für Irrsinn zu halten. Die meisten meiner Burlingtoner Nachbarn und Freunde haben auf die Frage „Kann Trump Präsident werden?“ eine einfache und unerschütterliche Antwort: „Nie im Leben!“ Aber ich bin mir da nicht so sicher.

Meine Mutter erzählte mir, wie der Konzern General Electric vor einiger Zeit sein Werk in Winchester dichtmachte und die Lampenherstellung nach Mexiko verlagerte. Ein Detail brachte sie besonders in Rage: „Eine Menge Leute in der Fabrik verloren ihre Jobs. Aber vorher hatten sie noch selbst die Leute aus Mexiko angelernt, die ihnen nun die Arbeit wegnehmen sollten.“ Mein Vater schüttelte zu diesen Worten meiner Mutter den Kopf und sagte wieder seinen Satz: „Es bricht einem das Herz.“

Romantische Hoffnungen

Doch es ist nicht nur das Herz, das meinen Eltern und vielen anderen Menschen im Land bricht. Sie fühlen sich gedemütigt. Auf eine wirre und hässliche Weise – wie wenn eine langjährige Liebe gescheitert ist. Wohin dieses dunkle Gefühl führt, kann niemand wissen. Mein Vater redet jedenfalls wie jemand, der frisch verlassen worden ist. Wut mischt sich mit Reue und mit einer zutiefst romantischen Hoffnung, dass die Dinge vielleicht – ganz vielleicht – doch wieder so werden könnten, wie sie einmal waren.

Derweil steht das erneuerte „Trump 4 President“-Schild weiterhin vor dem Haus meiner Eltern in Virginia. Mein Vater überprüft es nun zweimal täglich. „Ich suche nach Spuren von Vandalismus“, sagt er. „Ich mache mir Sorgen, dass jemand es mit Sprühfarbe verschandeln könnte.“ Als er diese Worte spricht, muss ich an den Unbekannten denken, der das Schild schon zweimal umfuhr. Und an den Wust von Gefühlen, die er damit auch in mir aufgewühlt hat – im Sohn der Trump-Anhänger, der die Enttäuschung seiner Eltern zwar versteht, ihre politischen Ansichten aber nicht teilt. Eine Songzeile von Patsy Cline erklingt in meinem Kopf: „Strange how you stopped loving me, how you stopped needing me … oh, how strange.“

James Lantz ist Filmemacher und schrieb diese Reportage als Gastautor für den Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 13.09.2016
Geschrieben von

James Lantz | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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