Meerherzen

Black Fish Wietse van der Werf und seine Helfer sind dem illegalen Fang bedrohter Fische und Schalentiere auf der Spur. Eine Armee aus Amateurdetektiven auf der Jagd nach Wilderern
Matthew Green | Ausgabe 33/2016 2

Als der Nachmittag des zweiten August sich dem Ende zuneigt, trifft im sizilianischen Hafen Sant’Agata di Militello eine Flottille aus weißen Fischerbooten ein. Eine Blaskapelle fängt an zu spielen. Am Kai versammelt sich eine Festtagsgesellschaft. Ein Wagen mit einer Statue der Jungfrau Maria wird in einer Prozession zum Hafen geleitet und auf eines der festlich geschmückten Schiffe geladen. Nach einigen Worten des Priesters, Liedern und Gebeten tuckert das Boot samt goldenem Heiligenschein in die Bucht hinaus. Die Madonna schwebt in dem alljährlichen Ritual zur Segnung der Ernte über die Wellen, andere Boote schließen sich an. Die blinkenden Lichter der Meeresprozession sind vom Hafen aus im Sonnenuntergang zu sehen.

Vorhang des Todes

Während die Augen der Menge auf die Madonna gerichtet sind, steigt ein adrett gekleideter, blonder Mann vom Steg aus auf eines der Boote. Als der Skipper mit dem mit Festgästen besetzten Boot ablegt, schlüpft der Mann unbemerkt unter Deck. Der blinde Passagier ist der Niederländer Wietse van der Werf. Schnell findet der frühere Schiffsbauingenieur, was er sucht: ein orangefarbenes Treibnetz aus Nylon, das unter einer Plane zusammengefaltet liegt. Solche Netze sind als „Vorhänge des Todes“ bekannt, weil sie im Meer von Walen über Seevögel und Delfine bis hin zu Haien alles unterschiedslos in den Tod reißen. Sie können bis zu 20 Kilometer lang sein und die Höhe eines zehnstöckigen Gebäudes erreichen. Eigentlich unterliegen sie strengen internationalen Kontrollen. Als die Gäste sich an Deck das Feuerwerk über der Bucht ansehen, filmt van der Werf das Treibnetz mit seinem Handy.

Als die letzten Lichter des Feuerwerks über Sant’Agata erlöschen, kehrt die Flottille in den Hafen zurück, erleuchtet von dem Schein von Natriumlampen. Van der Werf wartet, bis die Gäste wieder von Bord gehen, nickt dem Kapitän freundlich zu und springt an Land. Erleichtert fährt er zurück in die konspirative Wohnung – ein Apartment in einem 20 Kilometer entfernt gelegenen Küstendorf – und lädt die Bilder auf seinen Laptop.

der Freitag Robinson

Selbst in einer Wochenzeitung kommen viele Storys zu kurz. Daher hat der „Freitag“ jetzt den „Robinson“ – mit großen Reportagen, Interviews und Features, präsentiert auf mehreren Seiten

Wietse van der Werf ähnelt eher dem Gründer eines Online-Start-ups als einem Undercover-Detektiv. Aber sein heimlicher Besuch war genau die Art von Amateur-Recherche, in der er einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung einer wachsenden Gefahr sieht: des lukrativen Handels mit illegal gefangenem Fisch, den das organisierte Verbrechen betreibt. Die organisierte Fischwilderei wird zu einem immer größeren Problem. Sie bietet große Gewinne bei geringem Risiko. Doch die Wilderer der Meere haben es mit einem neuen Gegner zu tun.

Konzentrierten sich Verbrechersyndikate einst auf bekanntere Märkte wie Kokain, Heroin, Waffen oder Menschenhandel, entdecken die Kartelle den Strafverfolgungsbehörden zufolge immer mehr die Möglichkeiten, die ihnen die harmlos anmutende Welt der Fischerei bietet. Interpol hat 2013 „Project Scale“ ins Leben gerufen, eine Initiative zur Koordinierung des Kampfes gegen kriminelle Praktiken in der transnationalen Fischerei. 23 Milliarden Dollar jährlich werden damit verdient. Internationale Bestimmungen zum Schutz bedrohter Bestände in der nördlichen Hemisphäre werden missachtet, Schleppnetzfischer gehen in eigentlich geschützten, aber kaum kontrollierten Gewässern des Südens auf Jagd. Illegaler Fischfang kann enorme Summen einbringen. Das Risiko, dabei erwischt zu werden, ist gering.

