Meine Tochter, die Terroristin

Dagestan Es gibt 26 Tote, als zwei Selbstmordattentäterinnen im März Anschläge auf die Moskauer Metro verüben. Eine davon, die 27-jährige Mariam, war Lehrerin in Balakhani

Am Sonntag, den 28. März 2010, verlässt die 27-jährige Mariam Sharipowa das Haus ihrer Eltern im Bergdorf Balakhani, das zur russischen Teilrepublik Dagestan gehört. Das Haus, hinter dem eine steile Bergklippe aufragt, ist von Maulbeer- und Aprikosenbäumen umgeben. Ein Stück bergan liegt die Dorfmoschee. Hinter einem winzigen Basar steht die weiß getünchte Realschule, in der Mariam Informatik unterrichtet.

Früh an jenem Morgen fährt sie mit ihrer Mutter im Kleinbus in die Hauptstadt Machatschkala. Die vierstündige Reise führt an nackten Berggipfeln und Flusstälern vorbei, Adler schweben in einem dunstigen Himmel über Fichtenwäldern. Irgendwann geben die Berge die Sicht auf eine grüne Ebene mit zahllosen Bungalows frei, schließlich erblickt man das Kaspische Meer.

Mariams Mutter erzählt, ihre Wege hätten sich dann in Machatschkala an der Irchi-Kazak-Straße getrennt, weil Mariam in einer Drogerie Henna kaufen wollte. Zehn Minuten später rief sie ihre Mutter auf dem Mobiltelefon an. Sie habe eine Freundin getroffen und werde allein nach Hause kommen. Als die Mutter eine Stunde später zurückruft, ist die Nummer nicht verfügbar. Etwas besorgt, aber keineswegs ernsthaft beunruhigt, kehrt die Mutter ohne ihre Tochter heim nach Balakhani.

Mariams genaue Route in den nächsten Stunden ist nicht bekannt, doch muss sie noch am 28. März oder über Nacht das 1.800 Kilometer entfernte Moskau erreicht haben. Gegen sieben Uhr, als dort die Rushhour beginnt, besteigt sie einen Zug der Moskauer Metro in Richtung Lubjanka. Als sich um 7.56 Uhr auf dieser Station die Türen öffnen, sprengt sich Mariam in die Luft und reißt 26 Menschen mit in den Tod.

40 Minute später lässt die 18-jährige ­Dzhennet Abdullaeva im Untergrundbahnhof Park Kultury ihren Sprenggürtel detonieren – bei beiden Anschlägen sterben 40 Menschen, über 100 werden verletzt. Überlebende fliehen benommen und blutend die Rolltreppen hinauf. Panik macht sich in Moskau bereit, viele sehen in den Attentaten Vorboten einer neuen Welle des Terrors, die aus dem nördlichen Kaukasus heran rollt. Sechs Jahre lang hat es in Moskau kein derartiges Inferno gegeben. Warum gerade jetzt? Und was treibt eine erfolgreiche junge Frau, sich und andere zu töten?

Allah kennt die Antwort

Einige Monate später reise ich nach Balakhani, weil ich mir von Mariams Vater Rasul Magomedew, einem Lehrer für russische Literatur, Antworten erhoffe. Ich möchte die Unruhen dokumentieren, die Dagestan erfassen, die größte und derzeit wohl disparateste Republik im nördlichen Kaukasus. Während der Tschetschenien-Kriege 1994 und 1999 schien Dagestan zunächst gegen innere Erschütterungen immun. Inzwischen scheint die kleine Bergrepublik vor dem Ausbruch eines Bürgerkrieges zu stehen, wenn es fast täglich Schießereien gibt und die Polizei gegen militante islamistische Rebellen kämpft Die Gefechte sind Teil eines größeren Konflikts, der ebenso Inguschetien, Tschetschenien, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien erfasst. Die Rebellen, geführt von Doku Umarow, wollen ein pankaukasisches Kalifat errichten und erwärmen sich für ein von den Taliban regiertes Afghanistan. Die Moskauer Metro habe er angreifen lassen, bekannte Umarow kurz nach der Katastrophe. Ein Vergeltungsschlag gegen den Inlandgeheimdienst FSB, der an der Lubjanka sein Domizil hat?

Es ist Sommer, als ich Rasul Magomedew treffe. Ein heller, klarer Morgen. Vor dem Haus hängt Wäsche zum Trocknen, eine Satellitenschüssel ziert das Dach, Spatzen flattern um eine Weinrebe. Mariam wohnte nach vorn heraus im oberen Stock. Nichts hat sich seither verändert, da steht noch die Feuchtigkeitscreme von L’Oréal, darüber ein Waschtisch mit Spiegel. Bücher auf Arabisch. Am meisten überrascht der Stapel mit Modemagazinen – Healt And Beauty, Good Advice und Glamour.

