Mein Alias und ich

Anonymität Wer sich unter Pseudonym durchs Internet bewegt, schützt sich vor Überwachung. Oder garantiert nur der Klarname Sicherheit? Erkundungen in einer Debatte

Bevor Facebook und Google zu Giganten des Internets wurden, war das Web ein Ort, an dem die Identität vom realen Leben losgelöst sein konnte. Doch seither ist Anonymität im Netz dabei zu verschwinden. Glaubt man Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg und Richard Allan von Facebook Europa, so will eine kritische Masse an Leuten im Netz heute nur mit „echten“ Identitäten verkehren. Kritiker sind der Ansicht, dass das irreversible Auswirkungen auf die Offenheit im Netz haben wird.

Das Streben nach Authentifizierung hält Einzug in die Modelle der meisten sozialen Medien und hat großen Einfluss darauf, wie wir in der gegenwärtigen Online-Landschaft miteinander und mit Web-Inhalten umgehen. Viele Nutzer interagieren im Netz ausschließlich über die Produkte von Facebook und Google. Ob ein soziales Netzwerk mit Sicherheit gewährleisten kann, dass seine Nutzer wirklich die Personen sind, für die sie sich ausgeben, kann daher ausschlaggebend für dessen Erfolg sein.

Facebook-Profile und Google-IDs sind an den realen Namen, die realen Kontakte und zunehmend an die sonstigen Online-Aktivitäten einer Person gebunden. User loggen sich über Facebook oder Google IDs bei anderen Diensten ein und bilden so eine konsistente öffentliche Identität aus, die sich aus Offline-Vergangenheit, Online-Gegenwart und der aus beidem kombinierten Zukunft zusammensetzt.

Multiple Identitäten

„Ich würde das, was sich auf Facebook zeigt, nicht als echte oder authentische Identität bezeichnen“, sagt der heute 24-jährige Christopher Poole, der 2004 die Online-Community 4Chan gegründet hat. 4Chan weist zwei Konstruktionsmerkmale auf, die der Idee von Facebook diametral entgegenstehen: Erstens richten seine 20 Millionen User keinen Account ein, um sich an Diskussionen zu beteiligen, sondern bleiben anonym. Zweitens gibt es kein Archiv. Poole, der vom Time-Magazin zur „einflussreichsten Person des Jahres“ 2008 gewählt worden war – zwei Jahre, bevor Facebooks Mark Zuckerberg dort die Ehrung „Mann des Jahres“ erhielt –, ist der Ansicht, dass Facebooks kommerzielle Motive die Online-Erfahrung zunichte machen: „Facebook sagt, Identität sei gleichbedeutend mit Authentizität. Man sei online dieselbe Person wie offline, und multiple Identitäten bedeuteten einen Mangel an Integrität. Ich halte das für Unsinn. Die Orientierung im Netz hat sich von Interessen hin zu persönlichen Beziehungen und Freundschaften aus dem realen Leben entwickelt. Individuen haben aber immer mehrere Gesichter. Die Identität ist wie ein Prisma, und Communitys wie 4Chan sind ein Überbleibsel des alten, an Interessen orientierten Netzes.“

Richard Allan hält solche Meinungen für naiv. Er glaubt, dass die Millionen von Menschen, die im Laufe der vergangenen zehn Jahre online gegangen sind, nach einem sicheren Ort suchen, an dem sie nicht mit schlechtem Benehmen konfrontiert sind, keiner ihre Identität klaut und sie nicht von Betrügern hereingelegt werden. „Schein­identitäten funktionieren nicht mehr besonders gut, seit das Web von einer Spielwiese für eine Minderheit zu einer Beschäftigung für alle geworden ist.“

Dementsprechend wird jedes Profil auf Facebook oder Google entfernt, das nicht an einen Klarnamen gebunden zu sein scheint. Spitznamen und Pseudonyme werden unabhängig davon, wie lange sie schon existieren, als Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen betrachtet. Was die Menschen heute und in absehbarer Zukunft online machen, ist von vorneherein an ihre Offline-Identität geknüpft.