Jährliche Delfinjagd im japanischen Taiji
Foto: Sea Shepherd/AFP/Getty Images

„Manchmal würde ich gerne eine Anzeige schalten, in der zu sehen ist, wie Polizisten Donuts essen, während vor ihren Augen eine ältere Dame ausgeraubt wird“, sagt van der Werf. „Auf unseren Meeren ist das täglich Realität: Verbrechen werden begangen – und die Polizei unternimmt nichts.“

Je gefährdeter die Art, desto höher ist der Preis. In Italien haben die Ermittler die Mafia im Verdacht, am Handel mit illegal gefangenem Blauflossen-Thunfisch aus dem Atlantik beteiligt zu sein: prächtige, 500 Kilo schwere Raubfische, die seit den Zeiten der Römer im Mittelmeer gefischt werden. Banden von Drogenschmugglern mischen im illegalen Handel mit russischem Kaviar, Eiern von costa-ricanischen Lederschildkröten und südafrikanischen Abalone-Meeresschnecken mit, die in Teilen Südasiens als Delikatessen gelten. In Schottland holen osteuropäische Banden den Behörden zufolge Scheidenmuscheln im Wert von 65.000 Pfund Sterling pro Tag aus dem Wasser, die sie zuvor mit Stromkabeln töten.

Es geht um hunderte Millionen

Diese Kriminellen wissen, was sie tun. „Sie lassen sich rechtlich und buchhalterisch beraten und verfügen über genügend Mittel, um Leute zu schmieren“, erklärt AlistairMcDonnell, der Project Scale bei Interpol leitet. „Es gibt Geschäftsmodelle, bei denen die kriminellen Erlöse in die hunderte Millionen gehen – so etwas macht man nicht in seiner Gartenlaube.“

Die illegalen Machenschaften erhöhen den Druck auf die Weltmeere, die schon unter dem Raubbau des industriellen Fischfangs leiden – der völlig legal ist. Im vergangenen Jahr veröffentlichte der World Wildlife Fund einen Bericht, nach dem der Bestand an vom Menschen ausgebeuteten Fischarten seit den 1970er Jahren um die Hälfte zurückgegangen ist.

Van der Werf will sich damit nicht abfinden. Nachdem er mehrere Jahre lang mit Umweltaktivisten japanische Walfänger in der Antarktis verfolgt hatte, kehrte er 2010 nach Amsterdam zurück und gründete mithilfe eines 350-Pfund-Kredits seiner Mutter seine eigene Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, illegalen Fischfang zu dokumentieren. Van der Werf nannte sie The Black Fish – Die Schwarzen Fische, nach dem Begriff für Fischwilderei, schwarz fischen.

Die Organisation, bei der es sich de facto um einen selbsternannten Nachrichtendienst der Meere handelt, hat sich schnell über Europa ausgebreitet. Mittlerweile leitet van der Werf zahlreiche Teams, die inkognito vom Nordwesten Englands über Nordafrika und Süditalien bis ins Baltikum zu Einsätzen aufbrechen. Zum Kern der Umwelt-Detektive gehören ein Menschenrechtsanwalt, eine Krankenschwester, ein Forensiker, ein Briefträger und eine Londoner U-Bahn-Fahrerin.

Wietse van der Werf, Gründer und Leiter der Organisation Black Fish
Foto: Paul Wolfgang Webster/AFP/Getty Images

Vergangenen Sommer setzte van der Werf zum ersten Mal Freiwillige seines Citizen Inspector Networks ein, um – als Touristen verkleidet – Strände, Fischmärkte und Häfen zu observieren. Das Netzwerk aus Bürger-Kommissaren soll sich in diesem Jahr auf 150 Mitglieder verdoppeln. „Wenn wir etwas gegen illegalen Fischfang unternehmen wollen, brauchen wir dazu keine Waffen und Seestreitkräfte“, glaubt er. „Eine Gruppe von Leuten, die strategisch denken und liefern, reicht völlig aus.“

Obwohl van der Werf seine prägenden Jahre mit härteren und mehr auf Konfrontation setzenden Formen des Aktivismus verbracht hat, setzt er heute darauf, auf die Einhaltung der Gesetze zu achten, anstatt sie zu brechen. Die Bürger-Kommissare oder CIs für Citizen Inspectors, wie die Black Fish sich selbst nennen, positionieren sich als Verbündete von Europas unterfinanzierter und überlasteter Küstenwache. Van der Werfs Freiwillige wollen genügend Beweise sammeln, um Fischer identifizieren zu können, die illegale Netze verwenden. Sie wollen diejenigen, die den illegalen Fischfang organisieren, ins Gefängnis zu bringen.

