Mauern hoch, Tore zu

Melilla Die spanische Exklave in Marokko ist das Wahrzeichen für die Abschottung Europas
Mauern hoch, Tore zu
„Man hat fünf Minuten, um hochzukommen und zu springen, bevor man die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich zieht.“
Foto: AFP/Getty Images

Nachdem sie ihre aus Couscous und Arroz con Leche bestehende Mahlzeit beendet haben, verschwinden sie wieder. Die unbegleiteten Jungen verlieren sich in der Nacht, so schnell wie sie aufgetaucht sind. Noch vor Minuten, auf der Fahrt über die Küstenstraße entlang der Stadt Melilla, schien es kaum vorstellbar, dass die friedlich wirkenden Klippen etwa 60 junge Menschen beherbergen. Die meisten von ihnen sind unter Fahrzeugen versteckt aus dem benachbarten Marokko hierhergekommen. Nun stecken sie in dieser winzigen Exklave fest.

Melilla ist eine von zwei spanischen Städten im Norden Afrikas. Wie Ceuta verfügt sie über einen Sonderstatus als „autonome Kommune“ und hat eine eigene Verwaltung. Da aber weder Melilla noch Ceuta groß genug sind, um als eigenständige Regionen zu gelten, ist die spanische Zentralregierung für die meisten Dienstleistungen zuständig. Auch haben beide Städte keine legislativen Befugnisse.

Vielen Migranten, die auf der Flucht vor Konflikten und extremer Armut aus West- und Zentralafrika, immer öfter auch aus Syrien oder Palästina ankommen, gelten Melilla und Ceuta als Tore nach Europa. Melilla ist so etwas wie Europas schmutziges Geheimnis. Ein Exempel dafür, wie sich Migranten fernhalten lassen. Die EU zahlt Spanien jedes Jahr Millionen Euro für den Schutz ihrer südlichsten Grenze. Der Zaun entlang der Demarkationslinie zu Marokko ist gut elf Kilometer lang und fast unüberwindbar. Errichtet 1998, wurde er seither weiter verstärkt, es gibt scharfe Klingen auf der Zaunkrone, Alarmanlagen und jederzeit aktivierbare Patronen mit Pfefferspray.

Wie vieles in Melilla stellt sich die Lage der unbegleiteten Jungen – Mädchen sind meist unsichtbar – wie eine verdrehte Normalität dar, zu der es nie hätte kommen dürfen. Die meisten sind den überfüllten Lagern für Minderjährige entkommen, weil es dort immer wieder zu sexuellen Übergriffen kommt und jeder Beistand fehlt. Im Spanischen gibt es für sie ein Akronym – die menas, unbegleitete Minderjährige. Sie sind die Leidtragenden eines rechtlichen Vakuums. Sie versuchen, als blinde Passagiere auf die Fähre nach Málaga zu gelangen, was im Vorjahr drei Jungen das Leben gekostet hat. Meist sind sie gezwungen, auf der Straße zu leben. Ihre Zahl schätzt eine lokale Menschenrechtsgruppe auf etwa 500.

Mehr als alles zehrt die kollektive Wahrnehmung Melillas von Zäunen, Sperren und Barrieren. Das wohl berühmteste Bild der verriegelten Exklave zeigt ein Dutzend subsaharische, auf dem Grenzzaun sitzende Migranten. Der lokale Aktivist José Palazón hat das 2014 fotografiert. Im Vordergrund sieht man Golfer, die – scheinbar ohne von den Menschen auf dem Zaun Notiz zu nehmen – ihr Spiel machen und sinnbildlich für Europas Gleichgültigkeit gegenüber den Flüchtenden stehen.

