Marx' und Engels' Rückkehr

Politische Literatur Während der allgemeine Buchhandel in Großbritannien unter der Krise ächzt, erleben die kleinen, radikalen Läden überraschend neuen Zuspruch

„Die Zeichen stehen gut für politische Bücher. Die Probleme der vergangenen paar Jahre – Ladenschließungen und Verlagssterben – scheinen sich zu legen.“ So beginnt das Buch Making the Connections: Radical Books Today, das 1988, auf dem Höhepunkt der Regierungszeit Margaret Thatchers, herauskam. Aber die ermutigenden Worte könnten auch von heute sein. Denn obwohl unabhängige Buchhandlungen im Vereinigten Königreich lange Zeit nur schlechte Nachrichten zu vermelden hatten – 2009 machten nach Angaben der Buchhändlervereinigung jede Woche zwei von ihnen dicht – erfreuen sich diejenigen politischen Buchläden, die überlebt haben, eines erneuten Interesses und äußern sich vorsichtig optimistisch über ihre Zukunft.

„In den vergangenen Jahren hat das Interesse an basisdemokratischer Politik wieder zugenommen“, sagt Mandy Vere vom Liverpooler Buchladen News From Nowhere, in dem sie seit der Eröffnung 1974 arbeitet. Der Laden, der nach dem utopischen Roman von William Morris benannt ist und von einem nichtkommerziellen Frauenkollektiv geführt wird, profitiere von der Anti-Globalisierungsbewegung, der durch die Finanzkrise ausgelösten Krise des Kapitalismus an sich, dem vermehrten Engagement junger Menschen für den Umweltschutz und den wieder mit neuem Geist belebten Frauenbewegungen.

„Dadurch ist eine kritische Masse entstanden, die sich einbringt – junge Leute und altgediente Aktivisten wie ich selbst. Wir stellen fest, dass wieder wesentlich mehr Leute zu uns kommen und den Laden als Treffpunkt nutzen. Der Feminismus zum Beispiel war einige Jahre lang ins Netz abgewandert. Jetzt aber merken wir, dass die Leute, die dort diskutiert haben, ins „echte Leben“ zurückkommen. In diesem Jahr wird eine ganze Reihe neuer feministischer Bücher veröffentlicht und es finden Reclaim-the-Night-Veranstaltungen und Demonstrationen zum internationalen Frauentag statt, die es einige Jahre lang nicht mehr gegeben hat.“

Infos über den Antifaschismus

Andrea Butcher von Bookmarks, einem sozialistischen Buchladen im Herzen von Bloomsbury, stimmt ihr zu. „Im Augenblick ist der Widerstand sehr groß. Im März haben eine Viertelmillion in der PCS organisierter Arbeiter und Angestellte gestreikt. Es gibt Arbeitskämpfe bei der Eisenbahn, bei British Airways, an den Unis, den Kampf gegen die BNP. Viele Leute kommen herein und wollen sich über die Geschichte des Antifaschismus informieren und wissen, welche Konsequenzen man hieraus für den Kampf gegen die BNP ziehen kann. Während der Finanzkrise kamen viele Leute, um sich über grundlegende ökonomische Dinge zu informieren und verlangten nach den Werken von Marx und Engels. Sie wollten verstehen, was vor sich geht. Plötzlich tauchte "Das Kommunistische Manifest" in unserer Liste der zehn meistverkauften Bücher des Monats auf, das passiert nicht gerade oft! Eine gesteigerte Nachfrage verzeichnen wir auch im Bereich Literatur über Frauen und die Frauenrechtsbewegung. Es gibt eine neue Gruppe junger Frauen, die sich engagieren wollen.“

Und dieses wachsende Bedürfnis, sich zu widersetzen, wird nicht nur durch den Kauf und das Lesen von Büchern gestillt. Politische Buchhandlungen sind auch Treffpunkte, an denen Veranstaltungen wie Lesungen und Vorbereitungstreffen für Demonstrationen stattfinden. Hier setzen Gleichgesinnte ihre Ideen in die Tat um. „Die Veranstaltungen sind sehr wichtig, denn die Menschen brauchen Räume, an denen sie sich treffen und mit anderen Aktivisten in Kontakt kommen können, um sich auszutauschen und zu diskutieren“, sagt Butcher, während sie leere Weingläser von der gutbesuchten Veranstaltung am Vorabend einsammelt.

Weiter kämpfen, ums Überleben

Aber trotz solch positiver Ereignisse befinden sich politische Buchläden nach wie vor in einem permanenten Überlebenskampf. Ihre Situation ist in keiner Weise mit der in den Achtzigern zu vergleichen, als die mittlerweile aufgelöste Federation of Radical Booksellers „eine Größe war, mit der man im Buchgeschäft rechnen musste“, wie Vere sich erinnert. Damals gab es an die sechzig politische Buchläden im ganzen Land: Compendium, Collets, Silver Moon und Central Books in London, Grassroots in Manchester, Frontline in Leicester, Greenleaf in Bristol oder Mushroom in Nottingham.