Veganer und Geigenbauer

Natalie, eine 24-jährige Meeresbiologie-Studentin aus Ramsgate, beginnt ihre Reise nach Sant’Agata im vergangenen April im etwas graueren Hafen von Grimsby an der englischen Ostküste. Einst Heimat der mächtigsten Fischfangflotte der Welt, hat sich die Stadt nie von Islands Entscheidung erholt, seine reichen Fischgründe in den 70ern für britische Schleppfischer zu sperren. Heute leidet Grimsby unter einer der höchsten Arbeitslosenquoten unter Jugendlichen in ganz Großbritannien. Da es an diesem Samstagnachmittag kalt und ungemütlich ist, erforscht Natalie gut eingepackt die verwüsteten Docks, als ihr Blick auf eine verlassene Eisfabrik fällt, deren Dach völlig mit Löchern übersäht ist.

Es ist Tag drei oder vier eines Kurses, den van der Werf und sein Team in einem Quaker-Tagungshaus in Nottingham abhalten. Die 16-köpfige Klasse ist zusammen die zwei Stunden nach Grimsby gefahren, um eine Inspektion zu simulieren. (Sie werden hier nur mit den Pseudonymen genannt, die sie bei ihren Operationen verwenden.)

„Was habt ihr für einen Eindruck, wenn ihr hier rausfahrt?“, fragt van der Werft ein paar Freiwillige, während sie an einer Ufermauer entlangfahren.

„Na ja, nichts los“, antwortet ihm eine.

„Um ehrlich zu sein“, stimmt eine zweite ihr zu.

„Sehr gut“, sagt van der Werf. Er hat die Gewohnheit, sowohl auf gute als auch auf schlechte Nachrichten mit demselben milden, manchmal aber auch etwas kryptischen Ausdruck zu reagieren. „Das ist die Sache beim Observieren – man sieht Dinge, wenn man sie am wenigsten erwartet.“

Ein Käfig für den Blauflossen-Thunfisch im italienischen Mittelmeer
Foto: Gavin Newman/AFP/Getty Images

Der Trip nach Grimsby soll dazu dienen, die Hemmungen zu überwinden, sich ungefragt in verbotenen Häfen umzusehen. Im Seminarraum haben die Freiwilligen den Unterschied zwischen am Boden lebenden und pelagischen Fischarten ebenso gelernt, wie zwischen Langleinen, Ringwadennetzen, Stellnetzen und Schleppangelleinen zu unterscheiden. Darüber hinaus wurde ihnen beigebracht, Beobachtungen mit dem Open Data Kit festzuhalten, eine Open-Source-App, die sich gut dazu eignet, Field-Notes, Fotos und geografische Daten zusammenzutragen.

„Ich hoffe, dass ich etwas erreichen kann“, sagt Jan, eine US-amerikanische Freiwillige und begeisterte Taucherin, die extra aus den USA hergekommen ist, um an dem Kurs teilzunehmen. „Ich möchte, dass noch ein paar Fische übrig sind, wenn ich meinen Enkelkindern das Tauchen beibringe.“

Van der Werf kann solche Hingabe von seinen Leuten erwarten, weil er selbst sein Leben lang große Risiken eingegangen ist. In den Niederlanden begann er im Alter von acht Jahren, sich für Tiere einzusetzen – er warf Tierquälern die Fenterscheiben ein. Als Teenager schloss van der Werf sich dann niederländischen Aktivisten an, die versuchten, mit direkten Aktionen Wälder zu schützen. Er kettete sich an Bagger oder verbrachte Tage damit, einen Kran zu besetzen, bewaffnet nur mit einem Funkgerät. Er wurde Veganer und begann in Newark-on-Trent in den englischen Midlands eine Lehre als Geigenbauer. Mit 25 Jahren schloss er sich der Crew der Steve Irwin an, dem Flaggschiff von Paul Watsons Sea Shepherd Conservation Society.

Die Sea-Shepherd-Missionen waren intensiv. Die Crew wandte aggressive Methoden gegen die Walfänger an. So schleuderten sie etwa stinkende Flüssigkeit an Bord, um die Decks auf diese Weise unbenutzbar zu machen; sie versuchten, die Schiffsschraube zu blockieren; beschossen die Walfänger mit Wasserkanonen oder beschallten sie mit Aufnahmen von Wagners Ritt der Walküren. In manchen Fällen enterten sie die japanischen Schiffe sogar. Van der Werf schuftete in einem Durcheinander aus Rohren, justierte Druckventile und Kurbelwellen, um temperamentvolle Motoren am Laufen zu halten.

