Oliver Burkeman
Ausgabe 1714 | 07.05.2014 | 06:00

Zu den Akten

Porträt Bryan Cranston fiel als Schauspieler lang nicht auf, bevor er als drogenkochender Biedermann mit "Breaking Bad" berühmt wurde. Was macht man nach der Rolle seines Lebens?

Bryan Cranston lächelt viel. Wenn er gerade nicht lächelt, nehmen seine zerfurchten Gesichtszüge aber einen furchterregenden Ausdruck an. „Mein Gesicht sieht im Ruhezustand einfach fies aus“, sagt er entschuldigend. „Die Leute haben Angst vor mir. Manche Leute haben ja so ein eingebautes Lächeln. Ich sehe dagegen aus, als würde ich Kinder fressen.“

Zurzeit spielt Cranston in dem Broadway-Theaterstück All the Way den Sechziger-Jahre-Präsidenten Lyndon B. Johnson. Das dreistündige Stück strapaziert seine Stimmbänder so sehr, dass er sich für die aufführungsfreien Montage ein Schweigegelübde auferlegt hat. Wenn er kommunizieren muss, greift er zu Stift und Papier. Man fragt sich, wie man sich wohl als Starbucks-Angestellter fühlt, der während der Montagsschicht eine Bestellung von einem mörderisch dreinblickenden Mann entgegennimmt, dem kein Wort über die Lippen kommt. Wenn man dazu die Serie Breaking Bad kennt, in der Cranston einen drögen Chemielehrer spielt, der zu einem kalt tötenden Crystal-Meth-König avanciert, können Realität und Fiktion leicht durcheinandergeraten. Und dann steht man wohl Todesängste aus.

Für Cranston selbst ist die fiktive Welt von Breaking Bad weiterhin überaus real. „Ich vermisse ihn sehr“, sagt er über seinen Serien-Charakter Walter White, der in der letzten Folge auf dem Boden eines von Neonazis betriebenen Meth-Labors am Rand von Albuquerque, New Mexico, einer selbstzugefügten Schusswunde erliegt.

Brom und Barium

„Das hier habe ich mir am letzten Drehtag machen lassen“, sagt Cranston und zeigt ein winziges eintätowiertes Breaking-Bad-Logo an der Seite seines rechten Ringfingers. Es besteht aus dem Symbolen für Brom und Barium auf der Periodentafel und ist nur zu sehen, wenn er den Finger daneben senkt. „Ich wurde gefragt, warum ich es mir an einer Stelle habe stechen lassen, an der es keiner sieht. Aber ich sehe es. Wenn mein Blick darauf fällt, erinnert es mich daran, dass ich alle Möglichkeiten, die ich jetzt habe, dieser Serie verdanke.“

Eine solche Bemerkung ist typisch für Cranston. Da spricht ein Schauspieler, der nicht in jungen Jahren, sondern in seinen Fünfzigern zu Anerkennung fand. Und der genau weiß, dass es auch ganz anders hätte kommen können. Bei YouTube findet man Videos aus den Achtzigern, in denen Cranston noch Hämorrhoiden-Salbe bewirbt.

In All the Way wimmelt es vor Formalitäten und Interna aus dem Washingtoner Politikbetrieb. Es zeugt von Cranstons Fähigkeit, sich vollkommen in einen Charakter hineinzubegeben, dass der Theaterabend trotz der sperrigen Materie spannend ist. All the Way zeichnet das Jahr der zufälligen Präsidentschaft Lyndon B. Johnsons nach – beginnend mit der Ermordung John F. Kennedys bis hin zu Johnsons Erdrutschsieg 1964. Es zeigt, wie er manövriert, manipuliert und ringt, um den Civil Rights Act durch den Kongress zu bringen und die Rassentrennung zu beenden. Mit Plateauschuhen und Ohrläppchen-Prothesen wird Cranston zum 36. Präsidenten der USA: Er schikaniert und schmeichelt. Je nachdem, was gerade nötig ist, reißt er schmutzige Witze oder strahlt vor Idealismus.

