Mangelnder Mut

Minarett-Verbot Die Schweizer Muslime sind unsichtbar geblieben, weil sie der Konfrontation aus dem Weg gehen wollten. Sie tragen eine Mitverantwortung, sagt der Publizist Tariq Ramadan

Diesen Ausgang hatte niemand vorhergesehen. Monatelang war gesagt worden, dass alle Anstrengungen, den Bau von Minaretten in der Schweiz zu verbieten, zum Scheitern verurteilt seien. Die letzte Umfrage ging davon aus, dass etwa 34 Prozent der Schweizer für diese unerhörte Initiative stimmen würden. Noch Ende vergangener Woche, bei einem Treffen in Lausanne, hatten gut 800 Studenten, Professoren und andere Bürger keinen Zweifel daran, dass der Antrag abgelehnt werden würde. Sie dachten bereits darüber nach, wie auf den Ruinen dieser unsinnigen Initiative an einer besseren Zukunft gearbeitet werden könnte.

Dieses Vertrauen wurde erschüttert. Das Ergebnis der Abstimmung über das Minarett-Verbot ist ein Besorgnis erregendes Zeichen dafür, dass diese populistische Partei die Ängste und Erwartungen der Menschen am besten bedient. Zum ersten Mal seit 1893 ist in der Schweiz eine Initiative auf Zustimmung gestoßen, die eine bestimmte Personengruppe herausgreift und eindeutig diskriminierender Natur ist. Man kann darauf hoffen, dass das Verbot auf europäischer Ebene abgelehnt wird. Das Resultat des Volksentscheids wird dadurch allerdings nicht weniger beunruhigend. Was geht in meinem Geburtsland vor?

Minarette als Platzhalter

Es gibt in der gesamten Schweiz nur vier Minarette. Warum wurde also gerade hier eine solche Initiative gestartet? Mein Land muss sich, wie viele andere in Europa, damit auseinandersetzen, dass die europäischen Muslime immer sichtbarer auftreten. Die Minarette sind da nur ein Platzhalter – ursprünglich wollte die Union Démocratique du Centre UDC eine Kampagne gegen die traditionelle islamische Art des Schlachtens ins Leben rufen. Sie bekamen jedoch Angst, sie könnten damit die Empfindlichkeit der Juden herausfordern, deshalb schienen die Minarette schließlich das passendere Symbol zu sein.

Jedes europäische Land hat bestimmte Symbole oder Themen, an denen sich der Streit um die europäischen Muslime entzündet. In Frankreich sind es das Kopftuch oder die Burka; in Deutschland sind es die Moscheen; in Großbritannien die Gewalt; in Dänemark die Cartoons; in den Niederlanden die Homosexualität, und so weiter und so fort. Es ist wichtig, dass man hinter diese Symbole sieht, um zu verstehen, was in Europa im Allgemeinen und in der Schweiz im Besonderen geschieht. Während die europäischen Länder und ihre Bürger eine tiefe Identitätskrise durchleben, wird die neue Sichtbarkeit der Muslime zum Problem, denn sie macht Angst.

Den Europäern stellt sich momentan in einer Welt, die durch Globalisierung und Migration geprägt ist, die Frage nach ihren Wurzeln, ihrer Identität und danach, wie ihre Zukunft aussehen wird. Sie sind von neuen Bürger, neuen Hautfarben und neuen Symbole umgeben, mit denen sie nicht vertraut sind.

Wer sind die Muslime?

Während der vergangenen zwei Jahrzehnte wurde der Islam mit so vielen kontroversen Debatten in Verbindung gebracht – mit Gewalt, Extremismus, Geschlechterdiskriminierung, Zwangsheiraten, um ein paar zu nennen –, dass es für den Durchschnittsbürger schwer geworden ist, die neue muslimische Sichtbarkeit als positiven Faktor zu begreifen. Es gibt ein großes Maß an Angst und offenkundigem Misstrauen. Wer sind die Muslime? Was wollen sie? Diese Fragen werden dadurch mit weiterem Misstrauen aufgeladen, dass der Islam als expansionistische Religion wahrgenommen wird. Wollen diese Menschen unser Land islamisieren?

Die Kampagne gegen die Minarette speiste sich aus eben diesen Ängsten und Anschuldigungen. Die Appelle waren manipulativ. Plakate mit einer Burka-tragenden Frau und zu Waffen stilisierten Minaretten auf einer kolonisierten Schweizer Flagge wurden geklebt. Es wurde behauptet, der Islam sei grundsätzlich mit den Schweizer Werten nicht in Einklang zu bringen. (In der Vergangenheit hatte die SVP/UDC die Aberkennung meiner Staatsbürgerschaft verlangt, weil ich die islamischen Werte allzu offen verteidigt hatte) Die Medienstrategie war einfach und effektiv. Es ging darum, um jeden Preis und wo immer möglich eine Kontroverse zu provozieren und den Schweizern das Gefühl zu geben, sie befänden sich im Belagerungszustand und seien Opfer einer heimlichen muslimischen Kolonisierung, die die grundlegendsten Wurzeln ihrer Kultur gefährde. Diese Strategie ging auf. Die Mehrheit der Schweizer hat ein klares Signal an ihre muslimischen Mitbürger ausgesandt: Wir trauen euch nicht und der beste Muslim ist für uns der, den wir nicht sehen.

Der Konfrontation aus dem Weg gegangen

Wer trägt die Schuld? Seit Jahren sage ich den Muslimen, dass sie in den westlichen Gesellschaften, in denen sie leben, in positiver Weise sichtbar und aktiv sein müssen. In der Schweiz bemühten sich die Muslime in den vergangenen Monaten darum, unsichtbar zu bleiben, weil sie einer Konfrontation aus dem Weg gehen wollten. Es wäre nützlicher gewesen, neue Bündnisse mit all den Schweizer Organisationen und politischen Parteien einzugehen, die eindeutig gegen die Initiative waren.

Die Schweizer Muslime tragen daher eine Mitverantwortung. Man muss allerdings hinzufügen, dass die politischen Parteien in Europa und der Schweiz sich durch die offensiv auftretenden Kampagnen gegen religiösen und kulturellen Pluralismus gewaltig einschüchtern lassen. Die Populisten geben den Ton an und die anderen folgen ihnen, anstatt klarzustellen, dass der Islam heute eine europäische und eine schweizerische Religion ist und muslimische Bürger zum großen Teil „integriert“ sind und dass wir uns den allgemeinen Herausforderungen von Arbeitslosigkeit, Armut und Gewalt, denen wir uns alle gegenüber sehen, gemeinsam stellen müssen. Wir können die Schuld nicht allein den Populisten geben, denn das Versagen ist ein umfassenderes – ein Mangel an Mut, ein schrecklicher und engstirniger Mangel an Vertrauen in die neuen muslimischen Mitbürger.



Der Schweizer Staatsangehörige Tariq Ramadan ist Professor für zeitgenössische Islamstudien an der Oxford University. Sein jüngstes Buch trägt den Titel What I Believe.

Übersetzung: Christine Käppeler / Holger Hutt

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15:32 30.11.2009
Geschrieben von

Tariq Ramadan, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 49/2020

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