Die ersten Jahre der Black Fish spiegeln etwas den draufgängerischen Geist von Sea Shepherd wider. Im September 2010 organisierte van der Werf eine kühne Operation zur Befreiung von Delfinen im japanischen Taiji. Die Stadt ist bekannt für eine jährlich stattfindende Jagd, bei der Fischerboote Delfinherden in eine Bucht treiben. Während des darauffolgenden Gemetzels verfärbt sich das Meer rot. Van der Werf setzte Taucher aus, die im Dunkeln durch das offene Meer schwammen, um sechs dicke Netze aufzuschneiden und einige Delfine zu befreien. Zwei Jahre später führten die Black Fish ein ähnlich gewagtes Manöver in einer schwer bewachten Fischfarm vor der Küste von Kroatien durch. Während die Schlauchboote des Sicherheitsdienstes ihre Runden drehten, zerschnitten die Taucher ein gewaltiges Drahtnetz und befreiten hunderte halbwüchsiger Thunfische, die für den Verkauf nach Japan gemästet wurden.

Aus einer unerwarteten Ecke

Die Idee, die Gruppe von einem harten Kern mutiger Aktivistinnen in ein viel größeres Netzwerk aus Teilzeit-Kommissaren zu verwandeln, kam aus einer unterwarteten Ecke. Als er im Herbst 2013 das Royal Air Force Museum auf dem Hendon Aerodrome in Norden Londons besuchte, erfuhr van der Werf von der Arbeit des Royal Observer Corps, dessen uniformierte Freiwillige in ihrer freien Zeit den Himmel nach deutschen Flugzeugen absuchten und damit in der Battle of Britain eine wichtige Rolle spielten. Er stellte sich eine ähnliche Truppe vor, die um die Welt reist, um mit illegalen Mitteln arbeitende Fangschiffe aufzuspüren und dabei die neuesten Gadgets zu benutzen – von Selfie-Sticks, die sich perfekt eignen, um heimlich Fotos zu machen, bis hin zu Kameras, die auf Quadrokopter-Drohnen angebracht sind.

„Meine Generation ist auf eine gewisse Art verweichlicht. Wir wissen nicht mehr, was es bedeutet, für eine größere Sache persönliche Opfer zu bringen – doch das ist der Punkt, an dem das Leben eigentlich erst richtig anfängt“, sagt van der Werf.

Im vergangenen Jahr haben die Black Fish etwas über ein Drittel ihrer jährlichen Einnahmen von 91.838 Pfund mithilfe von Crowdfunding und Community-Events eingenommen. Van der Werfs Initiative konnte auch einige Großspender gewinnen, unter anderem Niklas Zennström, den schwedischen Technikunternehmer, der Skype gegründet hat, sowie den berühmten und mittlerweile verstorbenen US-Umweltschützer und Mitbegründer der Modeunternehmen North Face und Esprit, Doug Tompkins. Van der Werf ist zuversichtlich, dass er bald genügend Geld zusammenkriegen wird, um ein 75 Fuß langes, stahlummanteltes Segelschiff auf Patrouille schicken zu können. Im Dezember veranstaltete Project 0, eine Fundraising-Gruppe aus den USA, die sich dem Schutz der Ozeane verschrieben hat, ein Benefizkonzert in London. Dort traf van der Werf den Rolling-Stones-Gitarristen Ronnie Wood und das Model Cara Delevingne. Michele Clarke, die Gründer von Project 0, erzählt, sie unterstütze The Black Fish, weil van der Werf ein großes Talent habe, Menschen zu mobilisieren. „Es handelt sich nicht um ein Konzept auf einer Tafel, van der Werf macht das tatsächlich“, sagt Clarke.

Die Klarheit von van der Werfs Mission scheint auf Freiwillige wie ein Magnet zu wirken. Junge Frauen zwischen 25 und 35 sind offenbar ganz besonders interessiert an der Möglichkeit, sich am Sammeln von Beweisen zu beteiligen, ohne den entbehrungsreichen Lebensstil einer Vollzeit-Umweltaktivistin annehmen zu müssen.

Der Plan besteht darin, die Basis an Unterstützerinnen auszubauen und sich die Energie von Leuten zunutze zu machen, die zwar nicht notwendigerweise über das Schicksal des Schwarzen Seehechts Bescheid wissen, aber begierig darauf sind, ihr Wissen für etwas anderes einzusetzen. Animatorinnen haben Filme produziert, die für Black Fish werben, und mehrere pensionierte Sicherheitskräfte beraten die Gruppen in Fragen effektiver Überwachung und des Trainingsplans der CIs.