Johnson habe ein fantastisches Gedächtnis für Personen und ihre Anliegen gehabt, berichtet Cranston, der als Vorbereitung eine dreitausend Seiten starke Biografie studiert hat. „Er führte im Kopf Buch darüber, was ihr jeweiliges Herzensprojekt war. Wenn er dann etwas wollte, bemühte er sich zunächst, ihnen zu verschaffen, was sie wollten – ob das nun eine Fernstraße oder ein Damm war. Und dann sagte er: Jetzt musst du mir helfen.“ Bei den letzten Worten verfällt Cranston in Johnsons texanisches Näseln. „Es war alles ein großes Dealen: Um etwas zu bekommen, musste man geben.“ Der Zweck heiligte die Mittel. „Hier geht es nicht um Prinzipien“, erklärt Cranstons Johnson, nachdem er einen Politiker mit Tricks dazu gebracht hat, ihn zu unterstützen. „Es geht um Stimmen.“

Vor dem Hintergrund der Lähmung der gegenwärtigen US-Politik wirkt der Kuhhandel der Sechziger aber geradezu heiligenhaft. Johnson hat den Civil Rights Act vor 50 Jahren zwar nur deswegen durchgebracht, weil er wesentliche Teile herausnahm und sich Stimmen kaufte. Aber er hat ihn durchgebracht. „Die moderne amerikanische Politik ist eine Pervertierung dessen, wie es ablaufen sollte“, sagt Cranston. „Irgendwann während Obamas erster Amtszeit sagte der Minderheitsführer im Senat, die oberste Priorität der Republikaner sei es, dafür zu sorgen, dass Obama nur eine Amtszeit lang Präsident bleibe. Das ist doch wohl ein Scherz! Wenn man sich darauf konzentriert, jemanden aufzuhalten, statt mit jemanden zu arbeiten, ist das einfach falsch.“

Es hat lang gedauert, bis Johnson von der Geschichtsschreibung nicht nur als Schurke wegen des Vietnamkriegs gesehen wurde, sondern auch als Held, der die Rassentrennung gegen viele Widerstände beendete. Aus All the Way geht er trotz seiner Mängel als bewundernswerte Figur hervor.

Schurken, die zugleich Helden sind, unmoralische Manipulatoren, deren Ziele im Kern doch achtbar sind: Darüber lässt sich mit Cranston nicht reden, ohne schnell wieder auf Walter White zu kommen, die vielleicht düsterste und moralisch zweifelhafteste Figur der Fernsehgeschichte. Den Reiz von Breaking Bad macht aus, dass Whites Verwandlung aus edlen Motiven heraus geschieht. Der fade Chemielehrer, bei dem in der ersten Folge Lungenkrebs diagnostiziert wird, hat zunächst bloß die Absicht, seiner Familie ein finanzielles Polster zu hinterlassen. Deshalb tut er sich mit seinem ehemaligen Schüler Jesse Pinkman zusammen, um Meth herzustellen und zu verkaufen. Trotz der Natur dieses Geschäfts ist er ein Jedermann und Opfer der ökonomischen Unsicherheit in Amerika. Er befolgt die Regeln des Kapitalismus nur konsequent, indem er seine am besten vermarktbare Fähigkeit nutzt.

Laut einer Schätzung des New-Yorker-Magazins hat White, getarnt als Drogenkönig Heisenberg, am Anfang der fünften Staffel bereits 195 Menschenleben auf dem Gewissen – angefangen beim Kleindealer, den er mit einem Fahrradschloss erdrosselt, bis hin zum Kartellchef, dessen Gesicht von einer Rohrbombe weggeblasen wird. Dennoch fühlt man sich als Zuschauer auf seiner Seite. Denn jede neue Gewalttat scheint eine rationale Reaktion auf die Ereignisse zu sein, die bis zu jener ursprünglichen Intention zurückreichen, für die Familie vorzusorgen. Im Zentrum von Breaking Bad steht die Frage, ob White irgendwie doch ein guter Mensch bleibt.

