Mami, mach mal Feierabend!

Supermütter Viele Frauen sind von ihrer Mutterrolle so besessen, dass sie über nichts anderes mehr reden können. Das muss ein Ende haben, fordert Observer-Kolumnistin Rachel Cooke

Wenn Bekannte mich gelegentlich fragen, warum ich im Alter von 39 Jahren immer noch keinen Kinderwunsch verspüre, ist mir instinktiv stets nach einer flapsigen Antwort zumute. Meistens sage ich dann, ich hätte Angst, mir würde nicht genügend Zeit zum Lesen verbleiben. Ich lese für mein Leben gern und so verbirgt sich hinter diesem Scherz keine unehrliche Ausrede. Auch wenn ich mehrere Freundinnen habe, die die Mutterschaft recht erfolgreich mit der Lektüre von Büchern vereinbaren konnten, muss ich doch immer an die vielen lesenswerten Bücher denken, die ich noch nicht gelesen habe und die ich bei der mir aller Wahrscheinlichkeit verbleibenden Lebenszeit auch ohne Kinder nicht alle werde lesen können. Das macht mir Angst.

Das ist freilich nicht die ganze Wahrheit. Ich will aus allen möglichen Gründen keine Kinder. Einige von diesen wiegen sehr schwer (Erderwärmung), einige sind rein praktischer Natur (Könnte ich mir das überhaupt leisten? Was, wenn ich meinen Job verliere?), manche sind durch meine Biographie begründet (Ich habe drei sehr viel jüngere Schwestern, die ich sehr liebe. Vielleicht habe ich meinen Mutterinstinkt also bereits zur Genüge ausleben können?). Andere wiederum sind ziemlich neurotisch (Wo werden die Spielzeuge des Kindes wohnen? Und werden sie alle aus buntem Plastik sein?)

Acht Minuten Geburtsvorbereitungs-Referat

Hauptsächlich allerdings - warum nicht ehrlich sein und es geradeheraus sagen – weigere ich mich Kinder zu haben, weil ein bestimmter Typus von Müttern mir Angst und Schrecken einjagt. Hierbei handelt es sich um Mütter wie die, mit der ich mich neulich auf einer Party unterhielt und die – ohne dass ich sie mit nur einem Wort dazu aufgefordert hätte – ungefähr acht Minuten lang über alle Details ihrer Geburtsvorbereitungskurse referierte. Als sie ihren Monolog beendet hatte, fragte ich sie dann völlig erschlagen, ob sie gerade ihr erstes Baby bekommen habe – wovon ich irgendwie ausgegangen war. „Oh nein, es ist mein zweites“, antwortete sie fröhlich um dann ausführlich zu berichten, wie sehr ihr kleiner Sohn sich auf die bevorstehende Ankunft seines Geschwisterchens gefreut habe.

Eigentlich hätte man ja erwarten können, dass sich im Zuge der Entwicklung zur Gleichberechtigung der Geschlechter am Arbeitsplatz auch die Kluft zwischen Frauen mit und Frauen ohne Kinder bis zur Bedeutungslosigkeit verkleinern würde. Tatsächlich aber scheint sie immer größer zu werden, zumindest unter den verwöhnten Angehörigen der Mittelschicht westlicher Länder. Es gab einmal eine Zeit, in der gebildete Frauen dafür kämpften, nicht mehr über das Ideal der Mutter definiert zu werden, weil sie wussten, dass sie erst dann wirklich ernst genommen werden würden, wenn diese beiden Dinge getrennt voneinander wahrgenommen werden würden. Und überhaupt: Wer will schon über nur eine einzige Facette der eigenen Existenz definiert werden?

In den letzten zehn Jahren allerdings ist eine steigende Anzahl von Frauen dazu übergegangen, sich ganz im Geiste der fünfziger Jahre primär, lautstark und manchmal sogar ausschließlich über ihr Muttersein zu identifizieren. Sie machen einen Fetisch aus der Geburt und sind in einem Maße von allem besessen, was danach kommt, dass es an Satire grenzt und teils gar darüber hinausgeht.

Ein Beispiel: Als dieser Artikel erst in meinen Gedanken existierte, loggte ich mich bei einer dieser Webseiten ein, die es inzwischen gibt und bei denen sich alles rund ums Kind dreht. Thema der Diskussion des Tages waren lustige Versprecher der lieben Kleinen. Wirklich. Dazu kann ich nur sagen: Liebe neue Mütter, erzählt euren Eltern, einer guten Freundin oder einem guten Freund, wie euer Schatz etwas sagte und es dann wie etwas ganz anderes klang, was zum Schreien komisch und sooo süß war. Aber zügelt euch, plappert es nicht in die ganze Welt hinaus. Denn so bringt ihr alle Welt dazu zu denken, ihr hättet den Verstand verloren – und zwar nicht ganz zu unrecht.