„Werden wir die Meere vollständig beschützen können?“, fragt van der Werf bei einem Vortrag im veganen Café Black Cat in Hackney im Dezember 2014. Der Laden ist rappelvoll. Van der Werf hält an die 30 solcher Vorträge im Jahr in Europa und den USA. „Nein, das werden wir nicht. Werden wir bestimmte Arten retten können? Ich hoffe.“ Unter den Bildern, die er zeigt, befindet sich auch das eines gerade eben erst gefangenen Hais, dessen Maul wie zu einem stillen Schrei weit aufgerissen ist.

Der Hafen von Sant’Agata wird von einer elegant geschwungenen Kaimauer beschützt.In einem Becken des Yachthafens in der Nähe des Kais, das für Trawler reserviert ist, sind schnittige Katamarane, Schnell- und Vergnügungsboote untergebracht. Natalie sollte dieses Stück Beton gut kennenlernen. Nachdem sie am 21. Juli 2015 nach Sizilien geflogen ist – drei Monate nachdem sie das Training in Nottingham absolviert hat –, tut sie sich mit Maya zusammen, einer Geschäftsführerin mit kanadisch-libanesischen Wurzeln. Die beiden bilden das Bravo-Team und beginnen damit, in großer Hitze zweimal am Tag jeweils drei Stunden lang durch die Hafenanlagen zu patrouillieren.

Als Offizier im Safehouse

Die Aktivisten haben Sant’Agata nicht zufällig ausgewählt. Ende der 80er Jahre hatte Italien eine der größten Treibnetz-Flotten weltweit – an die 700 Boote, die auf Schwertfischfang gingen. Und obwohl UNO und EU den Einsatz von Treibnetzen in einer Reihe von Urteilen seit Anfang der 90er Jahre stark eingeschränkt haben, sind schon zahlreiche Fälle ruchbar geworden, in denen sizilianische Fischer sie auch weiterhin verwendeten – unter Missachtung der Gesetze oder unter Ausnutzung von Löchern im italienischen Fischereirecht.

Die Mission in Sizilien ist noch aus einem anderen Grund von entscheidender Bedeutung. Im November hat van der Werf das Abkommen mit dem Kommandeur der örtlichen Küstenwache im Hafen von Messina unterzeichnet. In ihm ging es um die Bedingungen, unter denen die Beamten von den Black Fish gesammelte Beweise prüfen würden. Sollte das Pilotprojekt erfolgreich sein, könnte es auch in anderen Gegenden Italiens zu einer derartigen Kooperation kommen. Das würde van der Werf seinem Ziel einen großen Schritt näherbringen Nachdem sie eine Reihe sizilianischer Häfen ausgekundschaftet hatten, haben sich die Freiwilligen in Sant’Agata niedergelassen, weil sie die Stadt für das vielversprechendste Ziel halten. Van der Werft fungiert als Nachrichtenoffizier für die Operation und koordiniert die CIs vom Safehouse aus. Er teilt die erste Schicht für 3.30 Uhr morgens ein, um die Docks in der Dunkelheit vor dem Sonnenaufgang zu beobachten.

Zunächst scheint am Kai ziemlich wenig zu passieren, doch an ihrem zweiten Nachmittag sehen Maya und Natalie, wie eine Gruppe von Männern ein großes Netz in einem der Boote verstaut, das aussieht, als könnte es sich um ein verbotenes Treibnetz handeln. Natalies erster Instinkt ist es, die Szene aus etwa 40 Metern Entfernung mit dem Handy zu filmen. Aber anders als so manch andere Crew, die die beiden kennengelernt haben, werfen die Männer dem Bravo-Team böse Blicke zu. Als sie ins Safehouse zurückkehren, gehen sie in die Küche, um mit van der Werf, der dort in Shorts und Flip-Flops über einen Laptop gebeugt sitzt, über die Situation zu sprechen.

„Das hättet ihr dokumentieren müssen“, sagt er ihnen mit ruhiger Stimme, während er weiter auf seinem Laptop tippt.

„Die Leute waren anders“, protestiert Natalie. „Sie waren nicht nett und sahen die ganze Zeit zu uns herüber.“

„Das ist der alles entscheidende Augenblick – das ist wichtiger als alles andere“, antwortet van der Werf ihr. „Solange man kein Bild und keine Videoaufnahme macht, ist es quasi nicht passiert.“

Die Kritik drückt zwar ein wenig auf die Stimmung, aber es fällt auf, dass selbst nach mehreren Tagen der Umgangston äußerst freundlich bleibt, obwohl die CIs sich Zimmer teilen, auf Sofabetten schlafen und sich fast ausschließlich von Pasta, Tomaten und Auberginen ernähren müssen.