Ein Walter White in jedem?

Cranston jedenfalls verteidigt ihn: „Hat irgendjemand vollkommen lautere Motive? Mutter Teresa vielleicht. Aber so etwas ist sehr selten.“ Cranston hat eine eigene Theorie für den Erfolg der Serie: „Breaking Bad kam so gut an, weil in jedem ein Walter White steckt. Wir alle wären zu dem in der Lage, was er tut. Bei den meisten von uns kommt es bloß nie dazu. Doch unter bestimmten Umständen könnte jeder sich ausreichend bedroht oder verängstigt fühlen. Walt war deprimiert, er hatte seine Gefühle abgekapselt. Die Todesdiagnose befreit ihn. ‚Scheiß drauf‘, sagt er sich. ‚Wenn ich eine gewagte Sache mache, dann das hier für meine Familie. Und dann sterbe ich.‘ Aber dieser einfache Plan geht schief.“

Welches Ende es tatsächlich mit White nimmt, erfuhr auch Cranston erst fünf Tage vor Drehbeginn des Finales. So war es die Regel am Set von Breaking Bad. Die Ausnahme waren die paar Episoden, bei denen Cranston selbst Regie führte. „Als Schauspieler war es allerdings nicht gut für mich, zu weit im Voraus zu wissen, was passieren würde.“

Die vielen Jobangebote, die er erhält, seit Heisenbergs Morde für weltweite Aufmerksamkeit sorgten, durchsiebt er nun anhand einer selbstentworfenen Bewertungsskala. Auf dieser erhalten gutgeschriebene Dialoge und eine gute Story die meisten Punkte, dahinter rangieren der Regisseur und die Besetzung. Den Faktor Geld finde man auf der Skala nicht. „Geld trübt nur das Urteilsvermögen. Ich habe nichts gegen Geld: Es gab Zeiten, da hatte ich keines. Und es gab Zeiten, da hatte ich viel. Letzteres ist vorzuziehen.“ Gegen die richtige Bezahlung würde er seine Stimme jedem Werbespot leihen. „Das ist dann aber keine künstlerische Entscheidung. Kein Geld der Welt macht ein schlechtes Drehbuch besser.“

Verändert hat sich für Cranston allerdings nicht nur die Auftragslage. Walter Whites Wandlung von der Unsichtbarkeit zu extremer Exponiertheit entsprach auch seiner eigenen. Nachdem Cranston jahrzehntelang eher im Hintergrund war – selbst als Vater in Malcom mittendrin, seiner größten Rolle vor Breaking Bad, drängte er sich nicht unbedingt auf –, wird er nun auf Schritt und Tritt erkannt. „Früher konnte ich überall meiner Arbeit nachgehen und Menschen beobachten.“ Die Zeiten sind vorbei. „Wenn der Beobachter zum Beobachteten wird, kann er nicht mehr beobachten.“ Dieser Tage halte er den Blick eher gesenkt: „Ich achte mehr darauf, wo ich mich aufhalte. Nicht, weil ich Kontakte vermeiden wollte, aber ...“ Er unterbricht sich, als befürchte er, es könne so wirken, als sei er nicht dankbar für sein Glück. „Doch, wenn ich ehrlich bin, versuche ich Kontakt zu vermeiden.“ Bei einer Comic-Messe mischte er sich einmal mit einer Walter-White-Maske unter die Menschen und ließ sich mit Breaking-Bad-Fans fotografieren, die keine Ahnung hatten, wer er war.