Während ich nur ein unfruchtbares Elend bin

Ich persönlich habe Glück. Die meisten meiner Freundinnen sind mit der Geburt ihrer Kinder erfreulicherweise nicht zu Dummy-Mummies geworden. Letzte Woche habe ich sogar mit einer von ihnen Urlaub gemacht. Ihre drei Kinder blieben zu Hause - ich höre jetzt schon die Rufe nach dem Jugendamt - während sie und ich nach Österreich fuhren. Ob nun aus Zufall oder nicht, handelt es sich gerade bei den Kindern dieser Frau um besonders witzige und schlaue Persönchen, die ich besonders gerne mag. Doch meine Freundin hielt sich sogar zurück, als ich sie auf ihre Kinder ansprach. Sie tat dies teils aus Höflichkeit, vor allem aber weil sie auch einmal über etwas anderes reden wollte: Sie wissen schon, Bücher, Michelle Obama oder Fernsehserien. Die Baby-Verrückten unter den Mamas hingegen zeigen erstaunliches Desinteresse an allem, dass nichts mit Kinderwagen, Stillen, Schlafenszeiten oder Sicherheitsgittern oder dergleichen zu tun hat – und beschließen jedes Gespräch unvermeidlich damit, dass sie einem kundtun, wie erfüllt sie doch sind (während ich nur ein unfruchtbares Elend bin).

Ein anderer Abend, eine andere Feier. Eine Frau kommt auf mich zu, die ich seit vielen Jahren nicht gesehen habe. Wir unterhalten uns, ich frage sie, ob sie einen bestimmten Film gesehen habe. Sie gibt einen Seufzer von sich, der suggeriert, ich sei ein wenig schwer von Begriff und sagt dann mit einem Gaga-Mama-Lächeln: „Ich gucke keine Filme.“ (Womit sie meint: Mit Filmen füllen Leute, die keine Kinder haben, die langweiligen Stunden bis es endlich soweit ist.) „Naja“, fährt sie dann fort: „Was machst du denn so?“ Ich setze auf Dramatik und erzähle, ich sei vor kurzem im Jemen gewesen, der Heimat von al Qaida. „Oh toll!“ lautet die Antwort, „aber weißt du, ich würde ja wirklich nicht Vollzeit arbeiten wollen. Das wäre einfach nicht fair.“

Wann ging es los mit diesem übersteigerten Ich-bin-eine-Mutter-Gewese? Denn ich weiß aus meiner eigenen Kindheit und der Kindheit meiner Schwestern, dass das nicht immer so war. Zum Teil dürfte es sich um ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts handeln.

Wie kann ein Kinderwagen "zu prollig" sein?

Als meine Mutter meine Schwester bekam, gab es ungefähr zwei verschiedene Arten von Kinderwagen: Maclaren und den anderen, dessen Namen ich vergessen habe. Man entschied sich, je nach Geldbeutel, für den einen oder den anderen. Als Statussymbol taugte ein Kinderwagen damals noch nicht. (Wo wir gerade dabei sind: Ich habe einmal gehört, wie ein Freund einen bestimmten Kinderwagen als „zu prollig“ bezeichnete – eine Aussage, die mich damals wie heute stark irritiert.) Der Kapitalismus schafft wirklich ekelhafte Extreme: Während die eine Hälfte der Menschheit verhungert, stopft sich die andere so lange den Bauch voll, bis sie krank wird und während die Hälfte der Kinder auf dieser Welt sträflich vernachlässigt werden, wird die andere Hälfte verwöhnt bis zum Gehtnichtmehr. Da besteht doch eine Verbindung, oder etwa nicht? Ist es nicht möglich, hier einen Ausgleich zu finden?

Meistens trifft man diese Art von Exzess meiner Meinung nach bei Frauen an, die erst sehr spät Mütter werden. Sie empfinden Dankbarkeit, eine Dankbarkeit, die ihnen den Eifer der Konvertiten verleiht. Und ich schätze, eben dieser Eifer schützt sie davor, dass sie irgendwann die Langeweile überkommt, wenn sie die Vor- und Nachteile verschiedener Kindersitze erörtern.

Ihr Eifer bringt sie unter anderem leider auch dazu, sich über Leute wie die frühere französische Justizministerin Rachida Dati herzumachen, weil sie der selbstgerechten Meinung unserer Dummy-Mummies zufolge nach der Geburt ihres Kindes zu schnell wieder angefangenen hatte zu arbeiten. Die Reaktion mancher Geschlechtsgenossinnen war, gelinde gesagt, wenig erbaulich. Sie sah großartig aus. Sie wollte an einem wichtigen Treffen teilnehmen. Was bitte, ist daran verdammt noch mal verwerflich?

Gut. Lassen wir das. Alles, was ich hier sagen will, ist, dass diese überzogene Baby-Fixiertheit auf lange Sicht niemandem wirklich gut tut. Für mich und viele andere Frauen ist es langweilig und egoistisch und enthält indirekt immer eine Wertung darüber, wie wir unser Leben leben. Für viele Männer bestätigt es nur das Vorurteil, dass Frauen sowieso nichts anderes wollen, als Kinder zu kriegen. Warum sollte man sich dann für sie einsetzen, sie ernst nehmen oder sie anständig bezahlen? Und für die Kinder, um die es ja bei der ganzen Sache ja angeblich geht, ist das Ganze letzten Endes erdrückend, auch wenn sie bei Verlassen des Elternhauses stolz von sich behaupten können, noch nie Gemüse gegessen zu haben, das nicht „bio“ war.

Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt
08:00 10.02.2009
Geschrieben von

Rachel Cooke, The Observer | The Guardian

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mkeipert | Community