Im Londoner Buchladen Housmans in der Nähe von King's Cross, einem der ältesten politischen Buchläden des Landes, der von einer Gruppe von Pazifisten gegründet wurde, zieht der ganz in schwarz gekleidete, drahtige Mit-Geschäftsführer Malcolm Hopkins einen Stuhl vor ein Regal mit Trotzki-Biographien und erinnert sich an die Veränderungen, die er in den vergangenen Jahrzehnten in der Branche beobachtet hat. „Leider ging es in den vergangenen Jahren schwer bergab. Während man früher eine Liste der Polit-Buchläden des Landes aufstellen konnte, kann man sie heute, so denke ich, an einer Hand abzählen. Das ist ein schwerer Verlust, denn diese Läden waren mehr als Orte, an denen Waren verkauft wurden, es waren Treffpunkte für Aktivisten, an denen Veranstaltungen abgehalten wurden und Menschen dazu ermutigt wurden, sich einzumischen.“

Queer Theory beim Discounter

Die Geschichte des Niedergangs der politischen Buchläden dürfte allen vertraut sein, die die Entwicklung der unabhängigen Buchhandlungen und Antiquariate in den vergangenen Jahren verfolgt haben. „Amazon und das Internet hatten enorme Auswirkung“, sagt Hopkins. Hinzu kam die Aufhebung der Buchpreisbindung, wodurch die großen Ketten, allen voran Amazon, die Möglichkeit erhielten, Bücher zu Discount-Preisen anzubieten – das hat den kleinen unabhängigen Buchhandlungen schon sehr zugesetzt. Sie können bei den Preisen nicht mithalten. Von den Leuten, die ich in der Branche kenne, machen sich alle Sorgen um ihre Zukunft.“

Durch den Einzug einst radikaler Ansichten in den Mainstream kann es passieren, dass man das neueste Buch über Queer Theory heute in der nächsten Filiale der Buchhandelskette Waterstone's findet. Es gibt daher auch Leute, die die Ansicht vertreten, es brauche gar keine dezidiert linken Buchhandlungen mehr. Heute fallen nur noch sechs Mitglieder der Buchhandelsvereinigung in die Kategorie politisch/alternativ: Bookmarks, Housmans, News From Nowhere, October Books in Southampton, Radish in Leeds und Word Power in Edinburgh.

Auch wenn nur noch wenige von ihnen übrig geblieben sind, so gibt es doch Hoffnung. „Immer mehr Leute gehen bewusster einkaufen und interessieren sich mehr für die Frage, wie sie leben“, sagt Elaine Henry, der Word Press gehört. „Die Leute suchen nach etwas, das ein bisschen anders ist. Viele Kunden kommen mit Ausdrucken von Amazon-Seiten zu uns. Das ist ein Beleg dafür, dass sie sich bewusst entscheiden, bei uns einzukaufen, um einen unabhängigen Buchladen zu unterstützen.“

„Wir haben uns über die Jahre hinweg einen Ruf aufgebaut und unsere Kunden sind sehr treu. Wir können zwar beim Preis nicht mithalten, dafür aber etwas Unverwechselbares anbieten: Wissen, Leidenschaft, wichtige Bücher, die uns von vertrauenswürdigen Leuten empfohlen und nicht von den Verlagen aufgedrückt werden, sowie die Verbindung mit anderen politisch bewussten Menschen.“

Alternative zu Amazon

Hopkins hat in den vergangenen 30 Jahren schon viele Kampagnen begleitet, von der Schwulenbewegung bis hin zum Kampf gegen die nazistische Gruppe Combat 18 und hat nichts von seinem Kampfgeist eingebüßt. Im vergangenen Monat hat Housmans einen neuen Online-Buchladen eröffnet, eine „politisch bewusste“ Alternative zum Konkurrenten Amazon. „Wir können nicht diese enormen Preisnachlässe bieten“, sagt er, „aber wenn die Leute etwas wertschätzen, dann müssen sie es auch unterstützen. Ich kann es nicht mehr hören, wenn Leute sich darüber beklagen, dass es auf ihren Einkaufsstraßen keine vernünftigen Läden mehr gebe. Wenn man die Geschäfte in seinem Viertel nicht unterstützt, dann gehen sie nun mal ein.“

In letzter Zeit war er an vielen Diskussionen darüber beteiligt, ob eine konservative Regierung den Widerstand anfachen würde. Durch seine Kontakte zu jungen Aktivisten weiß er, dass es ein enormes Maß an Unzufriedenheit gibt. „Wir hoffen, dass aus dieser Unzufriedenheit etwas entstehen wird. Jede Generation muss ihre eigene Form zu reagieren finden. Wir unterstützen die Leute darin, alles zu hinterfragen, was um sie herum geschieht.“

Wer nach Anregungen sucht, kann bei Housmans gegenwärtig die Bestseller von Slavoj Zizek und Naomi Klein oder Starting a Bookshop: A Handbook on Radical and Community Bookselling für nur ein Pfund finden. Neben Kapiteln zum Verständnis des Buchmarktes und des Arbeitsrechts, enthält letzteres auch eine ausführliche Anleitung zum Aufbau von Regalen. Die nächste Revolution könnte in einer Nebenstraße beginnen, wo die Mieten billig sind. Es genügen ein Hammer, ein paar Nägel und eine Vorstellung davon, wie die Dinge anders laufen.

Übersetzung: Holger Hutt

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09:00 14.04.2010
Geschrieben von

Natalie Hanman | The Guardian

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The Guardian

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