Rasul Magomedew, im Schneidersitz auf dem Teppich: Seine Tochter könne unmöglich eine Selbstmordattentäterin sein. „Ich weiß nicht, was geschehen ist. Auch wir suchen Antworten. Nur Allah kennt sie. Sonst keiner.“ Üblicher Weise hinterlassen Selbstmordattentäter ein Testament, bevor sie zu ihrer letzten Mission aufbrechen, doch gibt es von Mariam in dieser Hinsicht keinerlei Nachricht. „Wir haben überall nachgesehen. Wir fanden nichts.“

Ich sehe mir Mariams alte Schulhefte an, eine saubere, sorgfältige Schrift. Sie lernte Arabisch. Rasul zeigt mir die Verben, die sie am 7. Februar eifrig in ihr Vokabelheft geschrieben hat, wenige Wochen vor ihrem Tod. „Sie war nicht die Sorte Mensch, die so etwas tun könnte. Aber sie war selbstbewusst. Eine, die sich klare Ziele setzte und diese erreichen wollte.“

Als ihr Vater in den neunziger Jahren monatelang keinen Lohn ausgezahlt bekam, half sie ihm, Popcorn zu verkaufen. Sie war die erste in ihrem Bezirk mit einem Magister-Abschluss, danach erwarb Mariam zusätzlich ein Diplom in Psychologie. 2006 begann sie, an der Dorfschule zu unterrichten. Sollte die Lehrerin wirklich eine Selbstmordattentäterin gewesen sein, fällt auf, wie wenig sie mit den „Schwarzen Witwen“ gemeinsam hat, wie man sie aus Tschetschenien kennt. Anders als diese Frauen war Mariam gebildet, kannte sich mit dem Internet aus und kam aus einer stabilen Familie der Mittelschicht.

Verkörpert sie eine ganz neue Form des radikalen Terrorismus? Balakhani ist als Hochburg der dagestanischen Salafiten bekannt. Die konservative Form des Islam ist radikaler als der traditionelle Sufismus, der in der Region seit dem achten Jahrhundert praktiziert wird. Die Behörden bezeichnen die Salafiten unterdessen als Wahhabiten und machen sie für alle regierungsfeindlichen Anschläge verantwortlich.

Rasul Magomedew lehnt sowohl die offizielle Darstellung der Ermittler als auch die Suggestion der Zombie-Terroristin ab, wie sie die Medien von seiner Tochter zeichneten. Er ist überzeugt, dass Mariam in Machatschkala entführt worden sei – entweder vom russischen Geheimdienst oder von anderen dunklen Mächten, die ein Interesse daran haben, Dagestan in einen blutigen Krieg zu stürzen.

Gespaltene Haarspitzen

Einige Tage nach den Anschlägen in der Metro, veröffentlicht die Polizei grauenhafte Fotos, auf denen die Köpfe der beiden Attentäterinnen zu sehen sind. Rasul erkennt seine Tochter sofort. Im Mai erklären die Ermittler, sie hätten in Moskau ein Appartement entdeckt, in dem die Frauen von drei männlichen Komplizen auf ihre Mission vorbereitet wurden. Die drei seien erschossen worden, nachdem sie „Widerstand leisteten“. Ansonsten gehe man davon aus, dass die Frauen mit dem Bus direkt von Dagestan nach Moskau gefahren seien – eine Reise von 48 Stunden. Andere Zeugen wiederum beharren darauf, dass sie Mariam am Morgen des 29. März noch in Dagestan gesehen haben wollen.

Es wäre natürlich möglich, dass sie unter falschem Namen von Machatschkala nach Moskau flog. Doch sind Mariams Freunde überzeugt, sie wäre niemals aus freiem Willen bereit gewesen, sich in die Luft zu sprengen. Gulnara Rustamova von der Menschenrechtsorganisation Mütter Dagestans, mit der Mariam befreundet war, traf sie am 20. März, neun Tage vor ihrem Tod. Sie sei ihr ruhig und sorglos vorgekommen, sagt Gulnara. Wenn sie von etwas besessen gewesen sei, dann nicht vom Paradies, sondern von ihren gespaltenen Haarspitzen. „Sie achtete sehr auf sich, ging oft zur Maniküre und zur Pediküre. Ich glaube, dass die beiden Frauen entführt wurden. Jemand mit Beziehungen zum Geheimdienst hat sie per Flugzeug nach Moskau gebracht“, spekuliert Gulnara. „Ich kenne Mariam. Sie war nicht bereit zu sterben.“

Hätte sie vielleicht ein anderer dazu überreden können? Die russischen Ermittler behaupten, Mariam habe ein Doppelleben geführt und sei die Braut des Top-Terroristen Magomedali Wagabow gewesen, des „Emirs“ von Gubden, einige Autostunden von Balakhani entfernt.