Als es dem 20-jährigen Jerome Sanoussy aus Guinea beim sechsten Versuch gelang, den Zaun von Marokko aus zu überwinden, hatte er Glück und brach sich keine Gliedmaßen. „Man hat fünf Minuten, um hochzukommen und zu springen, bevor man die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich zieht“, erzählt er. Wir treffen Sanoussy auf dem Areal eines ökologischen Agrarbetriebes, mit dem Kinderrechtler von Save the Children einen Gartenbauworkshop für junge Migranten anbieten. In Rufweite ragt der omnipräsente Zaun in die Höhe. Während wir reden, setzt Sanoussy in der Mittagshitze Lavendelpflanzen in die Erde, und ein Imam in der marokkanischen Stadt jenseits des Zauns ruft zum Gebet.

Berüchtigte Sprüche

Sanoussy kam in einem von der spanischen Regierung geführten Aufnahmezentrum für Migranten unter, das über das Doppelte seiner Kapazität hinaus besonders mit syrischen Flüchtlingen belegt ist. Der Junge hat keine Ahnung, wann oder ob er je das spanische Festland erreicht. Er hofft, irgendwann in Barcelona zu sein. Ein Bruder lebt dort. Sanoussy weiß, dass sich dieser Traum vielleicht nie erfüllt.

Melilla ist über die Jahrhunderte hinweg um mittelalterliche Festungen und Kasernen herum gewachsen. Das Hauptaugenmerk lag stets auf der Abschottung, einst vor der marokkanischen Armee, heute vor Migranten. Umgeben vom Zaun und von Meer brodelt es wie in einem Dampfkochtopf. Die einzige Möglichkeit für die Einheimischen, das Festland zu erreichen, besteht darin, teure Flüge in erschreckend kleinen Propellerflugzeugen zu buchen oder sich auf eine fünfstündige Tour mit der Fähre einzulassen.

Juan José Imbroda vom konservativen Partido Popular (PP) ist seit 17 Jahren Bürgermeister von Melilla. Einer seiner berüchtigten Sprüche stammt aus dem Jahr 2014, als er Kritik an einer gewalttätigen Grenzpolizei mit den Worten parierte: „Wenn diese Posten nicht handeln dürfen, wer dann? Sollten wir Hostessen als Begrüßungskomitee an die Grenze stellen?“ Imbrodas Verwaltung hält einen dubiosen Rekord: Über die Hälfte der Mitglieder sind derzeit wegen Korruption angeklagt. Umso mehr bedient sich die Administration einer „Wir gegen sie“-Rhetorik. Auch islamophobe Untertöne sind üblich, und von „Invasion“ ist die Rede. Obwohl Melillas Bevölkerung fast zur Hälfte aus Muslimen besteht und die lokale Berbersprache dominiert, gibt es nur einen offiziellen muslimischen Feiertag – im Gegensatz zu sechs christlichen.

Als existenzielle Basis gilt die Verteidigung. Am Rand der Exklave liegt eine große Militärbasis, eines der Hauptquartiere der als reaktionär verrufenen Spanischen Legion. Es dienen viele Einwohner in diesem Korps, sind anderweitig öffentlich angestellt und profitieren von attraktiven Aufschlägen bei Löhnen, die höher sind als auf dem spanischen Festland. Dies wiederum führt dazu, dass Mieten für Leute mit prekären Jobs oder für Arbeitslose unerschwinglich sind. 85.000 Menschen leben in Melilla, jeden Tag kommen Tausende Besucher aus Marokko dazu. Sowohl der legale Handel – Lebensmittel sind in Marokko deutlich teurer – als auch der illegale florieren. Kilometerlange Fahrzeugschlangen verstopfen die Straßen zum Grenzübergang.

