Menschen missbraucht

Guantánamo An Folter beteiligten Ärzten und Psychologen droht der Entzug der Berufserlaubnis. Ein wichtiges Zeichen, denn ethische Kodizes sind auch in Guantánamo nicht verhandelbar

Das Gefangenencamp in Guantánamo Bay kann offenbar nicht aus der Welt geschaffen werden. Es hält sich wie ein schlechter Geruch, der schwer in der Luft hängt. Immerhin werden nun öfter Fragen nach der Verantwortlichkeit einzelner Berufsgruppen laut. Nicht zuletzt das medizinische Personal, das in Verhörzellen Präsenz zeigt, wird nach seinem Verhalten befragt. Mit der Protektion, wie sie Mediziner und Psychologen unter der Regentschaft der Trias Bush, Cheney und Rumsfeld auskosten konnten, ist es vorbei.

Vor einer Woche hat die als Berufsverband fungierende American Psychological Association (APA) den Versuch unterstützt, einem Psychologen, dem vorgeworfen wird, die Folterung eines Guantánamo-Häftlings beaufsichtigt zu haben, die Berufserlaubnis zu entziehen – ein bislang einmaliger Vorgang. Die APA warnt: Psychologen, die in irgendeiner Weise mit der Misshandlung von Gefängnisinsassen zu tun hätten, würden aus ihren Reihen ausgeschlossen.

Halbnackt in Frauenkleidern

Dem pensionierten Air-Force-Psychologen, Dr. James Mitchell, wird vorgeworfen, 2002 beim Waterboarding des Gefangenen Abu Zubaydah in Thailand beteiligt gewesen zu sein. Der Report des Militärausschusses im US-Senat von 2008 beschreibt die Vorgänge sehr detailliert. Es gab danach eine Beschwerde bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Texas State Board of Examiners of Psychologists. Der Fall Mitchell blieb keine Ausnahme. Der Armee-Psychologe Major John Leso sieht sich mit ähnlichen Anschuldigungen konfrontiert. Das in San Fransisco ansässige Center for Justice and Accountability reichte eine Beschwerde gegen ihn beim New York Office of Professions ein. John Leso hat eine Gruppe von Verhaltensforschern geleitet, die im Camp Guatánamo als Berater tätig waren. Jetzt wird er beschuldigt, illegitime Verhörmethoden kreiert zu haben. Der pensionierte Oberst Larry James, einer von Lesos Vorgesetzten, sieht sich der Beschwerde ausgesetzt, bei dessen harten Verhören nicht eingegriffen zu haben.

James habe sexuell demütigende Foltermethoden bei einem halbnackten Inhaftierten mit angesehen, der gezwungen worden sei, Frauen-Unterwäsche zu tragen. Der Beschuldigte, gegenwärtig als Dekan der psychologischen Fakultät der Wright State University in Dayton beschäftigt, ist Verfasser des Buches Fixing Hell, in dem er beschreibt, wie er in das bei Bagdad gelegene Gefängnis von Abu Ghraib geschickt wurde, um Übergriffe gegen irakische Gefangenen aufzuklären.

Beschmutzte Magensonde

Der Entscheidung in den Fällen Leso und James wird – egal wie sie ausfällt – eine Schlüsselfunktion zukommen. Selbst wenn sie sonst nichts bewirkt, dürfte danach doch klarer sein, welches Verhalten professionell verantwortbar ist. Sollte Dr. Mitchell seine Lizenz verlieren, wäre damit zum Ausdruck gebracht, dass ethische Kodizes für Mediziner nicht verhandelbar sind und Priorität genießen. Auch wenn Mitchell seine Zulassung behalten darf, wird sein Ruf unter dem Verfahren leiden, verbunden mit der Botschaft: Wir wollen nicht, dass unsere Mediziner sich für Folterungen akkreditieren lassen. Das ist kein Signal zur Hexenjagd, um an einigen wenigen ein Exempel zu statuieren, sondern ein Zeichen für alle, wann, wie und wodurch die Grenzen der Profession überschritten werden.

In Guantánamo wurden verwerfliche Dinge ausprobiert, um Gefangene zu brechen. So verwerflich, dass Mediziner ihre Namensschilder entfernten, um ihre Identität während der Misshandlung geheim zu halten. Wer will schließlich von einem Arzt behandelt werden, der bei Folterexzessen sekundiert? Wer will von einem Psychologen oder einer Schwester untersucht werden, die bei simulierten Ertränkungen daneben stand? Würden Sie Ihre Lieben einem Arzt anvertrauen, der Wachposten ohne jegliche medizinische Ausbildung dabei zusah, wie sie einem Gefangenen, der sich im Hungerstreik befand, eine mit Blut und Erbrochenem beschmutzte, fingerdicke transnasale Magensonde einführten, die sie zuvor aus dem Körper eines anderen gezogen hatten? Das alles ausgeführt ohne Schmerzmittel, ohne Betäubung.

Physicans for Human Rights haben einen Bericht veröffentlicht, in dem der Regierung von George W. Bush illegale, ethisch nicht vertretbare Versuche an Gefangenen in CIA-Gewahrsam vorgeworfen werden, die gegen Prinzipien verstoßen, wie sie mit dem Nürnberger Kodex* von 1947 verbunden sind. Die Mediziner von Guantánamo Bay, die durch ihre Assistenz bei vielen Verhören das Vertrauen von Patienten verletzt haben, und all die anderen aus dem Aufsichtspersonal, die der CIA bei Versuchen an Gefangenen geholfen haben, werden ihren Platz in der Geschichte finden. So wie das für all jene zutrifft, die Menschen helfen sollen und stattdessen Menschen quälen. Für den Moment genießt die Selbstreinigung innerhalb der Mediziner-Profession Priorität. Sie hat zu einem klaren Urteil geführt, das keinen Zweifel lässt, wo ethisch verabscheuenswürdiges Verhalten eines Mediziners beginnt.

(*) Bezieht sich auf die Nürnberger Prozesse gegen führende NS-Ärzte 1947 und die dabei erfolgte Ächtung von Menschenversuchen

Saleyha Ahsan schreibt beim Guardian zu Sozial- und Menschenrechtsthemen

Übersetzung: Holger Hutt

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13:00 24.07.2010
Geschrieben von

Saleyha Ahsan | The Guardian

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