Chinesische Nicknames

Doch der Erfolg eines sozialen Netzwerks hängt nicht zwangsläufig von dieser direkten Verbindung zwischen Online- und Offline-Identität ab. In Japan arbeiten die drei beliebtesten sozialen Netzwerke mit Pseudonymen, der Account-Inhaber bleibt anonym. „Wir können aber ehemalige Benennungen anhand der Login-ID der Nicknames zurückverfolgen“, erklärt Yasutaka Yuno, Chefredakteur der Seite K-tai Watch. „Das ist hilfreich, um die Glaubwürdigkeit zu beurteilen. In jedem sozialen Netzwerk firmiert die ID als persönlicher Name.“

Eine Online-Identität kann dabei ebenso dauerhaft sein wie eine Offline-Identität: User, die Pseudonyme verwenden, treten damit in verschiedenen Netzwerken auf. Aber da diese Nicknames nicht auf Klarnamen beruhen, können sie ihre Identitäten gezielt voneinander abgrenzen und sich bei Bedarf wieder anonymisieren. Nach Ansicht von Psychologen entwickelt man auf diese Weise auch ein Gefühl dafür, wer man ist, sein kann und wie man in verschiedene Kontexte passt. Fiktive Online-IDs sind selbst in Ländern wie Südkorea oder China erlaubt, wo Mitglieder von sozialen Netzwerken sich mit einer nationalen ID registrieren müssen. Selbst wenn den Usern bewusst ist, dass ihre Aktivitäten vom Staat nachverfolgt werden können – das Spiel mit der Identität hört nicht auf.

Andrew Lewman ist Geschäftsführer des Tor Projects, eines Netzwerks, das sich für die Anonymität in der Online-Welt einsetzt. „Anonym bleiben zu können, wird immer wichtiger. Es gibt den Leuten die Kontrolle, ermöglicht ihnen, kreativ zu sein, ihre Identität zu ergründen, herauszufinden, was sie machen wollen.“

Der Browser und die Software von Tor verschleiern den Web Traffic eines Users, er kann weder identifiziert noch lokalisiert werden. Es handelt sich dabei um eine technische Lösung dessen, was Lewman als elementares Problem der De-Anonymisierung des Netzes empfindet. „Die Möglichkeit, zu vergessen und von Neuem zu beginnen, ist wichtig. Vielleicht haben Sie sich gerade scheiden lassen, vielleicht kommen Sie aus einer Entziehungskur und wollen einen Neuanfang machen. Aber sobald Sie sich in einen Google-Account einloggen, bekommen Sie Anzeigen für das, was Sie gerade vergessen wollen. Wenn Sie sich in einem Umfeld mit Klarnamen wie auf Facebook bewegen, werden Sie direkt wieder auf Ihr altes Leben zurückgeworfen, solange Sie nicht Ihren Geburtsnamen ändern und sich neue Freunde zulegen.“

Auch wenn Facebook es seinen Usern ermöglicht, Öffentliches und Privates zu trennen, glaubt Lewman nicht, dass die automatisierten Systeme es zulassen, sich neu zu erfinden. „Um anonym zu sein, müsste man eine Kombination aus 4Chan und Tor verwenden“, sagt Poole. Tor sorgt für die Back-End-Anonymität, 4Chan für die im Front-End – Dinge, mit denen sich die technische Avantgarde befasst. Der breiten Masse diktieren die großen Akteure die Bedingungen, und so wird die Schlacht um die Online-Identität weitergehen.

Aleks Krotoski, Jahrgang 1974, ist Sozialpsychologin. Als Journalistin beschäftigt sie sich seit mehr als zehn Jahren mit Interaktivität im Netz. Auf guardian.co.uk moderiert sie einen wöchentlichen Podcast.

Übersetzung: Holger Hutt

Weitere Texte in der -Serie Kampf ums Netz

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17:00 28.04.2012
Geschrieben von

Aleks Krotoski | The Guardian

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The Guardian

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