Am Barrio Chino, dem Übergang für Fußgänger, eilen Hunderte marokkanischer Frauen, die hier porteadoras (Maultierfrauen) genannt werden, auf die spanische Seite, wo beladene Lastwagen warten. Dann beginnt das Rennen wegen der Einkäufe, um danach riesige Taschen auf dem Rücken und schwer gebeugt zurück nach Marokko zu tragen. Mit solchen Touren verdienen die Frauen umgerechnet zwei bis drei Euro am Tag. Sie müssen versuchen, so oft wie möglich hin- und zurückzukommen. Kamaria, eine Mutter in den Vierzigern, die in der nahegelegenen Stadt Nador lebt, geht zweimal am Tag mit ihren drei Kindern, die in Melilla zur Schule gehen, über die Grenze. „Mein Mann arbeitet nicht, alles Geld, das er in die Hände kriegt, gibt er für Zigaretten aus.“ Um nicht von der Menschenlawine an der Grenze überrollt zu werden, stehen Kamaria und ihre Kinder jeden Morgen schon gegen sechs in der Schlange.

„Wer spät eintrifft, kommt vielleicht nicht rüber, wird einfach überrollt und muss um sein Leben fürchten“, erklärt die erschöpfte Kamaria. Sie sucht jeden Tag aufs Neue nach Arbeit in Melilla, auch wenn bestenfalls nur ein paar Putzjobs abfallen. „Die bringen höchstens 25 Euro am Tag ein“, klagt Kamaria. „Ohne Beziehungen kriegt man sowieso nichts.“

Obwohl die Bürger Melillas und der nahegelegenen marokkanischen Stadt Nador kein Visum benötigen, um die Grenze zu überschreiten, bleibt die Grenzpassage eine frustrierende Angelegenheit. Was einst eine bloße, zum Alltag gehörende Formalität war, vermeidet man heute, wenn es nicht absolut nötig ist. „Früher gingen wir ständig zum Spielen rüber nach Marokko“, erinnert sich die in Melilla geborene Lateinlehrerin María Jesús. „Heute fühlen wir uns hier mehr oder weniger eingesperrt, was deprimierend ist.“

Zerrissene Stadt

In Zeiten, in denen Donald Trump entschlossen ist, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen, und in Europa der Anti-Immigrations-Diskurs lauter wird, ist Melilla zusehends das Symbol einer Welt der Mauern und Zäune. Priorität der Administration von Melilla ist es mehr denn je, die illegale Immigration einzudämmen. Für viele, die in der Stadt leben und arbeiten, geht es vor allem darum, die Miete bezahlen und überleben zu können. Und Migranten, für die es so gut wie keine Möglichkeit gibt, auf einem halbwegs sicheren Weg Spanien zu erreichen, werden sich nicht darin beirren lassen, dem Grauen latenter Kriege und dem Elend ihrer Heimatländer zu entkommen.

So erweckt die spanische Exklave einen bitteren, fast schon erstickenden Eindruck. Wie andere vergleichbare territoriale Einheiten – nicht zuletzt das britische Gibraltar – wirkt ihre Identität zersplittert. Hier finden sich in vielen Militärgebäuden noch Erinnerungsstücke des Franco-Faschismus, die auf dem spanischen Festland längst beseitigt sind. Die Statue von General Francisco Franco, der in dieser Region den Aufstand auslöste, der zum Spanischen Bürgerkrieg (1936 – 1939) führte, erscheint in Melilla nicht deplatziert.

An einem Samstagnachmittag treffen wir einen Anwalt, der illegale Einwanderer berät. Der ruhig und gelassen wirkende Mann in den 1960ern berichtet von Menschenrechtsverletzungen bei der Behandlung der Migranten und der Apathie, mit der viele Einwohner Melillas darauf reagieren. Hofft er auf die Zukunft? „Nein, überhaupt nicht“, antwortet er rundheraus. Die innere Zerrissenheit der Stadt bleibe tief verwurzelt, meint er. Etwas sei getilgt in der Seele dieses Ortes, der das Vermögen verloren habe, menschlich zu handeln. Nicht einmal gegenüber den „verlorenen Jungen“ sei er dazu fähig. Aber die brauchten doch Schutz.

Marta Bausells ist Schriftstellerin und Community-Editor des Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman

06:00 23.08.2017
Geschrieben von

Marta Bausells | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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