Mann ohne Profil

Mark Zuckerberg Mark Zuckerberg vernetzt Millionen von Menschen mit persönlichen Daten auf Facebook. Über sich selbst schweigt der 24-jährige Gründer des sozialen Netzwerks lieber

Mark Zuckerberg sagt man nach, er sei alles andere als ein Wirbelwind. Und tatsächlich regt sich nicht das geringste Lüftchen, als er den Raum betritt. Er ist 24 Jahre alt, klein und schüchtern – auf diese Art, wie es kleine, rothaarige Menschen oft sind. Er geht mit gesenktem Kopf, als ob er eine große Last tragen würde, wie beispielsweise die Last, der reichste junge Mann der Welt zu sein.

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Zuckerberg, der Gründer von Facebook, hat aber etwas, das die meisten Typen in seinem Alter nicht haben: drei Milliarden Dollar. Allerdings ist es nur eine Summe auf dem Papier, eine Schätzung des Wertes von Facebook. In den Artikeln über ihn wird das Geld dennoch jedes Mal erwähnt, geradezu als ob es sein zweiter Vorname wäre. Die Summe wurde errechnet, als Microsoft im Oktober 2007 für 240 Millionen Dollar einen 1,6 prozentigen Anteil von Facebook kaufte. Damals wurde der Wert seines Unternehmens auf 15 Milliarden Dollar geschätzt, Zuckerberg gehören 20 Prozent. In der jetzigen Rezession ist Facebook sicherlich etwas weniger wert. Aber wer weiß das schon so genau?

Kurz nachdem Zuckerberg den Raum betreten hat (einen fast leeren Konferenzraum, abgesehen von einem Tisch mit Tee und Keksen und einem Fotografen, der seine Ausrüstung aufbaut) erzählt er mir, dass er nur „sharing“ – also „Inhalte teilen“ – im Kopf hatte, als er sich im Studentenwohnheim von Harvard das Konzept von Facebook ausgedacht hat. Er war weder an Geld noch an Karriere interessiert, er wollte mehr über die Studenten seines Jahrgangs wissen. Die Universtität bot zwar das traditionelle Jahrbuch an, aber es erschien immer sehr spät und konnte erst ein Jahr später wieder aktualisiert werden.

Außerdem fehlte in dem Jahrbuch eine entscheidende Information: Ist die Person, die man attraktiv findet, Single oder nicht? Zuckerberg dachte, dass er online eine bessere Lösung bieten könnte. Man sollte so viele persönliche Informationen veröffentlichen können, wie man wollte – Lieblingsband, Lieblingsbeschäftigung, Lieblingsessen. Und diese Angaben sollten nach Belieben wieder verändert und aktualisiert werden können. Vier Jahre später ist seine Vision an fast jedem Ort, in fast jedem Land der Erde Realität geworden.

Teilen, teilen, teilen

Zuckerberg gelang es, Facebook zu einer der am schnellsten wachsenden Webseiten in der Geschichte des Internets zu machen. Der Grundgedanke, betont er, sei immer noch derselbe: „sharing“. Er benutzt das Wort so oft, dass ich mich schon frage, ob ich mit einer Maschine spreche. „Die Idee war immer, den Menschen zu sagen: teile mehr Informationen mit anderen. Die Leute könnten dann besser verstehen, was mit den Menschen um sie herum passiert.“

Er verbinde ein menschliches Grundbedürfnis mit moderner Technologie, sagt Zuckerberg. „Die Menschen haben schon immer viel Zeit damit verbracht, mit den Menschen, die ihnen etwas bedeuten, zu kommunizieren, sie zu kontaktieren und sich ihnen mitzuteilen,“ sagt er. Facebook helfe ihnen nur, dabei effizienter zu werden. „Aber besonders zeichnet sich Facebook meiner Meinung nach dadurch aus, dass Menschen mit denjenigen Kontakt halten können, die sie zwar kennen, aber die sie nur selten sehen können.“

Woher kommt dieser Wunsch, im Netz alle möglichen privaten Informationen zu veröffentlichen? „Mit meinen Freunden in der Schule habe ich immer darüber gesprochen, ein wieviel besserer Ort die Welt sein könnte, wenn die Menschen einander besser verstehen würden. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Voraussetzung dafür der Austausch von mehr persönlichen Informationen ist.“ Ein in Kürze erscheinendes Buch über das soziale Netzwerk hat eine weniger idealistische These: Facebook war Zuckerbergs Möglichkeit, Frauen kennenzulernen.