Cranston wäre beinahe Polizist geworden. Seine Kindheit als Sohn zweier erfolgloser Schauspieler in einem Vorort von Los Angeles war alles andere als stabil: Die Familie erlebte eine Zwangsräumung. Als Cranston zwölf war, ließen seine Eltern sich scheiden. Eine Zeitlang lebten seine Mutter und sein Bruder von Lebensmittelmarken. Das Ausbildungsprogramm der Polizei versprach da Struktur, ein verlässliches Einkommen und die „Chance rauszukommen aus meiner kleinen Welt“.

Cranston schloss die Ausbildung als Jahrgangsbester ab. Doch ein Erlebnis in einem Schauspielkurs, den er nebenher besuchte, sorgte für eine Planänderung: Eines Tages erhielt er bei seiner Ankunft im Kurs ein Blatt Papier, auf dem eine Schauspielübung beschrieben war. Er sollte leidenschaftlich mit seiner gut aussehenden Schauspielpartnerin knutschen. „Ich fragte den Lehrer, ob wir uns echt küssen oder nur so tun sollten. Er war angewidert von der Frage. Also dachte ich mir: Okay, hoffentlich macht es ihr nichts aus. Aber bevor ich auch nur anfangen konnte, war sie schon dabei. Mit offenem Mund und Zunge. Und ihre Hände hatte sie überall. Aufregend.“

Als er sie später fragte, ob sie einmal mit ihm essen gehen wolle, habe sie ihn mitleidig angesehen und erwidert, sie habe einen Freund. „Und ich dachte: Oh mein Gott, sie hat es gespielt! In meinem Kopf drehte sich alles, dann machte es klick. Sie hatte einfach nur ihren Job gemacht. Und mir wurde klar, dass mein Job darin bestehen könnte, Mädchen zu küssen. Also verabschiedete ich mich von der Polizeiarbeit.“

Vier Jahrzehnte später hat sich Cranston am Set von der Rolle des lüsternen Jugendlichen zum väterlichen Teamcoach entwickelt. Bei Breaking Bad hat er Bowling-Ausflüge für Schauspieler und Crew organisiert. „Ich hatte eine Regel: Meckern oder Nörgeleien waren am Set nicht erlaubt. Das Schwierige daran ist, wenn man etwas verbietet, darf man es auch selbst nicht machen.“ Für jemandem mit solchem Schreckenspotenzial dürfte das aber eigentlich leicht sein. Er kann ja einfach sein Lächeln einstellen und jeden Missetäter mit einem bösen Blick zur Räson bringen.

Oliver Burkeman berichtet für den Guardian aus New York.

Biedermann mit Abgründen

Bryan Cranston schien jahrelang auf die Figur des braven, vertrottelten Familienvaters festgelegt. Diese Rolle spielte er in der erfolgreichen amerikanischen Sitcom Malcolm mittendrin, von der zwischen 2000 und 2006 151 Folgen produziert wurden. Auch Walter White in Breaking Bad ist zunächst ein biederer Familienvater, der nach einer Krebsdiagnose gesagt bekommt, dass er nicht mehr lange zu leben hätte. Um seine Familie – Frau, Teenager-Sohn und Baby – finanziell abzusichern, beginnt er mit einem ehe-maligen Schüler in der Weite der Wüste von New Mexico in einem Wohnmobil Crystal Meth zu kochen. Was zunächst als komisch-bizarres Unternehmen beginnt, wird schnell zu einem todernsten Geschäft, in dem es für White vor allem darum geht, die Tarnung des Biedermanns gegenüber der Gesellschaft und seiner Familie mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten. Die besondere Stärke von Breaking Bad ist es, eine Eigendynamik des Verbrechens zu zeigen, in der einzelne Entscheidungen zu nicht vorhersehbaren, aber zwangsläufig erscheinenden Folgen führen. Das Serienfinale stellte in den USA mit über zehn Millionen Zuschauern im vergangenen September einen Rekord auf. In Deutschland zeigt Arte die Serie. Ein Termin für die Ausstrahlung der letzten Folgen steht aber noch nicht fest. jap

 

Übersetzung: Zilla Hofman

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/14.