Midlife-Crisis im Kleiderschrank

Männermode Männer aufgepasst: Converse und T-Shirts mit Logoaufdrucken halten nicht ewig jung. Der Moderedakteur des "Guardian" Simon Chilvers über Reife in der Männermode

Wenn ich Kleider kaufen gehe, dann läuft das normalerweise so ab: Ich entscheide, was ich möchte, kaufe es und dann trage ich es mehrmals. Die Methode ist nicht narrensicher. Ich habe durchaus Fehlgriffe getätigt, wie etwa die graue Hose, die unten mit einem Jogginghosen-Bund abschließt. Ich habe sie vor ein paar Wochen gekauft und bin bislang daran gescheitert, herauszufinden, was ich mit ihr anfangen soll. Doch vor einem Monat ereignete sich etwas viel Verstörenderes. Ich befand mich plötzlich in der Lage, Besitzer eines nagelneuen Kleidungsstücks zu sein, das mich mit einem ebenso neuen Dilemma konfrontierte: War ich zu alt, um es zu tragen?

Das besagte Kleidungsstück war eine marineblaue Anzughose mit einem adretten Hosenaufschlag, die vom Bund bis zum Aufschlag zierliche 34 cm maß. Meine Beine sind nicht gerade lang, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass die Hose eine Menge Bein und Haare freilegte – insbesondere angesichts der Tatsache, dass ich stramm auf die 35 zugehe.

Für Frauen ist dieses Dilemma ein alter Hut. Sie müssen sich seit Jahren mit der Frage herumschlagen, welche Kleidungsstücke ihrem Alter angemessen sind. Immerhin thematisieren Frauenmagazine das Problem (die aktuelle Ausgabe der Vogue etwa ist das jährliche Heft zum Thema „alterslose Mode“) – wobei die Nützlichkeit der Ratschläge von Zeitschrift zu Zeitschrift stark variiert. Die Männermode hingegen ist in den vergangenen Jahren immer trendorientierter geworden, doch die Männermagazine bieten kaum Orientierung auf diesem Feld (abgesehen davon, dass ab und an auch mal ein einsames älteres Model in einer Modestrecke auftaucht).


Das Problem ist, dass der gesamte Kleiderschrank plötzlich in einem neuen, kritischeren Licht erscheint, wenn man anfängt, eine einzige Hose daraufhin zu prüfen, ob sie dem eigenen Alter angemessen ist. Das morgendliche Ankleiden fühlt sich dann wie der Auftakt zu einer ausgereiften Midlife-Crisis an.

In meinem Fall stellten sich die T-Shirts als Zerreißprobe heraus. Ich musste zwei T-Shirts mit U-Ausschnitt aussortieren, weil die Ausschnitte zu tief waren und den Blick auf zuviel Brusthaar freigaben. Ich fand heraus, dass T-Shirts aus billigem Baumwollstoff um den Bauch herum nicht vorteilhaft sind. Kurzarmhemden hingegen konnte ich auf der Habenseite als guten Kompromiss zwischen einem T-Shirt und einem Oberhemd verbuchen. Und die Kombination aus guten Schuhen und einer guten Hose, die ich immer als „zu erwachsen“ verworfen hatte (stattdessen hatte ich Jeans mit guten Schuhen und Turnschuhe zu guten Hosen getragen), fühlte sich plötzlich angenehm an.

Robert Johnston, 44, Mitherausgeber des Männermagazins GQ und Autor der Kolumne Style Shrink, sagt, er bekomme viele Zuschriften, bei denen es um Altersfragen gehe. Auch selbst stelle er immer wieder fest, dass er alles andere als immun gegen plötzliche Zweifel sei. „Kürzlich wurde mir gesagt, ich sei zu alt um Converse zu tragen Ich war am Boden zerstört. Ich trage sie immer noch, aber ich habe nicht mehr soviel Freude daran.“ Auch nachdem er sich eine Art Tolle schneiden ließ, fragte er sich, ob dieser Haarschnitt nicht zu jugendlich für ihn sei.

Er ist damit nicht allein. Alex, 37, arbeitet als Lehrer an einer Mädchenschule. Er erzählt, er habe in seinen Zwanzigern Hosen mit Schottenmuster und lange, heraushängende Hemden getragen. Inzwischen neige er zu einem steiferen, förmlicheren Look. „Ich kleide mich jetzt dem Anlass entsprechend“, sagt er. Das bedeutet, dass er zur Arbeit einen Anzug trägt und sich am Wochenende etwas lässiger mit Sweatshirts, Jeans und Jackett kleidet. Doch mit dem Alter, meint er, gebe es auch Pluspunkte zu verbuchen: „Ich habe mehr Geld als damals, also schaue ich nach Sachen, die einen besseren Schnitt und eine bessere Form haben.“

Zu poppig bedeutet Krise

Für Teenager und Twens ist Kleidung eine Möglichkeit, um sich einer bestimmten Gruppe zugehörig zu fühlen. Dieses Modeverhalten ist unter vielen Männern zwischen 30-50 jedoch verpönt: Wer sich zu poppig kleidet, steht schnell unter dem Verdacht, in einer Krise zu sein. Erst jenseits der 60 bekommt man als Mann einen Freibrief. Dann kann man auch die Exzentriker-Karte spielen.

Johnston meint, er betrachte neue Trends für die GQ nicht durch die Brille der Altersangemessenheit, doch sein Posteingang bestätige, dass „Männer wahnsinnige Angst davor haben, sich modisch nicht altersgemäß zu kleiden“. Die Leser, die ihm schreiben, lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: junge Männer, die sich fein machen und etwas über Stil lernen wollen und ältere Männer, die nicht wissen, wie sie sich am besten legerer kleiden, vor allem am Wochenende.

Auch der 35-jährige IT-Berater David Tonge hat unlängst festgestellt, dass seine Garderobe gereift ist. “In normalen T-Shirts und allem, auf dem ein Logo prangt – abgesehen von Turnschuhen – fühle ich mich zu verlottert“, sagt er. „Ich finde es inzwischen O.K., am Wochenende ein Hemd und Jeans zu tragen. Ein solches Outfit hätte ich früher nie angezogen.“

Dass man Wert auf sein Äußeres legt, weniger gewagte Kleidungsstücke trägt und alles ablegt, was annähernd an Teenager erinnert – Baseballmützen, T-Shirts mit Slogans – sind offensichtliche Anzeichen dafür, dass man modisch in Würde zu altern beginnt. Aber es ist ein schmaler Grat, zwischen einem angemessenen und einem langweiligen Outfit. Paul Watson vom Modeversand Asos, von dem auch meine Shorts stammen, warnt: „Es ist wichtig, dass man nicht darauf verfällt, sich nur noch altersgemäß zu kleiden, denn dieser Weg führt schnurstracks zu Läden wie Peek Cloppenburg und diesen merkwürdigen Hybriden, die weder Sneakers noch Lederschuhe sind“.

Was bedeutet das nun für mich und meine kurzen Hosen? Als ich mit ihnen durchs Büro streifte, hob so mancher Kollege missbilligend die Augenbrauen. Ein paar lachten mich gar aus. Und das, obwohl man Moderedakteuren eigentlich zugesteht, dass sie über traditionelle Stil-Regeln erhaben sind. Ich denke, zur Arbeit werde ich die Shorts nicht noch einmal anziehen. Aber an den Wochenenden und bei meinen bevorstehenden Städtereisen – nun, das ist eine andere Sache.

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:35 02.06.2010
Geschrieben von

Simon Chilvers | The Guardian

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The Guardian

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