Zuckerberg schaut hoch zur Decke. „Bin ich das, oder ist hier ein so starkes Echo in diesem Raum?“, fragt er mit seiner tiefen Stimme. Es gibt ein schwaches Echo und das ist Anlass für einen seiner Berater (er wird von zweien begleitet) zu fragen, ob er lieber in einen anderen Raum wechseln würde. Aber Zuckerberg entschließt sich zu bleiben. Und so bleibt er in dem Konferenzzimmer in den Londoner Docklands sitzen, am Ende eines Europabesuchs, der ihn auch nach Deutschland und Frankreich führte. Er kam, um an etwas teilzunehmen, was man die „Zukunft der Netzanwendung“ nennt, Software, die unser Online-Leben vereinfachen und bereichern will. Seinen Beitrag gestaltete er in der Performance eines „Kamin-Chats“, bei dem er jedoch nicht in Morgenmantel und Hausschuhen erschien, sondern genau in den Klamotten, die er auch jetzt trägt – die er immer trägt: Jeans, T-Shirt und eine schwarze Fleece-Jacke von North Face. Zuckerbergs Uniform.

Trotz seiner Liebe zum weltweiten „Sharing“ hält sich der Gründer von Facebook mit Informationen über sich selbst eher zurück. Seine Facebook-Seite teilt allen Interessierten nur mit, dass er ein bisschen müde ist nach seiner Europatour – eine eher bescheidene Information verglichen mit Einträgen wie „Ich hatte gestern den besten Sex meines Lebens“, die andere Nutzer bereitwillig veröffentlichen. Man hatte mir davon abgeraten, zu fragen, wie sich sein Leben verändert hat, seit er ein Milliardär ist. Also frage ich indirekt. Inwiefern hat sich sein Leben verändert, seit es Facebook gibt? Er antwortet nicht sofort, sondern wirft seinen zwei Beratern einen Blick zu. Einer von beiden schlägt vor, dass man eher nach seinem Alltag fragen sollte. Zuckerberg passt das besser und seine Antwort fällt gebieterisch langweilig aus: „Der Produktentwicklung wird sehr viel Zeit gewidmet. Es gibt anstelle des Programmierens jetzt viele Meetings und Gespräche mit Leuten.“

Ich frage, ob er irgendwelche Vorbilder hat. „Häufig beantworte ich diese Frage damit, dass es diesen Typen gibt, der die Washington Post leitet, er heißt Don Graham. Ihn bewunderte ich phasenweise, weil er Dinge extrem auf Langfristigkeit hin betrachtet. Das ist genau das, was wir versuchen. Facebook soll wirklich keine kurzfristige Sache sein – es ist auf 10, 15, 20 Jahre angelegt.“

Neidische Harvard-Alumnis

Abgesehen davon gibt es ein, zwei weitere Fakten aus seinem Leben, die man aus seriösen Quellen erfahren kann. Zuckerberg wurde in einem wohlhabenden Vorort von New York geboren, wo sein Vater als Zahnarzt arbeitete. Er beschäftigte sich früh mit Computern und bekam bereits als Schüler ein Jobangebot von Microsoft und AOL. Informationen aus seinem späteren Leben bekommt man an seinem alten College. Die Harvard Alumniseite 02138mag.com hat seit kurzem was gegen Zuckerberg. Vielleicht aus Eifersucht oder Neid, weil er reicher ist als alle seine Kommilitonen zusammen, obwohl er seinen Abschluss nicht gemacht hat. Ein Artikel auf der Seite bezieht sich auf seine damalige Bewerbung bei Harvard, in der er schrieb, dass er Fechten sehr möge. „Ich weiß nicht, wann ich jemals so etwas Unterhaltsames gemacht hätte“. Ebenso steht dort zu lesen, dass er in Latein und Griechisch begabt war und eine Computerversion von Risiko entwickelt hatte, einem Spiel, in dem es darum geht, die Weltherrschaft zu erringen. Zudem habe er einen „trockenen, schadenfrohen Humor, der manchmal ins Abscheuliche driftet“. Und eine Schwäche für asiatische Frauen.

Einige Informationen über Zuckerberg finden sich auch in den Gerichtsakten, die während eines Rechtsstreits mit den Gründern der sozialen Netzwerkseite ConnectU entstanden sind. ConnectU wurde auch in Harvard gegründet, ungefähr gleichzeitig mit Facebook, und Zuckerberg arbeitete zunächst für diese Gruppe. Die Gründer von ConnectU behaupten, dass Zuckerberg während seiner Arbeit dort ihre Ideen geklaut habe. Zuckerberg konterte, dass ConnectU Email-Adressen von Facebook-Nutzern geklaut hätte. Die ersten Akten stammen von 2004, ein paar Monate nachdem Facebook durchstartete. Im Sommer 2008 kam es zu einer außergerichtlichen Übereinkunft. Wie Anfang Februar bekannt wurde, zahlt Facebook für den Vergleich 65 Millionen Dollar an ConnectU.

Ich frage Zuckerberg nach der Verantwortung von Facebook. Noch nie zuvor hat ein so junger Mensch den Schlüssel zu so vielen persönlichen Informationen in den Händen gehalten. Er antwortet, dass die wichtigste Sache beim Erfolg von Facebook das Vertrauen der Nutzer in die Sicherheitssoftware sei. In den letzten paar Monaten hat die Seite in großem Umfang die Sicherheitskontrollen aufgestockt, um sicherzustellen, dass persönliche Daten wirklich ausschließlich von den Leuten gesehen werden können, die der Nutzer zulässt.