Nach einer frühmorgendlichen Schicht unterhalte ich mich mit Natalie in einer Espressobar am Strand von Sant’Agata. Wie die anderen CIs hat auch sie 350 Pfund bezahlt, um für die Kosten der Aktion aufzukommen. Ihre Liebe zum Meer hat sie entdeckt, als sie in den Seen Schottlands das Tauchen lernte. Sie opfert ihren Urlaub gern, wenn sie mithelfen kann, Beweise für illegale Fangmethoden zu sammeln.

„Man ist immer auf der Suche nach diesem goldenen Augenblick, in dem einem etwas Perfektes unterkommt – aber es handelt sich um einen ausgesprochen langsamen Prozess. Das passiert nicht in fünf ruhmreichen Minuten.“

Es dauert noch vier weitere Tage, bis zwei andere CIs – die unter dem Anrufzeichen Alpha-Team arbeiten – den ersten Durchbruch verzeichnen können. Dave, ein 36-jähriger Betreiber eines Pubs in Sheffield, und Laura, 33, eine Doktorandin und freie Journalistin aus Finnland, machen als Paar getarnt ihre gewöhnliche Nachmittagspatrouille und schlendern Arm in Arm an den Booten vorbei. Der in Shorts mit Camouflage-Muster gekleidete und am Unterarm tätowierte Dave passt eigentlich nicht so recht zu der einen Strohhut tragenden Laura. Doch ihr Einsatz zahlt sich aus. Sie entdecken etwas Verdächtiges: frisch geschnittene Palmblätter, die am Kai aufgestapelt wurden.

In Sizilien benutzen die Fischer die Palmwedel als Köder, die sie an Schwimmer binden und treiben lassen. Ihre Schatten ziehen Goldmakrelen an. EU-Bestimmungen zufolge müssen solche Hilfsmittel nach ihrem Gebrauch wieder entfernt werden, da sie Meeresvögel und Schildkröten gefährden, wenn sie für immer im Wasser treiben. Den Black Fish zufolge werden diese Bestimmungen oft missachtet. Als vier Männer damit beginnen, die Palmblätter in ein Fischerboot zu laden, schießt Laura heimlich Bilder, und Dave ruft van der Werf im Safehouse an.

„Wir versuchen, die Küstenwache zum Eingreifen zu bewegen“, antwortet ihm van der Werf, der wie immer mit seinem Laptop am Küchentisch sitzt. „Dann werden wir sehen, was als Nächstes passiert.“

Van der Werf blickt zu seinem sizilianischen Kollegen, dem altgedienten Umweltaktivisten Francesco Mirabito, der am Telefon bereits auf Italienisch auf jemanden von der Küstenwache einredet, dann aber auflegt und mit den Schultern zuckt. Man sei nicht in der Lage, sofort einzugreifen, hieß es. Van der Werf lässt sich dadurch nicht beirren. „Wenn wir sie dieses Mal nicht erwischen, dann eben beim nächsten Mal. Die Puzzleteile, die wir zusammensetzen, ergeben Tag um Tag ein immer genaueres Bild.“

Wenige Stunden nachdem Dave und Laura zur Basis zurückgekehrt sind, können Natalie und Maya ebenfalls einen Erfolg verbuchen und ein Treibnetz filmen. Seit ihrer ersten Sichtung sind sie mutiger geworden und haben es geschafft, ein einstündiges Video von der Ausrüstung zu drehen, die von einem Boot auf einen Pritschenwagen geladen wurde.

Am nächsten Morgen besucht Mirabito das Büro der Küstenwache über dem Hafen von Sant’Agata, wo die Angestellten in eleganten weißen Uniformen die klimatisierten Korridore entlanggleiten. Ein Beamter hört höflich zu, als Mirabito erklärt, was die Black Fish gesehen haben, lässt ihn dann aber wissen, er könne nur dann gegen Fischer vorgehen, wenn er sie in flagranti auf offenem Meer dabei erwische, wie sie illegale Ausrüstung tatsächlich einsetzten. Der Mann gibt Mirabito seine Handynummer und sagt ihm, er solle in Verbindung bleiben.

