Marathon der Not

Idlib UN-Experten warnen vor Kampfhandlungen in der völlig überbevölkerten syrischen Nordprovinz
Marathon der Not
Dass weder die Regierung Assad noch die offizielle Opposition zur Geberkonferenz in Brüssel geladen waren, erscheint wenig sinnvoll

Foto: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Es handelt sich bei Idlib um ein letztes nennenswertes Territorium in Syrien, das von islamistischen Gruppierungen beherrscht wird. In der Provinz stehen unter anderem Milizen der radikalen Allianz Hai‘at Tahrir asch-Scham. Russland und die Regierung Assad sehen diese und andere Einheiten als legitimes Angriffsziel in einem Gebiet, das zuletzt häufig Ziel von Evakuierungen aus anderen Landesteilen war.

Jan Egeland, Koordinator der UN-Task Force für humanitäre Hilfe, ist besorgt. „Meine gesamte Energie wird ab sofort darauf gerichtet sein, eine erneute Katastrophe zu verhindern.“ Die Region sei bereits jetzt „ein gigantisches Aufnahmelager. Mehr als die Hälfte von zwei Millionen Menschen, die sich in Idlib aufhalten, sind bereits einmal oder mehrfach vertrieben worden“. Deshalb dürfe der Konflikt zwischen der Regierung und den Dschihadisten nur durch Verhandlungen gelöst werden. „Man kann unmöglich einen Krieg inmitten von Flüchtlingscamps führen.“ Egeland hofft, dass ein solcher Fall niemals eintritt, es gar nicht erst zu einer Belagerung kommt wie vor den Schlachten um Ost-Aleppo und Ost-Ghuta. „Ja, es gibt in Idlib Bösewichter mit Bärten, aber es gibt viel mehr Frauen und Kinder, und die verdienen Schutz. Man kann nicht zum Angriff übergehen, als seien alle Terroristen. Was dann geschieht, wäre ein Alptraum.“ Staffan de Mistura, der UN-Sonderemissär für Syrien, sieht das kaum anders: „Wir hoffen auf Übereinkünfte, die Idlib das Schicksal Ost-Ghutas ersparen, weil die Dimensionen in dieser Gegend ganz andere sind.“

Sollte die Regierungsarmee eine Offensive beginnen, wird mit einer Massenflucht gerechnet, die Zehntausende in Richtung der türkischen Grenze treibt. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat es seit August 2017 bis zu 300.000 Binnenflüchtlinge zusätzlich nach Idlib verschlagen.

Die Geber werden müde

„Dieser Bürgerkrieg dauert jetzt schon zwei Jahre länger als der Zweite Weltkrieg. Und eine Befriedung ist weiterhin nicht in Sicht. Dadurch lässt sich die humanitäre Krise nicht eindämmen“, sagt Jan Egeland. „Ich hatte 2017 geglaubt, wir durchlaufen das letzte schwere Kriegsjahr, aber das war ein Irrtum. Das Ganze hat sich zu einem Dauerzustand des Schmerzes entwickelt.“

Die Syrien-Geberkonferenz vor Wochenfrist in Brüssel hatte die etwa fünf Millionen Flüchtlinge in Jordanien, der Türkei und im Libanon ebenso im Blick wie die sechs Millionen Binnenflüchtlinge in Syrien selbst. Anberaumt war das dritte Meeting dieser Art, nachdem die Regierungen Jordaniens und des Libanon wiederholt beklagt hatten, dass weder die Ökonomien ihrer Länder noch deren Sozialgefüge länger verkraften könnten, was ihnen durch die Aufnahme der Schutzsuchenden widerfahre. Seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 sind allein im Libanon 135.000 syrische Kinder geboren worden.

Mark Lowcock machte für die Vereinten Nationen in Brüssel geltend, dass 80 Prozent der syrischen Flüchtlinge in den Aufnahmeländern Jordanien, Libanon, Irak und Türkei in Armut leben. Mehr als ein Drittel der Flüchtlingskinder im Alter zwischen 6 und 14 würde keine Schule besuchen. Jordaniens Planungsminister Imad Fakhoury bezifferte bisher aufgelaufene Kosten für die 1,3 Millionen Syrien-Flüchtlinge in seinem Land auf 12,4 Milliarden Euro, was 16 Prozent der jordanischen Staatshaushalts und vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts von 2017 entspreche. Die Wirtschaft seines Staates sei in den vergangenen sieben Jahren jährlich nur um zwei Prozent gewachsen statt der Quote von sechs Prozent, die man in der Dekade von 2000 bis 2010 verzeichnen konnte. Zu Recht erklärte Dänemarks Ex-Premierministerin Helle Thorning-Schmidt, heute Vorstand der Organisation Save the Children, dass für Kinder Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben sei. Um so mehr erschien es nicht nachvollziehbar, dass weder die Regierung Assad noch die offizielle Opposition zur Konferenz in Brüssel geladen waren.

Noch einen Monat vor dieser Zusammenkunft entstand laut Jan Egeland der Eindruck, es habe „eine allgemeine Gebermüdigkeit eingesetzt“. Nur sieben Prozent des Budgets für humanitäre Hilfe waren für das laufende Jahr gedeckt, eine eklatante Unterfinanzierung. Erst kurz vor der Geberkonferenz verdreifachten sich die Angebote, entsprachen aber nur 23 Prozent des Bedarfs. Egeland: „Zugesagt waren 795 Millionen von 3,5 Milliarden Dollar, die allein für das syrische Inland gebraucht werden.“ Weitere 5,6 Milliarden US-Dollar seien notwendig, um den Flüchtlingen in den Nachbarländern zu helfen. Vor der Geberkonferenz hatten westliche Länder die Golfstaaten ermahnt, sich stärker zu beteiligen. Die reagierten, sodass nunmehr 4,5 Milliarden der benötigten 7,8 Milliarden Dollar als gesichert gelten.

Patrick Wintour ist Guardian-Autor

Übersetzung: Carola Torti

06:00 09.05.2018
Geschrieben von

Patrick Wintour | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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