Nur Facebook selbst darf sich glücklich schätzen, die Daten anonym zu teilen, besonders mit Anzeigenkunden und möglicherweise auch mit politischen Organisationen. Die Seite repräsentiert schließlich die größte und am schnellsten reagierende Fokusgruppe der Welt. „Wir versuchen, eine neutrale Plattform zu schaffen“, sagt Zuckerberg. „Facebook hat nur eine Meinung: Es ist gut, dass Menschen sich mitteilen und über Themen austauschen.“

Ein neues Online-Feature nennt sich „Facebook for Good“. Dort schreiben Nutzer, wie sie die Seite benutzten, um sich selbst oder anderen zu helfen. Zuckerberg erzählt, wie Menschen nach einem Hurrikane die Seite dazu nutzten, ihren Angehörigen Lebenszeichen zu geben. „In Großbritannien versucht eine Gruppe auf Facebook, etwas gegen Messerstechereien unter Jugendlichen zu unternehmen.“ Andere versuchten Harmloseres: Sie wollten eine Supermarktkette dazu bringen, einen bestimmten Schokoriegel ins Sortiment zu nehmen.

Facebook für Böse

Aber was ist mit „Facebook for Bad“, jenen Gruppen, die in dem Netzwerk für Terrorismus werben oder Rassenhass propagieren? „Wenn jemand so etwas bei Facebook entdeckt, kann er uns darauf aufmerksam machen. Wir sind eigentlich neutral, aber bei Hasstiraden schreiten wir ein.“

Die Gemeinschaft reguliert sich selbst?

„Facebook ist keine neue Gemeinschaft, es bildet die verschiedenen Gemeinschaften ab, die auf der Welt bereits existieren.“ Einige von denen mag Facebook aber nicht – die Stillgruppe beispielsweise, in der Mütter freizügig Fotos zeigten, wie sie stillten. Facebook löschte die Bilder.

Schließlich gibt es noch „Facebook for Really Bad“. Es scheint unumgänglich, dass eine Institution, wenn sie eine gewisse Größe erreicht hat, für verrückte Schlagzeilen sorgt. Anfang Januar gab es ein Urteil im „Facebook-Mord“. Ein Mann wurde für schuldig befunden, seine Frau ermordet zu haben, nachdem sie ihn rausgeworfen und ihren Status bei Facebook auf „Single“ geändert hatte.

Ich frage Zuckerberg, ob es ein Schlüsselerlebnis in seiner Vergangenheit gibt, warum er Facebook gegründet hat? War er ein einsames Kind ohne Freunde? „Als Kind interessierte ich mich sehr für Computer, später auch für Menschen. Ich studierte also Informatik und Psychologie: Facebook ist der Schnittpunkt dieser beiden Fächer.“

Das ist eine angemessene Antwort, wenn es um Hobbyss geht, aber was ist mit seiner Familie? Hat er sich als Kind je gewünscht, mehr und einfacher zu kommunizieren? „Weiß ich nicht. Darüber habe ich noch nicht viel nachgedacht.“

Er denkt lieber darüber nach, wie Facebook expandieren und Nutzer langfristig binden kann. Zur Zeit hält bei vielen die Begeisterung nicht lange an. Denn es ist zeitintensiv und die Ebene der Kommunikation ist oft flach. In einem Jahr, so prophezeit Zuckerberg, wird Facebook dennoch Millionen neuer Nutzer haben.


Mark Zuckerberg live auf dem Web 2.0 Summit vergangenes Jahr in San Francisco sehen Sie hier:


Facebook startete 2004 als exklusives Netzwerk für Harvard-Studenten. Seit 2006 ist die Seite für alle zugänglich, einzige Voraus- setzung ist das Mindestalter von 13 Jahren. Eine Version in deutscher Sprache existiert seit 2008. Weltweit hat Facebook nach eigenen Angaben 175 Millionen angemeldete Mitglieder, nicht alle nutzen es allerdings regelmäßig.

Die Idee Wer Mitglied werden möchte, legt sich unter der Angabe seiner E-Mail-Adresse, seines Geschlechts und seines Geburtstags eine Profilseite an. Dort kann er persönliche Informationen veröffentlichen, Fotos oder Videos hochladen. Neben persönlichen Nachrichten können Besucher der Profilseite öffentlich einsichtige Nachrichten oder Kommentare hinterlassen.

Datenschutz Seit 2007 lässt Facebook personalisierte Werbung zu und stellt interessierten Unternehmen sensible persönliche Daten der Nutzer zur Verfügung. Massive Proteste gab es erst, als Facebook seine Geschäftsbedingungen änderte und die Daten unbegrenzt nutzen wollte, auch nachdem Profile gelöscht waren. Vergangene Woche entschuldigte sich Zuckerberg und kündigte eine Nutzer-Abstimmung über neue Regeln auf Facebook an.

Gekürzte Fassung. Übersetzung Manja Herrmann

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06:00 05.03.2009
Geschrieben von

Simon Garfield, The Observer | The Guardian

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The Guardian

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