Mein Leben, mein Tod, meine Entscheidung

Sterbehilfe Der Bestsellerautor Terry Pratchett leidet an Alzheimer – und möchte selbst bestimmen, wann es Zeit ist zu gehen. Er fordert eine klare Regelung zur Sterbehilfe

Als blasser, nervöser, junger Journalist lernte ich den Selbstmord kennen. Es gehörte zu meinen regelmäßigen Aufgaben, aus dem Untersuchungsgericht zu berichten. Dort lernte ich die vielfältigen Arten kennen, die sich das kranke, menschliche Hirn ausdenken kann, um zu sterben. Die Gerichtsmediziner verwendeten nie das Wort „Geisteskrankheit“, sie bevorzugten die mitfühlendere Formulierung, der Betreffende habe sich „in einem Zustand das Leben genommen, in dem sich sein Bewusstsein im Ungleichgewicht befunden habe“. Die Formulierung hatte etwas Ambivalentes, als wären das Schicksal und überwältigende Umstände mit im Spiel. Ich bin inzwischen jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass einer sich gerade deshalb für den Selbstmord entscheiden kann, weil sein Bewusstsein absolut im Gleichgewicht ist und er realistisch, pragmatisch, gelassen und scharf denkt.

Aus diesem Grund missfällt mir der Begriff „Beihilfe zum Selbstmord“, wenn sich einer dafür entscheidet, sein Leben mit der sanften Hilfe der Medizin zu beenden, nachdem er sorgsame Überlegungen angestellt und alle Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen hat. Die Menschen, die die schwierige Reise in die Schweiz auf sich nehmen, um sich dort mit der Hilfe von Dignitas das Leben zu nehmen, erscheinen mir sehr entschieden und methodisch vorzugehen. Sie wollen selbst über ihren Tod bestimmen und es ist gut möglich, dass ihr Verstand weniger aus dem Gleichgewicht ist als der ihrer Mitmenschen.

Alzheimer wird mich nicht drankriegen

Ich selbst wurde in die Debatte um die „aktive Sterbehilfe“ eher zufällig hineingezogen, als ich mich damit beschäftigte, was ich mir von einer Zukunft mit Alzheimer zu erwarten habe. Im Zuge meines „Coming-Outs“ als Alzheimerpatient habe ich Kontakt zu Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt bekommen und ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass die Möglichkeit einer „Heilung“ unmittelbar bevorstünde.

Und so habe ich mir geschworen, dass der Alzheimer mich nicht drankriegen wird, sondern dass ich ihn erledigen werde. Ich möchte mein Leben wie bislang voll auskosten und sterben, bevor die Krankheit ihren letzten Angriff startet. Bei mir Zuhause, in einem Stuhl auf dem Rasen, ein Glas Brandy in der Hand, mit dem ich den tödliche Cocktail hinunterspülen werde, den mir ein hilfsbereiter Arzt besorgen wird. Zu den Klängen von Thomas Tallis auf meinem I-Pod werde ich dem Tod die Hand reichen.

Mir erscheint ein Tod auf Bestellung mit medizinischem Beistand als eine angemessene und vernünftige Entscheidung, wenn man an einer ernsten, unheilbaren und lähmenden Krankheit leidet.

Die Pflegelast tragen die Angehörigen

Die Organisation Care not Killing versichert, dass niemand darüber nachdenken müsse, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, schließlich sei Pflege immer verfügbar. Das ist doch sehr fraglich. Der Medizin gelingt es, immer mehr Menschen am Leben zu erhalten, und diese benötigen immer mehr Pflege. Alzheimer und andere Demenzkrankheiten sind für unser Land pflegetechnisch eine große Last. Diese Last tragen zunächst einmal die engsten Angehörigen, die vielleicht selbst bereits älter sind und ebenfalls der Fürsorge benötigen.

Einer der Haupteinwände, den die Gegner der „aktiven Sterbehilfe“ häufig verbreiten, ist die Möglichkeit, ältere Menschen könnten illegalerweise dazu überredet werden, um aktive Sterbehilfe zu „bitten“. Denkbar wäre das, doch das Journal of Medical Ethics berichtete 2007, es gebe in Oregon, wo die aktive Sterbehilfe erlaubt ist, keinerlei Anzeichen für Missbrauch. Ich kann mir nicht vorstellen, warum das hier anders sein sollte.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die britische Regierung schließlich Richtlinien für den Umgang mit aktiver Sterbehilfe. Demnach müssen Verwandte und Freunde, die einem Kranken dabei helfen wollen zu sterben, eine große Anzahl von Kriterien erfüllen, um nicht wegen Mordes angeklagt zu werden. So, wie die Dinge dort festgelegt sind, kann man sich im Moment nur an diese Regeln halten und das Beste hoffen.

Für ein unparteiisches Schiedsgericht

Aus diesem Grund plädiere ich mit einigen anderen dafür, dass ein unparteiisches Schiedsgericht den Fall prüft, bevor die Sterbehilfe geleistet wird. Die Mitglieder des Gerichts würden im Sinne der Gesellschaft und im Sinne der Anwärter handeln. Sie würden gewährleisten, dass die Anwärter informiert sind und bei klarem Verstand, dass sie sich ihres Ziels sicher sind und dass sie unter einer tödlichen, unheilbaren Krankheit leiden und nicht unter dem Einfluss Dritter stehen. Dem Gericht sollte ein Anwalt angehören, der auf Familienangelegenheiten spezialisiert ist und der erkennen kann, ob Druck von außen ausgeübt wird. Und natürlich auch ein praktischer Arzt, der mit der Komplexität schwerer Langzeiterkrankungen vertraut ist.

Außerdem schlage ich vor, dass die Mitglieder dieses Gerichts über 45 Jahre alt sein sollten. Ein Alter, in dem sie die nötige Weisheit erlangt haben dürften – und Weisheit und Mitgefühl sollten in diesem Gericht dem Gesetz zur Seite stehen. Das Gericht müsste sich sicherlich auch mit Fällen auseinandersetzten, von denen vernünftige Leute sagen würden, dass sie trivial sind oder auf einem vorübergehenden Leiden beruhen. Wenn wir in einer Welt leben wollen, in der ein „früher Tod“ gesellschaftlich akzeptiert und erlaubt ist, dann muss er auf der Basis reiflicher Überlegung erlaubt werden.

Ich möchte in Frieden sterben, bevor die Krankheit mich überwältigt. Ich hoffe, dass das nicht so schnell der Fall sein wird. Ich weiß, dass jeder Tag so kostbar sein wird wie eine Million Pfund, wenn ich weiß, dass ich dann sterben kann, wann ich will. Wenn ich wüsste, dass ich sterben darf, könnte ich leben. Mein Leben, mein Tod, meine Entscheidung.

Übers. d. gekürzten Fassung: Holger Hutt/Christine Käppeler

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16:30 03.02.2010
Geschrieben von

Terry Pratchett | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 13709
The Guardian

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