Als ich am nächsten Tag dorthin reise, stelle ich fest, es handelt sich um eine der wohlhabenderen Gegenden Dagestans mit imposanten gelben Backsteinhäusern. Dort treffe ich Magomed Shapi, Kopf einer alteingesessenen Familie. Er hat kurz zuvor bei der Menschenrechtsgruppe Memorial Zeugnis über das Verschwinden und den Mord an seinem Sohn Moagamod Ali abgelegt. Den lud die Polizei am 16. Juli 2007 zu einem Verhör vor, erklärte dann jedoch, der Termin sei ein Versehen. Als Ali zurückfuhr, umstellten Polizisten plötzlich sein Auto und schossen ihm ins Bein. Der Verletzte kam ins Krankenhaus und dort auf mysteriöse Weise ums Leben. „Sie haben das wegen seiner religiösen Überzeugung getan. Aus keinem anderen Grund“, ist sein Vater überzeugt, während er mit mir zum Friedhof von Gubden läuft, wo sein Sohn begraben ist.

Ein paar intime Momente

Für Magomed Shapi ist es wenig überraschend, dass sich Muslime in Dagestan dem radikalen Islam zuwenden. Vielen erscheine die Scharia die allein denkbare Alternative zu Korruption und Gesetzlosigkeit. Während wir zusammen Reis essen, gibt Shapi zu, sein Enkel Magomedzagir Wagabow sei „in die Wälder gegangen“, wie man hier sagt, wenn sich jemand dem militanten islamischen Untergrund anschließt. Wie viele Jihadisten augenblicklich „in den Wäldern“ leben, ist freilich unklar. Doch Shapis Enkel, der im Januar 2010 getötet wurde, war ein enger Vertrauter des „Emirs“, eben jenes Magimedali Wagabow, der Mariams Ehemann gewesen sein soll.

Mariams Vater lehnt den Gedanken kategorisch ab, seine Tochter könnte heimlich mit Wagabow verheiratet gewesen sein. Sie habe ihr ganzes Leben zu Hause und in der Schule verbracht. „Wenn sie ausging, dann entweder mit ihrer Mutter oder zur Arbeit. Was die Russen da über eine angebliche Ehe sagen, ist lächerlich.“

Unabhängige Beobachter gehen freilich davon aus – die Ermittler könnten Recht haben. Klandestine Ehen zwischen Rebellenführern und islamistisch gesinnten Frauen seien im Nordkaukasus keine Seltenheit. Nach ihren Erkenntnissen würden sich die Paare etwa alle vier Monate in einem gesicherten Haus für ein paar intime Momente treffen. Es sei gut möglich, dass eine junge Frau viel Wert auf ihr Aussehen und ihr Make-Up lege und gleichzeitig revolutionäre Überzeugungen hege. „Diese Frauen sind sehr feminin“, sagt jemand, der seit vielen Jahren Einblick in Dagestans explosiven Untergrund hat. „Sie wollen für ihre Männer attraktiv sein. Sie denken, ihr Innerstes gehöre den Männern, mit denen sie verbunden sind. Sie tragen sexy Unterwäsche. Und natürlich wollen sie nicht, dass ihre Ehemänner mit einer Jüngeren durchbrennen.“ Unter diesen Umständen sei es die wahrscheinlichste Variante, dass Mariam tatsächlich freiwillig zur Selbstmordattentäterin wurde. Wer das nicht glaube, der folge reinem Wunschdenken wie die gesetzestreue salafitische Gemeinde. „In Dagestan herrscht eine äußerst radikale Ideologie. Sie gedeiht inmitten der Menschenrechtsverletzungen und einer unglaublichen Korruption. Diese Ideologie vergiftet das Denken, unglücklicherweise auch einige sehr kluge Köpfe, nicht alle handeln aus persönlichen Motiven. Wir erleben im Moment eine deutliche Radikalisierung, was auch erklärt, weshalb wieder weiche Ziele angegriffen werden.“ Angesichts all der zwielichtigen Gruppen und all der Verschwörungstheorien ist es unmöglich, die Geschehnisse zu rekonstruieren. Von offizieller Seite gibt es keine eindeutige Version, um die Anschläge auf die Moskauer Metro erschöpfend zu klären.

So verlasse ich Dagestan mit nur wenigen Antworten und dem Eindruck, das Schicksal Mariam Sharipowas könnte letzten Endes symptomatisch für eine Generation sein. Die entfremdeten Muslime von heute sind radikalisierter als die Generation ihrer Eltern, die in der Sowjetunion groß wurde. Heute ist an die Stelle der Madrasa, der Religionsschule, das Internet als wichtigste Plattform für die Anhänger des erneuerten Islam getreten. Dort kannte Mariam sich aus. Vielleicht führte sie mit Hilfe des Internet ein geheimes Doppelleben. Ihr Vater Rasul zitiert eine Zeile aus Tolstois Roman Krieg und Frieden: „Die guten Menschen sind in der Mehrheit. Es gibt weniger böse Menschen, aber sie sind sehr organisiert und können die Massen kontrollieren.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Luke Harding ist Reporter des Guardian und schreibt über den Nahen Osten und Zentralasien. Übersetzung: Christine Käppeler

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12:39 10.07.2010
Geschrieben von

Luke Harding | The Guardian

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