Draußen im Schatten einer Ufermauer wartet van der Werf mit einigen anderen Freiwilligen. „Es ist gut, denn jetzt ist ein wenig deutlicher geworden, wo wir stehen“, sagt er aufmunternd zu Mirabito, dem die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand. „Das hast du gut gemacht.“

„Ehrlich gesagt habe ich nicht das Gefühl“, gibt der zurück. Der Versuch, mit dem System zu kooperieren, fühlt sich für ihn an, als würde er den Kopf gegen eine Wand schlagen.

„Für uns ist es doch nichts Neues, dass man uns Steine in den Weg legt“, versucht van der Werf weiter ihn zu trösten. „Es geht darum, um sie herumzumanövrieren.“

Obwohl die Behörden nicht so schnell tätig werden können, sind die CIs auch nach einer Woche der Beobachtung weiter guter Dinge. The Black Fish reichen ein Dossier über die Verwendung illegaler Ausrüstung bei der Europäischen Kommission und der National Oceanic and Atmospheric Administration ein, die dafür zuständig ist, dass Thunfisch, der mit Treibnetzen gefangen wurde, nicht in die USA eingeführt wird.

Kavaliersdelikte

Die Überschneidungen zwischen illegalem Fischfang und organisiertem Verbrechen sind in letzter Zeit in der internationalen Agenda weiter nach oben gerückt. Im Oktober gab US-Außenminister John Kerry eine neue Initiative zur Bekämpfung des illegalen Fischfangs bekannt, bei der auch Satellitentechnologie zum Einsatz kommen soll, um beispielsweise Boote in Ländern wie Indonesien und den Philippinen zu überwachen. „Es besteht eine direkte Verbindung zwischen dem illegalen Handel mit Drogen, dem Handel mit illegal gefangenem Fisch, Schmuggel und Menschenhandel“, sagte Kerry auf der Konferenz Our Ocean in Chile, als er die Maßnahmen bekannt gab.

Während die Operation der Black Fish in Sizilien sich darauf konzentrierte, den Einsatz von illegalem Gerät zu dokumentieren, haben die CIs Grund zu der Annahme, dass das, was sie sahen, nur ein kleiner Teil eines viel größeren kriminellen Unterfangens sein könnte. Auch wenn Verbindungen zwischen den Mafia-Clans und der Fischindustrie nur schwer nachzuweisen sind, hat eine Reihe offizieller Untersuchungen Einblicke in das Ausmaß an organisiertem Verbrechen in der Fischerei ergeben. Im Juli 2000 schloss und konfiszierte die italienische Guardia di Finanza drei der größten sizilianischen Fischverteilungsunternehmen mit der Begründung, sie dienten als Scheinunternehmen für den in Catania ansässigen Laudani-Clan.

Ermittler, die Verstöße gegen Italiens Quoten für den bedrohten Blauflossen-Thunfisch untersuchen, haben mehrere Mafia-Organisationen im Verdacht, an professionellen Operationen zum Schmuggel von illegalen Fängen beteiligt zu sein, die bis 500 Euro pro Kilo einbringen können. 2011 warf die Küstenwache ein Schlaglicht auf das schiere Ausmaß des illegalen Handels, als sie bekannt gab, eine ein Jahr andauernde Untersuchung in Sardinien habe ein Netzwerk aus 70 mutmaßlichen Schmugglern identifiziert, die in nach außen hin legalen Großhandels- und Distributionsunternehmen beschäftigt gewesen seien. Im Jahr darauf haben die Behörden in Civitavecchia, einem Hafen nordwestlich von Rom, die Rekordsumme von 40 Tonnen Blauflossen-Thunfisch beschlagnahmt, der illegal in Sizilien gefangen worden war und gerade zum Export auf drei Lkw verladen wurde.

Trotz dieser Erfolge gestaltet sich der Kampf gegen den illegalen Fischfang weiter schwierig. Auch wenn Italiens Küstenwache mittlerweile öfter mal Treibnetze beschlagnahmt, werden illegale Fangmethoden Aktivisten zufolge vielerorts noch immer nicht wirklich ernst genommen. Richter neigten dazu, Verstöße als Kavaliersdelikte zu bewerten, bei denen es keine Opfer gebe, während Angehörige der Küstenwache, die aus Fischereigemeinden stammen, riskierten, ausgegrenzt, geschnitten oder gemobbt zu werden, wenn sie gegen ihre eigenen Nachbarn vorgingen. In den vergangenen Jahren haben die Beamten auch immer mehr mit dem drängenderen Problem zu tun, Hunderte und Tausende von Flüchtlingen zu retten, die in Booten aus Libyen über das Mittelmeer kommen. Vergangenen August koordinierte die italienische Küstenwache an einem einzigen Tag die Rettung von rund 4.400 Menschen.

