Mehr als nur Klimawandel

Cancún Soll der Gipfel in Mexiko Erfolg haben, müssen wir verstehen, wie Klimawandel, Armut und Verteilungskämpfe miteinander zusammenhängen

Vor zwölf Monaten stand ich beim Klimagipfel in Kopenhagen vor den Regierungschefs dieser Welt und sagte ihnen, dass sie mit dem Klima nicht verhandeln können, sondern dies schon miteinander tun müssen. Diese Forderung kann ich nur wiederholen.

Ich nehme seit 1976 an UN-Konferenzen teil und gehöre nun der Kampagne zur Durchsetzung der Milleniumsziele der UN an. Ich habe in den vergangenen 30 Jahren viel gesehen, auf das ich stolz bin, aber auch viel Beschämendes. Manchmal hat die Welt reagiert, als dies notwendig war. Andere Male nicht.

Ein Thema zu verhandeln, das solch enorme Auswirkungen auf unseren Globus hat, ist nicht einfach und die Regierungen wissen, dass es bei den Verhandlungen ebenso darauf ankommt, wie die Staaten aufeinander einwirken wie auf die Vereinbarungen. Es gibt bei den Klimaverhandlungen eine Geschichte unbeabsichtigter wie auch bewusster Missverständnisse, die tiefe Wunden hinterlassen haben. Doch die Staatschefs müssen das hieraus erwachsene Misstrauen durch Respekt, Vertrauen und die Besinnung auf die gemeinsamen Ziele überwinden. überwinden.

Ich glaube daran, dass Menschen in der Lage sind, sich in Anbetracht scheinbar unüberwindbarer Schwierigkeiten zusammenzutun. Einen Weg zu finden, auf dem man der Herausforderung des Klimawandels begegnen kann, ist kein leichtes Unterfangen, aber es ist möglich. Die Kosten für umweltfreundliche und CO2-sparende Technologien gehen zurück, unser Wissen darüber, wie der Klimawandel unser Leben verändern wird, nimmt stetig zu. Die UN Advisory Group on Climate Finance (AGF) hat nachgewiesen, dass wir die 100 Milliarden Dollar zusammenbringen können, die zur Bekämpfung des Klimawandels versprochen wurden. Nun müssen wir zusammenarbeiten, um diese Möglichkeiten in die Realität umzusetzen.

Zum ersten Mal: Bekenntnis

Es stimmt, dass kein Delegierter eine Konferenz mit einem perfekten Dokument verlässt, aber im vergangenen Jahr haben wir in Kopenhagen eine Ahnung davon bekommen, über welches Potenzial wir verfügen, wenn wir diese globale Krise gemeinsam angehen. Zum ersten Mal erkannten 115 Länder die wissenschaftliche Erkenntnis an, dass die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzt werden muss. Zum ersten Mal überhaupt haben alle großen CO2-Verursacher sich zu ihrer moralischen Verantwortung bekannt, ihre Emissionen zu reduzieren und sich zu Vertrauensbildung und Transparenz verpflichtet. Zum ersten Mal boten die entwickelten Länder den ärmsten ihre Hilfe an, um deren Bevölkerungen vor den Auswirkungen des Klimawandels zu beschützen und einen Weg der nachhaltigen, CO2-armen Entwicklung zu finden.

Wir wissen, dass ein internationales Abkommen allein nicht die Antwort bringen wird – Worte und Versprechungen bedeuten nichts, wenn ihnen keine Taten folgen. Vertrauen muss immer auf Gegenseitigkeit beruhen und die Politiker müssen einlösen, was sie in Cancún versprechen werden: konkrete Maßnahmen ergreifen, um die CO2-Emissionen ihrer Länder zu verringern, das nötige Geld zur Verfügung stellen und zusammen an der Entwicklung umweltschonender Technologien arbeiten, und diejenigen beschützen, die am schlechtesten mit den Auswirkungen des Klimawandels zurechtkommen können.

Wenn wir mithelfen wollen, die Welt durch diese Ungewissheit zu steuern, müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass der Klimawandel nur ein, wenn auch wichtiger Teil des Puzzles ist. Wenn wir Klimawandel, Armut und die weltweiten Konflikte wirklich bekämpfen wollen, müssen wir ganzheitlich denken. Wir müssen, wie Ban Ki-moon bei der Eröffnung des UN-Panel zur globalen Nachhaltigkeit es ausdrückte, „groß denken und die einzelnen Punkte Armut, Energie, Nahrung, Wasser, Umweltbelastung und Klimawandel miteinander verbinden.“

Wasser als Klimaindikator

Wenn wir uns lediglich auf einen Punkt konzentrieren, verlieren wir das Gesamtbild aus den Augen. Wasser ist hierfür ein zeitloses Beispiel. Wir wissen, dass die Auswirkungen des Klimawandels am Wasser zu spüren sein werden – zu viel, zu wenig oder das falsche. Auch ist die Verbesserung der Grundversorgung wie der sanitären Aufbereitung und der Hygiene ein entscheidender Punkt für die Entwicklung, die Verringerung der Kindersterblichkeit und die Verbesserung der Bildung. 884 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser und 2, 6 Milliarden Menschen steht keine Toilette zur Verfügung. Die Fluten in Pakistan sind ein eindrückliches Beispiel dafür, wie zerstörerisch Wasser sein kann, obwohl es doch so grundlegend für das Leben ist. Das Risiko von Katastrophen zu verringern und die Schwächsten mit sauberem/sicherem Wasser und sanitären Anlagen zu versorgen hat ebenso viel damit zu tun, sie gegen den Klimawandel zu schützen, wie mit Gerechtigkeit, Gleichheit und Entwicklung.

2008 haben wir gesehen, was passieren kann, werden es uns nicht gelingt, die einzelnen Punkte miteinander zu verbinden: Klimawandel, Ölpreis, Protektionismus und Weltwirtschaft kamen zusammen und trieben die Nahrungspreise in die Höhe und bedrohten Millionen von Menschen mit Hunger.

Es geht bei den Verhandlungen in Cancún also um mehr als nur um Klimawandel. Wir müssen lernen, einander zu vertrauen, um die globalen Herausforderungen, denen wir uns gegenüber sehen, gemeinsam angehen zu können. Gelingt uns dies nicht, betrifft es uns alle. In Cancún und darüber hinaus müssen die Regierungen lernen, für unsere gemeinsame Zukunft zusammenzuarbeiten. Unser Planet ist endlich, unsere Schicksale miteinander verbunden, unserer Wahl klar: zusammen zu stehen oder getrennt zu fallen.

Die kenianische Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin Wangari Maathai erhielt 2004 als erste afrikanische Frau den Friedensnobelpreis.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:58 30.11.2010
Geschrieben von

Wangari Maathai | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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