Der Wildlife Air Service

Manche Experten sehen noch ein weiteres Dilemma. Ihrer Meinung nach bestünde der einzige Weg, ernsthaft etwas gegen die Überfischung zu unternehmen, darin, die Größe der italienischen Fischfangflotte zu verkleinern. Sie ist die größte im gesamten Mittelmeer. Die EU will die Fischgründe des Mittelmeers – von denen 90 Prozent überfischt sind – bis 2020 auf eine tragfähige Basis stellen. Sie deutet an, dass Italien und andere Länder sich kurzfristig zu geringeren Fangquoten bereit erklären müssten. Für die sizilianischen Fischer, die in Anbetracht immer weiterer Bestimmungen ohnehin schon große Schwierigkeiten haben, ihre Familienunternehmen weiterzuführen, wäre das ein weiterer schwerer Schlag. Man sollte Zeit und Geld daher besser darauf verwenden, den Fischereigemeinden in Sizilien dabei zu helfen, alternative Einkommensmöglichkeiten zu schaffen. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 20 Prozent.

Es wird gerade erst hell, als van der Werf und der 35-jährige Privatflieger Dan Beeden in marineblauen Fliegeroveralls in einem Hangar in den Außenbezirken von Blackpool im Nordwesten von England ankommen. Es ist Ende August. Die verwitterte Blechhütte ist vollgestopft mit einer ganzen Menagerie von Flugzeugen. Die beiden schieben eine einmotorige Cessna 172 auf die Startbahn und starten in ein gräuliches Morgengrauen. Während sie in 1.500 bis 2.000 Fuß Höhe in Richtung Süden an Liverpool vorbei auf die Dee-Mündung zubrummen, sucht van der Werf das Watt unter ihm durch die Linse einer Kamera hindurch ab.

Da er sich nicht damit zufriedengeben wollte, CIs in Autos oder zu Fuß einzusetzen, tat van der Werf sich 2014 mit Beeden zusammen, um eine Schwesterorganisation der Black Fish namens Wildlife Air Service zu gründen. Ihr Plan war, die ungenutzten Flugstunden ehemaliger Kampfpiloten, Airline-Kapitäne und reicher Hobbyflieger zu nutzen, um es CIs zu ermöglichen, verdächtige Schiffe auch aus der Luft zu jagen.

„Wir überfliegen gerade Niedrigwasser“, sagt van der Werf über das Headset. „Es geht darum, Beweise zu fotografieren – Quads, Traktoren, große Gruppen.“ Es geht um eine Aktion, die dem Schutz des weltweit wohl am wenigsten bekannten Opfers der organisierten Kriminalität gilt: der Herzmuschel. Eine Wilderei von industriellen Ausmaßen hat die Herzmuschelbänke in Teilen von England und Wales völlig zerstört – dabei stellt sie ein bedeutendes Glied in der Nahrungskette der Küste dar.

Die Vision lebt

An einem stürmischen Morgen stapfen drei CIs in der Nähe der Duddon-Mündung im westenglischen Cumbria mit Kameras und Feldstechern bewaffnet durch das Watt. Für van der Werf ist keine Inspektion umsonst – selbst ein für sich nichtssagendes Puzzleteil ist immer noch Teil des Puzzles. Auch wenn sie auf der Jagd nach Wilderern eine Woche lang keine Beweise wie in Sant’Agata finden, üben sich die CIs in Geduld.

„Das Problem mit den Schalentieren begegnet uns in verschiedenen Teilen des Landes immer wieder“, sagt van der Werf. „Das ist eine Form von organisiertem Verbrechen, es zerstört die Habitate an unserer Küste. Das sollten wir nicht zulassen.“

Seine Pläne scheinen von Jahr zu Jahr immer kühner zu werden. Eine niederländische Umweltschutzorganisation hat seine Arbeit mit 50.000 Euro belohnt. Das Preisgeld könnte helfen, die nächste Phase seiner Vision einen Schritt näher zu bringen: einen 24-stündigen Ocean Hub einzurichten, um in ganz Europa Patrouillen an Land, in der Luft und auf See zu koordinieren. Die Kriminellen, die die größten Gewinne mit illegalem Fischfang erzielen, haben vielleicht noch nichts von den Black Fish gehört. Aber eines Tages wird es so weit sein.

Matthew Green ist Buchautor und arbeitet als Journalist unter anderem für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 31.08.2016
Geschrieben von

Matthew Green | The Guardian

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